 |
 |
Im Auge des Kajal
Weihnachten, Urlaub und Geburtstag
auf dem Leipziger Wave & Gotik-Treffen. Beobachtet von Ralf Schröder
und fotografiert von Anette Berns
Das Frühstück der Wikinger:
Eingebüchste Heringsfilets in Tomatentunke, eingeschweißte Wurst
aus der Kühltheke, Joghurt aus dem Plastikbecher, heiße Milch,
frische Brötchen, schockierend undogmatisch. Am grob gearbeiteten
Holztisch hockt Matthias Schubert, "Der Schmied".
Die Szene spielt im Hof der antiken
und ziemlich idyllischen Dölitzer Wassermühle, gleich neben den
Hallen und Parkplätzen des alten Leipziger Messeparks, der am Pfingstwochenende
das Zentrum des 8. Wave & Gotik-Treffens ist. Daß die Dölitzer
Mühle vor ein paar Hundert Jahren in irgendeinem Krieg von irgendeinem
ruhmreichen österreichischen Garderegiment erobert wurde, interessiert
Matthias Schubert nicht. Seine Zeit ist eine, in der es ruhmreiche österreichische
Garderegimenter noch gar nicht gab.
Der Schmied, Mitglied der Hamburger
Wikinger-Gruppe Hammerberg, hat sein Zelt im "Heidendorf" aufgebaut, gemeinsam
mit Kelten, Germanen, Druiden, Hexen und Händlern. "Ob man Kelte oder
Wikinger wird", sagt Schubert, "ist auch ein bißchen Zufall. Es kommt
eben drauf an, mit welchen Leuten man in Kontakt kommt."
Im Heidendorf herrscht reges Treiben.
Der keltische Schmied nebenan bearbeitet mit Hammer und Hingabe ein frisch
gefertigtes Schwert, Germanenkinder üben sich in der Kunst des Bogenschießens.
Ein Heidentrupp zieht von Zelt zu Zelt und überprüft die Qualität
der feilgebotenen Amulette, Trinkgefäße und Zaubertränke:
Eine germanische Stiftung Warentest, das muß so sein vor der Eröffnung
des Marktes. Die Leute reden sich mit "Gevatter" an. Überwacht wird
die Szenerie vom schweigsamen Oberdruiden Deimos, der mit majestätisch
verschränkten Armen vor seinem Tipi steht. Später wird er den
Grufties Runen-Orakel deuten.
Ein paar Schritte entfernt, im Hofhaus
der Dölitzer Wassermühle, ist die Ausstellung "Vergessene Völker
Europas" zu besichtigen. Auf dem Infotisch liegen Abo-Coupons der Zeitschrift
Pogrom, die von der völkischen Gesellschaft für bedrohte Völker
herausgegeben wird. Selbstgebastelte Papptafeln berichten über die
großen Kulturen der Bretonen, Basken, Fähringer, Samen, Nenzen
und Wepsen. Was jeder wissen muß: Die Wepsen sind der "finnische
Zweig der finno-ugrischen Völker" und siedeln zwischen Tallin und
St. Petersburg, während die Liven von der lettischen Regierung unlängst
endlich ein eigenes Reservat bzw. "Schutzgebiet" zugewiesen bekamen. In
den Pausen zwischen den Konzert-Events schlendern vereinzelt auch echte
Grufties in dem kühlen Raum umher.
Überhaupt die Grufties. Sie
stellen natürlich die Mehrzahl der Teilnehmer auf dem Pfingsttreffen.
Ihre Garderobe korrespondiert wie ihr Gehabe mit unterschiedlichen musikalischen
Vorlieben, wobei Kontraste entstehen, die zum Sortieren geradezu einladen.
Groß im Kommen scheint der Hang zum Mittelalter. Die Szenerie gleicht
einem Komparsen-Casting für einen aufwendig gedrehten Monumentalfilm.
Die Granden und Prinzessinnen wandeln - meist paarweise und sacht untergehakt
- demonstrativ ziellos über das Gelände und versprühen edle
Unnahbarkeit und tadellose Manieren. Die Frauen sind angetan mit Reifröcken,
Korsettagen, Samtgewändern, nicht selten führen sie ein Sonnenschirmchen
mit; die Männer, tragen viel Rüschentextil und dreiviertellange
Samthosen, die Bärte sind sorgfältig gestutzt. Für den Adel
unter den Grufties spielt abends im Schauspielhaus Nikolai de Treskow,
"Deutschlands einziger Minnesänger".
Weniger romantisch treten die Anhänger
von Industrial- oder Death-Metal-Musik auf. Diese Fraktion ist dem Leben
zugewandt: Bier vom Camping-Frühstück bis zum Morgengrauen, im
Outfit dominieren neben Piercings und Tattoos metallverzierte Lederwaren
(Männer) sowie Domina-Staffagen mit Latex, Stiefeln, Lackmiedern und
Netzstrümpfen.
Die echtesten Grufties sind die
Nachfahren jener Leute, die einst den Pionieren des Dark-Wave zuhörten,
also Gruppen wie The Cure oder Sisters of Mercy. Sie tragen alles, was
schwarz ist, laufen mit dunkel geschminkten Augenhöhlen und Lippen
herum und tragen eine Melancholie des Abschieds von der Welt zur Schau.
