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Jugendschutz am Automaten
Kippen auf Karte
Wir wissen es alle: Tritt man Moralisten
mit einer Träne im Auge gegenüber, kriegt man sie nicht mehr
los. Und so kam es, daß die grüne Gesundheitsministerin Andrea
Fischer jüngst gar der Tabakindustrie dankte, weil diese nun den armen
Kindern helfen wolle. Der Bundesverband der Tabakwarengroßhändler
und Automatenaufsteller hatte - ganz selbstlos - angekündigt, probeweise
noch in diesem Jahr 1 000 Automaten aufzustellen, bei denen man nicht mehr
mit Geldstücken, sondern mit aufladbaren Chipkarten zahlt - angeblich,
um Minderjährige vom Rauchen abzuhalten. Das gefiel der grünen
Fischerin, und so plapperte sie der Lobby gutmütig nach: "Wir müssen
die Jugendlichen besser schützen."
Sind Zigaretten für Jugendliche
etwa gesundheitsschädlicher als für Erwachsene? Nein. Im Gegenteil:
So ein junger, gesunder Körper verträgt vermutlich viel mehr
als unsere ausgemergelten, geschundenen alten Leiber. Warum Jugendliche
besonders geschützt werden sollen, hat einen anderen Grund: Man traut
ihnen noch keinen verantwortungsvollen Umgang mit der Droge zu. Das aber
ist pure Heuchelei. Gut, gelegentlich mag die Kompetenz mit dem Alter wachsen.
Aber es gibt mindestens ebenso viele Alte, die völlig hemmungslos
qualmen oder saufen.
Wenn also schon Kontrolle an den
Zigarettenautomaten, dann eine - altersunabhängige - Kompetenzkontrolle.
Bei jedem Kippenholen müßten potentielle Kunde und Kundinnen
mit Hilfe eines Displays ein paar Fragen beantworten. Etwa: Was macht mehr
abhängig - Tabak oder Cannabis? Bei falscher Antwort spuckt der Automat
das Geld wieder aus. Oder: Möchten Sie fit sein und beim Treppensteigen
nie außer Atem geraten? Wer da mit Ja antwortet, für den gibt
es eben kein Päckchen. Wer hingegen auf die Frage: Ist Ihnen ein genußvolles
Leben wichtiger als ein langes, auf die "Ja"-Taste drückt, bekommt
wie gewohnt seine Camels oder Gauloises. So stelle ich mir das vor.
Doch warum sollte die Tabakbranche
sich selbst schaden? Warum investiert sie jetzt 800 Mark für jeden
neue Chipkartenautomaten? Man stehe "unter Druck der Politik", jammern
die Tabakproduzenten. Lächerlich! Wenn jemand die politische Klasse
in der Tasche hat, dann die Zigarettenindustrie. Die Wahrheit ist: Es müssen
sowieso alle Automaten ausgewechselt werden, wenn der Euro kommt. Außerdem
würde ein bargeldloses Kartengerät endlich eine flexible Preisgestaltung
ermöglichen.
Das alte Modell hat einfach ausgedient.
Die Modernisierung läuft wie so oft unter moralischer Hoheit alternativer
Gutmenschen. Wahrscheinlich denkt sich Frau Fischer nicht einmal etwas
dabei, daß ihre Kollegen zur selben Zeit beteuerten, die Klage gegen
das geplante EU-Werbeverbot für Zigaretten vorm Europäischen
Gerichtshof aufrecht zu erhalten.
Bozic |