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Kriegsnovelle
oder Wie eine Erzählgemeinschaft
für einen moralischen Krieg erzeugt wird.
Von Georg Seeßlen
Prolog 1:Der Mythos der verlorenen Wahrheit
"Das erste Opfer des Krieges ist
die Wahrheit" - dieser Satz wird in den letzten Wochen mit so beharrlicher
Gewichtigkeit wiederholt, und zwar innerhalb eben jener Medien, die nach
unseren Vorstellungen für die Wahrheit zuständig wären,
daß man sie als neues Glaubensbekenntnis, als Axiom der Berichterstattung
vom Krieg akzeptieren müßte, wenn einem nicht gerade durch diese
penetrante Wiederholung klar würde: Der Satz kann nur der impertinenteste
Teil der großen Lüge sein. Diese Medien behaupten damit nämlich,
indirekt und bildhaft, wie sie es gerne tun, ein paar Dinge über sich
selbst:
1. Vor dem Krieg wurde - von uns,
den Vertretern der Medien, den Journalisten, Kritikern, Kommentatoren des
Geschehens - die Wahrheit gesagt, und wenn der Krieg vorbei ist, werden
wir auch wieder Zugang zur Wahrheit haben.
2. Wenn wir nicht die Wahrheit sagen,
so ist das nicht unsere Schuld. Wir, die Wortbenutzer und Bildermacher,
wir sind nicht etwa Partei irgendeiner Schuld in diesem Krieg, wir sind
immer Opfer.
3. Wir sind uns unserer Grenzen
bewußt und daher bereit, zu schweigen, wo nichts zu sagen ist, keine
Bilder zu bringen, wenn es nichts abzubilden gibt, eher das Widersprüchliche
zu akzeptieren als aus den fragmentarischen Informationen ein wohlfeiles
Urteil zu formen. Wir sind uns, um es in einem Wort zu sagen, unserer Verantwortung
bewußt, in der Welt der Fälschungen und Manipulationen.
4. Wir sind nicht schuld, wenn sich
später herausstellen sollte, daß wir während dieses Krieges
mit falschen Bildern und falschen Erzählungen gelebt haben. Wir haben
immer davor gewarnt, aus unseren fragmentarischen und zweifelhaften Bildern
zu schnell eine moralische Erzählung zu formen.
Nach allem, was diese Medien uns
in den letzten Wochen geboten haben, sind das vier faustdicke Lügen,
die sich hinter einer scheinbar simplen Aussage verbergen. Und noch eine
Lüge beinhaltet dieser scheinkritische Satz: Der Krieg, impliziert
er, sei ein wiederkehrendes Ereignis, eine Art Naturkatastrophe, die immer
wieder dieselben Phänomene zeige. So ist es halt im Kriege. Nein:
Auch was die Produktion seiner Bilder anbelangt, ist jeder Krieg eine eigene
Geschichte. Und nicht nur die Politik, nicht nur das Militär, nicht
nur jeder einzelne, sondern vor allem auch die Medien, in ihrer ganzen
Widersprüchlichkeit und freimarktwirtschaftlichen Vielfalt, werden
auf immer neue Weise schuldig.
Die heroische Selbstinszenierung
der deutschen Medien besteht im Selbstportrait als angestrengter Streiter
gegen Propaganda und Fälschung von allen Seiten, eine auf Hochtouren
laufende Filteranlage, eine Suchmaschine nach der "Wahrheit" im unendlich
suggestiven Netz der Dinge. Jeder Journalist ein Partisan der verlorenen
Wahrheit, ein Einsamer im Dschungel der Wahrnehmungen und Gefühle,
einer oder eine, der oder die uns verteidigt gegen die Mächte der
Manipulation.
Wenn dem so wäre, warum kommt
dann doch eine so gleichförmige Ikonographie, eine Meta-Erzählung
dieses Krieges heraus, deren Details sich an allen Ecken und Enden so verblüffend
ähneln, warum schleichen sich die immergleichen Erklärungsmuster,
die Modellsätze, die Tautologien, die Dogmen ein, die von sich nichts
wissen? Warum wird dann in den deutschen Medien aus dem Chaos einander
widersprechender Bilder und Nachrichten eine Erzählung von so furchterregender
innerer Selbstgewißheit?
Prolog 2:Das Vage und das Offensichtliche
Eine Episode aus der Serie "Baywatch":
Die tüchtige Rettungsschwimmerin und ihre Helfer erreichen einen am
Strand liegenden Mann, der offensichtlich nach Atem ringt. "Ich kriege
keine Luft!" keucht er. Die tüchtige Rettungsschwimmerin stellt sofort
eine medizinisch hieb- und stichfeste Diagnose: "Der Mann hat Atemprobleme."
