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Feuilleton Nachrichten
Forelle blau
"Bilder, die die
Welt bewegen: Die Kosovaren küssen Panzer, streuen Blumen, herzen
die Soldaten. Deutsche Soldaten. Bilder, die für alle unvergeßlich
sind, für Befreier und Befreite - und die viele daran erinnern, wie
es war vor mehr als fünfzig Jahren. Nein, nicht das Unrecht soll miteinander
verglichen werden, auch nicht ein Diktator mit einem anderen - Kriegsverbrecher
alle beide -, sondern um diesen Moment geht es, der wirkt wie ein Leuchtstrahl
der Erkenntnis: Die Nachkriegszeit zeigt den Weg zu einer neuen Weltordnung.
Und in dieser ganzen Zeit, der Zeit des Kosovo-Kriegs, stehen die Deutschen
auf seiten der Demokratie, des Rechts, der Befreier. Ein beglückendes
Gefühl - und eine enorme Verpflichtung."
"Deutsche Soldaten
sind gute Soldaten", Tagesspiegel, 14. Juni
Rechtschreibreform
Aufgerufen, die
Rechtschreibreform zu kritisieren, fühlten sich bisher nur Deutschtümler,
Rechte und pensionierte Studienräte, die mit den immergleichen Argumenten
vor den paar geplanten Regeländerungen warnten und zur Bildung von
Bürgerinitiativen aufriefen. Die Zaghaftigkeit des Reformwerks stand
bisher kaum zur Debatte. Dies wird jetzt nachgeholt, in Österreich.
Gegen die "intellektuelle anspruchslosigkeit und rückwärtsgewandte
muffigkeit" der Rechtschreibreform sprechen sich die Autoren Ernst Jandl,
H.C. Artmann, Friederike Mayröcker und Marlene Streeruwitz aus und
fordern eine radikale Neuregelung, u.a. die Einführung der generellen
Kleinschreibung. Der Dichter H. C. Artmann, bis 1958 Mittelpunkt der "Wiener
Gruppe", der dies bereits seit Jahrzehnten praktiziert, erklärte im
österreichischen Magazin Profil, die "kleinschreibung ist viel sinnlicher,
da gehen die buchstaben nicht immer nur so nach oben."
Sturm aufs Mahnmal
Nachdem die Wehrmachtsausstellung
ins Archiv gewandert ist, haben Faschisten am Wochenende wieder Termine
frei. Einen Tip zur rechtsradikalen Freizeitgestaltung hält der Schriftsteller
Martin Walser bereit. Er stiftete anläßlich seines Besuchs im
Rathaus von Berlin-Treptow, wo er auf Einladung des Vereins "Lebensbaum"
an einer Podiumsdiskussion teilnahm, zu einem Aufmarsch gegen das geplante
Mahnmal für die ermordeten Juden Europas an. Die Berliner sollten
gegen das Projekt, nach den Worten von Walser, ein "fußballfeldgroßer
Alptraum", auf die Straße gehen.
Der Bundestag, der
am 24. Juni über den Bau des Mahnmals abstimmen will, habe nicht das
Recht, über diese Angelegenheit zu entscheiden. Gefragt, wie er sich
als Abgeordneter bei der Abstimmung verhalten würde, antwortete der
Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels mit einem Satz, über
den seine Freunde in den Feuilletons wohl noch lange nachsinnen werden:
"Da müßte ich mich besinnen, wie ich mich noch nie im Leben
besinnen mußte."
Beilagenschwund
Aus für Schachecke,
Reimversteck und den Fragebogen, den der Schriftsteller Marcel Proust in
seinem Leben gleich zweimal ausfüllte. Nach dem Zeit-Magazin wird
jetzt auch das FAZ-Magazin eingestellt. Schon regt sich lauter Protest,
nicht bei den Lesern, sondern von seiten der Konkurrenz. Beim Magazin der
Süddeutschen Zeitung ist man sehr verärgert, schließlich
werden die beiden Beilagen gemeinsam vermarktet. Geschäftsführer
Peter Schuck spricht von Vertragsbruch, da man nicht rechtzeitig informiert
worden sei, und versichert, daß die Süddeutsche den Kampf auf
dem Supplement-Markt entschlossen weiterführen werde, notfalls allein.
Die FAZ hatte mitgeteilt, mit der Einstellung reagierten Herausgeber und
Geschäftsführer auf das stark rückläufige Anzeigengeschäft.
Immer mehr Kunden buchten ihre Farbanzeigen im Hauptblatt, statt in die
Beilage zu gehen.
Alles inklusive
Auf Druck des linken
Providers Partisan.net hat die Redaktion der Politpostille Kalaschnikow
drei Texte Bernd Rabehls von seinen Internet-Seiten gelöscht, darunter
die überarbeitete Fassung des im Dezember 1998 vor der extrem rechten
Burschenschaft Danubia gehaltenen Vortrags, in dem der FU-Politologe vor
"Überfremdung" in Deutschland warnt. "Völkische und rassistische
Positionen", so Partisan.net in einer Presseerklärung, "haben in selbstorganisierten
linken & radikalen Zusammenhängen nichts zu suchen." Kalaschnikow
sieht das nicht ein. Zwar wurden die beanstandeten Beiträge von den
Seiten genommen, dies allerdings nur, nachdem von Partisan.net die fristlose
Kündigung der gemieteten Subdomains angedroht wurde.
An die Stelle der
entfernten Texte stellte ein Redaktionsmitglied der Kalaschnikow eine "vorläufige"
Erklärung. Falls der "Eindruck entstanden" sei, so Kalaschnikow über
seine Links-Rechts-Mauschelei, man wolle, "Bernd Rabehl und anderen neurechten
Renegaten ein exklusives Forum für die Verbreitung ihres Gedankenguts"
liefern, entschuldige man sich dafür. Andererseits: Man wolle ja nur
reden: "Worum es uns immer ging, war und ist die offene, harte Auseinandersetzung
mit solchen Positionen, die den Boden für einen neuen völkischen
Nationalismus bereiten sollen." Damit Kalaschnikow kein exklusives Forum
bleibt, plant das bekannteste Redaktionsmitglied des Blattes, Stefan Pribnow,
demnächst bundesweit an die Kioske zu gehen. Und zwar all inclusive.
Weißer
Riese
Touristen müssen
lange suchen, um die letzten Mauerreste an der Bernauer Straße und
der East Side Gallery zu finden. Der Berliner SPD-Fraktionschef Klaus Böger
will nun der Vorstellungskraft von Besuchern und Berlinern auf die Sprünge
helfen: Böger schlägt vor, am zehnten Jahrestag des Mauerfalls
in diesem November weiße Tücher dort aufzuhängen, wo früher
einmal die Mauer verlief. So ändern sich die Zeiten: Die lange Leine
mit Bettlaken, die einst für die Waschkraft von sehr ergiebigen Waschmitteln
stand, wird nun Symbol für die friedliche Idylle nach dem Kalten Krieg.
"Foucault riskieren"
Anläßlich
des 15. Todestags von Michel Foucault sendet der SWR2 am 16. Juni, 21 Uhr,
ein 60minütiges Radio-Feature unter dem Titel "Foucault riskieren".
Interviewt wurden u.a. die Literaturwissenschaftlerin Hélène
Cixous, der Leiter des Centre Michel Foucault und ehemaliger Lebenspartner
Foucaults, Daniel Defert, Ex-RAFler Lutz Taufer, der "Überwachen und
Strafen" im Knast gelesen hat.
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Die Nachrichten
wurden von Bergemann und Runge zusammengestellt
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