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16. Juni 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"Bilder, die die Welt bewegen: Die Kosovaren küssen Panzer, streuen Blumen, herzen die Soldaten. Deutsche Soldaten. Bilder, die für alle unvergeßlich sind, für Befreier und Befreite - und die viele daran erinnern, wie es war vor mehr als fünfzig Jahren. Nein, nicht das Unrecht soll miteinander verglichen werden, auch nicht ein Diktator mit einem anderen - Kriegsverbrecher alle beide -, sondern um diesen Moment geht es, der wirkt wie ein Leuchtstrahl der Erkenntnis: Die Nachkriegszeit zeigt den Weg zu einer neuen Weltordnung. Und in dieser ganzen Zeit, der Zeit des Kosovo-Kriegs, stehen die Deutschen auf seiten der Demokratie, des Rechts, der Befreier. Ein beglückendes Gefühl - und eine enorme Verpflichtung."
"Deutsche Soldaten sind gute Soldaten", Tagesspiegel, 14. Juni

Rechtschreibreform

Aufgerufen, die Rechtschreibreform zu kritisieren, fühlten sich bisher nur Deutschtümler, Rechte und pensionierte Studienräte, die mit den immergleichen Argumenten vor den paar geplanten Regeländerungen warnten und zur Bildung von Bürgerinitiativen aufriefen. Die Zaghaftigkeit des Reformwerks stand bisher kaum zur Debatte. Dies wird jetzt nachgeholt, in Österreich. Gegen die "intellektuelle anspruchslosigkeit und rückwärtsgewandte muffigkeit" der Rechtschreibreform sprechen sich die Autoren Ernst Jandl, H.C. Artmann, Friederike Mayröcker und Marlene Streeruwitz aus und fordern eine radikale Neuregelung, u.a. die Einführung der generellen Kleinschreibung. Der Dichter H. C. Artmann, bis 1958 Mittelpunkt der "Wiener Gruppe", der dies bereits seit Jahrzehnten praktiziert, erklärte im österreichischen Magazin Profil, die "kleinschreibung ist viel sinnlicher, da gehen die buchstaben nicht immer nur so nach oben."

Sturm aufs Mahnmal

Nachdem die Wehrmachtsausstellung ins Archiv gewandert ist, haben Faschisten am Wochenende wieder Termine frei. Einen Tip zur rechtsradikalen Freizeitgestaltung hält der Schriftsteller Martin Walser bereit. Er stiftete anläßlich seines Besuchs im Rathaus von Berlin-Treptow, wo er auf Einladung des Vereins "Lebensbaum" an einer Podiumsdiskussion teilnahm, zu einem Aufmarsch gegen das geplante Mahnmal für die ermordeten Juden Europas an. Die Berliner sollten gegen das Projekt, nach den Worten von Walser, ein "fußballfeldgroßer Alptraum", auf die Straße gehen. 

Der Bundestag, der am 24. Juni über den Bau des Mahnmals abstimmen will, habe nicht das Recht, über diese Angelegenheit zu entscheiden. Gefragt, wie er sich als Abgeordneter bei der Abstimmung verhalten würde, antwortete der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels mit einem Satz, über den seine Freunde in den Feuilletons wohl noch lange nachsinnen werden: "Da müßte ich mich besinnen, wie ich mich noch nie im Leben besinnen mußte."

Beilagenschwund

Aus für Schachecke, Reimversteck und den Fragebogen, den der Schriftsteller Marcel Proust in seinem Leben gleich zweimal ausfüllte. Nach dem Zeit-Magazin wird jetzt auch das FAZ-Magazin eingestellt. Schon regt sich lauter Protest, nicht bei den Lesern, sondern von seiten der Konkurrenz. Beim Magazin der Süddeutschen Zeitung ist man sehr verärgert, schließlich werden die beiden Beilagen gemeinsam vermarktet. Geschäftsführer Peter Schuck spricht von Vertragsbruch, da man nicht rechtzeitig informiert worden sei, und versichert, daß die Süddeutsche den Kampf auf dem Supplement-Markt entschlossen weiterführen werde, notfalls allein. Die FAZ hatte mitgeteilt, mit der Einstellung reagierten Herausgeber und Geschäftsführer auf das stark rückläufige Anzeigengeschäft. Immer mehr Kunden buchten ihre Farbanzeigen im Hauptblatt, statt in die Beilage zu gehen.

Alles inklusive

Auf Druck des linken Providers Partisan.net hat die Redaktion der Politpostille Kalaschnikow drei Texte Bernd Rabehls von seinen Internet-Seiten gelöscht, darunter die überarbeitete Fassung des im Dezember 1998 vor der extrem rechten Burschenschaft Danubia gehaltenen Vortrags, in dem der FU-Politologe vor "Überfremdung" in Deutschland warnt. "Völkische und rassistische Positionen", so Partisan.net in einer Presseerklärung, "haben in selbstorganisierten linken & radikalen Zusammenhängen nichts zu suchen." Kalaschnikow sieht das nicht ein. Zwar wurden die beanstandeten Beiträge von den Seiten genommen, dies allerdings nur, nachdem von Partisan.net die fristlose Kündigung der gemieteten Subdomains angedroht wurde. 

An die Stelle der entfernten Texte stellte ein Redaktionsmitglied der Kalaschnikow eine "vorläufige" Erklärung. Falls der "Eindruck entstanden" sei, so Kalaschnikow über seine Links-Rechts-Mauschelei, man wolle, "Bernd Rabehl und anderen neurechten Renegaten ein exklusives Forum für die Verbreitung ihres Gedankenguts" liefern, entschuldige man sich dafür. Andererseits: Man wolle ja nur reden: "Worum es uns immer ging, war und ist die offene, harte Auseinandersetzung mit solchen Positionen, die den Boden für einen neuen völkischen Nationalismus bereiten sollen." Damit Kalaschnikow kein exklusives Forum bleibt, plant das bekannteste Redaktionsmitglied des Blattes, Stefan Pribnow, demnächst bundesweit an die Kioske zu gehen. Und zwar all inclusive.

Weißer Riese

Touristen müssen lange suchen, um die letzten Mauerreste an der Bernauer Straße und der East Side Gallery zu finden. Der Berliner SPD-Fraktionschef Klaus Böger will nun der Vorstellungskraft von Besuchern und Berlinern auf die Sprünge helfen: Böger schlägt vor, am zehnten Jahrestag des Mauerfalls in diesem November weiße Tücher dort aufzuhängen, wo früher einmal die Mauer verlief. So ändern sich die Zeiten: Die lange Leine mit Bettlaken, die einst für die Waschkraft von sehr ergiebigen Waschmitteln stand, wird nun Symbol für die friedliche Idylle nach dem Kalten Krieg. 

"Foucault riskieren"

Anläßlich des 15. Todestags von Michel Foucault sendet der SWR2 am 16. Juni, 21 Uhr, ein 60minütiges Radio-Feature unter dem Titel "Foucault riskieren". Interviewt wurden u.a. die Literaturwissenschaftlerin Hélène Cixous, der Leiter des Centre Michel Foucault und ehemaliger Lebenspartner Foucaults, Daniel Defert, Ex-RAFler Lutz Taufer, der "Überwachen und Strafen" im Knast gelesen hat.

  •  Die Nachrichten wurden von Bergemann und Runge zusammengestellt
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