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30. Juni 1999 Jungle World

Euro Nachrichten

Deadline in Nordirland

Dem britischen Premier Tony Blair läuft die Zeit davon. Denn sollte nicht in letzter Minute ein kleines diplomatisches Wunder geschehen, könnte der Friedensprozeß in Nordirland, der am 1. Juli zur Regierungsbildung in Belfast führen sollten, schon wieder zu Ende sein, bevor er überhaupt begonnen hat. Blair hat jetzt zusammen mit dem irischen Ministerpräsidenten Bertie Ahern einen letzten Kompromißvorschlag präsentiert: Statt auf der Entwaffnung der IRA als Voraussetzung der Koalitionsverhandlungen zu pochen, sollen sich die Unionisten mit einer verbindlichen Zusage der republikanisch-nationalistischen Sinn Féin begnügen. Die IRA sollen bis zum Mai nächsten Jahres Zeit bekommen, um ihre Waffen abzugeben; bei einem Bruch der Vereinbarung müßte Sinn Féin das gemeinsame Parlament wieder verlassen. 

Sowohl die Republikaner als auch der Protestanten-Chef David Trimble äußerten sich ablehnend gegenüber dem Vorschlag. 

Anfang Juli beginnen die traditionellen Sommer-Umzüge der protestantischen Orden, bei denen mit militanten Ausschreitungen zu rechnen ist. Aber auch im militanten republikanischen Lager brodelt es. Wie die Times vergangenen Samstag berichtete, planen einige abtrünnige IRA-Gruppen bereits wieder gewaltsame Aktionen in Nordirland. So wolle sich die "Wahre IRA" mit der "Kontinuitäts-IRA", die dem Waffenstillstand nie zugestimmt hat, zusammenschließen.

Absturz mit Rover

"Kernkompetenz" ist in den Neunzigern das Modewort der Unternehmensstrategen. Jede Firma soll demnach überlegen, über welche besonderen Fähigkeiten sie verfügt, und ihre Geschäftsfelder danach aussuchen, wo ihr dieses Wissen einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschafft. Da der frühere BMW-Chef Bernd Pischetsrieder ein modebewußter Mann ist, hat er sich 1994 gefragt, was sein Unternehmen am besten kann und hat eine geniale Antwort gefunden: "Autos bauen". Um dieses Wissen auch noch auf einem anderen Markt als dem der Oberklasse in bare Münze umsetzen zu können, hat er den britischen PKW-Hersteller Rover gekauft. Aber der Kurs des Pfundes stieg, das macht die britischen Wagen teuer, kaum jemand will sie kaufen. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres ging der Absatz von Rover-Autos um 34 Prozent zurück. Und so schreibt Rover rote Zahlen - im vergangenen Jahr fast 1,9 Milliarden Mark. "So kann es nicht weitergehen", hat sich der neue BMW-Chef Joachim Milberg gedacht und letzte Woche angekündigt, weitere zehn Milliarden Mark in das britische Tocherunternehmen zu investieren, damit sie endlich einmal Gewinne bringt.

Warschauer Wasser-Wummen 

Von den mit Spielzeug-Maschinengewehren bewaffneten Rüstungsarbeitern, die vergangenen Donnerstag das Warschauer Regierungsviertel stürmen wollten, fühlte sich die polnische Polizei derart bedroht, daß sie sich und die Regierung mit Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen schützen mußte. Die Forderung der rund 1 000 Demonstranten: Erhalt ihrer Arbeitsplätze in Rüstungsbetrieben. Klar, daß die Kollegen nicht zimperlich vorgingen und ihrer Forderung mit Steinen und abgerissenen Straßenschildern Nachdruck verliehen. Und dann seien sie auch noch betrunken gewesen, beschwerte sich die Polizei. 

Die Regierung plant, die Hälfte der etwa 40 Rüstungsbetriebe zu schließen. Dabei würden 18 000 Menschen ihre Arbeit verlieren. Statt Waffen aus dem westlichen Ausland zu importieren, meinen die Arbeiter, müsse die landeseigenen Produktion erhöht werden. Feuer frei!

Rumänische Nazis feiern Christi Geburt 

Fürchten sich die rumänischen Faschisten vor der Hölle? Unter dem vielsagenden Namen "Nationaler Verband für Christliche Wiedergeburt" soll noch in diesem Jahr die berüchtigte "Eiserne Garde" als politische Bewegung wiederbelebt werden. Nachdem sich des Landes "beste Söhne" schon unter ihrem ersten "Kapitän" Corneliu Zelea Codreanu 1927 zu einer christlich-mythischen, nationalistischen und antisemitischen Bewegung formiert hatten, terrorisierten sie im Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung. Der mit den Nazis verbündeten Regierung trat die "Legionärsbewegung" 1940 bei; nach dem Krieg wurden sie unter der kommunistischen Regierung verboten. Doch gegen das noch bestehende Verbot will sich ihr neuer Führer, Nicador Zelea Codreanu, juristisch wehren. 1 000 Altnazis hat er schon auf seiner Seite. 

Deutsche Nazis im dänischen Knast

Norweger, Schweden, Dänen und Deutsche, 15 an der Zahl und allesamt Neonazis, sitzen seit dem vergangenen Wochenende in dänischen Gefängnissen. Zuvor hatten sie Gegendemonstranten und Polizisten mit Steinen angegriffen. Sondereinheiten der dänischen Polizei stürmten ein Haus in Kadeby auf der Insel Langeland, in das sich die Nazis zurückgezogen hatten und das als Zentrum der dänischen Blood & Honour-Sektion gilt. Dort wurden zahlreiche Molotow-Cocktails, Äxte und verschiedene Schlagwaffen sichergestellt.

Historisches Opfer

Um gewagte historische Vergleiche nicht verlegen zeigte sich Frankreichs linksnationalistischer Innenminister Jean-Pierre Chevènement, als er vergangene Woche von den Grünen attackiert wurde. Seit ihrem Erfolg bei den Europa-Wahlen verlangt die grüne Partei mehr Einfluß in der Regierungskoalition - und würde dabei gerne mit den Posten des Innenministers beginnen. In der Sonntagszeitung JDD blies die Umweltministerin Dominique Voynet zum Angriff und erklärte, daß Chevènement sich als Bezirkspräsident im elsässischen Belfort geweigert hatte, die dortige Müllverbrennungsanlage den gesetzlichen Dioxin-Normen anzupassen. Damit habe er den Boden des Gesetzes verlassen.

Als Daniel Cohn-Bendit dem Innenminister in dem Wochenmagazin L'Evènement auch noch empfahl, die Frührente in Anspruch zu nehmen, verglich dieser das Blatt mit Je suis partout, der radikalen antisemitischen Tageszeitung der französischen Nazi-Kollaborateure. Er sei den gleichen Verleumdungen ausgesetzt wie einst Roger Salengro. Das Mitglied der linken "Volksfront-Regierung" von 1936 beging wegen einer Hetzkampagne in der faschistischen Presse Selbstmord.

In Memoriam:

Arme Mamadopoulus: Ihr Papadopoulus, bis 1973 Juntaführer in Griechenland, ist am Sonntag gestorben.

  •  Die Nachrichten wurden von Lim, Möser, Schmid und 

  • Söhler zusammengestellt
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