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Bildersturm und Bilderflut
Berlin und Weimar: Ausstellungen
als Rekonstruktion nationaler Identität.
Von Gabriele Werner
Derzeit gibt es zwei Ausstellungen,
die Anlaß geben, darüber nachzudenken, wie recht Heiner Müller
mit seiner (nicht zuerst von ihm getroffenen) Feststellung hatte, die Eroberer
würden zuallererst die Kultur der Eroberten liquidieren. Gemeint sind
"Einigkeit und Recht und Freiheit" im Berliner Martin-Gropius-Bau (Jungle
World, Nr. 21 / 99) und "Aufstieg und Fall der Moderne" in Weimar. Der
Ulmer Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften e.V. veranstaltete
dazu am 19. Juni an der Humboldt-Universität zu Berlin einen Workshop
mit dem Thema "Kunst-Geschichte, Ausstellungs-Politik".
Da natürlich schon vor dem
Treffen über beide Ausstellungen viel geredet und geschrieben worden
war, traf man sich nicht unvoreingenommen. Die "Wege der Deutschen" (so
der Untertitel zur Ausstellung im Martin-Gropius-Bau) ziehen sich zwar
durch 5 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, an rund 5 500 Exponaten
vorbei, daß aber die DDR-Kultur und der DDR-Alltag ins Kuriosum der
verkehrten Welt schiefer Ebenen verbannt wird und sich die Politik der
DDR in abgrundtief häßlichen Gastgeschenken und sportlichem
Kraftaustausch spiegelt, war von vornherein Reibungspunkt des Treffens.
Ebenso mußte man, mit Blick
auf die Weimarer Ausstellung, zunächst durch die Rede vom "Müllsack"
durch (Christina Bauer-Volke), hängen doch hier die rund 500 Gemälde,
die unter dem Motto "Offiziell und Inoffiziell - Die Kunst der DDR" eine
Retrospektive der DDR-Kunst darstellen (sollen), im Obergeschoß des
ehemaligen Gauforums auf grauer Lkw-Plane oder stehen in Bauhaus-Rahmen
auf dem Boden. Als um so wichtiger stellte sich genaues Hinsehen heraus,
wollte man doch mehr, als den Revanchismusvorwurf, der beiden Ausstellungen
gemacht wird, festklopfen.
Schon allein die Tatsache, daß
man anhand beider Ausstellungen, der Berliner und der Weimarer, darüber
streiten kann, wie in beiden die DDR repräsentiert wird (Christof
Baier und Jan Altmann), zeigt, daß beidesmal Kulturelles und Politisches
unaufhebbar zur Ausstellung gekommen ist, es beidesmal vorrangig um die
visuelle Repräsentation des Politischen geht (Godehard Janzing und
Robert Felfe für die Berliner Ausstellung).
Für einen anderen Zusammenhang,
aber ebenso zutreffend für den hier verhandelten, schrieb Silke Wenk
mit Bezug auf Maurice Halbwachs: "Über derartige aktuelle Beispiele,
in denen die Übergänge zwischen dem Kulturellen - den alltäglichen
Praxen und populärer Medienkultur - einerseits und der Politik und
ihrer Repräsentation andererseits fließend sind, kann deutlich
werden, daß das Politische immer schon von dem bestimmt ist, womit
es nichts zu tun haben soll. Selbstverständlich erscheinende Praktiken,
Rituale und Bilder sind aus der Politik nicht wegzudenken. Das kollektive
Gedächtnis, auf das politisches Handeln und Repräsentation sich
immer beziehen (muß), bildet den 'Rahmen', in dem bestimmte Erinnerungen
lokalisiert und in Anordnung gebracht sind, die für das jeweilige
Kollektiv 'Sinn' macht; es läßt sich auch als Ort der Aufbewahrung
von Bildern verstehen, die miteinander in Beziehung stehen und mit dem
Denken und Handeln des jeweiligen Kollektivs."
Was hier mit "Bilder" gemeint ist,
ist nicht nur übertragbar auf den Ringelpullover von Rudi Dutschke
oder Joseph Fischers Turnschuhe, es meint nicht nur die apsidial angeordneten
Fotoportraits der ersten Nachkriegs-Ministerpräsidenten der westlichen
Bundesländer (nebst der einzigen Frau - Louise Schroeder aus Berlin)
einerseits und die auf Linie gehängten (gebrachten) ersten Ministerpräsidenten
der östlichen Länder andererseits.
Die Übergänge zwischen
dem Kulturellen und dem Politischen sind selbstverständlich auch da
vorhanden und ebenso fließend, wo es ganz konkret um Kunst geht,
egal ob offiziell oder inoffiziell, egal ob dezidiert für den Palast
der Republik gefertigt oder aber für den Galerienverkauf. Alle sind
sie Erinnerungsstücke; der Streit aber entsteht dort, wo die Frage
danach gestellt wird, welches der Sinn ist, den sie machen und der mit
ihnen gemacht wird, und welches Kollektiv gemeint ist bei der Rede vom
kollektiven Gedächtnis. Daß hier höchste Aufmerksamkeit
geboten ist, ist nicht erst im fünfzigsten Jahr des Grundgesetzes
klar.
