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Inland Nachrichten
Wenn Reaktoren weiterlaufen
Sie will ihn also doch noch, die
Bundesregierung. Nein, nicht den Sofortausstieg aus der Atomenergie. Auch
nicht den innerhalb von zehn Jahren, wie ihn Sozialdemokraten nach dem
Super-Gau von Tschernobyl einmal gefordert haben sollen - mal abgesehen
davon, daß die Dekade längst verstrichen ist. Nein, wovon in
Regierungskreisen drei Wochen vor der nächsten Verhandlungsrunde mit
den Energieversorgern die Rede ist, dürfte das sein, was die Grünen
wohl demnächst als "Atomausstieg unter den aktuellen Bedingungen"
verkaufen werden: Wie die Süddeutsche Zeitung erfuhr, will die Regierung
nun in einem öffentlich-rechtlichen Vertrag das Ende der Kernkraft
in Deutschland für das Jahr 2020 festlegen. Das aber auch nur, wenn
die Betreiberfirma nicht eine besondere hohe Sicherheit für den jeweiligen
Reaktor nachweisen kann. Sollte das doch der Fall sein, darf's natürlich
etwas länger sein: Um bei der Zeitspanne flexibel zu bleiben, plant
Rot-Grün, im Atomgesetz eine Gesamtlaufzeit von 35 bis 40 Jahren zu
fixieren. Danach, so die gutinformierten Bonner Kreise, wäre ein Ausstieg
auch entschädigungslos zu machen - falls die Konzerne dem Konsens
zustimmen. Was aber keineswegs gesichert sei: Möglicherweise erreiche
die Regierung ihr Ziel nicht ganz, hieß es nach einem Spitzengespräch
zwischen Kanzler Gerhard Schröder (SPD), seinem parteilosen Wirtschaftsminister
Werner Müller und Umweltminister Jürgen Trittin (Bündnis
90/Die Grünen).
Wenn Wachleute schießen
Öcalan zieht weiter Spuren.
Nach dem Auftauchen eines von der Polizei gefertigten Videos sind Zweifel
an der bisherigen Darstellung der Schießerei am israelischen Generalkonsulat
in Berlin aufgekommen: Zwei Tage nach der Festnahme des PKK-Chefs Abdullah
Öcalan hatten Kurden am 17. Februar die von der deutschen Polizei
kaum gesicherte Botschaftsvertretung gestürmt, woraufhin israelische
Sicherheitskräfte das Feuer eröffneten - vier Kurden kamen dabei
ums Leben, etliche wurden verletzt. Ende letzter Woche kam deshalb ein
Untersuchungsausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses zusammen, um
zu klären, ob die Schüsse tatsächlich - wovon die Polizei
bislang ausging - in Notwehr abgegeben wurden. Die beiden Sicherheitsleute,
die die Schüsse abgegeben hatten, sollen nun möglicherweise erneut
verhört werden. Nach der Veröffentlichung des Videos geht offenbar
auch die Berliner Justiz nicht mehr von der Richtigkeit der Angaben der
israelischen Behörden aus. In einer Ende März erhobenen Anklage
gegen die beim Sturm auf das Konsulat beteiligten Kurden hatte es noch
geheißen, "von den Sicherheitsbeamten des Konsulats" seien "Schüsse
auf dei Personen abgegeben worden, die sich auf der Treppe unmittelbar
vor dem Eingang des Gebäudes aufhielten". Während der israelische
Botschafter in Deutschland, Avi Primor, weiter an der Notwehr-These festhält,
erklärte der grüne Vorsitzende des Ausschusses, Wolfgang Wieland
, daß die bisherige Darstellung der Israelis mit den Fakten nicht
mehr übereinstimme. Wie der Spiegel in seiner Montagsausgabe berichtete,
soll einer der beiden beteiligten Sicherheitsleute gestanden haben, daß
sein Kollege "mit seiner Waffe nach draußen" geschossen habe.
