Autonom gegen Krieg
Auch wenn's gegen die Nato geht:
Der Feind unseres Feindes muß nicht unser Freund werden.
Von Benjamin Kaminski
Bei jedem weltpolitischen Konflikt
gibt es Leute, die in diesen fatalen Reflex verfallen: Der Feind meines
Feindes ist mein Freund. Die jüngste Auflage dieses scheinbar unendlichen
Dramas erleben wir zur Zeit beim Kosovo-Krieg. Da wird gegen Berliner Autonome
und ein Frauen/Lesben-Bündnis polemisiert, nur weil sie nicht bereit
sind, gemeinsam mit serbischen Nationalisten gegen den Nato-Krieg zu demonstrieren
und vor Milosevic-Bildern und Tschetnik-Fahnen herzulaufen.
Der serbische Nationalismus wird
relativiert, als ob es Faschisten nur in Deutschland gäbe. Milosevic
selbst hat keine Probleme, mit Le Pens Freunden, der Radikalen Partei des
Ultranationalisten Vojislav Seselj, zu koalieren. Und wie die kroatische
Ustascha haben die Tschetniks im Zweiten Weltkrieg zusammen mit den italienischen
Besatzungstruppen und in Kooperation mit der deutschen Wehrmacht gegen
die Tito-Partisanen gekämpft.
Slobodan Milosevic ist, ganz egal,
ob Ex-Jugoslawien von der Nato angegriffen wird oder nicht, ein nationalistischer
Hetzer und einer der Hauptverantwortlichen für den jugoslawischen
Bürgerkrieg. Daß er es beileibe nicht alleine war, ändert
nichts an seiner Verantwortung. Die Politik der serbischen Regierung gegenüber
den Albanern und Albanerinnen im Kosovo ist rassistisch. An jedem anderen
Ort der Welt wäre aus unserer Sicht Apartheidspolitik noch der höflichste
Vorwurf. Wegschauen, weil es nicht ins Bild paßt? Genau das werfen
wir doch den Regierenden hier im Falle Kurdistans vor.
Das Schema eines jeden Krieges,
alle anderen Widersprüche, insbesondere soziale und feministische,
beiseite zu drücken und alles im Kollektivsubjekt der Nation zu vereinen,
funktioniert bestens. Nicht nur auf seiten der Nato-Länder, sondern
auch bei den scheinbar radikalsten Gegnern des westlichen Militärbündnisses.
Ohne die Logik des nationalen Kollektivsubjekts zu verlassen, wird einfach
nur die Wertung umgedreht und fertig.
Dahinter steckt die Sehnsucht, die
Welt in Gut und Böse einteilen zu können. Wir sind die Guten,
und die anderen sind die Bösen. Es gibt klar auszumachende Opfer und
Täter. In jedem Italo-Western wird diese Sehnsucht bedient. Zum Glück
sind die Welt und ihre Realitäten ein wenig widersprüchlicher
und komplizierter.
Dieser fatale Reflex ist altbekannt
und wiederholt sich alle paar Jahre vor einer anderen Projektionsfläche:
Zuletzt war es die antiimperialistische Verteidigung Saddam Husseins gegen
die USA; in den sechziger und siebziger Jahren der vermeintliche Zwang,
gegen die dümmliche Hetze des westdeutschen Kleinbürgers die
DDR in Schutz nehmen zu müssen. Gibt es irgendeinen Grund, gegen die
zugegebenermaßen unerträgliche Kulturdominanz des christlichen
Abendlandes auf einmal die konkurrierende Herrschaftsideologie, den Islam,
zu verteidigen? Nur weil er zur Zeit schwächer ist? Der Überfall
der deutschen Nationalsozialisten auf die Sowjetunion entschuldigt keinen
einzigen Mord Stalins an Millionen von Menschen in der UdSSR.
Realpolitisch gibt es vielleicht
manchmal keine Alternative. Manès Sperber beschreibt in seinem Roman
"Wie eine Träne im Ozean" ausführlich den Versuch, im Jugoslawien
des Zweiten Weltkriegs eine unabhängige Partisanenbrigade aufzubauen
und als solche zu überleben. Angesichts der nazistischen Militärmaschinerie
bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich dem Militärapparat
der Tito-Partisanen anzuschließen. Trotzdem geht es darum, sich selbst
in solchen Situationen einen unabhängigen Kopf zu bewahren
In jedem Land leben Menschen, die
weder mit diesem Land noch mit seiner Regierung identisch sein wollen.
Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn ein Staat seine Souveränität
verliert? Lange Jahre gab es hier an der Spree eine Insel, die durfte sich
begrenzt bürgerlich selbstverwalten, stand aber unter vierfacher militärischer
Aufsicht, hatte eine eigene obskure Staatsbürgerschaft und trotzdem
ließ es sich ganz gut leben. Diese Insel war die selbständige
politische Einheit Westberlin.
Wem Nationalitäten wirklich
egal sind, dem ist es auch egal, welchen Paß er in der Tasche hat.
Hauptsache, er hat einen und damit läßt sich möglichst
frei reisen. Ausreichend Geld sollte natürlich auch vorhanden sein.
Das Ziel bleibt schließlich ein gutes und schönes Leben für
alle. Ob es im Winter vielleicht zu kalt ist, könnte ein Problem lauten.
Aber die Farbe des Passes?
Es ist schwierig, sich gegen die
Logik des Krieges zu stellen, und weder für die serbische Regierung,
die UCK oder die Nato Partei zu ergreifen. Trotzdem ist eine Position für
die Menschen unten, für das Soziale, auch in Zeiten des Krieges die
einzig richtige. Denn noch immer verläuft die Grenze nicht zwischen
den Völkern, nicht zwischen Nato und Serbien, sondern zwischen oben
und unten. |