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Schwarz in Schwarz
Über die Verwechslung rechter
und linker Strategien in Lutz Dammbecks "Meisterspiel".
Von Roberto Ohrt
Der Film von Lutz Dammbeck über
die obskure Aktion gegen den Künstler Arnulf Rainer, bei der 30 seiner
Bilder schwarz übermalt wurden, widerspricht zunächst einem vereinfachenden
Verständnis der Sache. Mit jedem Zug seines "Meisterspiels" wird es
schwieriger, den Anschlag als einen singulären Akt zu verstehen, geschweige
denn als jenen immer noch unaufgeklärten Verstoß gegen das Gesetz,
der durch Tatzeit und -ort zumindest auf einen Septembertag des Jahres
1994 in Wien einzugrenzen wäre. Der Filmemacher trägt statt dessen
die Erkenntnisse über den Vorgang wie einen McGuffin von Schauplatz
zu Schauplatz, wobei die Komplexität der gesellschaftlichen Situation
immer deutlicher vor Augen tritt.
Die Aktion gegen den österreichischen
Künstler ist also nur für einen unreflektierten dokumentarischen
Ansatz das, was vielleicht rein faktisch von ihr festgestellt werden kann,
und so ist es konsequent, wenn Dammbeck bereits das Einschreiten der staatlichen
Garanten objektiver Tatbestände als problematische Angelegenheit festhält.
Der ermittelnde Kommissar gesteht vor der Kamera, daß er die ihm
angezeigte Zerstörung anfangs gar nicht habe erkennen können
und ganz auf die Angaben des geschädigten Künstlers angewiesen
war. Man spürt, daß mit diesem Mangel an Kompetenz etwas ins
Ungleichgewicht kommt, wofür nun eigentlich auch ein Verantwortlicher
gefunden werden müßte, aber dann kann der Staatsbeamte berichten,
daß selbst der Künstler nicht alle Schäden gleich erkannt
habe, und die Balance scheint wiedergefunden.
Die Aktion wurde also vom ersten
Moment an zum Anlaß für Bewertungen, neuerliche Beleidigungen,
Parteinahmen und Denunziationen; das bestehende gesellschaftliche Gefüge
zeigt sich als ein ständig aktives Feld, das mit seinen Kräften,
Interessen und Mächten die Wirklichkeit und ihre Fakten fortwährend
vor- oder nachkonstruiert, so daß hier keinesfalls ein objektives,
gerechtes oder zufälliges Urteil zu erwarten ist (früher wurde
für die Orientierung der meisten Effekte dieser Art ein Begriff wie
Klassenjustiz verwendet; heute wird ein Schauplatz dieser Vorgänge
mit dem Begriff institutioneller Rassismus gefaßt).
Der Filmemacher bewahrt gegenüber
seinem Fall zunächst eine gewisse Gelassenheit; er läßt
statt dessen einige Menschen zu Wort kommen, die offensichtlich etwas mehr
mit der Sache zu tun haben wollen und denen zuzuhören ziemlich erschreckend
ist. Da sitzt der ehemalige Apo-Aktivist Reinhold Oberlercher in seiner
Hamburger Wohnung und redet von Wien als einer "Wetterecke des deutschen
Geistes", in der allerhand für und wider die "deutsche Hochkultur"
-wie er sagt - "gebacken" wurde. Während er in Strukturen wie "Ordnung
gegen Moderne" denkt, zeigt sein Gesicht doch recht deutlich, daß
er Lust an Bestrafungen hat, und man kann sich vorstellen, wie weit die
gehen, wenn zum Beispiel Freuds Psychoanalyse, die "erste wirklich großartige
jüdische Nationalideologie" (Oberlercher), für sein "Empfinden"
nur "Pornographie" ist.
Oder ein Mitarbeiter der Zeitschrift
Tumult, der sich unbeschwert durch die Zeiten fabuliert, um die Moderne
der Nachkriegsgeschichte als "strukturellen Nachfolger" des Nationalsozialismus
darzustellen, zur Zeit die "einzige erlaubte Diktatur". Oder schließlich
auch die Cousine des Künstlers, die da ganz rosig und spitz ihren
Faschismus anhat wie ein fesches Dirndl und weiß, daß "das
eigentliche Volk" nach der Niederlage ein Hereinbrechen "artfremder Strömungen"
nicht hat verhindern können. "Und das war auch in der Kunst so Ö
die entartete KunstÖ"
Ich habe nichts dagegen, daß
diese Menschen im Film zu Wort kommen; ich brauche da keinen Zensurrahmen,
der mir sagt: "Achtung, das ist ein Nazi! Nicht glauben, was er oder sie
sagt!" Das kann ich selbst entscheiden, und außerdem schätze
ich gerade diese Zeichenlosigkeit oder die alltägliche und unvorbereitete
Schauseite, die zur nazistischen Gefahr ebenso gehört hat wie sie
ein Kennzeichen derer sein wird, die in Zukunft dieselbe oder ähnliche
Arbeit ohne das historische Etikett verrichten wollen. Der Film zeigt von
dieser Wirklichkeit aufschlußreich viel.
