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19. Mai 1999 Jungle World

Zeichnungen von Traxler

Wollkonserve

Gratulanten werden Schlange stehen, wenn Hans Traxler am 21. Mai seinen 70. Geburtstag feiert. Am Rummel beteiligt sich der Verlag Zweitausendeins mit der Herausgabe des großformatigen Sammelbandes "Alles von mir!". Dieser nimmt jedoch - anders als der Titel suggeriert - keine Gesamtschau des Traxlerschen Schaffens in Angriff, sondern enthält hauptsächlich Zeichnungen und Cartoons aus den Neunzigern, die überwiegend in den Magazinen der Zeit, der SZ und der FAZ veröffentlicht wurden. 

Die Konzentration des Bandes auf diese Periode hängt wohl nicht zufällig damit zusammen, daß sich Traxler kurz vorher von der politischen Satire verabschiedete. Eine schluchzende Robbe am Strand, Hände, die eine Keule umfassen, und die Zeile "Schluß mit der Nordseevergiftung, oder wir schlagen diese Robbe tot!" - das war der letzte Titel Traxlers für die Titanic. Späße dieses Kalibers tauchen in "Alles von mir!" tatsächlich kaum noch auf. 

Seither hat Traxler regelmäßig die erwähnten Magazine beliefert, recht harmlose und mäßig komische "Gorbi"- und "Gummibärchen"-Bände hergestellt, etliche Eugen Roth-Büchlein illustriert und Kinderbücher gemacht. Er ist also ein sehr freundlicher Komiker geworden, mehr Sempé als Tomi Ungerer, wogegen im Prinzip nichts einzuwenden ist. Auch ohne explizite Politik und Tabubruch lassen sich aus dem Alltag ja komische Funken schlagen. Viele der im Band versammelten Cartoons leiden jedoch schlicht darunter, daß ihr Witz sehr verstaubt wirkt. Eine Sachbearbeiterin als Gans im Arbeitsamt, die dem arbeitsuchenden Bären bescheidet: "In der Honigfabrik ist im Moment nix frei - da wolln sie alle hin!" - nun denn.

Wenn politikfreie Komik über solche anthropologisch konstanten Anlässe hinaus Angriffspunkte sucht, beginnt sie meist, dem Zeitgeist die Leviten zu lesen. Traxlers Hang zum Satirischen macht sich vor allem an einem Thema fest, dem Robert Gernhardt Anfang der Achtziger ein langes Leben voraussagte: den Widersprüchen des Öko-Bewußtseins, dem links-alternativen Jargon und Lebensstil. So konservieren viele von Traxlers Cartoons eine Welt, in der man Leuten in Wollpullis begegnet, die Bruder Ahorn und Schwester Linde umarmen; in der indianische Regentanzkurse boomen und alternative Mütter darunter leiden, daß ihre Kinder das Frühstück verweigern - weil doch "für jede Schale Müsli Dutzende goldener Ähren vorzeitig ihr Leben lassen müssen". 

Aber in den ausgehenden Neunzigern schmecken diese Witze über Walgesänge und Ozonlöcher alle schon etwas tranig. Kein Wunder, daß sich über die Narreteien der partnersuchenden Sonderschulpädagogin, mit der man "auf toskanischen Terrassen herrlich ganze Nächte verquatschen kann", vor allem Leser der FAZ amüsieren können. Wenn auch Tausende Kritiker die historische Stimmigkeit und Detailversessenheit des Zeichners Traxler loben - im vergangenen Jahrzehnt waren Norwegerpullis und Latzhosen gewiß häufiger auf der Kabarettbühne als auf der Straße zu sehen. 

"Alles von mir!" bleibt daher ein höchstens heiter zu nennendes Schmunzelbuch für Leute, denen Modetorheiten grundsätzlich suspekt sind und die das Versöhnliche in der komischen Kunst zu schätzen wissen - ganz im Sinne der tütteligen Verse Eugen Roths: "Ein Mensch sieht ein - und das ist wichtig: Nichts ist ganz falsch und nichts ganz richtig."

  •  Mark-Stefan Tietze
Hans Traxler: Alles von mir! Zweitausendeins, Frankfurt/M. 1999, 258 S., DM 50 
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