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Frauenpension mit Graubrot
Interview mit der Schauspielerin
Katy Karrenbauer über ihre Rolle als Knast-Lesbe in der RTL-Serie
"Hinter Gittern"
Ein Frauengefängnis
in der Nähe von Berlin ist Schauplatz der im September 1997 gestarteten
RTL-Produktion "Hinter Gittern". Die Serie adaptiert Handlungsmuster und
Charaktere des US-amerikanischen Women-In-Prison-Films für das Fernsehen.
Insbesondere Katy Karrenbauer, die die Chef-Lesbe Christine Walter spielt,
hat inzwischen eine eigene Fangemeinde.(Red.)
In Soaps und
Sitcoms gibt es momentan so eine Art Lesben-Boom. Dennoch ist Walter eine
Ausnahme-Figur. Lesbische Figuren tauchen entweder als Nebenfiguren auf
oder werden nach einer gewissen Zeit aus der Serie herausgeschrieben. Oder
sie sind eigentlich heterosexuell und durchleben nur eine lesbische Phase.
Daß sich Walter in einen Mann verliebt, scheint aber ausgeschlossen.
Ich glaube, daß
eine Figur wie Walter niemals bisexuell oder gar heterosexuell sein darf,
das wäre ein Schlag ins Gesicht, und alles, was ich mit der Figur
aufzubauen versucht habe, wäre zunichte.
Die US-amerikanische
Schauspielerin Ellen de Generes mußte darum kämpfen, ihre Serien-Freundin
auch nur küssen zu dürfen. Die lesbische Beziehung sollte möglichst
asexuell sein, so daß dem Zuschauer immer noch das Interpretationsmodell
der "Frauenfreundschaft" blieb. Das Drehbuch von "Hinter Gittern" ist da
expliziter. Walter und Vivien waren eindeutig ein Liebespaar.
Es geht darum, keinesfalls
Homosexuelle mit der Rolle zu denunzieren, deswegen muß ich auch
wirklich küssen und den Frauenkörper anfassen. Es darf auch niemals
so wirken, als ob ich Angst davor hätte. Das war für mich die
größte Herausforderung dieser Rolle, weil ich eben nicht lesbisch
bin. Genauso gehe ich mit der Rolle um, ich versuche mit der Figur, Barrieren
aufzuheben. Es gibt viele Lesben, die sagen: Finde ich nicht in Ordnung,
was du da machst. Aber genau so viele, auch aus meinem Bekanntenkreis,
die sagen: Wir fühlen uns ganz gut vertreten.
Wie äußert
sich die Kritik von Lesben?
Kritisiert wird
zum Beispiel der sexuelle Aspekt, daß Walter mit allen vögele,
warum es denn keine stabile Beziehung geben könne. Diese Affären
haben natürlich auch mit Handlungsbögen zu tun, weil sich eine
Figur auch irgendwann totläuft, wenn nur die eine Liebesgeschichte
erzählt wird. Die Serie ist kein Reality-TV, sondern versucht, kleine
Dramen zu erzählen, und die bleiben nur dann spannend, wenn mit den
Figuren etwas passiert.
In der Mitgefangenen
Vivi hatte Walter die ideale Partnerin gefunden, aber die Figur ist inzwischen
rausgeschrieben.
Es ist einfach schön,
daß die Figur ihre große Liebe gefunden hatte. Das ist natürlich
auch ein Aspekt, den viele Lesben kritisieren: Warum geht Vivi dann mit
einem Mann zusammen? Die Darstellerin wollte die Serie verlassen, und die
Autoren wollten, daß die Figur "draußen" etwas Positives erlebt.
Da Vivi immer Kinder gewünscht hatte, war es natürlich das Eleganteste,
sie an diesen Punkt zu führen und zu sagen, es gibt da diesen Mann
und die Kinder. Das war ganz klug gelöst, aber schade für die
Figur der Walter.
Sind das nur
dramaturgische Notwendigkeiten oder auch Kompromisse mit dem Publikum,
weil man fürchtet, daß es sich abwendet, wenn das lesbische
Thema dominiert?
Man darf nicht vergessen,
daß die Serie eine Knastgeschichte erzählt. Es geht natürlich
um dieses Leben im Gefängnis. Es gibt viele Frauen, die sich in der
Situation des Eingesperrtseins zusammentun, einfach weil sie Nähe
wollen und der Meinung sind, das allein nicht durchstehen zu können:
Deshalb entstehen auch immer diese bisexuellen Latenzen. Wir wissen, daß
dieses Motiv, sich nach Liebe zu sehnen, im Knast nicht unüblich ist.