Dammbeck läßt die Kamera
in den Kaffeehäusern immer mal wieder zu den Nachbartischen hinüberschweifen
und neben der Genügsamkeit des Herumsitzens dieser fremden Menschen
entwickelt seine Dokumentation allmählich einen leicht koketten Blick.
Und wenn der Film dann in einem schmalzigen Beschwichtigungsgesang beim
Heurigen längst vergangener Tage endet, lehnen sich auch Dammbecks
Motive ein wenig zurück: Was soll man schon machen in dieser Ecke
der Welt, die so sehr ihrem zeitlosen Klischee gleichen möchte? Der
resignative Schußakkord versiegelt seine Dokumentation und schützt
sie als Abrechnung mit im Grunde doch der Vergangenheit angehörenden
Begriffen. Da kann man schon mal vermuten, daß auch der Unterschied
zwischen links und rechts eine veraltete Sache sei ...
Nun war allerdings im Film gerade
ein Stück des zeitgenössischen gesellschaftlichen Panoramas in
seiner ganzen Komplexität sichtbar geworden und auffallend deutlich
hatte man in den Elementen des modernen Lebens die Konturen einer alten,
allzu bekannten und aktiven Welt gesehen. Will Dammbeck dieses moderne
Bild nicht erkennen, diese Banalität der Gesichter des Terrors? Auch
alt und wieder neu die brave Normalität, die zum Anblick des Schrecklichen
gehört, mag man glauben, sie hätten nichts miteinander zu tun:
die herausgeputzte Cousine mit ihrer über sich selbst erfreuten Sauberkeit,
der souveräne Stratege aus Haiders Riege, der aus der Logik der Zeit
die Eckpunkte eines generellen Alibis für alle rechten Terrorakte
hervorzieht, der Kommissar, der nicht so recht erkennen will, was er angesichts
dieser Kunst gegen ihre Zerstörung tun soll, und dann - Dammbeck nimmt
diese Seite der Gegenwart mit Recht hinzu - die Opfer jener Briefbomben,
die von rechtsradikalen Militanten in Österreich verschickt wurden;
eine ihrer Bomben tötete in Oberwart vier Roma.
Die Kommentare im Umkreis dieser
Bilder gestatten sich nun eine bemerkenswerte Unschärfe der Begriffe.
Dammbeck läßt sich vor allem auf die haarsträubenden Konstruktionslinien
irgendeiner historischen Legitimität ein, die die Bajuwarische Befreiungsarmee
in ihren Bekennerschreiben zu den Briefbomben zusammenphantasiert, um eine
"deutsche Identität Österreichs" und allerhand anderen Plunder
ins Gespräch zu bringen, und gerade hier spricht er noch einmal ausdrücklich
von einem Spiel, einem "aktionistischen Gesamtkunstwerk aus militärischen,
historischen und künstlerischen Elementen, ein Kunstspiel Ö"
Gründungsmythologien für
Nationen, Sekten oder Militärapparate suchen für ihre schwache
und meistens unlogische oder willkürliche Argumentation immer ein
haltbares Gerüst aus geheimnisvollen Zeichen und vielfältig deutbaren
Bezügen, um insbesondere Widersprüche verleugnen zu können.
Und bekanntlich führt die paranoide Struktur in extrem autoritären
Hierarchien zu Wahngebilden bei ihren Mitgliedern, die sich meist ausgesprochen
resistent - um nicht zu sagen aggressiv - gegenüber jedem Realitätsbezug
verhalten; nichts anderes teilt die rigide Dürftigkeit des starren
Formenkanons ihrer Zeichenwelt mit.
Wer also jedes Bild oder jede Vision
ein Kunstwerk und jede Bewegung innerhalb eines Beziehungswahns einen Spielzug
nennt, verliert nicht nur die Begriffe. Und wenn er ausgerechnet das zwanghafte
Bedeutungssystem, in dem die Bajuwarische Befreiungsarmee ihren Größenwahn
spinnt, als etwas Künstlerisches oder gar Spielerisches wahrnimmt,
ist das mehr als nur naiv. Es ist gefährlich und verdreht die Tatsachen,
denn offensichtlich waren diese Aktionen alles andere als ein Spiel.
Angesichts der Toten von Oberwart
zeigt sich Dammbeck als der zynische Beobachter, der er, nicht ganz so
deutlich, auch dann ist, wenn man ihn um genauere Auskünfte bittet
und er die Interesselosigkeit seines "Meisterspiels" in Frage gestellt
sieht. Er hat es natürlich leicht, gegenüber einer sich zu schnell
erhitzenden Empörung demonstrativ Ruhe zu bewahren, aber daß
er gegenüber Kritikern besonders gern mit der Unendlichkeit all der
nicht verwendeten Ergebnisse seiner Recherchen jongliert, verrät ein
Spiel, das die verdeckten Karten braucht.
