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"Andere Zeiten brauchen
andere Begriffe"
Jochen Baumann im Gespräch
mit Moishe Postone über die Aktualität der Kritischen Theorie
Mit seiner Kritik am traditionellen
Marxismus und dem Versuch einer Kritischen Theorie der Moderne hat Moishe
Postone, Associate Professor of History an der University of Chicago, in
den letzten Jahren großen Einfluß auf die Diskurse auch der
deutschen Rest-Linken ausgeübt. Seine 1993 in den USA veröffentlichte
Arbeit "Time, Labour and Social Domination: A Reinterpretation of Marx'
Critical Theory" erscheint in deutscher Übersetzung demnächst
bei ç a ira in Freiburg/Breisgau.
Was verstehen Sie unter traditionellem
Marxismus, und was hat dieser mit der Kritischen Theorie zu tun, die sich
doch bereits in ihrer Entstehungsphase Mitte der dreißiger Jahre
von ihm absetzt?
Der traditionelle Marxismus hat
ein Verständnis von Produktionsverhältnissen, die im wesentlichen
als Markt- und Eigentumsverhältnisse verstanden werden. Produktivkraft
in diesem Verständnis der Produktionsverhältnisse ist die Arbeit,
die normalerweise überhistorisch verstanden worden ist. Das schließt
sehr viele verschiedene Richtungen des Marxismus ein.
Mein Begriff von traditionellem
Marxismus ist nicht mit orthodoxem Marxismus gleichzusetzen, weil meiner
Meinung nach jemand wie Horkheimer in "Traditionelle und kritische Theorie"
auch innerhalb des traditionell marxistischen Rahmens denkt. Vier Jahre
später, also noch in den dreißiger Jahren, versucht er, aus
diesem Verständnis herauszukommen, was ihm aber nur eingeschränkt
gelingt.
Schon vor der "Dialektik der Aufklärung"
kommt Horkheimer in "Autoritärer Staat" und "Die Juden und Europa"
zu einer Position, die sich sehr stark anlehnt an die Aufsätze von
Friedrich Pollock zum Staatskapitalismus und zur Frage, ob der Nationalsozialismus
eine neue Gesellschaftsordnung darstellt, die mit dem überkommenen
Kapitalismus in wichtigen Bereichen breche. Horkheimer wie Pollock argumentieren,
daß Markt und Privateigentum aufgehoben sind und nicht mehr als Wesensmerkmale
des damaligen Kapitalismus gelten. Sie nennen es weiterhin Kapitalismus,
aber sie haben keine Begrifflichkeit, mit denen sie diesen Terminus begründen
können.
Aber wenn Markt und Privateigentum
aufgehoben worden sind, dann gibt es keinen Widerspruch mehr, der die gesellschaftliche
Entwicklung weitertreiben könnte. Entweder muß man sagen, daß
die Gesellschaft weiterhin widersprüchlich strukturiert bleibt - Markt
und Privateigentum also nicht wesentliche Bestimmungen des Kapitalismus
sind -, oder man sagt, sie sind aufgehoben, und es gibt somit keine immanenten
Widersprüche mehr, die Kritik und oppositionelles Handeln gesellschaftlich
begründen könnten.
Daraus entstehen schließlich
die Begrifflichkeiten von eindimensionaler Gesellschaft und verwalteter
Welt, die für die spätere Kritische Theorie zentral sind. Wenn
man die Position ablehnt, daß Markt und Privateigentum aufgehoben
worden sind - das war Franz Neumanns Position, die er in "Behemoth" ausgeführt
hat -, hat das ebenfalls entscheidende Konsequenzen für die Gesamtstruktur
einer Kritischen Theorie. Neumanns Position, daß es auch im totalen
Staat, dem Behemoth des Nationalsozialismus, noch traditionell verstandene
Widersprüche gäbe, finde ich theoretisch nicht so befriedigend.
Warum denn nicht? Entweder stimmen
Neumanns Analysen des Nationalsozialismus empirisch, dann ist auch anzunehmen,
daß von seinen theoretischen Annahmen zumindest einiges stimmen muß,
oder er liegt daneben. Zu sagen, daß er zwar die richtige Analyse
des Nationalsozialismus liefere, Pollock und Horkheimer dagegen eine irreführende,
und dennoch eher an ihre Theorie anzuknüpfen, erscheint doch widersprüchlich.
