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30. Juni 1999 Jungle World

Jugendschutz am Automaten

Kippen auf Karte

Wir wissen es alle: Tritt man Moralisten mit einer Träne im Auge gegenüber, kriegt man sie nicht mehr los. Und so kam es, daß die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer jüngst gar der Tabakindustrie dankte, weil diese nun den armen Kindern helfen wolle. Der Bundesverband der Tabakwarengroßhändler und Automatenaufsteller hatte - ganz selbstlos - angekündigt, probeweise noch in diesem Jahr 1 000 Automaten aufzustellen, bei denen man nicht mehr mit Geldstücken, sondern mit aufladbaren Chipkarten zahlt - angeblich, um Minderjährige vom Rauchen abzuhalten. Das gefiel der grünen Fischerin, und so plapperte sie der Lobby gutmütig nach: "Wir müssen die Jugendlichen besser schützen."

Sind Zigaretten für Jugendliche etwa gesundheitsschädlicher als für Erwachsene? Nein. Im Gegenteil: So ein junger, gesunder Körper verträgt vermutlich viel mehr als unsere ausgemergelten, geschundenen alten Leiber. Warum Jugendliche besonders geschützt werden sollen, hat einen anderen Grund: Man traut ihnen noch keinen verantwortungsvollen Umgang mit der Droge zu. Das aber ist pure Heuchelei. Gut, gelegentlich mag die Kompetenz mit dem Alter wachsen. Aber es gibt mindestens ebenso viele Alte, die völlig hemmungslos qualmen oder saufen.

Wenn also schon Kontrolle an den Zigarettenautomaten, dann eine - altersunabhängige - Kompetenzkontrolle. Bei jedem Kippenholen müßten potentielle Kunde und Kundinnen mit Hilfe eines Displays ein paar Fragen beantworten. Etwa: Was macht mehr abhängig - Tabak oder Cannabis? Bei falscher Antwort spuckt der Automat das Geld wieder aus. Oder: Möchten Sie fit sein und beim Treppensteigen nie außer Atem geraten? Wer da mit Ja antwortet, für den gibt es eben kein Päckchen. Wer hingegen auf die Frage: Ist Ihnen ein genußvolles Leben wichtiger als ein langes, auf die "Ja"-Taste drückt, bekommt wie gewohnt seine Camels oder Gauloises. So stelle ich mir das vor.

Doch warum sollte die Tabakbranche sich selbst schaden? Warum investiert sie jetzt 800 Mark für jeden neue Chipkartenautomaten? Man stehe "unter Druck der Politik", jammern die Tabakproduzenten. Lächerlich! Wenn jemand die politische Klasse in der Tasche hat, dann die Zigarettenindustrie. Die Wahrheit ist: Es müssen sowieso alle Automaten ausgewechselt werden, wenn der Euro kommt. Außerdem würde ein bargeldloses Kartengerät endlich eine flexible Preisgestaltung ermöglichen.

Das alte Modell hat einfach ausgedient. Die Modernisierung läuft wie so oft unter moralischer Hoheit alternativer Gutmenschen. Wahrscheinlich denkt sich Frau Fischer nicht einmal etwas dabei, daß ihre Kollegen zur selben Zeit beteuerten, die Klage gegen das geplante EU-Werbeverbot für Zigaretten vorm Europäischen Gerichtshof aufrecht zu erhalten. 

  •  Ivo 
Bozic
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