"Die anderen sollen gehen"
Kriegsgegnerinnen wie Monika Knoche
halten an ihrer Partei fest. Beim Treffen der Initiative BasisGrün
werden die Austrittsbefürworter in der Minderheit bleiben
Kommt nun der nächste Show-Down?
Rund 600 Beteiligte erwarten die Organisatoren der Initiative BasisGrün
auf ihrem Treffen am kommenden Sonntag. Immerhin: Zunächst hatte man
mit nur 200 Teilnehmenden gerechnet, nun muß die Veranstaltung der
grünen Kriegsgegner von einer Dortmunder Gesamtschule in den Audi-Max
der Universiät verlegt werden.
Zwar reisen auch Politiker wie Eckhard
Stratmann-Mertens an, die nach dem Bielefelder Sonderparteitag den Grünen
den Rücken gekehrt haben, dennoch sind die Initiatoren bemüht,
einer organisierten Austrittsbewegung entgegenzutreten. Selbst Geschäftsführer
Reinhard Bütikofer, Fisherman's Friend und Kriegsbefürworter,
macht sich wenig Sorgen: "Soweit es in Dortmund eine kollektive Anstrengung
gibt, erwarte ich eher eine Vernetzung innerhalb der Partei als einen Austritt."
Die bisherige Bilanz gibt Bütikofer recht.
Unterm Strich verzeichnet die rund
51 000 Mitglieder starke Partei seit Beginn des Kriegs einen Netto-Rückgang
von gerade einmal 350 Personen. Was die Wählergemeinde betrifft, ist
man in der grünen Führung allerdings skeptischer. Die Orientierungsgröße
für die Europawahlen, so ließ der Geschäftsführer
wissen, liege beim Ergebnis der letzten Bundestagswahlen (6,7 Prozent).
Bei der Europawahl 1994 erlangten die Bündnisgrünen 10,1 Prozent
der Stimmen.
Jungle World sprach mit der Bundestagsabgeordneten
Monika Knoche über die Initiative BasisGrün. Knoche gehört
zu den sieben grünen Parlamentariern und Parlamentarierinnen um Annelie
Buntenbach, die im Bonner Parlament für eine sofortige, bedingungslose
einseitige Feuerpause der Nato eingetreten sind.
Nach der Niederlage beim Sonderparteitag
wagen grüne Kriegsgegner und -gegnerinnen nun mit BasisGrün einen
neuen Gehversuch. Wie ist die Initiative strukturiert?
Die Gruppe besteht zur überwiegenden
Mehrheit aus Personen, die nach der Entscheidung von Bielefeld nicht aus
der Partei ausgetreten sind, darunter zahlreiche Funktions- und Mandatsträger
und -trägerinnen. Es gibt eben viele, die tief enttäuscht sind,
die Grünen aber immer noch als ihr politisches Projekt betrachten,
sozusagen alternativlos.
Also eine innergrüne Vereinigung?
Die erklärte Absicht von vielen,
die BasisGrün initiieren, ist jedenfalls, weiterhin innerhalb der
Partei ihren politischen Zusammenhalt zu suchen.
Der Abgeordnete Christian Simmert
erhofft sich ein "organisiertes Auffangbecken, um auf Bundes- und Landesebene
intervenieren zu können". Trifft das auch Ihre Vorstellungen?
Mir wäre ein Auffangbecken
etwas zu wenig. Es muß einen Austausch geben, der zu einem neuen
politischen Zusammenhang führt. Man muß sich dort auch über
Perspektiven Gedanken machen, schließlich wollen wir uns nicht isolieren
oder gar zurückziehen. Bielefeld hat das zentrale Identitätsthema
der Grünen, den antimilitaristischen Auftrag, im Nerv getroffen. Doch
selbst wenn es nicht explizit ausgesprochen wird, so ist offensichtlich,
daß man auch mit Blick auf andere Politikfelder eine andere Partei
werden will oder auch bereits geworden ist. Die Veränderung seit dem
Bonner Regierungsantritt umfaßt mehr als die derzeitige Kriegspolitik.
Gleichzeitig wird BasisGrün
zum Alibi für die Grünen.
Wenn jetzt den Verbliebenen Integrationsangebote
gemacht würden, etwa indem man ihnen Ministerposten anbietet, wäre
vielleicht was dran. Das steht aber nicht an. Im übrigen droht jenen,
die an minoritären Positionen festhalten, in allen Parteien die Gefahr,
als Alibi funktionalisiert zu werden. Natürlich will ich nicht bewußt
eine solche Rolle einnehmen, aber es wäre sicher auch naiv, abzustreiten,
daß wir eine Alibi-Funktion haben könnten. Dennoch werden wir
natürlich nicht gern gesehen. Schließlich sind Leute von BasisGrün
dort, wo sie, wie etwa in Hamburg, stark genug sind, bereits eine Konkurrenz
zur jetzigen Fraktion.
Wann ist für Sie der Punkt
gekommen, an dem Sie die Grünen verlassen werden?
Mir gefällt die Frage, wie
Sie sie gestellt haben, nicht. Ich habe keine Schuld auf mich geladen.
Andere sollten wohl eher gefragt werden, was sie in einer Partei wollen,
die doch eine sozialökologische, feministische, gewaltfreie PolitikÖ
... in ihrer Satzung stehen hatte.
Aber davon haben sich doch die meisten längst verabschiedet.
Es werden häufig elementare
Positionen - in der Kriegsfrage ist das anders - langsam und unter der
Hand zersetzt. Allerdings werden nicht die, die dies tun, zur Rechenschaft
gezogen, sondern die Unterlegenen gefragt, wann sie gehen. Diese Logik
will ich nicht akzeptieren. Es hat ja immer wieder Phasen gegeben, in denen
Leute der Partei den Rücken kehrten. Dann aber haben sie keine Stimme
und kein Gehör mehr. Welche politische Bewegung bleibt ihnen denn
noch? Keine. Mir scheint, die Frage des Austritts ist eine der Entscheidung
darüber, ob man weiterhin politisch aktiv sein will oder nichtÖ
Und dann tragen Sie lieber eine
Kriegspolitik mit? Was wird passieren, wenn die Mehrheit ihrer Parteifreunde
und -freundinnen demnächst für den Einsatz von Bodentruppen stimmen
wird?
Das ist eine böse Unterstellung
oder offene Verkennung der Realität. Ich bin und war explizite Gegnerin
dieser Entscheidungen. Und das hatte einen Preis. Zu Ihrer Frage: Ich gehe
davon aus, daß das nicht passieren wird. Das ist dann nicht mehr
nur eine Frage derjenigen, die den Kriegseinsatz als solchen abgelehnt
haben. Die Ablehnung von Bodentruppen wird von allen Parteien im Bundestag
formuliert. Die Verfassung verbietet diesen Einsatz. Da gibt es eine Grenze,
die man nicht überschreiten kann.
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Interview: Wolf-Dieter
Vogel
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