Homepage Inhaltsverzeichnis Zum Abo-Coupon E-Mail
30. Juni 1999 Jungle World

International Nachrichten

Vergeltung vs. Vergeltung

Es ist mittlerweile zum Alltag für Menschen aus dem Norden Israels geworden, von der militant-islamistischen Hisbollah mit Raketen beschossen zu werden. So auch in der vergangenen Woche, als aus dem Südlibanon abgefeuerte Katjuscha-Raketen in der Stadt Kiriat Shmona einschlugen, zwei Menschen töteten und fünf verletzten. Ähnliche Angriffe waren in den vergangenen Wochen vorausgegangen.

Diesmal reagierte die israelische Armee und griff in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Stellungen der Hisbollah sowie Brücken und Elektrizitätswerke im Süden und Südwesten des Libanon an. Fünf große Straßenbrücken und zwei E-Werke wurden zerstört, mehr als zwei Drittel der libanesischen Hauptstadt Beirut blieben tagelang ohne Strom. Ein Sprecher der noch amtierenden Regierung unter Benjamin Netanyahu - der Sieger der israelischen Parlamentswahlen Ehud Barak bastelt noch an einer Regierungskoalition - begründete die Angriffe auf nicht-militärische Ziele mit der Duldung der Hisbollah durch die Regierung und die Bevölkerung im Libanon. Solange dort Terror-Organisationen ungestört agieren und ihre Waffen für jeden sichtbar am Flughafen in Beirut umladen könnten, dürfe sich niemand über Vergeltungsmaßnahmen aufregen.

Antisemitismus wichtiger als Anleihen

Beinahe wären sie gekommen, um die Eignung des Iran für "sanfte Anleihen" zu überprüfen. Doch dann verschoben einige Juristen und Mitarbeiter der Weltbank ihre geplante Reise in den Mullah-Staat auf unbestimmte Zeit, wie die Washington Post in der vergangenen Woche berichtete. 

Ursprünglich hatte die Weltbank beabsichtigt, bis September eine Entscheidung über aus dem Iran stammende Projektanträge zu treffen. Doch die Verhaftung von mittlerweile 23 Iranern jüdischen Glaubens hat offenbar die geplanten Gespräche verhindert. Zwei soziale Entwicklungsprojekte mit einem Umfang von 200 Millionen Dollar werden nun vorläufig nicht genehmigt. Alle Weltbankprojekte, die vor Mai 1993 bewilligt wurden, sollen jedoch weitergeführt werden. Diese haben einen Umfang von 800 Millionen Dollar.

Klagen und Rennen für Peltier 

Nun schaltet sich sogar noch ein US-Justizminister aus der Regierungszeit von Lyndon B. Johnson ein: Beim Bundesgerichtshof in Topeka (Kansas) beantragte Ramsey Clark, die Gründe für die Haft des politischen Gefangenen Leonard Peltier in einem Gerichtsverfahren prüfen zu lassen. So soll erreicht werden, daß das Verfahren gegen den indianischen Aktivisten neu aufgerollt wird. Peltier sitzt seit 24 Jahren ein, weil ihm die Beteiligung an einem tödlichen Schußwechsel, der sich 1975 im Lakota-Reservat von Pine Ridge zugetragen hat, angelastet wird. Peltiers letzter Einspruch gegen seine Verurteilung war 1993 von der US-Kommission abgelehnt worden, die über bedingte Haftentlassungen zu entscheiden hat Dabei legte diese mit dem Dezember 2008 einen Termin für eine nächste Anhörung fest, der die vom US- Kongreß beschlossene Auflösung der Kommission um sechs Jahre überschreitet.

Die Initiative von Clark und seinen Partnern will diese willkürliche Anordnung zu Fall bringen. Sie wurde am Vorabend einer Konferenz an der Indian Nations University in Lawrence (Kansas) bekanntgegeben, an der am vergangenen Wochenende zahlreiche Menschenrechtsaktivisten, ehemalige politische Gefangene und Unterstützer der indigenen und schwarzen Befreiungsbewegungen aus den USA, sowie Veteranen des Bürgerkriegs teilnahmen. Um der Kampagne für die Freilassung Peltiers Auftrieb zu verschaffen, starteten indianische Freedom Runners sowie Läufer aus Japan, Australien und Europa, bereits am 21. Juni in Covington (Kentucky) zu einem Lauf über 600 Meilen zum Ort der Konferenz in Kansas.

Apocalypse now

Überschwemmungen, Dürre und Wirbelstürme - die Welt wird künftig mächtig aus den Fugen geraten. Das glaubt jedenfalls die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC), die in ihrem letzten Woche veröffentlichten "Weltkatastrophenbericht" aufgezählt hat, was wir im nächsten Jahrtausend so alles zu erwarten haben. Auf die Apokalypse muß man allerdings nicht lange warten; allein für das Jahr 1998 verzeichnete die IFRC bereits 25 Millionen sogenannte Umwelt-Flüchtlinge - mittlerweile flüchten mehr Menschen vor Naturkatastrophen als vor Kriegen. Zum Glück gibt's da noch die Rettungssanitäter. Zwar ist der von ihnen prognostizierte Weltuntergang unvermeidbar, Hoffnung gibt es in Gestalt der Rotkreuzgesellschaften aber dennoch.

Um sich den - freilich hausgemachten - Naturkatastrophen effektiv entgegenstemmen zu können, bedürfe es allerdings noch der finanziellen Zuwendung besorgter Bürger und generöser Regierungsalmosen. Ohne derartige Finanzspritzen, so ließe sich für den kommenden Weltuntergangsbericht vorwegnehmen, stünden wir schließlich vor der nächsten Katastrophe: Jobless Growth bei der IFRC und dann auch keine Chance mehr auf Rettung.

Heilig, heilig

Wenn ein Aufruf zur Verteidigung des "Volksheiligtums" kursiert - wer hat den letzte Woche wohl verteilt? Der Papst? Der Dalai Lama vielleicht? Ein Brauchtumsverein aus Bayern? Falsch. Es war die "kommunistische" Fraktion in der russischen Duma. Die reagierte damit auf Gerüchte, Jelzin wolle einen Erlaß unterzeichnen, der den Abriß des Lenin-Mausoleums und die Beisetzung des mumifizierten Wladimir I. Lenin auf einem Friedhof in Leningrad vorsieht, das heute wieder Sankt Petersburg heißt.

  •  Die Nachrichten wurden von Günther, Lim und Wahdathagh zusammengestellt 
nach oben