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Jugendprotest 2000
Toni Negri back in town: Die "immateriellen
Arbeiter" sind die Werktätigen der Faulheit.
Von Marius Babias
Hallo, die "Berliner Republik" ist
da. Wohin gehen wir nach der Besichtigung der Rogers-Kuppel im Reichstag
- zu mir oder zu dir?
Die Killervögel sind wieder
unterwegs. Mit ihren langen Federschwänzen gleiten Elsternpaare über
Daimler City am Potsdamer Platz, navigieren, sobald sie ein Nest im Stahlgerippe
des Sony Towers entdeckt haben, pfeilschnell ihre Beute an, fressen die
Eier und killen die Jungvögel. In den Wasserwerken Neukölln duschen
die Arbeiter nackt und bei geöffneten Fenstern. Genau gegenüber
liegt der Frauenknast.
Okay, es ist Sommer. Wir setzen
uns in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg auf die morschen Balkone, rücken
die Sessel aus der Sonne, gießen die Blumen und lesen ein gutes Buch.
Wir, das ist die Klasse der Selbstfinanzierten, das sind die Künstler
und Pop-Intellektuellen, die Muttersöhnchen, 630-Mark-McJobber und
all die anderen Werktätigen der Faulheit, schlicht die diskursiven
Langzeitarbeitslosen. Ein imaginärer Schaltkreis stillgelegter Arbeit
durchzieht die Stadt und steuert unsere sozialen Prozesse. Scheinbar dem
Reproduktionszyklus entzogen, produzieren wir, die "immateriellen Arbeiter",
eine neue materielle Ressource, die Subjektivität. Also wohin - zu
mir oder zu dir?
Die klassische Lohnarbeit, bei der
der Arbeiter seine Arbeitskraft genau gegen die Waren eintauscht, die er
produziert, gleitet stetig über in die "immaterielle Arbeit" - ein
dramatischer, mit politischen Chancen, aber auch sozialen Risiken behafteter
Vorgang, der von einem neuen Lumpenproletariat ausgeht, den diskursiven
Langzeitarbeitslosen.
"Immaterielle Arbeit", lesen wir
in dem Buch von Maurizio Lazzarato, Toni Negri und Paolo Virni, zielt keineswegs
auf das Verschwinden der Lohnarbeit, sondern auf deren Transformation unter
den Produktionsbedingungen der postindustriellen (oder postfordistischen)
Gesellschaft, denn dem Kapital geht es nach wie vor darum, Verluste zu
vergesellschaften und Gewinne zu privatisieren.
Tayloristische Arbeitsteilung, fordistische
Lohnpolitik und Fließbandproduktion sowie keynesianischer Wohlfahrtsstaat
bröckeln seit zirka 20 Jahren kontinuierlich ab. Die zu Zeiten der
Vollbeschäftigung abgefederte "soziale Frage" taucht ungeschminkt
wieder auf: Risse im sozialen Netz, Krise des Urbanen, Arbeitslosigkeit,
Massenarmut. Die physische Lohnarbeit hat sich gewandelt zu einer Ökonomie
der Information, deren Hauptressource die "immaterielle Arbeit" wurde.
Der abzuschöpfende Mehrwert wird nicht mehr in der Fließbandproduktion
erwirtschaftet, sondern im Bereich einer globalen Finanz- und Kommunikationsdienstleistung,
weshalb die Fertigkeiten im Umgang mit Information und Kultur die klassische
Handarbeit ablösen.
Je komplexer, globaler und kollektiver
die Produktion, desto bestimmender wird die durch informationelle, kulturelle
und sprachliche Fertigkeiten gekennzeichnete Organisation als Maßstab
des Reichtums. Lazzarato spricht davon, daß "die Seele der Beschäftigten
zum Teil des Unternehmens" geworden sei. Nicht mehr die Physis, die Subjektivität
rückt in die Verfügungsgewalt der Ausbeutung. "Immaterielle Arbeit"
ist folglich die Fähigkeit, produktive Kooperationen in Gang zu setzen
und neue Mehrwert-Abschöpfungen zu generieren.