Die nächsten Einstellungen
zeigen uns zweierlei: 1. Die Frau hat einen ziemlich knappen Badeanzug
als Arbeitskleidung gewählt. 2. Es kommen ein paar medizinische Gerätschaften
und Techniken zum Einsatz, die wichtig und wirkungsvoll sind, uns im Detail
aber nicht zu kümmern haben. Schließlich läßt die
Dramatik der Situation nun keine Zeit mehr für Erklärungen. Als
die erste Hilfe offensichtlich nicht ganz ohne Erfolg abgeschlossen ist,
kehrt der Film zur tautologischen Erzählweise zurück. Zwei Sanitäter
heben den Kranken vorsichtig auf eine Bahre, während die Heldin sagt,
man müsse den Kranken vorsichtig auf eine Bahre heben. Und dann hat
sie auch noch Zeit, zu verlangen: "Macht die Tür zu!", während
die Männer die Tür ihres Sanitätswagens schließen.
Diese Erzählweise hat auf eine
besondere Weise "Glaubwürdigkeit" erzeugt. Statt einer gleichmäßigen
Informationstiefe oder einer Suche nach Information mit Retardierungen
und Durchbrüchen, wechselt sie zwischen zwei Strategien rhythmisch
ab, nämlich der einer geballten Ladung Offensichtlichlichkeit - ein
vergleichsweise einfacher Sachverhalt wird bedeutungsschwer doppelt und
dreifach erklärt - und einer dramatischen Vagheit - komplexe Verrichtungen
und Beziehungen verschwinden hinter nicht erklärbaren Handlungen und
nicht erklärbaren Begriffen, während uns die emotionale Anspannung
der Beteiligten in Bann hält.
Diese duale Erzählweise vom
Terror des Offensichtlichen und der dramatischen Vagheit kennen wir aus
den unterschiedlichsten Lebensbereichen, etwa aus jenen Bedienungsanleitungen
komplizierter elektronischer Geräte, in denen seitenlang sehr präzise
davon gesprochen wird, wie man einen Stecker in eine Steckdose steckt,
um dann in einen vagen Jargon zu verfallen, sobald es um die eigentlichen
Funktionen und vor allem die Probleme des Gerätes geht. Und am Ende,
wenn es um die Anwendung fusselfreier Tücher zur Reinigung geht, wird
wieder jedes Detail hochnotpeinlich notiert. Es gibt in dieser Erzählweise
also vernünftige Präzision und lyrischen Impressionismus, nur
beides eben genau an der falschen Stelle.
Jede Fernsehshow ist von dieser
Erzählweise mehr oder weniger infiziert: die Überdeterminierung
im Bereich des Trivialen und Offensichtlichen (im Fernsehen kann nicht
einmal applaudiert werden, ohne daß jemand sagt, daß nun applaudiert
werde) und das Verschwimmen der Informationen im Vagen, eben dort, wo man
über den Raum der gegenwärtigen Inszenierung vor der Kamera hinausgehen
müßte, sowohl, was die Zeit, als auch, was den Ort anbelangt.
(Man betrachte nur, wie der "Showmaster" mit einem Menschen anderer Sprache
umgeht: Er macht stante pede eine Orgie der Vagheit aus dem Gespräch.)
Der Innenraum vollständiger Gewißheit steht dem Außenraum
vollständiger Ungewißheit gegenüber.
Ich glaube nicht, daß man
noch fragen muß, was das mit unseren Bildern vom Krieg im Kosovo
zu tun hat. Nicht nur jede Sendeeinheit, jede Einstellungsfolge funktioniert
nach diesem Erzählprinzip von Überdeutlichkeit und Vagheit. Eine
Flüchtlingsgruppe, die an eine Grenzstation gelangt, wird als Flüchtlingsgruppe,
die an eine Grenzstation gelangt, und eine Feuerwehrgruppe, die den Brand
an einem getroffenen Hochhaus in Belgrad zu löschen versucht, als
Feuerwehrgruppe, die den Brand an einem getroffenen Hochhaus in Belgrad
zu löschen versucht, bezeichnet. Und wir können sicher sein,
daß auf die Konstruktion des Über-Offensichtlichen stets die
Konstruktion der Vagheit folgt, die zur Nachricht allein durch die Dramatik
des Augenblicks wird (etwa in den Erzählungen der Geflüchteten,
in der Erschöpfung der Feuerwehrleute).