An dieser Stelle können wir
zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren: Es gibt zu dem Attentat auf
Rainers Kunstwerke einen ziemlich langen Text, der sich gleichermaßen
als politischer Essay und Bekennerschreiben gefällt. Dammbeck bemerkt
im Film, dieser "Text ist interessant und macht Lust, ins Spiel einzusteigen";
das klingt zwar, als sei der Text zum Anlaß für den Film geworden,
aber nach ein paar herausgefischten Stichworten und Anstreichungen hat
er ihn schon wieder zur Seite gelegt.
Wenn man das ganze Bekennerschreiben
liest, wundert man sich darüber nicht: Es ist eigentlich uninteressant,
in der Hauptsache eitel und geschwätzig. Es wiederholt zum Beispiel
die kunstfeindlichen Standards des konservativen Lagers, das sich nicht
erst seit den fünfziger Jahren immer daran ergötzt hat, irgendwelche
halbverstandenen Bruchstücke der Moderne wie Absurditäten aufzuspießen,
um dann ein gesundes Kunst- und Volksempfinden dagegenzuhalten. Wenn dieses
Schriftstück zu irgend etwas Anlaß geben kann, dann dazu, die
Feigheit, Selbstgerechtigkeit und Aggressivität seiner nicht nur an
Kunst nicht interessierten Autoren aufzudecken.
Allerdings spricht Dammbeck in seinem
Film auch nicht sonderlich klar über das Attentat, dem das Bekennerschreiben
nachgeschoben war, und anstatt diese Tat von der Kunst Rainers abzugrenzen,
macht er sich zum Komplizen knalliger Vereinfachungen: Der Übermaler
wurde übermalt, der Provokateur provoziert. Diese vordergründigen
Eindeutigkeiten bilden auch den aggressiven Kern der Aktion, die die künstlerische
Haltung von Rainer und mit ihr die moderne Kunst erschüttern wollte.
Es gibt jedoch einen eklatanten Unterschied, der sehr einfach benannt ist:
Als Rainer zum Beispiel 1961 während einer Vernissage das preisgekrönte
Kunstwerk einer anderen Künstlerin übermalte, wurde er sofort
als Täter dingfest gemacht und bekannte - etwas geschockt von den
Konsequenzen - er habe nur auf seine eigene Ausstellung aufmerksam machen
wollen. Rainer handelte in der Öffentlichkeit, verwies auf sich und
wagte den Konflikt mit allen.
Diese individualistische Provokation
wollen die Attentäter treffen. Wenn sie sich über 30 Jahre später
in Rainers Haltung einschleichen, an seiner Stelle handeln und dann ins
Ungreifbare verschwinden, ist ihr Ziel ein einzelner, der sich kenntlich
und sichtbar macht. Für ihre eigene Person bewahren sie die Anonymität,
und anstatt sich zu ihrer Tat zu bekennen, lassen sie ihr Opfer damit allein.
Sie liefern es statt dessen einer Öffentlichkeit aus, von der man
weiß und folglich auch im Film sehen kann, daß in ihr immer
genügend Stimmen mobilisierbar sind, die im plakativen Verständnis
des Vorgangs den Platz für ihre Vorurteile suchen, auch die Verdächtigung
mitspielen lassen, der Künstler habe seine Werke womöglich selbst
übermalt und zwar, weil er - wie sollte es anders sein - dadurch zu
noch mehr Geld und Ruhm gelangen würde.
Die Anhänger solcher Vereinfachungen
im Umgang mit der Kunst reichen leider bis weit ins linke Lager, und wenn
Dammbeck an irgendeiner Stelle recht damit haben sollte, daß zwischen
rechts und links nicht mehr unterschieden werden könne, dann vielleicht
hier, denn tatsächlich wollen in der Linken es sich viele mit der
Kunst nur allzu oft genauso einfach machen wie die Rechten.
Dammbeck kommt diese Ungenauigkeit
nicht nur gelegen; er betreibt sie selbst. Er gibt kaum Anhaltspunkte für
einen Unterschied zwischen der Kunst von Rainer und dem Akt des Attentäters.
Obwohl es in seiner Dokumentation im Grunde nur um die Kunst dieses Malers
geht, wird ihrem Verständnis kein Raum gegeben, wird nicht klar, warum
Rainer malt. Dammbeck begnügt sich mit einigen geliehenen Äußerungen
und Kommentaren, die als unverständliche Abfolge von komplizierten
Begriffen oder verwunderlichen Fremdworten stehen bleibt und die Vereinfachung
nicht stören, sondern eher dazu reizen, sie als unnötige Umständlichkeit
beiseite zu schieben.
Der Anschlag auf Rainer lag auf
dieser Linie; er war eine Mobilisierung von Unterstellungen, die sich nicht
weiter bekennen müssen, um wirksam zu bleiben; er war ein grobes Nachäffen
der Praxis des Künstlers, bei dem die unsichtbare Grimasse seinem
Opfer anlastet, was der Täter selbst eigentlich gern wäre: ein
kleiner Hitler, den man nicht erwischt.
In Jungle World, Nr.22/99, schrieb
Ulrike Becker über "Das Meisterspiel". |