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Schwerter zu Flugis
Von "Nato zerschlagen" bis "Alle
Männerbünde entwaffnen". Je kleiner die Gruppierung, desto umfassender
die Forderungen. Flugblatt-Texte von linken und rechten Kriegsgegnern.
Von Stefan Wirner
Der Krieg kurbelt die Wirtschaft
an, z.B. die Copy-Shop-Branche. Auf den jüngsten Anti-Kriegs-Demos
sprossen die Flugis wie Blätter im Frühling. Und wie in der Natur
sind auch die Flugblätter von einer ungemeinen Vielfalt.
Erstaunlich ist, wie viele kommunistische
Gruppen es im Untergrund gibt. Sie müssen im Untergrund existieren,
denn wenn mal kein Krieg ist, hört man auch nichts von ihnen. Meist
lesen sich ihre Verlautbarungen wie Passagen aus Grimms Märchen, so
wenn z.B. die MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands) schreibt:
"Die internationale Arbeiterklasse und die werktätigen Massen aller
Länder haben ein Interesse an einem echten Völkerfrieden auf
dem Balkan." Keine Ahnung, wie es im Ausland aussieht, aber von der deutschen
"Arbeiterklasse" war in dieser Richtung bisher nichts zu vernehmen.
Die Kaz (Gruppe Kommunistische Arbeiterzeitung)
fordert die "Bestrafung der Verantwortlichen in Bonn für diesen Verstoß
gegen das Völkerrecht". Da wird sich die Staatsanwaltschaft aber sputen.
Die ansonsten recht vernünftige Gruppe Fels (Für eine linke Strömung)
empfiehlt: "Zerschlagen wir die Nato!" Viel Spaß dabei, wir sehen
uns dann im Atombunker. Je kleiner die Gruppierung, um so größer
die Wünsche. Völlig unzufrieden mit der Konkurrenz zeigt sich
die Spartakist - Arbeiterpartei Deutschlands: "Unsere pseudotrotzkistischen
Opponenten a lˆ (!) GAM und RSB wollen uns weismachen, der Weltimperialismus
könne dazu gebracht werden, rational vorzugehen." Dagegen verspricht
die BSR (Berliner Stadtreinigung): "Wir bringen das in Ordnung."
Verschiedene Lösungsvorschläge
für den Krieg gegen Jugoslawien sind in den diversen Flugschriften
im Angebot. Die Sozialistische Initiative und Sozialistische Liga weiß:
"Der einzige Weg, der eine wirkliche politische Lösung für das
kosovarische Volk und den ganzen Balkan durchsetzen kann, ist die Mobilisierung
der ArbeiterInnen, Jugendlichen und aller demokratischen Sektoren." Durchaus
plausibel, nur: Wer ist das "kosovarische" Volk , und wer sind die "demokratischen
Sektoren"?
Optimistisch bleibt auch die AK
- kein Flugblatt, sondern die "Zeitung für eine linke Debatte und
Praxis". Die Nato "ist zwar militärisch unschlagbar, aber politisch
verwundbar. Sie selbst hat sich mit ihrer Aggression in eine Sackgasse
manövriert, sie ist jetzt Gefangener der von ihr eingeleiteten militärischen
Eskalationsdynamik." Die Nato, ein Gefangener in einer Sackgasse - arme
Nato. Laßt uns eine UnterstützerInnengruppe gründen. Das
Kritische Anti-Kriegs-Plenum hat dagegen im Angebot: "Frieden heißt
für uns nicht nur Stopp des Nato-Bombardements und des Balkan-Krieges,
sondern auch: Überwindung der Diktatur der Sachzwänge und der
strukturellen Gewalt!" Mal sehen, ob wir das alle gemeinsam hinbekommen.
Wenn das Bombardement demnächst
beendet, die Nato zerschlagen und die "Entwaffnung aller Männerbünde"
(Frauen/Lesben-Bündnis gegen den Krieg) abgeschlossen ist, kann man
sich der Frage zuwenden, wer eigentlich schuld ist am Ausbruch des Krieges.
Für die meisten Revolutionäre ist klar: die USA. Denn: "Vom Völkermord
verstehen die USA etwas, schließlich gehört das zu ihrer Gründungsgeschichte",
schreibt Hans A. Turm ("Bitte kopieren und weitergeben"). Andererseits
weiß die FDJ (Freie Deutsche Jugend), daß es keinen Angriffskrieg
gegen Jugoslawien gegeben hätte, bestünde die DDR noch. Beweis:
"In ihrer 40jährigen Existenz führte die DDR keinen einzigen
Angriffskrieg gegen andere Staaten." Hinsichtlich des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen
in Ungarn 1956 und in die CSSR 1968 drücken wir mal beide Augen zu.
Die Schuldfrage wird in den meisten
Schriften in einem Dreischritt analysiert: Das größte Interesse
am Krieg hätten die USA, Deutschland sei mehr oder weniger hineingezogen
worden, und daß es nicht um die Menschen im Kosovo gehe, zeige schon
die Tatsache, daß die Türkei und Israel nicht ebenso bombardiert
würden. Und die Unschuldigen? "Arno Schmidt war ohne Zweifel unschuldig
am 3. Reich, als er einen späteren Teil Polens aufgrund seiner Volkszugehörigkeit
verlassen mußte, unschuldig war die Mehrheit der zu ihrem Pech am
falschen Platz siedelnden Palästinenser in der Mitte, der über
1,5 Millionen 'ausgetauschten' Griechen und Türken im ersten Viertel
dieses Jahrhunderts und ohne Zweifel auch die Mehrheit der hauptsächlich
von Tito im Kosovo angesiedelten Albaner und deren allzu zahlreiche Nachkommen."