Wie aber verhalten sich das Offensichtliche
und das Vage in dieser Erzählweise? Nicht anders als in einer "Baywatch"-Folge
oder einer Gameshow: Die "Wahrheit" - und nichts anderes kann in der tautologischen
Über-Information stecken, in der doch alles mehrfach nachprüfbar
ist - wird von der Projektion des Blicks auf das Bild der Inszenierung
verschoben. Die Wirklichkeit selbst ist Feindesland, terrain vague. Anders
gesagt: Wir werden es in dieser Erzählweise kaum bemerken, wenn eine
logische oder moralische Schlußfolgerung vom Bereich des Offensichtlichen
in den des Vagen verschoben wird. Aus dem Vordergrund des Offensichtlichen
führt der geheimnisvolle Weg in den Bereich des Vagen, in dem "die
Serben" Unsagbares und Bildloses tun, das nur mit etwas anderem Unsagbaren
und Bildlosen verglichen werden kann.
1. Kapitel:Der Krieg als Erzählung
So ganz allmählich scheinen
sich unsere Medien, wenn mich nicht alles täuscht, von der moralischen
Erzählung zum Krieg, die sie selbst zum großen Teil mitgeschaffen
haben, wieder zu distanzieren. Zum einen durch die Schübe von Selbstreflexion,
die auch jene bürgerlichen Blätter - zumindest im Feuilleton
- erschüttern, die vordem den Kriegserklärungen nur allzu gern
folgten, zum anderen dadurch, daß man, wie die Bild-Zeitung, wieder
zum gewohnten Stoff zurückkehrt: "Telefon-Sex gebührenfrei",
"TV-Star verstößt seinen Sohn", "Papagei brachte einer Stummen
Sprechen bei".
Die moralische Erzählung dieses
Krieges, seine melodramatische Rekonstruktion, ist freilich auch schon
so tief in unsere populäre Mythologie abgesunken, daß sie "natürlicher"
Teil der allgemeinen Wahrnehmung geworden ist. Sie muß kaum noch
vertieft, verteidigt oder ergänzt werden. Wie aber ist diese Erzählung
zustande gekommen?
Unsere Medien sollten uns, so die
Abmachung unserer Gesellschaft und unserer Kultur, über die Geschehnisse
der Welt, über mehr oder weniger alles, was der Fall ist, "informieren".
Sie können das nun gut oder schlecht tun, ehrlich oder verlogen, sie
mögen es gegen allerlei innere und äußere Widerstände
tun, es mag Beeinflussung, Fälschung, Blendung, Interesse, Manipulation
und sogar Korruption geben. Und alle drei beteiligten Parteien: die Erzeuger
der Bilder, die Übermittler der Bilder und die Empfänger der
Bilder, tragen einen Anteil Verantwortung dafür, wie nahe die Bilder
an einer wenngleich zugegebenermaßen immer problematischeren "objektiven
Wirklichkeit" in den Prozessen ihrer Bearbeitung, Wanderung und Vernetzung
bleiben. Aber mehr noch als nach der Wahrheit suchen wir nach dem Sinn,
nach der Ordnung in den Bildern. Eine Nachricht wird erst verstanden, wenn
sie eine Erzählung geworden ist.
Dieser Krieg versteht sich in unserer
Politik und in unseren Medien als Melodram. Es ist eine Erzählung,
die keine Transzendenz kennt, weder den göttlichen Auftrag noch den
historischen Plan, weder Eroberung noch Verteidigung. Niemand träumt
in diesem Krieg davon, daß dieser Krieg - einzig verbliebene humanistische
Legitimation - der letzte zu sein hat, wenigstens in einer Region. Er ist
wie die, die ihn führen lassen: nicht rational, aber "authentisch".
Seine Moral beweist sich gerade darin, daß er wider die Vernunft
geführt wird. Er ist vielleicht in seinem Meta-Text sogar selbst ein
Krieg der Moral gegen die Vernunft.
Tugend und Terror offenbaren sich
in der melodramatischen Erzählweise allein durch sich selbst. Sie
bedürfen nicht der Analyse, sie verweigern Ambivalenz. Die melodramatische
Erzählweise zeichnet sich gerade dadurch aus, daß alles nach
dem Offensichtlichen drängt; sie verweigert sich dem Subtext und dem
Hintergrund. Das macht das Melodramatische dem Propagandistischen so offen.
