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Jackie Chan Superstar
Die Überwindung
von Schwerkraft und Schmerz im Kino des Jackie Chan
"When Bruce Lee
kicks high, I kick low. When Bruce Lee acts like a hero, I act like an
underdog", beschreibt Jackie Chan seine Arbeitsweise, die ihn am Ende des
ausgehenden 20. Jahrhunderts zum vielleicht erfolgreichsten Filmstar werden
ließ. Seine Filme sind von den Philippinen bis in die Karibik ein
Ereignis - um das zu erfahren, muß man sich nur in einem Land der
Dritten Welt einmal ins Kino wagen. Dort gilt der kleine Asiate mit den
flinken Fäusten als die späte Rache am amerikanischen Kulturimperialismus,
aber wenn Chan so weitermacht, ist er bald auch im Westen ein ausgemachter
Held.
In Hongkong starten
seine Filme am chinesischen Neujahrsfest und gleichen einem Ereignis von
nationaler Bedeutung. In Japan haben sich bereits Fans aus unerwiderter
Liebe das Leben genommen. Solche Verehrung erfahren heute eigentlich nur
Pop-Stars - nur, daß Jackie Chan dafür nicht attraktiv genug
und schon viel zu alt ist. Von Jackie Chan zu sprechen, heißt deshalb,
von einem Phänomen zu sprechen. Wie jeder echter Star ist er mehr
als die Summe seiner Filme. Jackie Chan ist zugleich sein eigenes Genre:
Ein Jackie Chan-Film ist eben ein Film von, mit und über Jackie Chan,
den Mythos, den Komiker, den Stuntman.
Jackie Chans Filme
mögen einem bestimmten Bauplan folgen, eine Kunst-Persona entwerfen,
Martial-Arts und Comedy in virtuosen Slapstick überführen. Aber
am Ende des Tages zählen weder Plot noch Budget, sondern die ganz
körperlichen, akrobatischen Leistungen ihres Stars, die sich nicht
in Dollars, sondern allein an der Zahl der Knochenbrüche am Set messen
lassen. Längst sind die Frakturen Teil der medialen Inszenierung des
Chan-Mythos geworden, seit er - im Widerspruch zum Illusionismus des Kinos
- zu den Schlußcredits die legendären Outtakes ablaufen läßt,
mit all jenen Stunts, die schiefgingen.
Oft waren sie lebensgefährlich,
doch was die Perfektion betrifft, macht Chan keine Kompromisse. Während
der Dreharbeiten zu "Der rechte Arm der Götter", der kantonesischen
Antwort auf "Indiana Jones", mußte er sich nach einem Unfall eine
Stahlplatte in den Schädel implantieren lassen. Den Fußtritt
nach einem Federball in "Dragon Lord" filmte er nach seinen Angaben 1 600
Mal, bis er mit sich zufrieden war, und die Dreharbeiten zum Windkanal-Finale
in "Operation Condor" dauerten satte vier Monate. In dem vor allem auf
Effizienz bedachten Studiosystem Hongkongs kann sich das nur Jackie Chan
leisten.
Den Unterschied
zwischen Rolle und realer Person derart zum Verschwinden gebracht zu haben,
ist nicht einmal den James-Bond-Darstellern gelungen, die immer eine Rolle
verkörpern, die größer ist als sie. 007 hat seine Darsteller
überlebt, aber niemand kann Jackie sein - außer Jackie Chan
selbst.
Am ehesten läßt
sich Jackie Chan deshalb mit dem von ihm bewunderten Buster Keaton und
den Komikern der Stummfilm-Ära vergleichen. Mit ihnen teilt er nicht
nur den Humor, sondern auch den Appell an den reinen Schauwert des Spektakels.
Auf ihre Art sind Jackie-Chan-Filme Musicals ohne Musik. Keine Möglichkeit
wird ausgelassen, die Statik des menschlichen Körpers in Bewegung
aufzulösen und den bewegten Körper mit statischen Objekten zu
konfrontieren - seien es Leitern, Stühle, Jacken oder selbst Fahrräder,
die am Ende alle in ausgeklügelten Choreografien zweckentfremdet werden.
Am Schluß
von "Projekt B", einem seiner schönsten Filme, kippt eine Mauer auf
Jackie Chan herunter. Er wird nur deshalb nicht erschlagen, weil ihn -
genau wie Keaton in "Steamboat Bill Jr." - eine Fensteröffnung trifft.
In "Projekt A" zollt er Harold Lloyd Respekt, als er nach einer Keilerei
am Minutenzeiger einer Turmuhr hängen bleibt. Wenn Jackie Chan der
größte Filmstar am Ende dieses Jahrhunderts ist, dann vielleicht
auch, weil sich mit Jackie Chan ein Kreis schließt, wo die Schaulust
aus den Anfängen des Kinos sich mit der des post-klassischen Films
berührt.
Hinsichtlich ihrer
Virtuosität lassen die Stunts in seinen Filmen alle Bruckenheimer-Blockbuster
mit ihren digitalen Special-Effects alt aussehen. Wenn in "Police Story
3" eine Verfolgungsjagd zwischen Motorrad, Zug und Helikopter damit endet,
daß sowohl das Motorrad als auch der Hubschrauber auf dem Zug landen
und Chan darauf noch seine Kung-Fu-Kunststückchen zur Geltung bringt,
bleibt nur das naiv-kindliche Zirkus-Staunen, daß so etwas möglich
ist - und das Glück, dabeigewesen zu sein. Wenn auch nur im Kino.