Dafür liefern die diskursiven
Langzeitarbeitslosen die passenden Bilder und Begriffe: Interface, Schnittstelle,
Crossover, kollektive Produktion. Die "kulturelle" Aufwertung der Waren
(Mode, Geschmack, Einflußnahme auf Konsumgewohnheiten und die öffentliche
Meinung) besorgen Künstler und Intellektuelle, die bei der Ausschüttung
der Dividende allerdings zumeist leer ausgehen (ausgenommen die Organisatoren
dieses Prozesses, d.h. jene zahlreichen, im Crossover-Zeitgeist agierenden
Dr. Mottes, die ihre eigene Subjektivität ausbeuten).
Etwa Mitte der Neunziger, parallel
zur Repatrisierungs-Politik im Zuge der "Wiedervereinigung", die in der
Bezeichnung "Generation Berlin" gipfelt - das Label eines mündig-unmündigen
Ost-West-Mutanten -, wurde auch eine neue Jugendbewegung, Techno, diskursdominant,
ja mehr noch, Teil der Alltagskultur. Die Love Parade überschritt
explosionsartig die Millionengrenze und ist seitdem unaufhaltsam auf Expansionskurs
im Feld des Mikropolitischen, z.B. in der Berliner S-Bahn.
Am Tage der Love Parade, dieses
Karnevals der sächsischen und thüringischen Jugendkulturen, mischen
sich in den Berliner S-Bahnen Körper- und Sprachpolitiken der euphorisierten
Raver zu einer folkloristischen Protestform, die nach einer Signatur im
Alltagsleben begehrt. Die Beats von Westbam, die aus den transportablen
Hochleistungs-CD-Playern wummern, verwandeln den Waggon in eine revolutionäre
Einzelzelle. Kaum steigen in der Papestraße Polizisten ein, zünden
sich die Kids eine Zigarette an. "Rauchen verboten", maulen die Bullen.
"Tschuldigung", rufen die Raver und drücken ihre Kippen auf den Sitzen
aus. Jugendprotest 2000.
Bezogen auf die kleine Enklave des
Gegenkulturellen, wo die kreativen Langzeitarbeitslosen ihre "immaterielle
Arbeit" verrichten und die stets die frühen Avantgarden zur Legitimation
des Counter-Culture-Anspruchs herbeibemühen, hat die Love-Paradisierung
des Mikropolitischen auch hier voll durchgeschlagen. Dies konnte nur in
Berlin, der Stadt ohne Eigenschaften, nach Mauerfall passieren, und diese
weitgehend politikfreie, auf dem Feld des Kulturellen sich vollziehende
Mutation wurde an die Heilsbotschaft der "Berliner Republik" angekoppelt.
Künstler und Bauunternehmer strömten gleichermaßen in die
Goldgräberstadt, aufeinander angewiesen bei Projektentwicklungen und
einander legitimierend im ökonomischen Versprechen. Die Fußmatte
für den Eintritt in die "Berliner Republik" heißt "Neue Mitte".
"Seid Subjekte", lautet der Ordnungsruf
der Gesellschaft. "Sind wir längst", antworten die Künstlersubjekte
und stellen ihre immaterielle Selbstverwertung in den Dienst der materiellen
Abschöpfung. Euphorisiert vom gesellschaftlichen Bedeutungszuwachs,
von 630-Mark-Jobs und flexiblen Körperpolitiken verwechseln sie Lebensstil
mit ästhetischer Arbeit, die, so Negris Hoffnung, einer "Logik der
Separation" folgend, den Reproduktionszyklus unterbrechen und aus "immateriellen"
Arbeitern "autonome" Subjekte konstituieren helfen könnte.