An Neumann müßten
Sie doch mit ihrem eigenen Anspruch, eine zeitlich genauer bestimmte Analyse
des Verhältnisses von Kapital und Arbeit zu betreiben, eher anschließen
können als an die sehr spekulativen Annahmen der "Dialektik der Aufklärung",
die mit vollkommen überhistorischen Begriffen operiert.
Nein. Man kann Pollocks These als
hypothetische These verstehen. Nehmen wir einmal an, der Markt und das
Privateigentum wären tatsächlich abgeschafft worden im Staatskapitalismus.
Wäre das eine ausreichende Grundlage für den Aufbau des Sozialismus?
Neumann geht auf diese wichtige Frage überhaupt nicht ein. Gerade
deshalb finde ich, daß Pollock für theoretische Fragen, die
auf die Geschichte gerichtet sind, weitaus interessanter ist als Neumann,
der zweifellos die genauere Beschreibung des Nationalsozialismus geliefert
hat. Pollocks Staatskapitalismustheorie beinhaltet, daß der traditionelle
Marxismus seine historischen Grenzen erreicht hat. Deshalb stellen sich
ihm und in seiner Folge Horkheimer und Theodor W. Adorno neue Fragen und
Probleme.
Aber Horkheimer und Adorno haben
doch gerade in dieser Phase der Entwicklung der Kritischen Theorie keine
anschlußfähigen neuen Analysen und Kategorien herausgearbeitet,
die für eine kritische Analyse der Gesellschaft brauchbar wären.
Nicht umsonst haben sich beide in der Nachkriegszeit von dem Paradigma
der "Dialektik der Aufklärung" teilweise verabschiedet.
Richtig, das haben sie, aber sie
haben auch gesehen, daß man mit den alten Begrifflichkeiten die Welt
nicht mehr erklären kann. Das Problem, das sich Horkheimer und Adorno
Ende der dreißiger Jahre stellt, ist folgendes: Sie sehen, daß
sie mit den alten Begrifflichkeiten des Marxismus, z.B. Markt und Privateigentum,
den Kapitalismus nicht mehr adäquat begreifen können, sie haben
aber noch keine neuen gefunden.
Für Horkheimer beispielsweise
hat das wichtige theoretische Folgen für die Kategorie der Arbeit.
Er hält an der für den traditionellen Marxismus zentralen Annahme
fest, daß die Kategorie der Arbeit eine überhistorische Kategorie
der Vergesellschaftung sei. 1936 ist sie für ihn noch eine Quelle
emanzipatorischer Vernunft, 1940 meint er dagegen, daß die gesellschaftliche
Arbeit der Grund für die instrumentelle Vernunft sei.
Diese grundlegende Umwertung gesellschaftlicher
Arbeit beruht auf Pollocks These, daß die Abschaffung von Markt und
Privateigentum im Staatskapitalismus bedeutet, daß der Hauptwiderspruch
des Kapitalismus aufgehoben worden ist. Die Arbeit hat sich verwirklicht.
Die daraus entstandene Gesellschaft verkörpert jedoch eine neue technokratische
Herrschaftsform. Innerhalb dieses theoretischen Rahmens muß Arbeit
Grundlage dieser neuen Herrschaftsform sein. Das ist der Kerngedanke, der
zum Konzept der instrumentellen Vernunft führt.
Hier setzt Habermas dann später
an. Habermas kehrt der Kritischen Theorie nicht einfach den Rücken,
wenn er später behauptet, daß man neben die Arbeit die Interaktion
setzen müsse, um die historische Möglichkeit gesellschaftlichen
Kritik und Opposition zu erklären. Die Umdeutung des Begriffes der
Arbeit zur instrumentellen Vernunft, die Horkheimer und Adorno in den vierziger
Jahren vorgenommen haben, ist genau Habermas' Ausgangspunkt.