Und diese Geschichte wird jetzt einfach erzählt.
... die Beziehung
zwischen Walter und Susanne Teubner.
Walter hatte in
den ersten Folgen sofort versucht, sie anzubaggern, und ist abgeblitzt.
Susanne hatte ihre Männergeschichten, sie hat sich von einem in den
nächsten verliebt, bis es nachher ihr Rechtsanwalt war.
Susanne Teubner
war klar heterosexuell definiert.
Für mich als
Figur war es total schwierig zu sagen: Das ist eine Heterofrau, ich habe
sie angebaggert, sie hat mich abblitzen lassen. Was nun aber passiert:
Walter hat keine Macht mehr auf der Station, sie kann sich zwar noch mit
den Fäusten wehren, hat aber keinen Zugriff mehr. Walter sehnt sich
nach Liebe, und sie braucht eine neue Aufgabe. Und dadurch kommen die beiden
Frauen zusammen.
Welche Möglichkeiten
haben Sie, die Rolle mitzugestalten?
Ein grundsätzliches
Mitspracherecht gibt es natürlich nicht, aber wenn man über einen
so langen Zeitraum zusammenarbeitet, schauen sich die Autoren sehr genau
an, was ein Schauspieler anbietet, mit welcher Figur es zum Beispiel gut
funktioniert. Auf diese Weise bringt man sich indirekt schon ein.
Gab es Szenen,
die Sie ungern gespielt haben, wo Sie gedacht haben, das paßt nicht
zu der Figur, zum Beispiel als Walter den Elektriker verführen mußte?
Das passiert ganz
oft, wobei die Elektriker-Szene eher witzig angelegt war. Es ging darum
zu demonstrieren: Hauptsache, es ist ein Typ, und zwar keiner von den Schließern.
Deshalb war es auch so kurios, daß das ein kleiner Dicker war, weil
sich daran eben gezeigt hat, daß Walter, die nun wirklich nichts
mit Männern am Hut hat, lediglich schwanger werden will, und zwar
für ihre Freundin. Das war toll für die Figur.
Welche Szenen
waren weniger witzig?
Das sind die Situationen,
in denen Walter sehr brutal agiert, wo ich merke, daß es da Hemmschwellen
gibt. Walters erste grausame Szene war, daß sie einer Figur die Hände
an der Bügelmaschine verbrannte. Die Maskenbildner hatten ganze Arbeit
geleistet und scheußliche Blasen aufgeschminkt. Ich sah auf diese
Hände und das quiekende Mädchen, und mir standen die Tränen
in den Augen. Ich wollte so nicht sein, ich wollte auch als Walter nicht
so sein, aber das war meine Rolle. Die Kollegin schrie und weinte und streckte
mir die Hände entgegen, und ich mußte darüber lachen, das
heißt, die Figur lachte darüber. Als Schauspielerin ist es toll,
das spielen zu dürfen, aber vom Gefühl her war es Horror.
Walter ist streitsüchtig,
launisch, herrisch, sie prügelt und kontrolliert die Mitgefangenen.
Mögen Sie den Charakter?
Walter war für
mich am Anfang so eine Art Rambo für Arme, und ich habe versucht,
in der Rolle unheimlich cool zu sein, aber wußte noch nicht, wo es
für mich und für die Figur langgeht. Inzwischen weiß ich,
daß die Rolle das beste ist, was mir passieren konnte.
An welchen Filmfiguren
haben Sie sich orientiert?
Es gab nicht wirklich
ein Vorbild, das paßt, aber natürlich eine Orientierung an den
amerikanischen Knastfilmen oder dem Action-Film. Und es geht natürlich
nicht darum, ein Abklatsch von irgendwas zu sein, denn die Figur muß
sich über viele Folgen entwickeln können, also muß man
das alles selbst in sich finden, zum Beispiel die Gewalt, wie sieht das
aus, wenn ich zuschlage: Wie würde ich zuschlagen? Ich habe versucht,
das bei mir zu entdecken, was eher maskulin ist, und ich bin ja mit Sicherheit
eine Frau, die man maskulin nennen würde.
Wer schaut sich
die Serie an, doch vor allem Frauen?
