Der Euro schwächelt
Fuck the Buck
Von Richard Rother
Was dem europäischen Bomberpiloten
über Jugoslawien erspart bleibt, das geschieht mit seinem Sold, dem
Euro: Er stürzt ab. In der vergangenen Woche war der Eurokurs zum
US-Dollar auf deutlich unter 1,05 Dollar gesunken. Fuck the buck, fluchen
bereits die Banker in Euroland, denn es dürfte nur noch eine Frage
der Zeit zu sein, wann ein Euro nicht mal mehr vier quarter oder zwanzig
nickel wert sein wird.
Seit seinem Start im Januar jedenfalls
hat der Euro, dessen Väter und Mütter großspurig angekündigt
hatten, damit dem Dollar als Weltreserve-Währung Konkurrenz zu machen,
mehr als zwölf Prozent eingebüßt. Tendenz weiter fallend.
Die Ursachen sind eindeutig: der lückenhafte Stabilitätspakt,
die schwache Konjunktur, der andauernde Kosovo-Krieg.
Die Realität hat gezeigt, was
der Stabilitätspakt immer war: ein Euphemismus. Und sie hat mit linken
und rechten Mythen aufgeräumt. Während die Rechten frohlockten
und die Linken kritisierten, der deutsche Ex-Ex-Finanzminister Theo Waigel
habe mit seinem Stabilitätspakt die deutsche Hegemonie in der europäischen
Finanzpolitik gesichert, zeigte bereits das Vertragswerk, daß nicht
alles so heiß gegessen wie gekocht wird.
Von Anfang an war klar: Der Stabilitätspakt
enthält Ausnahmeregelungen. Zum Beispiel die, daß ein Teilnehmerstaat
mehr Schulden als erlaubt aufnehmen darf, wenn die Konjunktur allzu dramatisch
sinkt. Davon profitiert nun Italien, dem die EU-Finanzminister in der vergangenen
Woche zugestanden haben, die Neuverschuldung auf 2,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes
anzuheben. Diese sollte ursprünglich zwei Prozent betragen. Eine Nachricht,
die den Euro ein paar Cents kostete.
Das Problem für die Stabilo-Fetischisten
ist dabei weniger die konkrete Entscheidung der Finanzminister, die damit
vom Prinzip des buchhalterischen Automatismus abrückten als vielmehr
die langfristige Auswirkung dieses Präzedenzfalles. Wer sollte schließlich
den anderen EU-Staaten verwehren, bei einer ähnlich schwierigen wirtschaftlichen
Situation eine Gleichbehandlung zu fordern, statt im Inland unpopuläre
Sparmaßnahmen durchzusetzen?
Die zweite Ursache für die
Euro-Schwäche gegenüber dem Dollar ist die unterschiedliche konjunkturelle
Entwicklung zwischen beiden etwa gleichstarken Wirtschaftsblöcken.
Während das US-Wirtschaftswachstum weiterhin robust ist, zeigt Europas
Konjunktur kaum Anzeichen einer Erholung. Die währungspolitische Folge
ist, daß die amerikanischen Aktienmärkte zunehmend internationales
Kapital anziehen, was wiederum die Nachfrage nach Dollars steigen läßt.
Sollte die amerikanische Notenbank
demnächst tatsächlich die Zinsen anheben - wofür sich die
Anzeichen mehren - dürfte der Run auf den Dollar erst richtig losgehen.
Schon jetzt winken in den USA den Kapitalanlegern Zinsen von über
fünf Prozent; Euro-Anleihen bringen es auf kaum 4,5 Prozent.
Die dritte Ursache für den
tendenziellen Fall des Euro ist der Krieg. Ein Fakt, den die Politiker
und Kommentatoren der bombardierenden Euro-Staaten geflissentlich ignorieren.
Lieber verweisen sie auf "strukturelle Defizite" im Innern - gemeint sind
die angeblich üppigen Sozialsysteme.
Allein die Neue Zürcher Zeitung
macht mit Schweizer Neutralität darauf aufmerksam, daß nicht
die "wirtschaftlichen Kosten der Intervention" das Problem sind, sondern
"mögliche politische Unstimmigkeiten zwischen den EU-Staaten, die
eventuell auch der Währungsunion schaden könnten". Zu offensichtlich
sind die Differenzen in der Frage, ob Bodentruppen nach Belgrad marschieren
sollen. Ein solcher Einsatz würde wohl so etwas wie ein europäisches
Vietnam bedeuten - internationale Kapitalanleger aber parken in der Regel
ihr Geld nicht in permanenten Krisenregionen.
Deshalb schwächt der Krieg,
je länger er dauert - von den Kosten des Wiederaufbaus, die hauptsächlich
Europa zu tragen haben wird, ganz zu schweigen - weiter den Euro und damit
die europäische Integration. Diese ist die Voraussetzung dafür,
daß auf die Wirtschafts- und Währungsunion sukzessive die politische
folgt. Ohne eine politisch-militärische Integration jedoch wird der
europäische Block dem amerikanischen keine Konkurrenz machen können
- auch nicht währungspolitisch. Aber: Bis es so weit ist, wird noch
viel Blut und Öl die Donau hinunterfließen. |