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Inland Nachrichten
Renitente dürfen
wieder fliegen
Auch drei Wochen,
nachdem Beamte des Bundesgrenzschutzes den Sudanesen Aamir Ageeb auf einem
Abschiebeflug so lange niedergedrückt hatten, bis er tot war, gibt
die Todesursache den Medizinern weiter Rätsel auf. Das medizinische
Institut der Frankfurter Goethe-Universität prüfe weiterhin die
Notwendigkeit einer erneuten Obduktion, erklärte der ermittelnde Oberstaatsanwalt
Job Tilmann in der letzten Woche. Eine erste Untersuchung von Münchener
Ärzten hatte ergeben, daß Ageeb "möglicherweise erstickt"
sei. Während sich die Juristen mit der Erklärung für den
Tod weiter schwertun, gehen den Politikern die Abschiebebescheide inzwischen
wieder leichter aus der Hand. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hob
den nach der Tötung Ageebs verhängten Abschiebestopp gegen diejenigen
Asylbewerber, die sich im Vorfeld gegen ihre Abschiebung wehren, letzte
Woche auf. Sein Staatssekretär Claus Henning Schapper (SPD) ergänzte,
daß die Anordnung von Anfang an mißverstanden worden sei: Jetzt
müßten so schnell wie möglich die Voraussetzungen dafür
geschaffen werden, daß auch wieder "renitente" Ausländer unter
Zwang abgeschoben werden könnten. Bayerns Innenminister Günther
Beckstein (CSU) sprach von einer "befriedigenden Erklärung" der Bundesregierung.
Bundeswehrsoldaten
sind Mörder
Nicht schlecht,
Herr Kommandant. Nachdem ein 28 Jahre alter Oberfeldwebel im Mai 1997 die
Kanone eines von ihm geführten Spähpanzers so schußbereit
gemacht hatte, daß sich mehrere Schüsse später auch lösten,
kam es, wie es kommen mußte: Sie trafen. Und zwar nicht nur den zehn
Meter entfernt stehenden Transportpanzer der Bundeswehr, auf den die Kanone
gerichtet war, sondern ebenso die Insassen. Zwei deutsche Sfor-Soldaten
kamen bei dem innerdeutschen Gefecht im Bundeswehr-Feldlager Rajlovac nahe
Sarajevo um, ein weiterer wurde schwer verletzt. Das Amtsgericht Eschwege
(Hessen) kam deshalb letzte Woche zu dem Ergebnis, daß sich der Oberfeldwebel
der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung schuldig gemacht
habe. Zwar sei unklar, ob der Angeklagte oder ein anderer Soldat die Schüsse
ausgelöst habe - als Kommandant sei er jedoch verantwortlich dafür,
daß die Bordkanone schußbereit gewesen sei. Hinweise auf technische
Defekte an dem Panzer halfen dem Angeklagten auch nicht weiter. Milde fiel
das Urteil trotzdem aus: sechs Monate auf Bewährung.
Deformation aus
der Pistole
"Das wird in einem
Jahr über die Bühne gehen", war sich Bayerns Innenminister Günther
Beckstein (CSU) am Ende der Innenministerkonferenz sicher. Über die
Bühne? Wohl eher in den Körper des Getroffenen: "Zügig",
so die Innenminister der Länder und des Bundes, soll die Polizei mit
"Deformationsgeschossen" ausgerüstet werden. Besondere Eigenschaft
der mit dem Arbeitstitel "Action 2" versehenen Projektile: Beim Auftreffen
verformen sie sich so stark, daß sie im Körper steckenbleiben
und ihn schlagartig kampfunfähig machen. Wer nun gleich Schlimmes
befürchtet, sollte sich erst einmal die Erklärung von Polizeitechnikern
anhören: Die zur Zeit verwendeten Patronen mit harter Ummantelung
durchschlagen nämlich in den meisten Fällen den Körper -
wodurch auch Unbeteiligte gefährdet würden. Nichts weiter als
eine humanitäre Maßname der Polizei also. Doch nicht die einzige.
