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2.Juni 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"2000 Jahre danach: Was bleibt von Jesus Christus?"

Der Spiegel, Nr. 21/99

Deutsche Mehrzweckhalle

Einen klassischen Ost-West-Bilder-Streit haben sich die Kuratoren der Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" in Weimar eingehandelt. Nach der heftigen Kritik an der Konzeption der in drei Abteilungen gegliederten Schau - Moderne, NS-Kunst und DDR-Kunst - signalisierten die Ausstellungsmacher jetzt ihre Bereitschaft zum Einlenken.

Nicht gefallen lassen wollten sich die Künstler aus der ehemaligen DDR, daß ihre Arbeiten gemeinsam mit Objekten aus der NS-Zeit in einer Mehrzweckhalle gezeigt werden. Auch die Hängung der Bilder fand bei den Beteiligten zum Erstaunen des Kurators Achim Preiß keinen Zuspruch. Während dieser seine Idee, möglichst viele Bilder auf möglichst wenig Raum zusammenzudrängen, als ein dynamisches und auf Vollständigkeit angelegtes Konzept verteidigt, fühlen sich die Künstler eher an eine Rumpelkammer erinnert. Auch den Einfall, die Bilder vor einer grauen Plasteplane zu zeigen, hält nur der Kurator für schlau. Preiß assoziiert: "Die DDR war doch auch grau." 

Daß man mit dieser Interpretation der DDR-Kunst völlig daneben liegt, wollte auch der Direktor der Kunstsammlung Weimar, Rolf Bothe, nicht eingestehen, immerhin aber hat er einige Änderungen versprochen. "Wir werden in etwa zehn Tagen die Hängung während der Öffnungszeiten behutsam korrigieren", erklärte er am vergangenen Montag. Laut Bothe sollen die Bilder künftig in klare Gruppen nach Leihgebern und in zeitlicher Chronologie gegliedert werden. Daß sich die Kritiker der Schau durch kleinere Umgruppierungen der Exponate beschwichtigen lassen, ist allerdings unwahrscheinlich. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse verteidigte die gezeigten Bilder: "Schon die Kombination ist eine bestimmte Interpretation, und wenn man die Ausstellung sieht, hat man als ehemaliger DDR-Bürger den Eindruck, das sei eine Denunziation von Kunst in der ehemaligen DDR - als sei diese SED- oder staatshörig gewesen." Für die Differenzierung bleibe kein Raum.

Allerdings verzichten auch die Gegner der Ausstellung bisweilen auf Nuancierungen: Der Berufsverband Bildender Künstler Berlin hat im Auftrag der Künstlerin Elena Olsen eine Unterlassungsklage gegen die Stadt Weimar angekündigt, sollten die Werke nicht aus dem diffamierenden Kontext herausgelöst werden. Die Bilderschau in Weimar erinnere an die NS-Ausstellung "Entartete Kunst".

Polizeischutz für Walser

Für einen Nachhall der Walser-Debatte, die mit Beginn des Kriegs im Kosovo plötzlich beendet war, sorgten am vergangenen Wochenende einige Demonstranten in Freiburg. Während Martin Walser im Rahmen des 89. Deutschen Bibliothekstages noch mal die Highlights aus seinem Roman "Ein springender Brunnen" vortrug, wurde draußen vor der Halle mit Trillerpfeifen protestiert. Die Veranstalter nahmen sich ein Vorbild am Grünen-Parteitag und stellten die Lesung unter Polizeischutz.

Kein Platz im Keller

Nach mehr als vier Jahren kehrt die vielen Anfeindungen von rechts ausgesetzte Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht nach Hamburg zurück und wird von einem Verein übernommen, der u.a Innenminister Otto Schily, den Präsidenten des Bundesarchivs, Friedrich Kahlenberg, und Brigade-General a.D. Winfried Vogel zu seinen Mitgliedern zählt. Eine recht beunruhigende Vorstellung, auch wenn dem Kuratorium unter anderem Ignatz Bubis und der österreichische Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky (er hielt die Rede zur Ausstellungseröffnung in Wien) angehören. Daß die Dokumentation demnächst in den Archiven verschwindet, steht aber nicht zu befürchten: Es liegen noch Anfragen aus rund 60 Städten im In- und Ausland vor; unter anderem wird es eine englischsprachige Version geben, die in New York, Chicago und voraussichtlich auch Kalifornien gezeigt wird. 

Naumann, Naumann

Bei der Beisetzung von Sidonie Nadhérna in ihrem tschechischen Geburtsort Janovice ging einiges durcheinander. Wer ist wer und hat was gesagt? 

Daß Michael Naumann, der gemeinsam mit Antje Vollmer zur zweiten feierlichen Bestattung der bereits 1950 in London verstorbenen und beigesetzten Karl Kraus-Geliebten angereist war, während des Zeremoniells mit "Karl" Naumann angesprochen wurde, dürfte den Staatskulturminister wohl gefreut haben, bekannte er doch in Janovice, seine "36 000 Seiten Karl Kraus" hinter sich zu haben, empfahl, es ihm nachzutun, vor allem in der Fackel zu lesen, um den Kosovo-Konflikt verstehen zu lernen, und gab das "berühmteste Karl Kraus-Zitat" (Naumann) zum besten. Wer seine 36 000 Seiten Karl Kraus gelesen hat, weiß, das berühmteste Karl Kraus-Zitat lautet: "Mir fällt zu Hitler nichts ein" und findet sich in "Die Dritte Walpurgisnacht".

Zum Glück ist Janovice weit, und Kamerateams waren nicht zugegen, die Reporterin der FAZ allerdings hat es gehört, als der deutsche Kulturminister zitierte: "Mir fällt zu Karl Kraus nichts ein."

  •  Die Nachrichten wurden von Bergemann, Blömeke und Runge zusammengestellt
Gegendarstellung

In der Wochenzeitung "Jungle World", Ausgabe Nr. 21 vom 19.05.1999, ist auf Seite 24 ein Beitrag unter der Überschrift "Rechtsschreiber" abgedruckt, der unrichtige Behauptungen über meine Person enthält, die ich wie folgt richtigstelle:  Sie berichten, daß ich Mitglied in neonazistischen Vereinen, wie z.B. der Artgemeinschaft e.V., sei.

Hierzu stelle ich fest, daß ich weder Mitglied dieser Organisation noch sonst eines neonazistischen Vereins bin.

Berlin, den 21.05.1999

Gernot Holstein

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