Frag nach beim Staat
Die neokeynesianische
Illusion kann die marode Arbeitsgesellschaft noch viel weniger retten ls
die neoliberale. Über die Irrtümer der Anhänger eines Schmalspur-Kapitalismus.
Von Ernst Lohoff
Während der
Aufstiegsgeschichte der Warengesellschaft hatte die linke Systemopposition
lange Zeit eine Avantgardefunktion inne. Sie hat vorgedacht, die Rechte
hat nachgedacht und linke Kritik adaptiert und für ihre Zwecke funktionalisiert.
Dieses Verhältnis
hat sich längst umgekehrt. In die Defensive geraten und orientierungslos
geworden, findet die Linke heute ihre Positionen vornehmlich in den Stellungen,
die das bürgerliche Denken vor Jahr und Tag geräumt hat. Unter
linken Soziologen hat die Rezeption von Max Weber die von Marx ersetzt;
unter linken Ökonomen ist die keynesianische Lehre zusehends an die
Stelle der Kritik der politischen Ökonomie getreten.
Auch der populäre
Antikapitalismus folgt diesem Muster. Will er nicht abstrakt utopisch bleiben,
fällt ihm heute für gewöhnlich nicht viel mehr ein, als
den x-ten Aufguß der alten staatsinterventionistischen Doktrin mit
antikapitalistischen Aromastoffen zu versetzen und den Kapitalismus von
gestern gegen den von heute zu mobilisieren. Diese Tendenz prägt auch
die Gegenkongresse zum EU- und zum G8-Gipfel in Köln. Forderungen
wie die nach einem "Recht auf sozial geschützte Arbeit" (Aufruf Bündnis
Köln 99) berufen sich auf keynesianische Patentrezepte.
Diese seltsame Affinität
kommt nicht von ungefähr: In der abgetakelten keynesianischen Nostalgie
findet eine bestimmte Sorte von linkem Denken das wieder, woran es am meisten
hängt, nämlich den Glauben an die Allmacht politischen Gestaltens.
Die neokeynesianische Kritik am Neoliberalismus fällt auf fruchtbaren
Boden, weil sie bestätigt, was man immer schon wußte: Die Entstehung
des Globalisierungs-Kapitalismus ist nicht als die Verlaufsform irgendwelcher
objektivierter Selbstwidersprüche der Warengesellschaft zu verstehen.
Es handelt sich
um einen "Modellwechsel", für den immer nur die subjektiven Entscheidungen
der souveränen kapitalistischen Handlungssubjekte verantwortlich zu
machen sind. Der politische Wille ist alles, die Vorstellung hingegen,
hinter dem modernen Globalisierungs-Kapitalismus könnte eine dem Handeln
der Kapitalisten vorausgesetzte Krisenlogik stehen, sei dasselbe wie das
neoliberale Sachzwanggeschwätz, nämlich pure Ideologie.
Zweierlei zeichnet
die links-neokeynesianische Weltsicht aus. Zum einen löst sie ihren
Kritikgegenstand, den Neoliberalismus, aus der historischen Entwicklung
heraus. Das Verhältnis zwischen Kapitalismus im allgemeinen und dessen
gegenwärtiger Phase im besonderen bleibt im dunkeln. Die Gegnerschaft
zum herrschenden System verschwindet dementsprechend hinter der Kritik
am Neoliberalismus und ist analytisch nirgends mehr greifbar, sie lebt
nurmehr als Gestus fort.
Zum anderen beruht
die scheinbare Plausibilität der Deutung darauf, daß sie das
neoliberale Selbstverständnis für bare Münze nimmt und lediglich
zur umgekehrten Bewertung kommt. Die Politikillusion des Schmalspur-Antikapitalismus
setzt unmittelbar die neokeynesianische fort und die wiederum lebt von
der negativen Staatsillusion der Neoliberalen.
Die moderne Warengesellschaft
befindet sich in der Beziehung zu ihrem Staat in einem grundsätzlichen
strukturellen Dilemma, über das sich Neokeynesianer wie Neoliberale
gleichermaßen hinwegtäuschen. Die Existenz eines ständig
wachsenden Staatssektors ist für den Akkumulationsprozeß ebenso
unabdingbar wie hinderlich. Auf der einen Seite kann die einzelbetriebliche
Verwertung nur funktionieren, indem sie sich auf zahllose infrastrukturelle
und soziale Rahmenbedingungen stützt (Verkehr, Gesundheit, Bildung,
Forschung, sozialstaatliche Absicherung), für die der Staat Sorge
zu tragen hat. Je höher das erreichte Produktivitäts- und Vergesellschaftungsniveau,
desto größere Leistungen hat der Staat in Sachen Verkehr, Gesundheit,
Bildung, Forschung, sozialstaatliche Absicherung, usw. zu erbringen. Auf
der anderen Seite werfen all diese öffentlichen Beschäftigungsbereiche
keinen Profit ab, sondern müssen im Gegenteil durch Steuern und Abgaben,
direkt oder indirekt von dem wertproduktiven Sektor alimentiert werden.
Sie sind Voraussetzung der kapitalistischen Akkumulation und zugleich faux
frais, tote Kosten.
