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16. Juni 1999 Jungle World

International Nachrichten

Alles vergessen in Japan

Toshimi Mizobuchi, japanischer Kriegsveteran der berüchtigten Einheit 731, hatte am letzten Donnerstag in Tokio vor ausländischen Journalisten seinen großen Auftritt. Der 76jährige organisiert in diesem Jahr das Veteranentreffen der Militäreinheit, der er von 1943 bis 1945 als Soldat und Ausbilder angehörte. Über die Einsätze mit bakteriellen Waffen in China und anderen von Japan besetzten Gebieten, die Mizobuchi vor zwei Monaten einem Reporter der Los Angeles Times gegenüber erwähnt haben soll, will er nun nichts mehr wissen. Die Einheit 731 hatte bei der Entwicklung biologischer Waffen in den dreißiger Jahren in China und der besetzten Mandschurei in Folterkammern die Wirkung von Anthrax, Bakterien, Senfgas, Pest, Hitze, Frost und Druck getestet.

Nach Schätzungen sind diesen Experimenten bis zu 15 000 Menschen, vor allem Chinesen, zum Opfer gefallen. Mit seinem schlechten Gedächtnis steht Mizobuchi in Japan nicht allein. Die japanischen Behörden bestätigten erst 1982, daß es die Militäreinheit 731 überhaupt gegeben hatte. Auch Symbole des japanischen Imperialismus und des Militarismus während des Zweiten Weltkrieges werden rehabilitiert: Am vergangenen Freitag erklärte das japanische Kabinett die Sonnenflagge und die Kaiserhymne zu den offiziellen Staatssymbolen.

Todeskarawane vor Gericht

In Chile hat letzte Woche ein Prozeß gegen fünf hohe Offiziere der Pinochet-Ära begonnen. Ihnen wird vorgeworfen, an der berüchtigten Todeskarawane beteiligt gewesen zu sein, in deren Verlauf 1973 unmittelbar nach dem Putsch von General Augusto Pinochet mindestens 72 Regimegegner ermordet wurden. Diese Mordanklage ist eines von 20 Verfahren, die derzeit von chilenischen Gerichten behandelt werden. In allen Fällen wird Augusto Pinochet Beteiligung oder Verantwortlichkeit an Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Nach Pinochets Rücktritt 1990 hatten die Nachfolge-Regierungen einen allgemeinen Gedächtnisverlust und einen Schlußstrich unter sämtliche Verbrechen der siebziger und achtziger Jahre verordnet. Die in Europa gegen Pinochet laufenden Strafverfahren scheinen das Schweigen allerdings gebrochen zu haben. Der US-Zeitschrift The Nation zufolge sprechen sich inzwischen zwei von drei Chilenen für eine Bestrafung Pinochets aus - trotz der Staffreiheit, die der General sich und seiner Gefolgschaft bei seinem Abgang zusichern ließ.

Mit der Minderheit zur Mehrheit

Wenn's knapp wird hilft meistens ein Trick, damit es doch noch klappt. Um ganze 0,2 Prozent der Stimmen, oder anders gesagt, einen Sitz in der Nationalversammlung hat der ANC (Afrikanischer Nationalkongreß) die zur Änderung der südafrikanischen Verfassung nötige Zwei-Drittel-Mehrheit verfehlt. Doch auf diese schlechte Nachricht vom Anfang der Woche folgte nur wenige Tage später für den ANC-Vorsitzenden und neuen Präsidenten Südafrikas, Thabo Mbeki, eine gute: Die Minderheitsfront (MF), eine Splitterpartei der indischen Einwanderer, die landesweit gerade einmal 0,3 Prozent der Stimmen - und damit einen Sitz im Parlament - gewinnen konnte, bot sich als Koalitionspartner an. Der ANC akzeptierte und verfügt nun über die benötigten 267 Sitze in der Nationalversammlung. 