Negri: "Die Epoche, an deren Beginn
wir gerade stehen, ist gekennzeichnet durch die Tendenz der immateriellen
Arbeit, hegemonial zu werden, und zugleich durch die Antagonismen, die
das neue Verhältnis zwischen der Organisation der Produktivkräfte
und dem multinationalen kapitalistischen Kommando hervorbringt; die Problematik
der Konstitution verweist somit, vom Standpunkt der Massenintellektualität
aus betrachtet, auf die Form der Räte, der Sowjets, und wie es gelingen
kann, sie aufzubauen."
Gute Frage.
Ich kannte mal einen Punk, der in
die Depression abtauchte, weil seine Ratte von einem Mercedes überfahren
worden war. Als er aus seiner Höhle wieder herauskroch, trug er lange
Haare und saubere Klamotten. Er organisierte den Berliner Studentenstreik
1988, brach aber sein Studium der Politikwissenschaft ab, als ihn ein Trabi-Fahrer
nach dem kürzesten Weg zum nächsten Sex-Shop fragte. Er lotste
den geilen Ossi ins tiefste Rep-Neukölln. Jahre später, er hatte
eine Menge Jobs und Last-Minute-Reisen hinter sich gebracht, saß
er auf seinem morschen Balkon in Prenzlauer Berg, goß die Blumen
und las in der Zeitung, daß Toni Negri nach 15 Jahren Exil in Frankreich
freiwillig nach Italien ins Gefängnis zurückkehrte, "um den Geist
kollektiven Lernens, diese Freude an der Veränderung, diesen angenehmen
Beigeschmack des gemeinsamen Wissens wiederzufinden - die Seele der Bewerbungen
der siebziger Jahre". Wieder tauchte er in die Depression, und als er nach
zwei Jahren erstmals wieder seinen Balkon betrat, der voller Taubenscheiße
war, konnte er vom dritten Stock aus die Mutanten der "Berliner Republik"
sehen, die ihre Subjektivität spazieren trugen.
Sie kauften in Feinkostläden
und Trash-Boutiquen ein, tranken Milchkaffee in tropenholzfreien Cafés
und schlürften ihr Beck's in selbstgezimmerten Hinterhof-Clubs, die
nur wenige Wochen existierten. Die Untergrund-Kartographie, von der Thomas
Pynchon immer geschrieben hatte, war an die Oberfläche getreten, aber
deshalb nicht weniger geheimnisvoll. Das Leben war nicht mehr auf der Flucht,
sondern geknotet worden zu einem imaginären Netz, das die Risiken
der falschen Bewegung mühelos auffing.
Er erkannte in ihnen, den Jungkreativen
und Spaßoptimisten, die neuen, frisch geduschten, kanten- und faltenlosen
Wesen der "Berliner Republik", welche die seelenlose Glätte der Freizeitgesellschaft
spiegeln, und zugleich die Individuen der Massenintellektualität.
Die kodifizierte Form des nach außen getretenen Untergrunds markierte
den Übergang der Revolte in das Feld der Appropriation. Ja, der öffentliche
Raum war gleichbedeutend mit dem Verlassen des Zuhauses. Das Leben war
noch immer auf der Flucht. Die Körper kollidierten mit anderen Körpern,
veränderten diese und wurden von ihnen verändert.
Der Punk warf endgültig die
Valium-Tabletten weg. Er räumte den Taubendreck von seinem Balkon,
reparierte den Sessel und cremte sich mit Sonnenschutzfaktor zwölf
ein. Dann schloß er die Augen. Nach zwei Stunden Nachdenken wußte
er, was zu tun war.
Toni Negri/Maurizio Lazzarato/Paolo
Virno: Umherschweifende Produzenten. ID Verlag, Berlin 1998, 128
S., DM 24
Toni Negri: Ready-Mix - Vom richtigen
Gebrauch der Erinnerung und des Vergessens. b_books, Berlin 1998, 91 S.,
DM 19,80 |