Dieser systemische
Widerspruch ließ sich kaschieren, solange die kontinuierliche Vermehrung
der Staatslast durch die Ausdehnung der industriellen Kernsektoren kompensiert
wurde. In den marktwirtschaftlichen Wunderjahren der Nachkriegszeit war
das der Fall, und so machte sich damals sogar die Vorstellung breit, der
Etatisierungsprozeß wäre die Ursache der Wachstumsdynamik. Der
Staat galt demnach als eine Art von Demiurg, der den Kapitalismus von seiner
Krisenhaftigkeit erlöst habe.
Dieses Deutungsmuster
mußte freilich mit dem Auslaufen des fordistischen Booms in den siebziger
Jahren versagen. Weil der Interventionsstaat den Wachstumsmotor nur mit
Schmieröl, aber nicht mit Treibstoff versorgt, brachten die fortgesetzten
staatlichen Betankungsversuche den ins Stottern geratenen Motor auch nicht
wieder auf Touren.
Das war die Stunde
des Neoliberalismus, der nun mit einem neuartigen Verleugnungstrick reüssierte.
Weil der Staatsinterventionismus die Krise nicht hatte lösen können,
erklärten die Befürworter des reinen Marktes nun das Wirken des
hilflosen Helfers kurzerhand selber zur einzig wahren Krisenursache. Das
Grundproblem - das Verschwinden der lebendigen Arbeit in den wertproduktiven
Sektoren - blieb außen vor. Dafür wurde der Demiurg der Keynesianer
als leibhaftiger Antichrist entlarvt.
Der Triumph der
neoliberalen Ideologie konnte natürlich keinen Systemzwang wie den
historischen Trend zu wachsenden Staatsausgaben aus der Welt schaffen.
Wo die Staatsquote zeitweilig sank, lag dem immer nur der Verkauf von staatlichem
Tafelsilber (produktiven Staatsbetrieben) zugrunde, oder die Abnahme ging
auf Kosten der langfristigen Wettbewerbsposition des Landes (Vernachlässigung
der Infrastruktur). Dennoch wurde die neoliberale Revolution geschichtsträchtig.
Sie schuf nämlich die institutionellen Voraussetzungen dafür,
daß das Erlahmen der Realakkumulation durch die explosionsartige
Vermehrung fiktiver Werte vorübergehend ersetzt werden konnte und
der anstehende große Krisenschub auf diese Weise vertagt wurde.
Diese bemerkenswerte
Leistung war an ein fast noch beeindruckenderes Kunststück gekoppelt.
Der Neoliberalismus hat die sich abzeichnende Paralyse des Politischen
einstweilen überspielt und wegdefiniert, indem er den blanken Markt
selber zur erstrebenswerten sozialen Ordnung ausgerufen und Deregulierung
und Entstaatlichung in den Rang eines explizit politischen Programms erhoben
hat. Die strukturell-systemische Misere jeder politischen Regulation wurde
insofern unsichtbar, als der neoliberale Staat, das, was die Politik nicht
mehr konnte, auch nicht mehr wollen wollte.
Der Neokeynesianismus
hat auf seine Weise diesen Zaubertrick nicht nur begeistert aufgenommen,
er gründet auf ihm. Das systemische Elend von Staat und Politik, das
im Erfolg des Neoliberalismus sein Symptom fand, wurde als der Sieg einer
anderen, falschen Politik gewertet und das Ende des sozialdemokratischen
Zeitalters damit zum Ergebnis politischer Fehlentscheidungen (v)erklärt.
Damit liegt das kapitalistische Gestern aber als jederzeit greifbares alternatives
Zukunftskonzept in den Schubladen parat.
Krisenverschiebung
ist keine Krisenlösung. Die neoliberale Ära hat nicht nur soziale
Verwerfungen mit sich gebracht; mit der sich abzeichnenden Erschöpfung
der spekulationskapitalistischen Dynamik stehen die neoliberalistischen
Konzepte auch ökonomisch vor dem Offenbarungseid. Für ein warengesellschaftlich
vernageltes Bewußtsein ist es in einer solchen Situation naheliegend,
die negative Staatsillusion wieder durch eine positive zu ersetzen oder
zumindest eine neue Mischung aus beidem zu kreieren. Die Renaissance der
Sozialdemokratie, die in ganz Europa "Linksregierungen" an die Macht brachte,
hat hierin ihre Hauptursache.
Die neokeynesianische
Illusion kann die marode Arbeitsgesellschaft noch viel weniger retten als
die neoliberale. Das Instrumentarium, das bereits in den siebziger Jahren
nicht griff, kann dies unter den zugespitzten Bedingungen eines globalisierten
Kapitalismus erst recht nicht bewerkstelligen.
Daß einer
wie Oskar Lafontaine, der die Nachfrageseite zu stärken versprach,
im politischen Richtungsstreit unter die Räder kam, mag für Neokeynesianer
Anlaß sein, an Legenden zu stricken. Antikapitalisten dagegen haben
allen Grund, das Illusionäre und Reaktionäre an der neokeynesianischen
Mythologie herauszustellen, statt beim Bäumchen-wechsel-dich-Spiel
von Neoliberalen, Neokeynesianern, Neo-Neoliberalen und Neo-Neokeynesianern
ad infinitum mitzumachen. |