Um Umstehende nicht zu gefährden, wollen die Innenminister ihre Beamten
nämlich künftig mit Pfeffergas ausstatten - das, so die Polizeiexperten
nur dem Getroffenen selbst Tränen in die Augen treibe. Zwar wird das
polizeiliche Gasarsenal weiter die bewährten Spraydosen mit CS- und
CN-Gas bereithalten. Um aber die Wirkung auf die Demonstranten in die Länge
zu ziehen, soll nun aufgestockt werden - um Pfeffergas. Baden-Württemberg
will den Anfang machen, wenn es darum geht, Demonstranten länger auszuschalten.
Nicht in unseren
Kiez
"Wir sind nicht
gekommen, um uns diese Geschichten anzuhören." Mit diesem Zwischenruf
unterbrach ein Mann aus Pankow den Vortrag der ortsansässigen Historikerin
Inge Lammel. Die berichtete in der letzten Woche auf einer Bürgerversammlung
über die rund 500 von den Nazis ermordeten Juden in dem Berliner Stadtteil.
Auch von den wenigen, die, wie die Familie des Zigarettenfabrikanten Garb‡ty,
in letzter Minute das Land verlassen konnten, sprach die Geschichtswissenschaftlerin.
Vor einigen Monaten nun haben in der von den Nazis arisierten Villa der
Garb‡tys die faschistischen Republikaner ihre Bundeszentrale eingerichtet.
Aus Protest gegen diese "zweite Arisierung" reichten Berliner Antifa-Initiativen
beim Bezirksamt Pankow einen Antrag auf Umbenennung der Berliner Straße
in Josef-Garb‡ty-Straße ein - was bei den meisten Anwohnern nicht
gut ankam. "In meinem Haus sind alle gegen die Umbenennung", sagte eine
ältere Frau: Die Garb‡tys seien doch Kapitalisten gewesen, jemand
anderes. Man solle doch eine mit Ziffern ausgewiesene Straße in einem
Neubaugebiet nach ihnen benennen, ergänzt ein Nachbar. Von den Parteien
unterstützt lediglich die PDS den Vorschlag der Antifa-Initiativen.
Gemeinsam mit dem Wahlkampfleiter André Brie und anderen PDS-Vertretern
benannten sie die Straße in der letzten Woche schon mal symbolisch
um - aber nur für eine Stunde. Sonst hätte die Stadtreinigung
die Beseitigung des neuen Schildes in Rechnung gestellt.
Nicht in unsere
Heide
Der Oberbürgermeister
von Lüneburg hatte es bereits geahnt. Kaum war bekannt geworden, daß
die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) am 11. Juni eine Europwahlkundgebung
auf dem Marktplatz der Stadt durchführen wollte, ließ Ulrich
Mägde (SPD) nicht nur die Kundgebung, sondern auch alle Gegenveranstaltungen
verbieten: Schließlich sollte keiner in der alten Salzstadt in seiner
Ruhe gestört werden. Nachdem aber das Lüneburger Oberverwaltungsgericht
das Verbot aufhob, durften sowohl die NPD als auch das "Bündnis gegen
die NPD-Kundgebung" - weit entfernt vom Marktplatz - demonstrieren.
Doch die 400 Gegendemonstranten
kamen letzten Freitag trotzdem bis in die Nähe des Marktplatzes. Manfred
Börn, früherer Gauleiter der 1994 verbotenen Wiking Jugend, und
zehn weitere seiner Kameraden mußten sich unter Polizeischutz auf
dem Platz postieren. Als dann rund 80 "Freie Nationalisten", geführt
von den Hamburger Neonazikadern Thomas Wulff und Christian Worch, zu der
NPD-Kundgebung dazustoßen wollten, flogen Flaschen und Steine. Nur
mit Mühe konnte die Polizei ihnen den Weg zum Marktplatz bahnen. Dort
sprach aber nicht Worch, sondern Peter Naumann. Der verurteilte Bombenleger
betonte: "Wir lassen uns nicht unsere Geschichte durch die verfälschende
Darstellung der Wehrmacht und der Konzentrationslager nehmen." Über
20 Gegendemonstranten wurden festgenommen.
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Die Meldungen
wurden von Bickel, Nowak und Speit zusammengestellt
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