Abgesehen von der Trennung von
System und Lebenswelt, die mit einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive
nicht vereinbart werden kann, vergißt Habermas doch regelmäßig
das System, wenn er Gesellschaftstheorie betreibt, sonst käme er ja
nicht zu seiner Kolonialisierungsthese, daß das System der Arbeit
und Produktion, das er kaum analysiert, immer wieder in die Lebenswelt
hinein regiere und diese Sphäre zunehmend domestiziere. Ist nicht
heute diese Theorie endgültig obsolet, angesichts der Globalisierung
des Kapitalismus, was ja nichts anderes bedeutet, als daß das Kapitalverhältnis
auch noch den letzten Winkel der Welt erfaßt?
Ich mag die Habermassche Trennung
nicht. Ich mag nicht die Kategorie des Systems, aber auch die Kategorie
der Lebenswelt behagt mir nicht. Eine andere theoretische Möglichkeit
wäre, den Arbeitsbegriff neu zu fassen, so daß er beide Sphären
zu umfassen in der Lage ist - eben als Arbeit, die auch eine historisch
spezifische Form der gesellschaftlichen Vermittlung konstituiert. Damit
ist dann aber klar, daß dieser Arbeitsbegriff nichts Überhistorisches
ist, der immer schon Geltung besitzt, sondern er ist ein historisch spezifischer,
der erst mit der weltweiten Durchsetzung des Kapitalverhältnisses
Geltung und Erklärungskraft besitzt. Das bedeutet aber, daß
er heute aktueller ist denn je.
Wenden Sie Ihre Kritik des traditionellen
Marxismus auch auf die "Negative Dialektik" von Adorno an, oder meinen
Sie, daß dort die theoretischen Probleme, die Sie ausgemacht haben,
gelöst sind? Gerade Adorno hat sich doch mit Fragen und Problemen
der politischen Ökonomie nach 1945 nur noch am Rande befaßt.
Nein, Adorno hat diese Probleme
nicht gelöst. Aber bei Adorno gestaltet sich das komplizierter. Adorno
argumentiert viel differenzierter. Sicherlich unterschätzt er die
Bedeutung des Kapitalverhältnisses und die Geschichte seiner Durchsetzung.
Man kann die Warenform eben nicht als Universalschlüssel zur Menschheitsgeschichte
benutzen, sondern nur zur Erklärung des Kapitalismus und seiner Dynamik.
Adorno hat auch theoretisch-biographische Grenzen gehabt, etwa in der Einschätzung
von Möglichkeiten positiver Gesellschaftsveränderung nach Auschwitz,
beispielsweise durch den Feminismus oder durch andere soziale Bewegungen.
Für mich ist das nicht nur ein praktisches, sondern vielmehr ein historisch-
theoretisches Problem: Wie geht man mit emanzipatorischen Bewegungen nach
Auschwitz um - eine Frage, der Adorno bewußt ausgewichen ist. Für
ihn war es unmöglich und unerträglich, sich auch nur mit der
Frage danach zu beschäftigen. Weniger aus theoretischen, sondern vielmehr
aus biographischen Gründen hätte er das sicher als Verrat an
der Geschichte und an der Bedeutung von Auschwitz verstanden.
Aber mir scheint, daß Adorno
in der "Negativen Dialektik" oder in seinem Spätwerk genau diesen
Versuch nicht mehr gemacht hat, überhaupt eine ausgeführte Ökonomiekritik
zu formulieren, und statt dessen versucht hat, eine Gesellschaftskritik
nach Auschwitz zu formulieren.
Kann man diesen Standpunkt von
Adorno so personalisieren? Muß man nicht auch berücksichtigen,
daß sich zwar das Kapital und der Kapitalismus als System nicht grundlegend
verändert haben, aber natürlich die deutsche Gesellschaft wie
auch die bürgerliche Gesellschaft generell? Schließlich leben
wir nicht mehr im Nationalsozialismus, also stellt sich doch auch die Frage,
ob sich nicht auch in der Entwicklungsdynamik des Kapitalismus bzw. der
bürgerlichen Gesellschaft selbst emanzipatorische Elemente befinden.
Was hätte das für Konsequenzen für die Kritische Theorie?
Das kann ich auch nicht genau beantworten.
Ich denke aber, daß Adorno diese Perspektive abgelehnt hätte.