Ob es nun um die Neue Wache ging
oder ums Holocaust-Denkmal, es gibt reichlich Beweise, wie nach 1989 auf
dem Feld des Visuellen eine Re-Konstruktion von Nation versucht wurde und
wird. "Nation im Sinne einer imaginierten Gemeinschaft, die 'nur' in der
Vorstellung als solche existiert und in entsprechenden Erzählungen
und performativen Praxen immer wieder erneut konstruiert wird." (Wenk)
Für die Tagung erwies es sich
als äußerst produktiv, die Antwort auf die Frage, wie die Berliner
Republik erfunden wird, 50 Jahre nach dem Grundgesetz für die BRD
und zehn Jahre nach der Vereinigung von BRD und DDR, mit einem Vortrag
(auch) über das der Berliner Ausstellung zugrundeliegende geschichtsphilosophische
Modell beginnen zu lassen. Christian Holtorf benutzte den Begriff von der
deutschen "Urgesellschaft" als Metapher "für den Ausgangspunkt innerhalb
eines fortschritts- und heilsgeschichtlich interpretierten Geschichtsbildes."
Es wurde schon andernorts in Feuilletons
darauf verwiesen, daß die "Wege der Deutschen" in dieser Ausstellung
zwangsläufig Richtung Mauerfall führen mußten, aber bislang
kam wohl kaum eine Besprechung dem Ausstellungskonzept so nahe wie Holtorf,
als dieser feststellte, daß 50 Jahre Geschichte nur begriffen werden
sollen als Vorgeschichte, mit dem Ziel der vereinten, demokratischen und
marktwirtschaftlichen Bundesrepublik. "Diese Darstellung knüpft unmittelbar
an zwei geschichtsphilosophische Traditionen an: an die biblische Historie
Israels und ihren heilsgeschichtlichen Zusammenhang und an die traditionelle
marxistische Dialektik notwendiger historischer Stufen, die sich unter
anderem an Geldwirtschaft, Besitzverhältnissen und Staatsentwicklung
messen lassen." Gegen diese Konstruktion des Geschichtsverlaufs wurde der
Mut zu einer Alternative gar nicht erst geprobt. Ähnliches gilt auch
für Weimar.
Bei dem ganzen Skandal um die Hängung
der DDR-Kunst, vor allem um den Teil des sogenannten Panoramas, jener Rotunde,
in der das Gros der Gemälde versammelt ist, eingeklammert von einer
"Kurve", in der elf der 16 Gemälde zur Ausstattung des Palastes der
Republik gezeigt werden und dem "Keil", in dem "inoffizielle Kunstkonzepte
und alternative Seinsweisen im ostdeutschen Staatssozialismus" dargeboten
werden, wird vergessen (gemacht), daß "Aufstieg und Fall der Moderne"
drei Teile hat. Im Schloßmuseum wurden mit viel Aufwand die frühen
modernen Ausstellungen und vor allem die Privatsammlungen von Henry Graf
Kessler und Henry van de Velde rekonstruiert - hier wären die Stichworte
Geldwirtschaft und Besitzverhältnisse angemessen.
Im zweiten Teil, ebenfalls im Gauforum,
aber strikt räumlich von der DDR-Kunst-Ausstellung getrennt, werden
200 Gemälde aus der Sammlung gezeigt, die Adolf Hitler zwischen 1937
und 1944 erworben hatte oder erwerben ließ. Natürlich geht es
hier um Staatsentwicklung. Aber weil es große Mühe macht, dem
nachzuspüren, wie das Politische von dem bestimmt ist, womit es nichts
zu tun haben soll, bleibt statt Analyse nur die Verwunderung darüber,
daß "Bilder propagandistischen Inhalts", "heroische Kriegsszenen",
"Aufmärsche und öffentliche Feiern" in der Sammlung Hitlers nicht
vorkommen. "Der tagespolitische Bezug widersprach nachweislich seinem Kunstverständnis."
Dieser theoretische Unsinn setzt sich, dies wies Christian Fuhrmeister
in seinem Beitrag nach, in ungenauen oder fehlerhaften Betitelungen der
Arbeiten und falsch geschriebenen Künstlernamen fort.
Man muß alle drei Stationen
dieser Ausstellung sehen, um zu begreifen, daß hier Ausstellungsmacher
am Werke waren, die mit Kunstprodukten ebenso verfahren wie mit kapitalistischer
Massenproduktion von Konsumgütern. Es gibt keinen Unterschied zwischen
der ökonomischen Leistungsschau im Martin-Gropius-Bau und der Nicht-Kleckern-sondern-Klotzen-Haltung
in Weimar; beide Ausstellungen protzen durch Masse.
Das wirkliche Drama aber ist, daß
dadurch Erkenntnisinteressen zum Erlahmen gebracht werden sollen. Angesichts
der gnadenlosen Unkenntnis nicht nur der NS-, sondern auch der DDR-Kunst
ist es nämlich durchaus ein Gewinn, endlich mal vieles und viel Verschiedenes
zu sehen zu bekommen, und zwar auf eine Weise, die nicht aussortiert, bewertet
und nach einem kunsthistorisch vorgefertigten Kunstbegriff sondiert.
Von einer Liquidierung von Kultur
kann dann nicht mehr die Rede sein. Für dieses Sehen kann man die
Kommentare der Ausstellungsmacher ungelesen beiseite legen, um aber zu
verstehen, wie Erinnerungen in Anordnung gebracht werden, wird man sich
zukünftig auch mit diesen auseinanderzusetzen haben. |