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16. Juni 1999 | Jungle World |
"Die Welt ist zehn Jahre alt" |
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Globalisierung und GenderDie Geschlechterverhältnisse in der Globalisierungsdebatte. Von Susanne FrankDie feministische Debatte um das Verhältnis von Globalisierung und Gender im deutschsprachigen Raum ist noch recht jung. Bisher spielte die Frage nach der Rolle und Bedeutung von Geschlechterverhältnissen im Main- bzw. Malestream der Globalisierungsdebatten nur eine marginale Rolle. Dies liegt sicherlich zum einen am sattsam bekannten Androzentrismus von Politik und Politikwissenschaft. Zum anderen sind geschlechterpolitische Themen von Frauen (und Männern) in das offene, zugleich aber auch unappetitlich neoliberal aufgeladene Diskussionsfeld kaum offensiv eingebracht worden. Erst um die Mitte der neunziger Jahre setzte sich die Erkenntnis durch, daß der deutsch-deutsche Transformationsprozeß in einen zweiten eingelagert ist, nämlich in den mit "Globalisierung" verschlagworteten Strukturwandel von Politik, Ökonomie, Kultur und Recht. In den Mittelpunkt der Debatten rükken jetzt insbesondere Fragen der Krise der Arbeitsgesellschaft bzw. des Abbaus des Sozialstaats im Zuge von Globalisierungsprozessen. Themen sind etwa die Erosion des männlichen Familienernährermodells, die Reprivatisierung sozialer Leistungen zu Lasten von Frauen oder die Feminisierung der Armut. Viele der damit verbundenen Diskussionen leiden allerdings unter zwei Verkürzungen: Erstens wird die analytische Kategorie "Geschlecht" sehr häufig auf "Frauen" reduziert. So gerät aus dem Blick, daß es sich bei "Geschlecht" um weit mehr als um biologische Zugehörigkeit (sex) handelt: Gender bezeichnet ein hierarchisches soziales Verhältnis, das - entlang einer geschlechtlichen Trennlinie - gesellschaftlich konstruiert, organisiert und institutionalisiert wird. Zweitens wird der Globalisierungsprozeß selber meist als eine geschlechtslose oder geschlechtsneutrale Kraft aufgefaßt, die als deus ex machina auf die bestehenden Geschlechterverhältnisse herniederkommt. Diese beiden Verkürzungen erklären m. E. zu einem Gutteil die stereotype Bilderproduktion, die der feministische Diskurs um Globalisierung und Geschlecht hervorgebracht hat. In ihm erscheinen Frauen in aller Regel als von der Globalisierung bloß Be- oder besser: Getroffene. Daraus resultiert auch die nach wie vor gängige Auffassung, "die Frauen" seien "die Verliererinnen" der Globalisierung. Diese These wurde mittlerweile zwar in der Weise modifiziert, daß einige wenige Frauen auch als Globalisierungsgewinnerinnen verzeichnet werden. Analytisch ist damit noch nicht sehr viel gewonnen. In den letzten Jahren werden die deutschsprachigen Diskussionen um Globalisierung und Gender vor allem von den Arbeiten der Politikwissenschaftlerinnen Birgit Sauer, Eva Kreisky und Brigitte Young geprägt, die den Prozeß der Globalisierung nicht mehr als geschlechtsneutral, sondern als einen "geschlechtsspezifischen Prozeß" (Young) verstehen. In dieser Perspektive geht es nicht mehr allein um die Auswirkungen der Globalisierung auf Frauen (und / oder Männer). Vielmehr wird untersucht, inwiefern Globalisierungsprozesse immer schon durch Geschlechterverhältnisse strukturiert sind - und umgekehrt. Dies bedeutet: In vielschichtigen Vermittlungszusammenhängen wirken sich Globalisierungsprozesse als bereits vergeschlechtlichte transformierend auf die jeweiligen nationalen, regionalen und lokalen Geschlechterordnungen aus. Diese gehen als veränderte dann wiederum in Globalisierungsprozesse ein. Der Zusammenhang von Globalisierung und Gender kann also nicht als ein einseitiges Ursache-Wirkung-Verhältnis, sondern muß als eine hochkomplexe Wechselbeziehung begriffen werden. Aus dieser weit umfassenderen und analytisch offeneren Perspektive ergeben sich neue Fragen und Akzente, von denen hier nur einige wenige angerissen