Der letzte Sommer
Gefährliche Orte LXIII: Am
22.Juni beginnt der Sommer und dauert bis zum 22. September. Dazwischen
ist viel Platz in der Stadt
Irgendwann Anfang Sommer lernt Kai
Linda kennen. Beide kommen zusammen. Beim Beachvolleyball in Friedrichshain.
Sie sitzen und trinken und rauchen - und quatschen bis spät in die
Nacht über den Krieg und die Jobs ihrer Eltern. Am nächsten Tag
dasselbe. Im Herbst sieht das mit Linda und Kai schon ganz anders aus.
Die Wetterkarte der BRD wird jeden
Tag roter. Jetzt ist sie schon so rot wie in Spanien. Sommer, Sommer. Der
letzte vor 2000. Leicht zu merken. "Von wann ist das Foto?" - "Das ist
von '99. Da waren wir mit den Kindern von Jochen und Inge am Müggelsee.
Das ist unser Boot. Das ist Hermann."
Sommer, also kaum Fußball,
kaum Politik. Nur Flugzeugabstürze, gemeldet im Autoradio zwischen
17. Juni und dem ersten Bier. Ansonsten: Hitzewellen weltweit, Ozon, zu
viel Ozon. Immer schlechtes Programm, weil laut Programm-Machern die Zuschauer
alle im Biergarten lungern und ein gutes Programm dann ja für die
Katz wäre.
Familie Finke kommt Anfang Juli
aus den USA zurück, steigt in Tegel aus und merkt: Hier ist es genauso
heiß. In Berlin gibt es derzeit einige Probleme, vorrangig mit Autokühlern,
dem Kreislauf, dem Schlaf, der Langeweile, den verbogenen Schienen, hängenden
Zungen. Es verbrennt der Rasen, der Wald und eine Menge Fleisch im Tiergarten.
Keiner geht mehr ins Kino, ins Theater,
ins Schaupielhaus, nach drinnen
im Café, nach Hause. Marcel
soll aufs Gymnasium, soviel steht mal fest. Noch kein Sommerhit auszumachen.
Die Love Parade findet trotz vierzig Grad im Schatten statt. Saberschinsky
befiehlt: "Die Feuerwehren und Wasserwerfer vom Waldbrand abziehen. Alle
zum Großen Stern! Laßt den blöden Wald brennen!"
Frau Schmidt stirbt vorm Lidl in
Wilmersdorf. Bricht einfach zusammen, morgens halbelf. Hatte Margarine,
einen Ventilator und Sonnenöl gekauft.
Die Cops patrouillieren in kurzärmeligen
Diensthemden mit Arm aus dem offenen Fenster und Cop-Brille durch die Stadt.
Sie duschen am Tag zwei Mal. Die Punks liegen vor den U-Bahnhöfen.
Punk Marion merkt: Zum ersten Mal pellt ihre Haut ab. Manfred baut in Marienfelde
inzwischen unbeirrt den Dachstuhl aus. Muß ja fertig werden.
Anziehen nach dem Aufstehen macht
wenig Sinn. Die Scheiße auf der Straße trocknet im Nu und weht
weg. Die Kassiererinnen kassieren knapp vor dem Delirium und denken kollektiv:
Noch zwei Wochen, dann vier Wochen Urlaub, Urlaub, Urlaub - macht 22,50.
Familie Finke verbringt die letzten
freien Tage im Garten in Lankwitz. Der Sprenkler könnte nach dem Geschmack
von Frau Finke ruhig länger laufen. Das kümmert Herrn Finke mit
Cowboyhut im Liegestuhl überhaupt nicht. Tochter Sonja ist, kaum war
sie da, schon wieder los, mit den anderen zum Beachvolleyball. Sie steht
immer noch unter Schock - wegen Kai und Linda. Der Sommerhit steht fest.
Er kommt dieses Jahr von Tabba and Shane und heißt "Be With You".
Manfred hört gar nicht mehr hin.
Keinen guten Sommer haben Jochen
und Inge. Inge muß den ganzen Tag bei heruntergelassenen Jalousien
und fiepsenden Ventilatoren das Sommerloch zukriegen, irgendwie, wie ihr
Chef meint. Und Jochen geht die Rumfahrerei im Bus auf die Nerven. Zwar
sind alle Kinder außer Marion bei Freunden am Müggelsee, aber
lieber wären sie in den Urlaub gefahren. Jochen und Inge sind wirklich
angefressen. Die Tickets nach Miami waren schon bezahlt, da kam beiden
der Dienstplan dazwischen. Inge warnt heute in ihrem Aufmacher vor Kopfsprüngen
in Badeseen.
Eine Kassiererin besucht im schwach
belegten Urbankrankenhaus ihre Schwester. Auf dem Schreibtisch sitzend
sagt sie: "Schön kühl hier. Schon von Frau Schmidt gehört?"
