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Über den Zweikampf
Vor 200 Jahren wurde Alexander Sergejewitsch
Puschkin geboren. Einige Überlegungen zu seiner Novelle "Der
Schuß".
Von Stefan Ripplinger
Das Verstehen ist ein Treppenwitz.
Sobald es sich erfüllt, ist das, was verstanden worden ist, vorüber
und verloren. Die avancierte Literatur hat sich stets bemüht, diesen
Zusammenhang zu erhellen. Aber sie kommt natürlich nicht gegen die
Illusionen des Verstehens an, die sich in jeder Gesellschaftsformation
- erst recht in der sogenannten Kommunikationsgesellschaft - erneuern.
Bemerkenswert ist, wie die Literatur
sich der traditionellen Mittel bedient, um die Tradierung der Verstehensillusion
zu hemmen. Wenn Alexander Puschkin in seinen "Erzählungen des verstorbenen
Iwan Petrowitsch Bjelkin" auf kunstvolle Weise die eigene Autorschaft unkenntlich
zu machen versucht, verwendet er eine seit der frühen Aufklärung
bekannte und zu seiner Zeit längst zum Topos abgesunkene Konstruktion.
"Travels Into Several Remote Nations of the World By Lemuel Gulliver",
"MS. Found in a Bottle" - weder den Lesern Jonathan Swifts noch denen Edgar
Allan Poes wird verborgen geblieben sein, wer der tatsächliche Urheber
dieser Schriften war.
Und niemand wird Puschkin abgenommen
haben, nicht er, sondern Iwan Bjelkin habe die genannten Erzählungen
verfaßt und ihm, Puschkin - genauer: "A.P." -, komme lediglich das
Verdienst zu, diese Papiere herauszugeben, die ansonsten vielleicht dazu
verwendet worden wären, "im Winter die Fensterrahmen zu verkleben".
Doch es zeigt sich sogleich, daß
dies Mittel kein blasser Schmuck, sondern konstitutiv für den Text
ist. Denn die Distanz zwischen dem Herausgeber A.P. und dem, was er herausgibt,
vergrößert sich, je weiter die Erzählung fortschreitet.
Zunächst wird fingiert, Bjelkin erzähle gar nicht selbst, er
habe nur die Erzählungen anderer aufgezeichnet. "Der Schuß"
etwa, die erste Novelle aus der Bjelkin-Sammlung, stamme von einem "Oberstleutnant
I.L.P.". Man ahnt, was folgt: Auch dieser Oberstleutnant erzählt nicht
aus eigenem Erleben, er gibt weiter, was er von einem eigenartigen Mann
gehört hat.
Dieser Mann nun - das gehört
zu dem Prozeß der Distanzierung - ist vielleicht ein Landsmann, "doch
klang sein Name ausländisch". Sylvio - "so will ich ihn nennen" -
gehört nicht dem Regiment an, in dessen Lager die erste Hälfte
der Novelle spielt, er bleibt schweigsam, widerspenstig, fremd.
Inzwischen ist die stete Distanzierung
und Verfremdung an einem Punkt angelangt, an dem entweder eine Erklärung
folgen muß oder die Personen, ohnehin schemenhaft, sich vollständig
auflösen. Es trifft also ein Brief ein. Er ruft Sylvio zum zweiten
Teil eines Duells, dessen erster - wie er endlich, um keine "ungerechte
Ansicht" über sich selbst zurückzulassen, berichtet - vor Jahren
stattgefunden hat. Sylvios Gegenüber war damals das Recht zum ersten
Schuß zugefallen, er hatte Sylvios Mütze durchlöchert.
"Nun lag sein Leben endlich in meiner Hand; gierig hing ich an seinem Gesicht,
bestrebt, wenigstens einen Schatten von Unruhe darin zu erblickenÖ
Aber er suchte, obwohl meine Pistole auf ihn gerichtet war, gleichmütig
die reifsten Kirschen aus seiner Mütze und spuckte ruhig die Kerne
aus, die bis zu mir rollten. Sein Gleichmut brachte mich nur noch mehr
auf. Was nützt es, mußte ich denken, ihm jetzt das Leben zu
nehmen, wenn ihm dieses überhaupt nichts bedeutet?" (Übers. v.
Johannes von Guenther)
Der letzte Satz ist widersprüchlich.
Denn daß dem andern sein Leben "nichts bedeutet", heißt hier
doch, daß er vollkommen in ihm ruht, daß er allein auf sich
und dieses Leben bezogen ist. Selbst daß er der kommenden Kugel Sylvios
seine Kirschkerne entgegenspuckt, ist alles andere als Ironie oder Aggression,
er bleibt ganz ruhig, ganz unbewegt. Sein Gesicht zeigt nicht "einen Schatten
von Unruhe"; er erwartet nichts und gibt also keine Antwort. Ein Duell
ist ein Gespräch, ein Gespräch ist ein Duell, doch dieser Schütze
hier will weder reden noch zuhören. Also antwortet Sylvio auf diese
Verweigerung seinerseits mit einer Verweigerung. Er spart sich die Kugel
für eine spätere Begegnung auf.