(Bund gegen Anpassung/Rotes Forum) Eine gewagte These: Vermehren sich wie
die Karnickel, diese Albaner, und sind trotzdem unschuldig.
Für eine andere Gruppierung
ist nicht nur Arno Schmidt unschuldig, sondern gleich noch ein paar Deutsche
mehr. "Einige Kollegen aus Berlin" schreiben in ihrer "2.Stellungnahme
seit Kriegsbeginn": "Unser Volk mußte einen hohen Preis zahlen, dafür
daß es teilweise geduldet hat, teilweise daran beteiligt war, daß
menschenverachtende Verbrechen ungekannten Ausmaßes in seinem Namen
begangen wurden. Diesen Preis zahlen wir noch heute, 54 Jahre nach Kriegsende."
Apropos "zahlen": Rolf Philipp fragt
in seinem Flugblatt: "Herr Scharping! Was kostet ein Tag Krieg? Bezahlen
Sie ihn aus Ihrem Privatvermögen?" Aber sicher! Preisgünstig
kommen in jedem Fall die Israelis weg: "Wie Israel, der Statthalter der
USA im Nahen Osten, sich gegenüber seinen Nachbarstaaten verhält
(Annexion von Teilen dieser Staaten, Bombardierungen) ist bekannt. Daß
in Israel Folter von Gefangenen offiziell erlaubt ist und die Sippenhaft
unschuldiger Menschen, in erster Linie Palästinenser, gängige
Praxis ist, wird nicht allgemein bekannt sein." Diese Stellungnahme kommt
nicht von der DVU, sondern von "Einigen Kollegen aus Berlin", die ihre
"3.Stellungnahme seit Kriegsbeginn" verteilt haben.
Während Deutschland immer noch
dafür zahlen muß, daß "in seinem Namen" Verbrechen begangen
wurden, dürfen sich die Israelis ungestraft so aufführen wie
- die Deutschen damals ("Sippenhaft"). "Kein Wunder", schreibt die AGM
(Arbeitsgruppe Marxismus): "Der Zionistenstaat ist der loyalste und militärisch
wichtigste Kettenhund des US-Imperialismus in der Region."
Dagegen argumentieren die Pamphlete
rechter Gruppen, die auf den jüngsten Friedensdemos verteilt wurden,
fast schon human. Die Naturgesetzpartei kennt einen Weg aus der Sackgasse:
"Eine gewaltfreie Friedenstechnologie, die 'Maharishi Technologie des Einheitlichen
Feldes'" - das Yogi-Fliegen. "Unser wissenschaftlich bestätigter Friedensplan
für den Kosovo lautet: Statt weitere Schuld durch Töten von Menschen
mitzutragen, sollte die Bundesregierung unverzüglich in Deutschland
und Mazedonien innerhalb von ca. 12 Wochen je eine Gruppe von 2 000 Soldaten
in die Vedischen Friedenstechnologien einweisen lassen. (...) Denn bei
den Jugoslawen käme durch den Abbau von Kollektivstreß die Vernunft
zurück! Schon in kürzester Zeit würden die von Haß
bestimmten serbischen Kriegshandlungen abklingen."
Daran schließen sich nahtlos
die Öko-Sozialen aus dem Umkreis des verstorbenen Ökoreaktionärs
Rudolf Bahro an: "Was Du denkst, fühlst, tust, interessiert niemensch.
(...) Wir sind zurückgeworfen auf unsere Körperkraft, unser Denkvermögen
und auf unsere Stimme." Sie fordern "Parteinahme gegen die Metropolen-Interessen",
denn: "Das kapitalistische Patriarchat als dessen letzte und barbarischste
Form wird die Erde als ein schwarzes Loch hinterlassen: unbewohnbar, wüst
und leer." Illustriert ist diese Prognose mit dem Target-Zeichen. Nicht
mal dagegen können sich die Serben wehren.
Gekrönt wird die Flugi-Flut
durch die esofaschistische Hetzschrift: "Gesellschaftsreform jetzt! - Monatszeitung
für Wissenschaft, Kultur und Politik". Hier tritt der "ewige Jude"
als Verantwortlicher für den Krieg auf, vorerst allerdings noch in
der Gestalt eines Außerirdischen namens "Ashtar Sheran". "Ashtar
Sheran" habe Bill Clinton durch "Eindringen in irgendwelche charakterliche
Schwächen eines Menschen" umgepolt, er habe den "Fatima-Schwindel"
inszeniert, Moses die Zehn Gebote überreicht und damit den Grundstein
gelegt "für den gegenwärtigen jüdischen und christlichen
Religionswahnsinn". Er habe auch die "Arier-Nachfahren" für die Zwecke
der "Gizeh-Intelligenzen" mißbraucht, Resultat: Erster und Zweiter
Weltkrieg. Unsere "Evolutionsgestörtheit" liege in einer Genmanipulation
begründet, die "unsere indirekten Vorfahren aus den Sirius-Gebieten"
an uns vornahmen. Eigentlich seien aber die "Erzeuger-Herrscher selbst
schuld an ihrer Entartung". Also nicht die Deutschen waren die Nazis, und
Milosevic ist auch nicht Hitler, sondern der Jude E.T. ist Goebbels.
Dazu keine weiteren Fragen. Schließen
wir mit einer Stimme der Besonnenheit im Tal des Schwachsinns, der Bahamas-Redaktion:
"Eine Linke, die mit ihrem Ethno-Gefasel statt Internationalismus, ihrem
Antiamerikanismus statt Haß aufs Vaterland, ihrem Ökologismus
statt Solidarität mit den Leuten verdienterweise an die Regierungsmacht
gekommen ist? Wo gibt es sowas? Erraten." |