Vom Wahlkampf in Berlin ist nichts zu merken.
Marion hat Sonnencreme gekauft,
geht dann kurz nach Hause zum Duschen, Hund Max bekommt zu trinken, Marion
schmiert sich Lichtschutzfaktor 25 auf die Haut, ihr Nachbar repariert
Ventilatoren und hört im Radio, wie erst ein Flugzeug abstürzt,
dann "Be With You" und dann wie Bayern von Bremen auf die Mütze kriegt.
Marion hört den AB ab: "Hi, hier Linda, wir spielen Beachvolleyball.
Ich bin total happy. Wenn du Lust hast ..." Sie ruft zurück, sagt
ab, will lieber in die Waldbühne.
Die Europawahl endet mit einem Erdrutschsieg
für die christdemokratischen Parteien. Saberschinsky wird das nichts
nützen. Die Mode des Sommers, "Transparent" von Modemacher JoFo, läßt
die Berliner insgesamt kalt. Eindeutiger Sieger des Sommers: Eis und der
Longdrink "Blue Cool".
In diesen Tagen scheint der Kosovo-Krieg
sein Ende zu finden. Aber die Uno hat schon ein neues Problem, und zwar
das in der Kaschmir-Region. Die Internationale Funkausstellung floppt.
Im ZDF-Jahresrückblick heißt es später: "Über dem
Sommerloch bildet sich kurz eine dünne Schicht aus Entertainment."
Am Mittwochabend gegen 19 Uhr ist
es soweit, daß Marcel so gelangweilt ist, daß er seinem Brieffreund
in Köln schreibt. "Danke für Deinen Brief. Ich soll aufs Gymnasium.
Hier ist es todlangweilig und total heiß. Ich ziehe mich nach dem
Aufstehen schon gar nicht mehr an. Mein Vater baut mir ein neues Zimmer
..." Derweil knackt am Potsdamer Platz der Putz.
Mitten im Sommer sterben Christoph
Schlingensief durch eine vergessene Tretmine und Roger Moore an Herzversagen.
ARD und ZDF zeigen alle seine Filme. Die Volksbühne veranstaltet ein
Trauerhappening für Schlingensief, aber niemand kommt, weil keiner
ins Theater geht.
Die U-Bahnstation Fehrbelliner Platz
ist diesen Sommer der ödeste Ort der Stadt. Gefährlich ist es
am Wannsee. Dort kommt es in der Nacht zu einer Strandschießerei
zwischen zwei Polizeibeamten und einer rechtsradikalen Reisegruppe aus
Dresden, die ein Kreuz mit Kofi Annan dran in Brand gesteckt hatte. Der
Polizist Manfred K. wird mit Bauchschuß ins Krankenhaus eingeliefert,
sein Kollege Jochen L. kommt mit dem Schrecken davon. Am nächsten
Tag steht in der B.Z.: "Ku-Klux-Klan wollte baden. Dann schossen Nazis
auf Polizisten". Inges Ventilator gibt auf. Sie haßt ihre JoFo-Klamotten,
weil man in dem Zeug schwitzt, was nicht zu ihrem Beruf paßt, wie
sie findet. Saberschinsky nimmt am nächsten Tag seinen Hut.
Die Bullenhitze hält an. Die
BVG und die Kids drehen durch. Das Kosovo wird zum Protektorat der Vereinten
Nationen erklärt. Tabba and Shane treten zusammen mit den Prinzen
und anderen internationalen Bands in der Waldbühne auf. RTL 2 will
mit der Aktion "Faires Zusammenleben" für menschenwürdige Verhältnisse
in den Flüchtlingslagern sorgen. Das kümmert Marion einen Dreck.
Ins Prinzenbad zu kommen, ist reine Glückssache. Dieter Kunzelmann
wird beim Sonnenbaden am Schlachtensee verhaftet. Die Wasserwerke schlagen
Alarm: Zuviel Sonnenöl im Abwasser. "Sommerloch, du hast ausgespielt",
triumphiert Inge und macht ihr Kürzel.
Über Miami stürzt ein
Flugzeug ab. Unter den 400 Toten sind auch zahlreiche Deutsche. Das Wunder
des Sommers ist die nicht mehr für möglich gehaltene Rettung
der Kassiererin Ute T. und ihrer Schwester Judith. Im ZDF-Rückblick
heißt es: "Ihr Alltag wird nicht mehr derselbe sein." In "Menschen
'99" wünscht Ute T. sich "Be With You".
Marcel zieht unterdessen ein vernichtendes
Fazit seiner Sommerferien: Oma gestorben, Vater angeschossen, Zimmer erst
nächstes Jahr fertig, Affenhitze rund um die Uhr und jeden Abend 007.
Irgendwann Ende Sommer kommt Kai mit Sonja zusammen.
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