Diese naive Kindlichkeit
spricht auch aus den Rollen Chans selbst. Während Hollywoods Action-Filme
von der Mär männlicher Omnipotenz künden, Momente von Masochismus
und Humor allenfalls der Selbstermächtigung von Muskelpaketen dienen,
ist Chan eine fundamental groteske Figur. Nach qualvollen Jahren in der
Peking-Oper-Schule und als Kinderstar schlug sich Jackie Chan Anfang der
siebziger Jahre als einer der vielen Bruce-Lee-Nachfolger in einer Reihe
von routiniert-langweiligen Kung-Fu-Filmen durch, die alle das Thema vom
tumben Bauerntrottel variieren, der irgendwann dann doch den Moment der
Genugtuung findet.
Besser wurden diese
Filme auch nicht durch ein gelegentliches 3-D-Format oder einen jungen
John Woo als Regisseur. Der Durchbruch kam erst, als er das erstarrte Chop-sockie-Schema
in Filmen wie "Die Schlange im Schatten des Adlers" und "Drunken Master"
mit komödiantischen Elementen durchsetzte und die Kampfszenen ins
Balletthafte überführte, im Alleingang so die Kung-Fu-Komödie
aus dem Boden stampfte. Jackie Chans Karriere ist von Beginn an an eine
viel weichere Vorstellung von Männlichkeit gekoppelt als die seiner
Vorgänger oder Konkurrenten. So sehr Chan damit den narzißtischen
Machismo Bruce Lees feminisierte, blieb er dabei aber immer ein seltsam
frauenloser Held. Auch in den Filmen der achtziger Jahre, die zunehmend
Stoffe der chinesischen Volkstradition gegen modernere Agenten- und Abenteurer-Motive
eintauschten, verzichtete Chan auf jede sexuelle Zeichnung seiner Figur.
Vielleicht ist diese Ungefährlichkeit genauso Bedingung seines weltweiten
Erfolgs - kontrastiert man sie mit der bedrohlichen Hypermaskulinität,
die im ebenfalls die Vorherrschaft weißer Stars in Frage stellenden
Blaxploitation-Zyklus der siebziger Jahre an die Oberfläche trat.
Frauen jedenfalls scheinen Jackie Chan zu lieben. "He's got sweet little
toes" singen Wild Billy Childishs Thee Headcoates auf einer ihm gewidmeten
Single, "Jackie attack - rip cage crack."
Das Spiel mit westlichen
Genre-Anleihen zielte nicht zuletzt auf den amerikanischen Markt - nicht
immer zur Freude seiner Fans und bisher auch ohne den ganz großen
Erfolg, der bisher noch keinem der nach Hollywood exilierten kantonesischen
Filmemacher seit der Übergabe an die VR China zuteil wurde. Aus dem
Etappensieg "Rumble in the Bronx" scheint er aber eines gelernt zu haben:
daß der Weg über die afroamerikanische Community gehen muß,
die schon zu Zeiten Bruce Lees "Cinema of Vengeance" einen entscheidenden
Anteil an der Kung-Fu-Begeisterung der siebziger Jahre hatte. Nach dem
afroamerikanisch-asiatischen Buddy-Movie "Rush Hour", mit dem Chan diesen
Weg weiterverfolgte, kommt jetzt "Mr. Nice Guy" in die Kinos. Die kommerziellen
Beweggründe dafür dürften ersichtlich sein, und der bereits
1996 entstandene Film ist beileibe keine Meisterleistung, aber zumindest
nicht so dümmlich wie der die abgefrühstückten Afrikaklischees
wieder auftischende "Jackie Chan ist Nobody" aka "Who Am I?".
Jackie Chan spielt
einen australischen Fernsehkoch namens Jackie, dem durch eine Verwechslung
zufällig ein Videotape in die Hände gerät, auf dem - wie
könnte es anders sein - die schurkischen Aktivitäten des Drogenbarons
Giancarlo (Richard Norton) dokumentiert sind. Als sich dessen Handlanger
daran machen, das Band wiederzubeschaffen, und Jackies Freundin Miki (Miki
Lee) entführen ..., wird einmal mehr deutlich, daß es bei Jackie
Chan wahrlich nicht um eine gute Story geht. Action-Spezialist und Chan-Kumpel
seit Kinderstar-Tagen, Sammo Hung ("Painted Faces", "Moon Warriors"), inszeniert
das erzählerische Minimum solide, mit dem obligatorischen Quentchen
Humor, und tritt in rosa Strampelanzug als Fahrradkurier bei einem Cameo-Auftritt
kurz in Erscheinung. Ansonsten konzentriert er sich auf das, was er am
besten kann: Stunts ins rechte Licht zu setzen.
Chan mag mit den
Jahren tatsächlich etwas langsamer geworden sein, aber zwei Szenen
reißen es dann doch raus: Auf einem labyrinthischen Rohbau kommt
es irgendwann zwischen den Kontrahenten zu einer mittels Türen ausgetragenen
Keilerei, die die Zweckentfremdung von Alltagsgegenständen in eine
choreographierte Form der Poesie überführt. Etwas brachialer
gestaltet sich die zweite lohnenswerte Szene, quasi als B-Version der anti-bourgeoisen
Schlußszene von "Zabriskie Point": Mit einem ungefähr zwölf
Meter hohen Monstertruck fährt Chan zuerst über gut zwei Dutzend
liebevoll aufgereihte Luxuslimousinen und dann quer durch die Villa des
mit allen Insignien des Klassenfeindes versehenen Oberschurken. Manchmal
fällt es verdammt schwer, es den Genossen zu gestehen: Aber es gibt
einfach Menschen, die sehen so was gerne. Immer wieder.
"Mr. Nice Guy". USA
1998. R: Sammo Hung, D: Jackie Chan, Richard Norton, Miki Lee. Start: 17.
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