Verkleidete Soldaten

Sechs indische Soldaten, die in den vergangenen Wochen bei dem Kleinkrieg in Kaschmir ums Leben gekommen sind, sollen zuvor in Pakistan gefoltert worden sein. Dies erklärte zumindest der indische Außenminister Jaswant Singh und verwies auf Obduktionsberichte. Das Foltergerücht präsentierte Singh rechtzeitig vor den Gesprächen, zu denen er sich am Wochenende mit seinem pakistanischen Amtskollegen Sartaj Aziz traf. Zudem wirft Indien Pakistan vor, verkleidete Soldaten und afghanische Söldner zur Unterstützung der kaschmirischen Rebellen in den indischen Teil der Region geschickt zu haben.

Pakistan hält mit der Behauptung dagegen, daß Indien in Kaschmir immer mehr Truppen zusammenziehe und eine Verschiebung der Grenzen plane. Unterdessen hat Indien seine Luftangriffe auf das Grenzgebiet zur Unterstützung einer Bodenoffensive fortgesetzt, um strategisch wichtige Stützpunkte unter indische Kontrolle zu bringen. 

Verspätete Kriegserklärung

37 Jahre hat Frankreich gebraucht, um zu erkennen, daß es in seiner ehemaligen Siedlungskolonie Algerien einen Krieg geführt hat. Bis heute wurde in den Schulbüchern immer von "Operationen zur Aufrechterhaltung der Ordnung" gesprochen. Der von 1954 bis 1962 dauernde Krieg hat nach unterschiedlichen Schätzungen 30 000 bis 60 000 Franzosen und zwischen einer und zwei Millionen Algeriern das Leben gekostet.

Die verspätete Kriegsanerkennung wurde am Mittwoch vergangener Woche einstimmig von der französischen Nationalversammlung beschlossen. Sie ging auf einen Gesetzesvorschlag sozialistischer Abgeordneter zurück, die als Wehrpflichtige im Algerien-Krieg gedient hatten und sich davon bis heute traumatisiert sehen. Im Gegensatz zu ihnen beharrten im Parlament allerdings einige Abgeordnete der chistdemokratisch-liberalen UDF darauf, daß man trotz des Beschlusses nicht von systematischen Verbrechen der französischen Militärs in Algerien ausgehen könne.

Denk mal an die Diktatur

Südkoreas Präsident Kim Dae-jung will ein Gedenkmuseum bauen. Ein schöner Gedanke: Die große Persönlichkeit, der es gewidmet wird, fällt nicht der Vergessenheit anheim, die entsprechende Interpretation der Geschichte ist sicher hilfreich, den in Krisenzeiten dringend benötigten Sinnbedarf zu decken, und so richtig teuer ist es auch nicht: einige Millionen Dollars.

Und Kim kann sich damit sozusagen einen virtuellen Heiligenschein verpassen: Das Museum soll Park Chung-hee gewidmet werden, der sich 1961 an die Macht geputscht hatte und später den Präsidenten in der südkoreanischen Entwicklungsdiktatur spielte. Im gleichen Jahr hatten seine Häscher den damaligen oppositionellen Aktivisten Kim geschnappt, ihn dann aber doch nicht - wie zunächst geplant - in die ewigen Jagdgründe, sondern in den Knast befördert. Wie kommt Kim, der 1997 mit einer Art sozialdemokratischem Programm zur Wahl angetreten war und sie dann auch gewonnen hatte, auf den Gedanken, dem Ex-Diktator mit einem Museum zu später Ehre zu verhelfen?

Bereits im Zuge der ersten ernsten Krisenerscheinungen in jenem Jahr hatte das politische Establishment - und nicht wenige aus der Bevölkerung - sich Parks als desjenigen erinnert, der Südkorea zu ökonomischer Größe geführt hatte; demgegenüber fielen die paar Leichenberge, die er aufgetürmt hatte, kaum mehr ins Gewicht.

  •  Die Nachrichten wurden von Bergemann und Schmid zusammengestellt
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