Aber man muß heute auch sagen, daß, obwohl die "Negative Dialektik"
1967 erschien, sie eigentlich ein Buch der späten fünfziger Jahre
ist. Genauso sind die Konzepte von Jürgen Habermas Konzepte, die aus
dem Kontext der späten sechziger Jahre entstanden sind, auf der Phase
der Bürokratisierung, der Ausweitung der Staatstätigkeit und
des Sozialstaats beruhen. Seitdem kommt Habermas von diesen Annahmen der
Genese seiner eigenen Theorie nicht mehr los, obwohl sich die gesellschaftlichen
Bedingungen verändert haben.
In den fünfziger Jahren gibt
es viele gute Gründe anzunehmen, daß es wohl keine systemimmanenten
Widersprüche mehr gibt, die auf die Möglichkeit einer Gesellschaft
jenseits des Kapitalismus verweisen. Adorno findet immer wieder Punkte,
an denen er trotzdem Widersprüche der gesellschaftlichen Entwicklung
benennt, aber dies sind nicht mehr die Widersprüche, wie sie in der
Marxschen Theorie gemeint waren - Widersprüche, die auf eine Umwälzung
der ganzen Gesellschaft verweisen. Immerhin gibt Adorno im Gegensatz zu
Horkheimer diesen Weg Kritischer Theorie nicht auf - auf die Schlechtigkeit
des Ganzen zu verweisen, obwohl sich kein Weg zur Veränderung zeigen
läßt.
Sie beziehen sich jetzt sehr
positiv auf Adorno, aber in Ihrem Buch "Time, Labour and Social Domination"
kommt Adorno so gut wie nicht vor. Adorno begründete aber in der "Negativen
Dialektik", weshalb er kein System, keine abgeschlossene Gesellschaftstheorie
liefern könne und wolle, weshalb es keine Kritische Theorie mehr sein
könne, wenn man die Vergesellschaftung aus einem zentralen Punkt oder
Widerspruch, etwa aus der Wertvergesellschaftung heraus, allein erklären
wolle.
Hier gibt es viele Ähnlichkeiten
zwischen Adornos und Ihrer Herangehensweise. Adorno sagt genau wie Sie,
daß Dialektik keine überhistorische Methode sein könne,
sondern an den konkreten Gegenstand gebunden ist, den man untersucht. Es
gibt keine transhistorische Methode, wir können nicht mit unserem
Denken diese Gesellschaft verlassen, es gibt keine reine Erkenntnis.Warum
ist dann die erkenntnistheoretische Position Adornos im Vergleich zu ihrer
so unterschiedlich ? Was denken Sie über Adornos erkenntnistheoretisches
Konzept der Nichtidentität, auf das in Ihrem Buch nicht eingegangen
wird?
Mich interessieren gesellschaftstheoretische
Konzepte stärker als die eher rein philosophischen. Was mich interessiert,
ist, die Spannweite zwischen dem, was der Kapitalismus gleichzeitig an
Entwicklung und Dynamik gesellschaftlicher Veränderung eröffnet
und welche er gleichzeitig versperrt. Beide, mein eigenes und Adornos Konzept,
beginnen mit der Analyse der Warenstruktur oder der Wertform. Aber ich
glaube, daß ich besser als Adorno die interne Entwicklungsdynamik
des Kapitalismus analysieren kann, mich interessieren eben die Momente
der Veränderung, der gesellschaftlichen Dynamik, mindestens ebenso
sehr wie die statischen Elemente, das Gleichbleibende.
Das liegt sicher auch daran, daß
ich nicht in den fünfziger und sechziger Jahren gearbeitet habe, sondern
eben heute. Andere Zeiten brauchen andere Begriffe. In "Time, Labour and
Social Domination" wollte ich keine Geschichte der Frankfurter Schule schreiben.
Ich wollte schlicht die Grenzen des traditionellen Marxismus bei der Analyse
kapitalistischer Vergesellschaftung aufzeigen. Dabei habe ich Adorno, der
etwas, aber nicht ganz, aus diesem Rahmen fällt, eben elegant umgangen.
