 |
 |
Grüne Jungliberale gehen
auf Konfrontation
Ja zu Berninger!
Von Wolf-Dieter Vogel
Die Schlacht ist gewonnen, nun gehen
die Sieger ans Leichenfleddern. "Die Zeit des Burgfriedens und der Formelkompromisse
ist vorbei", kündigte ein fünfseitiges Schreiben parteiinterne
Säuberungen bei den Bündnisgrünen an. Weil man gelernt hat,
mit dem richtigen Human-touch zu formulieren, fordern die marktradikalen
Junggrünen freilich schlicht "eine teilweise Auswechslung der Mitgliedschaft".
Im Visier des am Montag veröffentlichten
Papiers: Die internen Kritiker und Kritikerinnen des grünen Kriegskurses.
Wer etwa zur Nichtwahl von Bündnis 90/Die Grünen bei der Europawahl
aufgerufen habe oder sich in Netzwerken zusammenschließe, um Mehrheitsbeschlüsse
der Partei zu torpedieren, "sollte sich überlegen, ob er nicht in
einer linken Folkloregruppe besser aufgehoben ist als in einer Partei".
Die da auf die Pauke hauen, haben
schon vor zwei Jahren mit dem "Staart 21"-Papier "für einen neuen
Generationenvertrag" von sich hören lassen: 40 jüngere Funktionsträger,
unter ihnen auch Bundestagskarrieristen wie Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt
und Matthias Berninger. Bereits damals fabulierten die Autoren und Autorinnen
vom notwendigen "Modernisierungsschub" der "innovationsbereiten Gesellschaft",
von "Eigeninitiative und Kreativität" der Arbeitenden. Naheliegend
also, daß die grünen Westerwellen jetzt dem "Muff von 20 alternativen
Jahren" den Kampf ansagen.
Man will den "Dachboden" ausmisten.
Alles, "was einem früher gut gefallen hat, aber längst ausrangiert
ist", soll einer finalen Entrümpelungsaktion zum Opfer fallen. Dabei
sind die Vorgaben der Youngsters eindeutig gesteckt: Ich will FDP werden
anstelle der FDP, wünscht sich etwa Berninger, auch wenn dem Original
zunehmend die Puste ausgeht. Ins Papier ließ der Parlamentarier formulieren:
"Uns als zweite Generation interessiert es nicht, wie ihr euren Frieden
mit der sozialen Marktwirtschaft gemacht habt. Hauptsache, es ist so."
Eben.
So what? Sollte am grünen Frischgemüse
tatsächlich vorbeigegangen sein, wie sich der grüne Haushaltsexperte
Oswald Metzger ins Zeug legte, damit künftig den Arbeitslosen die
Knete gekürzt wird? Oder wie sich Sozialpolitikerin Christine Scheel
für Rentenstreichungen stark macht? Wohl kaum.
Wen also wollen die Autoren und
Autorinnen eigentlich noch ansprechen, wenn sie der Gründergeneration
vorwerfen, sie pflege "das Ritual der alternativen Bewegung"? Gerade die
verbliebenen "Alt-Linken" um Jürgen Trittin, Angelika Beer oder Ludger
Volmer wußten schließlich am besten die Regie zu übernehmen,
als es galt, die Parteidisziplin gegen innergrünen Unmut durchzusetzen.
Oder meinen sie etwa Joseph Fischer, der wie kein anderer die verbalen
Rituale der 68er-Generation für das Nato-Morden in Jugoslawien zu
nutzen wußte? Nein, nach den Grünen, die in der Partei "die
organisierte Verantwortungslosigkeit zum Königsweg" erklärt haben,
sucht man vergeblich. Im Gegenteil: Spätestens mit der Bonner Regierungsübernahme
ist der Parteiapparat so geordnet wie noch nie und fast schon zum von Berninger
eingeklagten "politischen Dienstleitungsunternehmen" geworden. Nicht zuletzt
die Arroganz der Macht, mit der Trittin und Co. in Bielefeld aufgetreten
sind, sollte das bestätigen.
Bleiben also am Ende nur noch jene
sieben Bundestagsabgeordnete um Annelie Buntenbach und Christian Ströbele,
die gewagt hatten, ein zögerliches, konsequenzloses "Nein" zu Kriegseinsätzen
formulieren. Zuviel offenbar für die selbsternannten Erneuerer. Dabei
haben sie, wenn auch unfreiwillig, die besondere Bedeutung ihrer ungeliebten
Parteifreunde selbst herausgearbeitet: "Die einen für das Gutgemeinte,
bestenfalls das Gutgedachte, die anderen für das im Rahmen mögliche
Gutgemachte - diese Arbeitsteilung mochte in der Opposition vielleicht
noch funktionieren, für eine Regierungspartei ist sie schädlich."
Gerade weil sie doch funktioniert,
täten die Berningers und Özdemir eigentlich gut daran, sich ihre
Linksgrünen zu erhalten - während diese wiederum der Partei endlich
den Rücken kehren müßten, wenn sie es denn mit ihren linken
oder pazifistischen Zielen ernst meinen. Wie schreiben die Junggrünen
richtig: Es ist an der Zeit, daß man bei den Grünen "Lebenslügen
aus Oppositionstagen endlich auch als solche wahrnimmt". Deshalb: Ja zu
Berninger! |