Man hat natürlich
angenommen, daß die Serie vor allem von Frauen gesehen wird, aber
inzwischen ist das Geschlechterverhältnis ungefähr 60 zu 40.
Wie reagieren
Männer auf eine Figur wie Walter?
Ich glaube, daß
bei Männern die lesbische Liebe ganz gut ankommt. Dadurch tut ihnen
Walter nichts.
Aber Walter schnappt
ihnen die Mädels weg.
Männer, die
mir begegnen, haben einen Heidenrespekt vor Walter, sie können sie
nicht einschätzen, und andererseits mustern sie mich schon und überlegen
sich, ob ich ein Kraftpotential wie Walter aufbauen könnte.
Wenn in der "Lindenstraße"
eine Figur ausscheidet, kommt es vor, daß Zuschauer anrufen, um sich
für die "freie Wohnung" zu bewerben. Werden Sie manchmal mit Walter
verwechselt?
Ich habe irgendwann
angefangen, ein Käppi und eine Sonnenbrille zu tragen, wenn ich rausgehe,
und ich kann mich erinnern, daß ich früher über Schauspieler
gedacht habe: Abends mit einer Sonnenbrille rausgehen, wie blöd! Auch
das Käppi ist sowas wie ein Schutz, obwohl es das gerade nicht ist,
wenn man in einen Laden geht und dort als einzige sowas trägt, fällt
man nur noch mehr auf.
Die Leute erkennen
einen, und sie gehen auch spontan mit dem um, was sie in der Serie gesehen
haben.
Wie sieht das
aus?
Einmal saß
ich mit meinem Manager im Auto, es war Sommer, wir steckten im Stau und
hatten die Scheiben runtergekurbelt. Neben uns stand ein Wagen, in dem
mehrere Elektriker saßen, die guckten ständig zu uns rüber.
Du kannst in so einer Situation auch nicht ausweichen, und dann brüllte
einer los: Ey, Walter, letzten Monat mit einem Elektriker gefickt?
Was gefällt
den Zuschauern an Walter?
Es gibt viele, die
diese Figur als Vorbild sehen, und man merkt bei Männern wie Frauen,
daß sie das Gewalttätige an Walter besonders mögen, daß
diese Frau sich gegen Männer stellt und bereit ist, mit körperlicher
Gewalt ihr Recht zu verteidigen. Und das sind dann die, die einen auf der
Straße an-sprechen und sagen: Super, wie du dem auf die Fresse gehauen
hast. Solche Reaktionen kommen häufig vor. Es ist ein Punkt, wo ich
allerdings sehr gespalten bin.
Walter hat inzwischen
eine eigene Fangemeinde. War das kalkulierbar?
Nein, überhaupt
nicht. Ich habe befürchtet, daß die Figur für die Zuschauer
zu negativ, zu hart ist und deshalb gerade bei den über 30jährigen
abgelehnt wird. Die Jüngeren, dachte ich, finden sie vielleicht ganz
witzig. Vor fünf, sechs Jahren wäre die Figur aber mit Sicherheit
untergegangen.
Hat der Erfolg
von Walter auch damit zu tun hat, daß sie mit Klischees offensiv
umgeht, zum Beispiel auch keine Angst hat, maskulin zu wirken.
Warum Walter Kult
ist, weiß ich nicht. Ich finde es gut, daß sie eben nicht ein
plakativ schöner Mensch ist, obwohl genau das für die Serie mal
angedacht war. Aber als ich zum Casting kam, war man anscheinend ganz froh,
sonst wäre ich wohl heute nicht mehr hier.
Könnte das
Brutalo-Image von Walter für Sie zum Problem werden, was Besetzungen
angeht?
Man merkt schon,
daß das, was an Angeboten kommt, sehr eindimensional ist. Aber das
war früher schon so. Wenn man mich anguckt, dann weiß man, daß
ich mich nicht unbedingt als liebende Mutter eigne. Wobei ich das durchaus
gern mal spielen würde. Aber ich eigne mich natürlich einfach
mehr für die etwas tougheren Charaktere. Schon wegen der dunklen Stimme
bekomme ich viele maskulin geprägte Rollen angeboten. Tunte, Nutte,
Domina, das war immer so eher meine Fraktion. Es war nicht wirklich die
Bereitschaft da, dieses Gesicht mal mit etwas anderem verbinden zu wollen.
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Interview:
Heike Runge / Elke Wittich
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