Macht und Öl in Nigeria
Der große Verteiler
Von Marc Sarell
Der Mann ist ein Träumer. Zwar
ist sein Traum, die Mitgliedschaft Nigerias in einer künftigen G 10
noch vor dem Ende des Jahrtausends, schon einige Jahre alt. Doch hat Olusegun
Obasanjo bis heute nicht davon abgelassen. Auch nicht, als er am vergangenen
Wochenende offiziell zum Präsidenten des bevölkerungsreichsten
Staates in Afrika ernannt wurde.
Mit dem Träumer Obasanjo, der
sich selbst als Visionär bezeichnet, sollen aber auch die Träume
und Visionen seiner Vorgänger aus dem Generalstab in Erfüllung
gehen. Die sind ganz banal: Nach der politischen Macht, der leider der
ökonomische Abstieg Nigerias folgte, soll nun die ökonomische
Macht folgen, allerdings ohne den entsprechenden politischen Niedergang.
Zu diesem Zweck hat man mit Obasanjo
einen Präsidenten nach Wunsch installiert. Er war schon einmal Präsident
des Landes und kennt noch die Verteilungsschlüssel zwischen den verschiedenen
Regionen; er hat lange Zeit die Armee befehligt und kennt daher die Verteilungsschlüssel
zwischen dem Staat einerseits und den verschiedenen Streitkräften
andererseits; er wurde im Ausland militärisch und diplomatisch ausgebildet
und kennt auch die Quoten für die Verteilung der Erträge aus
den Ölquellen. Wieviel bekam noch gleich Shell, wieviel wollte Texaco,
muß man BP auch noch was geben, wie wird der Rest in Nigeria selbst
aufgeteilt? Ein guter Träumer muß wohl auch ein guter Buchhalter
sein.
Solche Kenntnisse verdienen Unterstützung.
Die Finanzierung seines Wahlkampfs teilte sich denn auch die nun abgetretene
Machtclique mit ihren Vorgängern. Obasanjo bedankte sich brav und
präsentierte sich als gesamtnigerianischer Nationalist wider alle
Partikularinteressen aus den einzelnen Regionen. Und somit als der ideale
Verteiler, den seine Vorgänger und wohl auch einige westliche Energiekonzerne
in ihm sehen wollten.
Zum Dank für den Neuen fand
Texaco plötzlich zwei neue Ölquellen vor der Westküste -
in den vergangenen Jahren hieß es immer, alle Ölquellen im Atlantik
seien wahlweise erschlossen oder nicht zugänglich. Auch Shell will
da nicht abseits stehen. Dort stand die Firma in Nigeria zwar noch nie,
doch soll es nun erst so richtig losgehen. Für die nächsten Jahre
wurden umgerechnet 15 Milliarden Mark an Investitionen angekündigt.
Das Geld wird Obasanjo brauchen
können: Die Auslandsverschuldung Nigerias ist auf mehr als 50 Milliarden
Mark angewachsen. Und bei den Devisenreserven fehlen nach dem Abgang der
Riege um den ehemaligen Staatschef Abdusalam Abubakar umgerechnet mehr
als sieben Milliarden Mark, die im vergangenen Jahr noch stolz verbucht
werden konnten. Als Erklärung dafür führt Abubakar Sonderausgaben
an: Infrastrukturmaßnahmen, gestiegene Kosten für die Armee,
die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft für Junioren und
eben die Wahl in diesem Jahr. Die sei richtig teuer gewesen. So kann man
es auch sehen.
Hinzu kommt, daß die Militärs
nicht abgetreten sind, ohne für sich, Freunde, Verwandte, Bekannte
und andere Günstlinge mehr als die Hälfte aller Ölkonzessionen
in Nigeria zu sichern. Auch Optionen auf Staatsbetriebe, die in den nächsten
Jahren privatisiert werden sollen, wurden schon abgemacht. Und wo keine
sicheren Vorabsprachen zu erreichen waren, gab's Geschenke für den
Neuen. Obasanjo und seine Frau Stella seien in den vergangenen Wochen "mit
Präsenten nur so überschüttet worden", klagte jüngst
ein Mitarbeiter Obasanjos der nigerianischen Presse sein Leid.
Dem neuen Präsidenten müssen
die Geschenke ebenfalls zu viel gewesen sein: In einer seiner Antrittsreden
kündigte Obasanjo an, gegen die "eklatanten Unterschlagungen von Nigerias
Ressourcen durch unserer Führer" vorgehen zu wollen. Aber alles habe
seine Grenzen und man könne nicht "gutes Geld verwenden, um hinter
schlechtem Geld herzujagen", soll heißen: Weg ist weg und hin ist
hin, und jetzt wird ohnehin alles anders.
Wie gesagt, der Mann ist ein Träumer.
Wohl deswegen hat er auch Transparency International, eine internationale
Vereinigung gegen Korruption mit Sitz in Berlin, mitbegründet. |