Wenn Gewerkschafter Minister
werden
Walter Riester, ehemaliger IG-Metall-Vize
und jetziger Bundesarbeitsminister, beeilt sich, seine Sparaufgaben zu
erfüllen, ohne groß aufzumucken. Die Vorgabe des neuen Finanzministesr
Hans Eichel: Knapp 13 Milliarden Mark soll Riester im kommenden Jahr in
seinem Etat einparen. Der Gewerkschafter weiß auch schon, bei wem:
den Arbeitslosen. Die Pläne: Entweder soll die Arbeitslosenhilfe gekürzt
oder zeitlich begrenzt werden, um so die Zuschüsse an die Nürnberger
Bundesanstalt für Arbeit reduzieren zu können. Die Welt am Sonntag
berichtete von weiteren Vorhaben. So solle in Zukunft die Arbeitslosen-
und Sozialhilfe zusammengeführt werden. Darauf haben bisher nur die
Kommunen und Länder keinen Bock - nicht aus Nächstenliebe, sondern
weil sie kein Geld haben, alle Nürnberger Hungerleider durchzufüttern.
Wenn Grüne eine Reise tun
"Wir sind durch unsere Reise zu
der Erkenntnis gelangt, daß die deutsche Iranpolitik einer Neubewertung
durch unsere Fraktion bedarf." Rita Grießhaber, grüne Vertreterin
im Auswärtigen Ausschuß des Bundestages, und Helmut Lippelt,
außenpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, hatten,
wie das so nach Reisen ist, viel zu erzählen, als sie letzte Woche
aus dem Iran zurückkehrten. Einen "Demokratisierungsprozeß"
wollen die beiden festgestellt haben, seitdem Mohammad Khatami im Mai letzten
Jahres zum Präsidenten gewählt wurde, auch wenn sie einräumen,
"daß die Entwicklung des Iran zu einem demokratischen und pluralistischen
Staat noch keineswegs stabil und geradlinig ist" - das zeigten die Morde
an Schriftstellern und Intellektuellen. Gezeigt habe sich aber auch, daß
"wir uns nicht nur mit den Entwicklungen auseinandersetzen", sondern "diejenigen
Kräfte, die diesen Prozeß im Land fordern und fördern,
aktiv unterstützen" müßten. Gesagt, getan: Gesprochen haben
Grießhaber und Lippelt nicht nur mit "reformorientierten Mitstreitern
von Präsident Khatami", sondern auch mit "Vertretern der sogenannten
Rechten".
Wenn Innenminister was versprechen
Ein Überlebender des Lübecker
Brandanschlags muß mit seiner Abschiebung rechnen. In der vergangen
Woche hat das Lübecker Amtsgericht einen Abschiebehaftbeschluß
gegen den Nigerianer Victor Atoe erlassen. Im Januar dieses Jahres noch
hatte Innenminister Otto Schily angeordnet, allen Überlebenden des
Anschlags vom Januar 1996 ein Bleiberecht zu gewähren.
Wenn Nazis zu Hause bleiben
Kurz vor Prozeßbeginn hat
das Landgericht Cottbus (Brandenburg) den Vorwurf des Landfriedensbruchs
gegen elf Männer aus Guben fallengelassen. Die Anklage gegen die 17
bis 20 Jahre alten Deutschen, die am 13. Februar in Guben den algerischen
Asylbewerber Omar ben Noui in den Tod gehetzt hatten, lautet nun - neben
weiteren Vorwürfen - auf fahrlässige Tötung, gefährliche
Körperverletzung, Nötigung und Volksverhetzung. Der 28jährige
zog sich bei der Flucht vor den motorisierten Männern - unter ihnen
auch Gubener Nazikader - lebensgefährliche Schnittwunden zu, an denen
er kurz darauf starb. Neben der Rücknahme des Vorwurfs des Landfriedensbruchs
zeigten sich die Berliner Rechtsanwältinnen von Ben Noui, Regina Götz
und Christiane Clemm, überrascht darüber, daß der Vorwurf
der Körperverletzung nur noch gegen drei der Angeklagten, die einen
der Begleiter des Algeriers zusammengetreten hatten, erhoben wird. Der
Prozeß ist auf 31 Verhandlungstage angesetzt und wird wohl bis November
dauern.
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Die Nachrichten wurden
von Bickel, Burschel, Rother und Wahdathagh zusammengestellt
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