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EU-Altauto-Richtlinie
VW: Don't beetle me
Von Friedrich Geiger
Die Welt ist doch so, wie es im
Lehrbuch des Marxismus-Leninismus steht: Die Multis befehlen dem Bundeskanzler,
wie sie's gerne hätten, der Bundeskanzler droht dem Umweltminister,
ihn abzusetzen, wenn er den Konzernwunsch nicht ausführt, der Minister
geht hin und tut eilfertig, wie ihm geheißen; unterstützt wird
der deutsche Minister von seinen Kollegen aus Ländern, in denen die
Multis Tochtergesellschaften haben.
Der Fall: die EU-Altauto-Richtlinie.
Umweltminister Jürgen Trittin machte sich die Sache der deutschen
Autokonzerne zu eigen und blockte die Proteste der anderen EU-Länder
schroff ab. Dabei wollte der EU-Ministerrat letzte Woche noch beschließen,
daß Altautos ab 2003 vom Hersteller kostenlos entsorgt werden müssen.
Bereits im Dezember hatten die EU-Mitgliedsstaaten die Regelung einvernehmlich
ausgehandelt, die auch vorsah, daß Pkw ab 2015 zu 95 Prozent des
Gewichts recycelbar sein müssen und keine Schwermetalle enthalten
dürfen. Im März sollte die Richtlinie verabschiedet werden, auf
deutschen Druck wurde der Beschluß jedoch verschoben. Der Grund für
den deutschen Widerstand: Von den 150 Millionen Autos, die derzeit in der
EU zugelassen sind, stammen 40 Prozent aus deutscher Produktion. Die Verschrottung
eines Wagens kostet etwa 200 Mark.
Als Trittin kürzlich seinen
europäischen Amtskollegen schriftlich zusicherte, daß Deutschland
die Vorlage akzeptiere, telefonierte Volkswagen-Chef Ferdinand Pi'ch, der
seine neue Errungenschaft, den VW-Beetle, nicht wiederhaben möchte,
mit seinem Freund Gerhard Schröder. Der Bundeskanzler spurte: In einem
Wutausbruch drohte er dem Umweltminister mit Entlassung, wenn er den Brief
nicht zurücknähme. Trittin gab klein bei. Kurz darauf folgte
ein vertrauliches Gespräch Schröders mit den Chefs der deutschen
Autohersteller, bei dem auch Trittin und Wirtschaftsminister Werner Müller
zugegen waren.
Beim Treffen des EU-Umweltministerrates
in der vergangenen Woche nutzte Trittin dann seine Position als Sitzungsleiter,
um das Thema an die zehnte Stelle der Tagesordnung zu schieben. Den Antrag
der EU-Kommission und von vier Mitgliedsstaaten, die Richtlinie sofort
zu behandeln, bügelte er zu Beginn der Sitzung auf eine Art ab, die
der österreichische Umweltminister Martin Bartenstein als einen "ungewöhnlichen
Affront" bezeichnete.
Der Grund für diese Verzögerungstaktik:
Schröder versuchte unterdessen die Unterstützung anderer Länder
zu gewinnen, um eine Sperrminorität zu erreichen. Schon vor der Sitzung
hatte er Tony Blair auf seine Seite ziehen können. Nicht unerheblich
hierfür dürfte der Einfluß gewesen sein, den BMW über
seine britische Tochter Rover auf London ausübt - schließlich
verkündete BMW in der vergangenen Woche, zehn Milliarden Mark in Großbritannien
investieren zu wollen.
Doch für eine Sperrminorität
sind 26 Stimmen nötig, Deutschland und Großbritannien verfügen
aber beide nur über jeweils zehn. Glücklicherweise hat VW in
Spanien die Tochter Seat, und so gelang es Trittin schließlich, mit
Hilfe der acht Stimmen der Südländer die Verabschiedung der Vorlage
zu verhindern: Die spanische Ministerin Isabel Tocino verkündete,
sie sei mit der Richtlinie zwar einverstanden, wenn es zur Abstimmung komme,
müsse sich ihr Land dennoch enthalten. Ähnlich äußerte
sich ihr britischer Kollege. "Ich stelle fest, daß es für den
jetzigen Entwurf heute eine Sperrminorität gibt", erklärte Trittin
lakonisch. "Damit ist heute ein gemeinsamer Standpunkt nicht möglich."
Jetzt müssen sich die Umweltminister
noch einmal im zweiten Halbjahr unter finnischer EU-Ratspräsidentschaft
mit der Regelung befassen. Der dänische Umweltminister Svend Auken
konnte seine Wut kaum zügeln: "Es ist unerhört, daß ein
Land aus engstirnigen wirtschaftlichen Interessen seinen Vorsitz dazu nutzt,
einen Kompromiß zu torpedieren."
Auch EU-Umweltkommissarin Ritt Bjerregaard
ist empört: "Das ist eine Schande, wie die Industrie die EU-Politik
beeinflussen kann. Mit Demokratie hat dies nichts mehr zu tun!" Eine Kritik,
die man auch schon in den achtziger Jahren hören konnte - wenn auch
aus anderen Kreisen. Das Verhältnis von Politik und Ökonomie
scheint sich in der Realität genau in dem Moment dem vulgären
Marxismus-Leninismus anzunähern, in dem sich kaum jemand mehr dafür
interessiert. |