Also wieder mehr Marx? In Ihrem
Vortrag "Critical Theory and the Problematic of Twentieth Century History"
haben sie genau das gefordert, da der Kapitalismus im Zuge der Globalisierung
immer noch von immanenten Widersprüchen gekennzeichnet sei. Wie sieht
es dann mit der Kritik, erst recht der praktischen Kritik, dieser Entwicklung
aus, die ja erst formuliert werden muß?
Zu sagen, daß der Kapitalismus
eine dynamische Gesellschaftsformation ist, ist weder eine optimistische
noch eine pessimistische Aussage. Es ist einfach die Richtung, in der Kritische
Theorie heute weiterentwickelt werden muß. Dazu muß der fundamentale
Pessimismus Horkheimers zurückgewiesen werden. Ich bin aber auch kein
Optimist, es geht allein um eine historische Möglichkeit der Gesellschaftsveränderung
im emanzipatorischen Sinn. Auf der Ebene der Wahrscheinlichkeit einer solchen
Emanzipation bin ich sehr wohl pessimistisch.
Es kommt auch darauf an, wie stark
die Linke ist und wie gut sie ihre Interessen formulieren kann. Und in
den USA und auch in Europa hat die Linke im Moment keine Stimme, sie hat
den Leuten sehr wenig zu sagen. Das hat unter anderem dazu geführt,
daß die vom gesellschaftlichen Abstieg bedrohte Mittelschicht in
den USA ihre Interessen momentan fundamentalistisch-christlich formuliert.
Obwohl die Situation der Linken
in den USA desolater ist als hier, wurde in den USA Ihr Buch sehr viel
stärker rezipiert als in Deutschland. In den USA gibt es noch eine
radikale marxistische bzw. von der Kritischen Theorie oder auch vom Poststrukturalismus
beeinflußte gesellschaftskritische Diskussion. Hier dagegen kann
man ein Wort wie "Kapitalismus" kaum noch in den Mund nehmen. Woran liegt
das?
Die Struktur der Öffentlichkeit
in den USA ist eine andere als in Europa. Es wird sehr kontrovers und auch
kritisch diskutiert, aber in einem hermetischen akademischen Rahmen. Es
gibt in den USA viel weniger Vermittlungen zwischen dem akademischen Diskurs
und, sagen wir, der allgemeinen öffentlichen Diskussion als in Europa.
Das ist ein turning in on itself. Das läßt sich schon an der
Sprache des akademischen Diskurses erkennen, der zunehmend hermetischer
und für Außenstehende unverständlicher wird. Der akademische
Diskurs verweist zunehmend nur noch auf sich selbst.
Historisch bedeutsam wird er erst,
wenn er der Bevölkerung die Möglichkeit bietet, sich ihre eigene
Situation und die eigenen Lebenserfahrungen zu erklären. Gerade in
den Cultural Studies findet man eine Mischung von populistischer Oberfläche
und elitärem Jargon. Das bedeutet nicht, eine komplexe Analyse zu
unterlassen, aber es sollte möglich sein, Ergebnisse des Forschungsprozesses,
wenn sie denn einmal gewonnen worden sind, einfacher darzustellen, so daß
sie für andere verständlich sein können.
Ihr Aufsatz über "Nationalsozialismus
und Antisemitismus" hat in den letzten zehn Jahren für die antinationale
Linke in Deutschland große Bedeutung gehabt. Arbeiten Sie an dem
Thema noch weiter?
In meinem Hinterkopf. Wirklich daran
weitergearbeitet habe ich aber nicht. Das ist auch ein Problem der Öffentlichkeit,
auch an der Universität: Man muß immer wieder zum Ausgangspunkt
der Forschung und seiner eigenen Thesen zurückkehren, weil viele Leute
einen sonst nicht verstehen. Da die meisten Studenten von Marx keine Ahnung
oder geradezu eine Aversion gegen ihn haben, muß ich immer wieder
die Basics erklären, die die Voraussetzung darstellen, um weitere
Dinge verständlich machen zu können.
