Ende der deutschen EU-Präsidentschaft
Sieger sehen anders aus
Von Anton Landgraf
Den großen Triumphator stellt
man sich anders vor. Jedenfalls nicht wie einen gestreßten Bundeskanzler
Gerhard Schröder, wie er diese Woche seine europäischen Amtskollegen
trifft. Der Kölner Gipfel sollte zum Höhepunkt der deutschen
EU-Ratspräsidentschaft geraten. Am Ende fällt die Bilanz sehr
bescheiden aus. Anstatt sich stolz als Erster unter Gleichen auf dem Gipfel
zu präsentieren, ist Schröder dort vor allem damit beschäftigt,
die Schäden der vergangenen Monate zu beheben.
Das betrifft in erster Linie das
Verhältnis zu Frankreich. Den wichtigsten deutschen Verbündeten
in Europa hatte Schröder im März vergrätzt, als er in Berlin
eine deutliche Senkung der deutschen Zahlungen an die EU durchsetzen wollte
- u.a. auf Kosten Frankreichs. Paris zeigte sich brüskiert, Schröder
drohte kurzfristig gar mit dem Abbruch der Verhandlungen. Es nutzte alles
nichts. Am Ende konnte Schröder nur minimale Einsparungen erzielen.
Seitdem gilt der Bundeskanzler an der Seine als dumpfer Populist.
Daß Deutschland in der Union
zwar gerne dirigiert, es ohne Frankreich aber gar kein europäisches
Orchester gibt, zeigt sich nun beim derzeit ehrgeizigsten Vorhaben der
EU: die Etablierung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik. In diesem Fall
decken sich die nationalen Ambitionen auf beiden Seiten des Rheins; die
lästige Dominanz der USA geht den Regierungen gleichermaßen
auf die Nerven. Doch ähnlich wie bei der Währungsunion ist eine
europäische Armee nur mit dem Einverständnis des Elysée-Palastes
zu haben.
Und schon allein deswegen muß
Schröder auf alle Alleingänge verzichten - und eilig Harmonie
simulieren. Selbst der Trostpreis für Profilierungssüchtige ist
schon vergeben. Den erhält vermutlich Nato-Fürst Javier Solana
oder vielleicht ein Franzose - jedenfalls wird Mister Gasp, der EU-Koordinator
der "Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik", nicht Schröders
Lieblingskandidat Günter Verheugen sein.
Die elegante Taktik der Berliner
Regierung - erst mächtig poltern, dann leise den Rückzug antreten
- gilt auch für ein anderes zentrales Thema der deutschen Präsidentschaft:
die Erweiterung der EU in Richtung Osten. Ob der vorgesehene Beitrittstermin
eingehalten werden könne, sei doch sehr fraglich, grübelte die
Bundesregierung in aller Öffentlichkeit noch zu Beginn des Jahres
- entgegen der ursprünglich an den Tag gelegten Eile. Die Aufnahme
der östlichen Kandidaten sei derzeit kaum bezahlbar.
Kurz darauf begann der Krieg in
Jugoslawien. Seitdem sieht die Welt jenseits von Oder und Neisse für
das Kanzleramt ganz anders aus. Ungarn stieg nicht nur in Rekordzeit zum
umworbenen Partner in der südost-europäischen Kriegsregion auf.
Anschließend breitete Außenminister Joseph Fischer seine Arme
aus und will nun auch noch den gesamten Balkan in die EU integrieren. Wie
dies funktionieren soll, wird sein Geheimnis bleiben. Im Vergleich zu den
Habenichtsen vom Balkan sind selbst Polen oder Ungarn ökonomische
Wunderkinder.
Zumindest ein kleines Wirtschaftswunder
wird aber nötig sein, um die ökonomische Lage in der EU zu verbessern.
Denn die Ratspräsidentschaft von Schröder stand auch wirtschaftlich
unter schlechten Zeichen: Die Konjunktur in der EU dümpelt vor sich
hin, der Euro wankt von einem Tief zum nächsten. Nur die Arbeitslosenzahlen
blieben verläßlich und stabil. Von der angekündigten europäischen
Beschäftigungsinitiative ist nicht viel zu sehen.
Das liegt auch an der zielstrebigen
Orientierungslosigkeit der deutschen Wirtschaftspolitik. Zuerst sollte
die europäische Konjunktur mit Lafontaine und französischen Keynesianern
an der Spitze volle Fahrt gewinnen. Dann setzten sich die sozialdemokratischen
Neoliberalen um Bodo Hombach durch und erhoben den ultimativen Reformator
Tony Blair zum europäischen Idol. Wohin jedoch der dritte Weg führen
soll, weiß niemand so genau zu sagen.
Der große deutsche Durchmarsch
ist das alles nicht. Eher ein mühseliges Streben nach der Führung
in Europa. Den furor teutonicus stellt man sich doch irgendwie anders vor.
Aber mit dem Ende der deutschen Ratspräsidentschaft hat die Zukunft
der Union erst begonnen. Und Deutsche sind schlechte Verlierer. |