werden können. Auf der Basis einer geschlechtersensiblen Analyse der vielfältigen und widersprüchlichen Globalisierungsprozesse wird offenbar, wie unterschiedlich diese auf die betreffenden Geschlechterverhältnisse und je konkreten Lebenslagen von Frauen (und Männern) wirken. Diese Beobachtungen bekräftigen noch einmal die von der Gender-Forschung mittlerweile etablierte Auffassung, daß von einer sozial homogenen Gruppe von Frauen nicht ausgegangen werden kann. Immer stärker in den Mittelpunkt gerät deshalb die Frage, wie sich Gender mit anderen sozialen Verhältnissen wie Klasse, Ethnizität, Nationalität, Sexualität, Familienstand, Alter usw. strukturierend und hierarchisierend verbindet. In ihren verschiedenen Kombinationen werden diese sozialen Merkmale in neuer und verschärfter Weise zu Hebeln der individuellen und kollektiven Positionierung im gesellschaftlichen Raum. Neue Muster von Einschluß und Ausschluß, Dominanz und Abhängigkeit, Ausbeutung und Diskriminierung entstehen. Das Prekäre dieser neuen Muster zeigt sich besonders, wenn die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise gerichtet wird, in der sich die veränderten Rollen von Frauen miteinander verknüpfen und aufeinander beziehen. In diesem Zusammenhang wird von einer Polarisierung der Lebenslagen von Frauen gesprochen. So wird in feministischen Beiträgen häufig betont, daß Frauen, die sich Zugang zu den "Männerdomänen" des Ersten Arbeitsmarktes verschafft haben, sich von "alten" Rollenmustern nicht zuletzt deshalb befreien können, weil sie notwendige Reproduktionsarbeiten (Putzen, Kochen, Kinderhüten usw.) als Dienstleistungen einkaufen. Nicht nur in Deutschland ist die Entwicklung einer ethnischen Arbeitsteilung zu beobachten, in deren Rahmen traditionelle Frauenarbeit (zu der nicht nur Haushaltstätigkeiten, sondern auch Prostitution und Fließbandarbeit gerechnet werden müssen) insbesondere an Migrantinnen delegiert wird. Ethnisch und geschlechtlich segregierte Arbeitsmärkte entstehen rund um den Globus. Gerade das Thema der Integration von Frauen in die globale Ökonomie zeigt aber, daß ein differenzierender Ton in die Debatten gekommen ist, der die Ambivalenzen der Globalisierung stärker wahrnimmt. Denn die Arbeit am "globalen Fließband" bietet Frauen häufig die einzige Möglichkeit zur Erwerbstätigkeit und dadurch eine größere Unabhängigkeit von Männern und Familien. Zugleich gibt es viele Beispiele dafür, daß Ausbeutung und Arbeitsbedingungen nicht einfach passiv hingenommen werden. Vermehrt wird über Versuche der gewerkschaftlichen Organisation gegen die Arbeitsbedingungen der transnationalen Konzerne berichtet. "Durch Einbeziehung der letzten Winkel der Erde in den Weltmarkt wurden Frauen aller Kulturen und ethnischen Gruppen mit global-patriarchaler Politik konfrontiert, erhielten andererseits aber auch Anstöße zu widerständiger Organisierung", schreibt die Journalistin Anja Ruf. Auch Brigitte Young weist darauf hin, daß sich mit der Globalisierung auch eine Schwächung von lokalen, patriarchal geprägten Kulturen zum Vorteil von Frauen verbinden könne. Diese Hoffnung nährt sich nicht zuletzt auch aus den ersten Erfolgen einer weltweiten Mobilisierung und Vernetzung von Frauenorganisationen in den neunziger Jahren. Die transnationale Verknüpfung von Frauenorganisationen - und schließlich die "Vernetzung der großen Netze", so wiederum Anja Ruf - "ist Produkt der Globalisierung und gleichzeitig ihre Perspektive". Literatur Eva Kreisky / Birgit Sauer,"Turbomaskulinismus", in: Freitag, 15. Juni 1998 Anja Ruf, "Frauennetzwerke im Spannungsfeld von Globalisierung und Vielfalt", in: R. Klingebiel / S. Randeria (Hg.): Globalisierung aus Frauensicht, Bonn 1998 Christa Wichterich: Die globalisierte Frau. Hamburg 1998 Brigitte Young, "Genderregime und Staat in der globalen Netzwerkökonomie", in: Prokla, Nr.111/1998: Globalisierung und Gender |
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