Dennoch haben Sie festgestellt,
daß Marx - wie radikale und kritische Theorie - generell in den USA
viel weniger tabuisiert ist als in Deutschland. Woran liegt das? Wie schätzen
Sie die Rezeption in den Cultural Studies und in den Literaturwissenschaften
ein, beispielsweise von Frederic Jameson? Im Gegensatz zu Deutschland gibt
es in den USA die erfreuliche Situation, daß die Marxsche Theorie
nicht mit dem Poststrukturalismus ausgetrieben wird, sondern daß
sich beide ergänzen und zusammengeführt werden.
Seltsamerweise ist das wirklich
so. Marx ist in den siebziger Jahren in den USA nie so in Mode gewesen
und ist später nicht so aus der Mode gekommen. Vielleicht liegt das
einfach daran, daß es unmöglich ist, einfach zu glauben, daß
man in einer Gesellschaft lebt, die nur als "modern" zu bezeichnen ist,
wenn man von Reagan oder Thatcher regiert wird. Das ist denkbar in einem
Land wie Deutschland, das noch zu einem bedeutenden Teil durch fordistische
gesellschaftliche und politische Zustände und Konflikte gekennzeichnet
ist. Das ändert sich aber in Deutschland jetzt rapide.
Und unter der neuen sozialdemokratisch-grünen
Regierung wird dieser Prozeß noch schneller voranschreiten. Sie werden
ihren Job erledigen und die Änderungen durchsetzen, die in den anderen
Ländern die Rechten durchgesetzt haben. In der amerikanischen Soziologie
gibt es nur eine Handvoll Kritische Theoretiker. In den Kultur- und Literaturwissenschaften
sieht das ganz anders aus. In Amerika wurden sie zu den Zentren der Kritischen-Theorie-Rezeption.
Manchmal hat diese eigentlich positive Entwicklung aber auch große
Nachteile, wenn nämlich Literaturkritiker meinen, selber Gesellschaftstheoretiker
zu sein. Aber immerhin, ohne diese Entwicklung hätte es diese neue
Rezeptionswelle von kritischen Denkern wie Marx, Foucault, Derrida nicht
gegeben.
Erstaunlicherweise gelten Marx,
Foucault, Benjamin, Adorno, Marcuse, Derrida, Butler u.a. in den USA unterschiedslos
als Critical Theory. Ist das nicht eine produktive Entwicklung, wenn die
Kritik der politischen Ökonomie eines Marx neben und als Ergänzung
zur Kritik der politischen Anatomie, des politischen Körpers, rezipiert
wird, anstatt das eine mit dem anderen auszutreiben?
Ja, das alles wird als Kritische
Theorie betrachtet. Ich denke, daß es in Deutschland gar nicht diese
gigantische Foucault-Welle wie in den USA gegeben hat. Jahrelang redete
in den USA jeder Student nur Foucault-Speech. Darauf mußte man sich
einstellen, wenn man die Studenten noch erreichen wollte.
Welche weiteren Projekte haben
Sie für die nächste Zukunft?
Ich möchte die Marxsche Theorie
etwas weiterentwickeln. Dazu müssen die historischen Entwicklungen
seit Mitte der siebziger Jahre aufgenommen und berücksichtigt werden.
Das soll aber keine Monographie werden, das wäre wohl ein zu gewagter
Wurf, den niemand im Moment zu leisten imstande ist. Aber als theoretische
Intervention in laufende Debatten, Diskurse und Theorieentwicklungen sollte
dies möglich sein. Zweitens arbeite ich an einer Theoriegeschichte
der Kritischen Theorie. Das soll aber keine auf Vollständigkeit angelegte
Geschichte, sondern eben eine Skizze der theoretischen Konzepte der Kritischen
Theorie werden.
Also kein Gegen-Wiggershaus?
Genau. Die theoretische Auseinandersetzung
soll im Zentrum stehen. Bisher gab es keinen Versuch, die Kritische Theorie
von ihrem Kapitalbegriff und ihrer Kapitalismuskritik aus darzustellen.
Und genau das werde ich versuchen. Die Kategorie der gesellschaftlichen
Totalität wird dabei wichtig sein, und diese Arbeit wird sich sicherlich
stärker an Adorno orientieren als die vorherige. Im Schnittpunkt wird
dabei der Versuch stehen, den Kern einer Kritischen Theorie auf der Höhe
der Zeit zu formulieren. |