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Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor
fiel?
Claudia Pinl lebt als Autorin
in Köln
Ein sonniger Sommertag.
Ich hänge in meinem liegestuhlähnlichen Ruhesessel und verdaue
ein spätes Mittagessen. Wegen der Wärme sind alle Fenster sperrangelweit
offen. Das kollektive Stöhnen, Seufzen, Jubeln schallt über den
Hof. Fußball-WM. Soll mir recht sein. Das Gekicke ist mir ziemlich
schnurz. Macho-Gehabe, sagt die angehende Feministin in mir (Junglesben,
die bei Meisterschaften vorm Fernseher kleben, und Frauenfußball
waren damals noch weitgehend unbekannt). Auch ist mir das sich am Fußball
langsam, aber sicher wieder aufrichtende (westdeutsche) Nationalgefühl
eher peinlich. Und ein bißchen unheimlich.
Heute ist "Deutschland",
die Bundesrepublik, "Wir" gegen die DDR. Soviel weiß ich immerhin,
denn politisch ist das ja irgendwie pikant, der kapitalistische DM-Riese
gegen den kleinen, grauen sozialistischen Zwerg, der immer so gerne mit
"uns" konkurrieren möchte. In meinem Sessel genieße ich das
Gefühl, da zu sein und doch nicht da zu sein. Sollen sich doch die
Prolos und Spießer in Dresden oder in Köln an dem Gerenne gutbetuchter
junger Männer delektieren. Plötzlich eine Art kollektives Aufstöhnen,
dann Stille, lastende, greifbare Stille ringsum.
Irgendwas Bedeutsames
muß passiert sein. Ich mache das Radio an: Unwahrscheinliches ist
eingetreten. Die kleine, graue DDR hat die große, starke BRD besiegt.
Das gefällt mir: Der bundesdeutsche Spießer und sein an Fußball
und DM orientiertes "Wir sind wieder wer"-Gefühl haben einen netten
kleinen Dämpfer verpaßt bekommen. Für einen Augenblick
scheint die Normalität in Frage gestellt zu sein. Das kann einer unangepaßten
Feministin nur recht sein. Soweit meine Erinnerung. Was die Gefühle
anbelangt, trügt sie nicht. Aber die Fakten?
Am 22. Juni 1974,
als Jürgen Sparwasser für einen Moment das kapitalistische System
ein- und überholte, kann ich gar nicht zu Hause in meinem Sessel gelegen
haben. Laut Auskunft eines alten Kalenders und nach einem Blick in alte
Aktenordner war ich damals nicht in Köln, sondern viele Kilometer
weiter östlich, fast schon im Zonenrandgebiet, nämlich im niedersächsischen
Loccum, wo die dortige Evangelische Akademie ein interessantes Experiment
startete: Vertreterinnen der "neuen", jungen, bunten, schrägen, feministischen
zweiten Frauenbewegung, also meine Freundinnen und ich, wurden auf die
Überreste der "alten" Frauenbewegung losgelassen, auf Vertreterinnen
des Akademikerinnenbundes und des Deutschen Staatsbürgerinnen-Verbandes.
Alice Schwarzer
brachte es mit einer Mischung aus Charme und Schock zustande, daß
ihr alle heftig applaudierten, nicht nur unser Grüppchen der aus Köln
angereisten Aktion 218, auch die gediegenen bürgerlichen Damen der
traditionellen, an sklerotischer Auszehrung leidenden Verbände waren
hingerissen. Feministinnen, alles ein Haufen hysterischer, frigider, lesbischer
Weiber?
"Ja", sagt Alice,
"das sind wir: alle hysterisch, lesbisch und frigide. Und dazu haben wir
auch allen Grund." Frenetischer Applaus aller anwesenden Frauen von 18
bis 80. Wir hatten ein neues Gefühl entdeckt: "Wir Frauen". Jenseits
von DM-Nationalismus, Block-Denken oder Fußballhysterie.
Und was war an jenem
Tag, an dem ich faul im Sessel lag, Datum nicht rekonstruierbar? Irgendwer
muß den hochbezahlten Kickern in den preußischen Farben schwarz-weiß
eins auf die Mütze gegeben haben. |