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Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor
fiel?
André Brie ist Mitglied des
Parteivorstandes der PDS
Jedenfalls war ich nicht außer
mir. Aber eine - wenngleich etwas zwiespältige - Genugtuung war's
doch. Daß sportliche Siege über die BRD ein kümmerlicher
Ersatz waren für die verlorene Fähigkeit, wirkliche Alternativen
hervorzubringen, ahnte ich schon. Doch die nicht selten penetrante DDR-Arroganz
war mir damals und ist mir heute noch lieber als die (bundes-)deutsche
Großmannssucht, die sich auch und gerade dann durchsetzt, wenn sie
sorgfältig geleugnet werden soll. Im Fußball gilt das allemal.
Von der (wieder) "normalen" Macht
und Großmacht Deutschland wird erst seit 1990 offen geredet, aber
mental war diese deutsche "Normalisierung", das Abhaken des Nationalsozialismus,
der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, des Zweiten
Weltkrieges, für die meisten, so vermute ich, mit dem WM-Sieg 1954
vollzogen. Deutschland war wieder wer - über allen. Fußball
ist wohl die deutscheste Sportart überhaupt, bei Siegen und Niederlagen
gleichermaßen. Möglicherweise hatte die DDR deshalb im Fußball
kaum große Erfolge, so deutsch war sie dann doch nicht.
Vielleicht war ich aber auch in
Gedanken. Die Freude über das Sparwasser-Tor reichte nicht weit. Mir
war dieses Land, dieser Versuch eines anderen Deutschland viel zu wichtig,
als daß ich mit einem Fußballsieg zufrieden sein wollte. Drei
Jahre zuvor hatte einer gesagt, er wolle Gleicher unter Gleichen sein.
Der ließ sich zunächst auch nicht, wie gehabt, mit "hochverehrter
Genosse Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzender
des Staatsrates", sondern mit "lieber Erich" anreden. So banal waren Erscheinungen,
die unsereinen auf eine Veränderung hoffen ließen. Mit einem
Mal gab es auf der dritten Seite des Zentralorgans kritische Beiträge
zur Innen- und Wirtschaftspolitik, jedenfalls wollten wir sie als Kritik
empfinden. In der Kunst, so der neue Mann, sollte es fürderhin keine
Tabus geben, soweit sie auf dem Boden des Sozialismus bleibe, Daß
wir, ich war damals Student, über diesen Satz tagelang an- und aufgeregt
diskutierten, kann ich keinem Westdeutschen, schon gar nicht einem westdeutschen
Linken, erklären.
Aber 1974 war die Hoffnung wieder
gering, auch wenn die Biermann-Ausweisung und die ND-Ausgaben mit 30 und
40 Honecker-Fotos zur Leipziger Messe noch vor uns lagen. Es zeigt sich,
daß die öffentliche Kritik nur so lange erwünscht war,
wie sie das Konto des Vorgängers (Ulbricht) belastete und der eigenen
Legitimierung diente. Als sie begann, auf Kosten der neuen "Chefs" zu gehen,
wurde sie um so sicherer wieder unterdrückt. Die Verspießerung
der DDR war sicherlich eine der wichtigsten Ursachen ihrer Entwicklungsunfähigkeit.
Wenn ich mich recht erinnere, waren
bei der WM 1974 Aus- und Einwechslungen erlaubt. Auch wir warteten drei
Jahre nach der Auswechslung schon wieder auf die nächste. Wir waren
unzweifelhaft Teil der Verspießerung. |