Hoch im Kurs stehen hier Vampire und andere Symbole für Nacht und
Tod, abends sehen sie sich szenische Adaptionen der Dracula-Geschichte
an. Eine Ikone der Dark-Wave-Bewegung, Siouxsie (ehemals: and the Banshees),
trat mit ihrer Gruppe Creatures am Sonntag abend in der großen Festivalhalle
auf und positionierte sich im Potpourri der Identitäten gleich eindeutig:
"Fuck all uniformes. They are confused."
Adressiert war das an eine spezielle
Gruppe von Grufties, die dem Leipziger Stelldichein ebenfalls beiwohnte.
Als beispielsweise am Sonntag nachmittag auf der Parkbühne die Gruppe
Hagalaz Rune Dance auf die Bühne tritt, versammelt sich auf den vorderen
Rängen eine größere Anzahl streng gescheitelter und sonnenbebrillter
Männergestalten, allesamt ausgestattet mit schwarzen Hemden und Krawatten.
Auch mit militärischer Tarnbekleidung teiluniformierte Vierschröter
fühlen sich von der Musik angezogen. Was kein Wunder ist.
Ein blonder Joan Baez-Verschnitt
singt mit verklärter Miene romantische Lieder, dazu schlagen sehr
ernst dreinblickende junge Männer auf ihre Trommeln ein. Teils verziert
mit halbierten Rautenmustern, sehen die Trommeln aus wie jene, die Neonazis
gerne auf ihren Demonstrationen mitführen, und es klingt auch so.
Schicksalschwangeres dumpfes Donnergehall, vorgetragen in einem stark beschleunigten
Marschrhythmus. Frenetischer Jubel, als die Sängerin demonstrativ
feierlich zur Volksweise "Die Gedanken sind frei" anhebt. Wenig später
erscheint die italienische Combo Camerata Mediolanense mit einer Sopranistin
und einem ganzen Trommlercorps, um eine ähnliche Show abzuziehen.
Wir gehen dann zu Bullo.
Bullo lebt in Hannover, verdient
sein Geld zum Teil als Bestattungsunternehmer für Tierleichen und
macht einen netten Eindruck. Er ist auch Chef von "Art of Dark". Die Ladenkette
besteht aus neun Filialen und ist der "Ottoversand für Grufties".
Sagt Bullo, der sich in der Messehalle vor dem Verkaufsstand seiner Firma
postiert hat. Die Geschäfte laufen gut, "vor allem SM-Fetisch-Ware".
Trotzdem ist Bullos Laune nicht die beste. Am Vorabend habe es in der Halle
Mißstimmung wegen der massenhaft auftauchenden Tarnuniformen gegeben.
Bullo mag diese Leute nicht, "und
die meisten Kollegen an den anderen Ständen haben auch was gegen die
Rechten". Ein Kamerateam des ZDF tritt an den Stand und filmt die hübsch
drapierten und in verschiedenen Größen und Ausstattungen angebotenen
Särge ab. "Wir haben lange überlegt, ob wir die hier hinstellen,
wegen Kosovo und so. Aber eigentlich ist es doch nur Holz." Mit Pressevertretern
hat der Dark-Wave-Unternehmer einschlägige Erfahrungen: "Gestern waren
welche vom Fernsehen da und wollten wissen, ob wir etwas mit der US-Trenchcoat-Mafia
zu tun haben. Die, die nach dem Massaker in der Schule neulich in die Schlagzeilen
kam. Für die meisten Medienleute besteht die Szene aus katzenfressenden
Satanisten."
Und was ist die Szene wirklich?
Anscheinend kennt Bullo die Frage: "Jeder Mensch braucht einen Tempel,
wo er in Kontakt mit etwas kommt, dem er nie gegenüberstehen wird.
Das ganze Festival hat etwas davon. Für viele Leute ist das Weihnachten,
Urlaub und Geburtstag gleichzeitig."
Für Wikinger-Schmied Matthias
Schubert hat die Transzendenz mehr Bodenhaftung: Was die Fraktionen der
Szene eint, sei die Suche nach einem Zuhause. "In allen alternativen Szenen
ist doch der Wunsch nach Geborgenheit und Familie vorhanden. Hier im Heidendorf
gibt es Platz und Ruhe. Die Grufties kommen zum Relaxen hierhin, und wir
suchen den Kontakt zu ihnen. Das funktioniert."
Und ergibt eine bizarre Optik. Drüben
läßt sich eine Barock-Prinzessin von barfüßigen Germanenkindern
im Bogenschießen unterrichten, nebenan im Birkenhain versucht sich
ein gepiercter Stachelirokese im Lederoutfit lässig im gezielten Wurf
mit dem Beil der Vorfahren, das allerdings aus dem Baumarkt stammt. Fünf
Versuche für drei Silberlinge. Der Lehrer, ein kariert berockter Kelte,
nimmt die Sache ernst. "He, nun tu mal die Hand aus der Hüfte, auch
wenn's edel aussieht." Gehorsam nimmt der Stachelirokese Haltung an. Beim
nächsten Versuch federt das Beil mitten in der Scheibe aus Eichenholz. |