An dieser Stelle wird die Erzählung
unterbrochen. Der Erzähler wechselt die Seiten des Zweikampfs. Er
entdeckt Jahre später im Salon eines Grafen eine "Schweizer Landschaft",
ein Gemälde, "das von zwei Kugeln durchbohrt war, von denen die eine
auf der andern saß". Der Graf berichtet, er sei der Kirschkern-Spucker
gewesen. Mitten in des Grafen Flitterwochen sei Sylvio - der durch den
Brief von der Heirat erfahren hatte - zurückgekehrt und habe das Duell
zu Ende führen wollen; seine Pistole, habe Sylvio ihn höhnisch
gewarnt, sei "nicht mit Kirschkernen geladen". Die beiden losen erneut
um den ersten Schuß. Der Graf feuert abermals zuerst und trifft abermals
daneben - mitten in den Ölschinken. Doch diesmal - die Gräfin
betritt den Salon - ist er alles andere als gleichgültig, als Sylvio
auf ihn zielt.
Sylvio verzichtet auf die Beendigung
des Duells: "Ich bin befriedigt: sah ich doch deine Verwirrung und deine
Zaghaftigkeit; ist es mir doch sogar gelungen, dich zu veranlassen, auf
mich zu schießen. Das genügt mir." Er gibt im Gehen noch einen
Schuß ab, und sein Geschoß trifft genau auf das des Grafen.
Geht es um den Gegensatz Kirschkern
und Kugel, Spiel und Ernst? Es geht um das ernste Spiel der Bedeutungen,
um leeres und - scheinbar - erfülltes Zeichen. Die Pistolenkugel des
Verschmähten sitzt auf der des ihn Verschmähenden wie ein reduplizierter
Signifikant am anderen. Es sieht so aus, als ob der Zufall, indem er wiederholt
wurde, zu einer Bedeutung geworden wäre, weil ein Zeichen sich mit
dem andern vollständig deckt. Und doch befindet sich zwischen dem
ersten und dem zweiten Projektil, zwischen Frage und Antwort ein unüberbrückbarer
zeitlicher und damit semantischer Abstand. Mag die Gesprächssituation
auch beim zweiten Mal günstiger sein - beide willigen in die Spielregeln
ein, beiden ist nun klar, was auf dem Spiel steht -, wird das Gespräch
doch erneut abgebrochen. Das Duell ist zu Ende, erst dann setzt Sylvios
Kugel den Schlußpunkt. Es geht also nicht bloß um eine Überkreuzung,
sondern um eine Verfehlung, ein Sich-Verfehlen (und das bleibt das bestimmende
Thema auch der weiteren Bjelkin-Novellen).
Sowenig der Autor mit sich selbst
übereinstimmt, sowenig kommt hier Verstehen zu sich, es sei denn im
Exterritorialen, in einer "Schweizer Landschaft". Sylvio genügt es,
den Grafen verwirrt und zaghaft zu sehen, es genügt ihm, daß
der andere geschossen, daß er ihm sein Gesicht zugewandt hat. Aber
das ist alles, was dem Sprechenden bleibt, diese Aufmerksamkeit, Gerichtetheit;
auf ein Verstehen im emphatischen Sinn dagegen ist nicht zu hoffen.
Nicht nur der kommunikative Austausch,
auch der Vorgang des Verstehens selbst endet notwendigerweise entweder
mit dem Absterben der Empfindungen, auf die es zielte, oder mit dem Nicht-Verstehen.
Das liegt in der Logik der Sprache selbst. Werner Hamacher schreibt in
der Einleitung zu seinem Buch "Entferntes Verstehen" (Ffm. 1998): "Versteht
sich das Verstehen, so hat es schon die Erschütterung, das Schauern,
Verwundern und Lauschen, von dem es ausgegangen ist, vergessen - und es
versteht also nicht, weil es seine Herkunft nicht versteht. Bleibt es aber
beim Staunen, so kommt es nicht zum Verstehen (...)."
Hamacher handelt hier allerdings
nicht von einer Kommunikationssituation, sondern vom Verstehen als einem
einsamen Akt. Was Puschkin uns zu sehen lehrt, ist, daß auch das
Verstehen-im-Dialog einsam ist, ein einsamer Zweikampf, der, wenn er nicht
die Körper abtötet, die Bedeutungen ins Nichts gehen läßt.
Ein ganz anderer Treppenwitz ist
es, daß der vor 200 Jahren geborene Autor von "Der Schuß" 1837
an den Verletzungen starb, die ihm eine Duellkugel beigebracht hatte. |