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30. Juni 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"Ist es nicht dubios, daß sich Nationalmasochisten der deutschen Sprache bedienen, um 'Nie wieder Deutschland!' zu artikulieren? Warum benutzen die nicht Esperanto (künstliche Weltsprache)?"

Dr. H. W. über die Rabehl-Kritiker, junge Welt vom 26. / 27. Juni

Such A Lord

"Murdeeer in the graveyaaaard. Muuuuuurder! Muuuuuuurder!!" schrie er, daß es durch Mark und Bein ging. Dann begann er mit der nüchternen Bestandsaufnahme: "Murder in the graveyard / late last night / murder in the graveyard / there must have been a fight!" Screaming Lord Sutchs suggestivem Cross-over aus Psychobilly und Pub-Rock konnte niemand widerstehen. Der Lord darf als Mitbegründer der Schock-Musik gelten: Bereits 1963 veröffentlichte er seine Single "Jack the Ripper". In zerschlissenem Anzug und ausgeleiertem Zylinder lehrte er seine Fans das Gruseln.

Wenn wir uns recht an einen seiner Berliner Auftritte erinnern, floß der Schnaps in Strömen, und wir lagen alle am Boden vor Lachen. Aber das ist auch schon ein Weilchen her, denn in den letzten Jahren widmete sich Lord Sutch mehr und mehr der Politik. Vor 30 Jahren bereits hatte er die Official Monster Raving Loonie Party (OMRLP) gegründet, mit der er unter anderem dafür eintrat, Butterberge in Skipisten zu verwandeln. Ohne nennenswerten Erfolg. Wie nun bekannt wurde, nahm sich der freundliche Exzentriker am 16. Juni das Leben.

Schernikaus Legende

Obwohl wir außer uns so gut wie niemanden kennen, der nicht schon mal ein Buch veröffentlicht hat, soll es hier und da sogar unverlegte Schriftsteller geben. Gucken Sie nicht so skeptisch, das kommt, wenn auch äußerst selten, wirklich vor: Ronald M. Schernikau z.B., der es mit der Coming-out-Geschichte "kleinstadtnovelle" als 19-jähriger auf drei Auflagen und in den Spiegel brachte, wollte partout nicht "kleinstadtnovelle 2" schreiben, sondern arbeitete unermüdlich an einem großen Roman über Götter, die auf die Insel (Westberlin) inmitten des Landes der Zukunft (DDR) hinabsteigen, um nach dem Rechten zu sehen. Als Schernikau, der zwischenzeitlich DDR-Bürger geworden war, den Roman im Herbst 1991 abschloß, umfaßte er gut 700 Druckseiten. Zwei Wochen danach verstarb der Autor an den Folgen von Aids. Er wurde 31 Jahre alt.

Das Skript boten seine Freunde beharrlich feil, doch die bürgerlichen Verlage mochten vermutlich den politischen Plot nicht, die linken fanden höchstwahrscheinlich Schernikaus Ästhetik - eine wilde Mischung aus Bibel und Bitterfelder Weg - unverdaulich. Knef und Kollontai, Partei und Pop, das ist zuviel für unsere braven Linken. Wie auch immer, niemand wollte "legende" - das ist der Titel von Schernikaus Buch - verlegen. So wurde dem Publikum der wohl ungewöhnlichste DDR-und-BRD-Roman vorenthalten; die DDR, von einer zum Untergang verurteilten BRD aus gesehen, über der sich ein kommunistischer Himmel wölbt. Niemand durfte das lesen, obwohl "legende" doch Das-zu-Lesende heißt.

Der kleine goldenbogen-Verlag aus Dresden versucht nun, den Text doch noch herauszubringen. Er will eine besonders ausgestattete und limitierte Erstauflage (pro Band DM 135) drucken lassen, sobald 500 Subskriptionen gezeichnet sind. Interessierte wenden sich an ddp goldenbogen, Weiße Gasse 6, 01067 Dresden, Tel. (0351) 490 65 33, Fax (0351) 490 65 34.

Walser: Auszappeln lassen

Eigentlich wollte er vom Holocaust-Mahnmal schweigen, aber wenn die Bunte fragt ... Als das Telefon schellte, saß Martin Walser schreibend in seinem Nußdorfer Garten, denn das neue Buch muß fertig werden. Was er denn von den Vorwürfen halte, die Ignatz Bubis nach dem Treptower Auftritt des Dichters erhoben habe? "Ja, gut. Er ist ja der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Juden. Es ist sein Beruf, dauernd solche Sachen zu sagen. Und jetzt kritisiert Herr Bubis wieder einmal. Was soll man da machen. Ich finde, das muß man sich auszappeln lassen." Müsse er, Walser, da er sich "zweimal mutig und ehrlich zum Holocaust-Mahnmal geäußert" hat, nicht einen eigenen Vorschlag machen? Ja, gut, "wenn ich diese Aufgabe gestellt bekäme, dann müßte ich nach Berlin fahren, alles genau anschauen und sagen, das scheint mir der günstigste Platz zu sein. Aber ich bin ja kein Museumspädagoge ..." Deshalb würde Walser auch nicht allein entscheiden mögen. Also in einem Gremium? Ja, gut, "außer mir müßten in diesem Gremium Bubis drin sein, Naumann und Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen. Die endgültige Entscheidung sollten dann jedoch die Berliner haben, die per Volksentscheid darüber abstimmen."

Daraus wird, weil der Bundestag dem Dichter zuvorkam, vermutlich nichts. Und so können wir nur spekulieren, wie ein Mahnmalsentwurf Walser I wohl aussähe: Sechs Millionen Exemplare des "Springenden Brunnen" in einem Güterzug? Wenn sich das als etwa tennisplatzgroße authentische Stätte machen ließe, wären wirklich alle zufrieden.

  •  Die Nachrichten wurden von Ripplinger und Rohloff zusammengestellt
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