Die Erscheinung ist der Inhalt, der zum Ausdruck drängt und zum Ausdruck
gedrängt wird. Das Bezeichnete verschwindet unter der Bezeichnung;
was wahrgenommen wird, wird es als moralisches Symbol. So wird selbst,
das kennen wir, das Territorium moralisiert. Ein Krieg gegen die Bosheit
der Natur, ein Krieg gegen Bilder. Es ist, als schreckten wir davor zurück,
sein Gelände und sein Wesen allzu genau anzusehen, und als sehnten
wir uns, authentizitätshungrig, zugleich danach.
Wir werden über alles Maß
hinaus blind gegenüber dem Leiden der serbischen Bevölkerung,
übrigens ein eklatanter Unterschied zwischen der deutschen Berichterstattung
und der in benachbarten Ländern, weil es das melodramatische Erzählen
stören würde. Ein Blickwechsel, das Sehen des anderen, die Ahnung
des Widerspruchs, würde diese Erzählung zum Einsturz bringen,
die ein großes Versprechen birgt: dazuzugehören. Nicht mehr
außen zu sein, kein einzelner, nicht mehr heimatlos. Diese Wir-Sehnsucht,
so scheint es, verbindet die hohlköpfigsten Menschen mit denen, denen
wir vordem noch den einen oder anderen klaren Gedanken zugetraut haben.
Wenn man aber einmal in dieser Erzählung
ist, kann man ihren Text nur wahrhaft erbarmungslos zu Ende führen.
(Und Clinton darf, ohne daß die moralische Erzählung zusammenbricht,
in einem Satz von der "humanitären Aktion" und davon sprechen, das
Bombardement werde "erbarmungslos" fortgesetzt.) Das Melodrama ist eine
Beziehungsfalle: Wird man auf der einen Seite aus Mitleid zum Kriegsbefürworter,
so wird man auf der anderen Seite vom Kriegsgegner zum Unmenschen. Nicht
einmal diese Perfidie der psychologischen Kriegführung, die zugleich
ewigwährender Wahlkampf ist, konnte uns diese Neue Mitte ersparen.
Unser Bedürfnis angesichts
eines Krieges ist keineswegs, ihn in all seinen schrecklichen Aspekten,
in seinem Grauen und seiner Absurdität, zu verstehen, sondern in der
einen oder anderen Weise mit seiner Existenz zu leben. Der Krieg muß
Erzählung werden. Was ich benötige, sind also
¥ Identifikations- und Distanzierungsmodelle:
die Schurken, die Opfer, die Helden
¥ eine Dramaturgie, die auf
die eine oder andere Weise einen Sinn produziert
¥ eine Stimmung des Krieges,
in der ich mich nach einer gewissen Zeit, "einfühlen" kann, eine Kontinuität
der Bilder, die mir sagt, der Krieg von heute sei immer noch der Krieg
von gestern und nicht etwa ein anderer Krieg im Krieg, und überhaupt
sei ein "Ganzes" nicht zu erzielen
¥ eine Mythologie, die das "Opfer"
erklärt und die Widersprüche aufhebt (wir sind in einer Erzählung,
in der Goliath der Gute wird, Ödipus seine Blendung nicht erkennt,
Kain den Abel zu Recht schlägt).
So geht es also darum, aus dem Krieg
eine Erzählung und aus denen, die sie aufnehmen, eine Erzählgemeinschaft
zu machen. Eine Erzählung ist ebenso etwas anderes als eine Ideologie,
wie ein Mythos etwas anderes ist als eine Lüge. Aber sie ist auch
das Gegenteil einer aufklärerischen Geste gegen beides, gegen die
Ideologie und gegen die Lüge.
Man kann wohl behaupten, daß
wir weder in einer Wolke der Propaganda noch in einem Schock der Wahrheit
leben, sondern in einer neuen Form des Erzählens vom Krieg, die sich
gleichwohl mit dem Fortschreiten selbst verengt, immer weniger Widerspruch
duldet, die Rollen immer hysterischer beschreibt, je mehr sich gerade in
ihrer Dramaturgie Zweifel ergeben könnten.
2. Kapitel:Offenes und geschlossenen Erzählen
Es gibt in dieser Erzählung
Kernstücke und Ausschmückungen, sie wird ja in den unterschiedlichsten
Varianten vertrieben, für alle Bildungsstände und alle Konsumentengruppen,
das eine Mal als philosophischer Essay, das andere Mal als soap opera verpackt.
Aber es gibt dabei einige Essentials, die in den Rang einer endgültigen
Wahrheit erhoben sind. Wer diese bezweifelt, begibt sich in der Tat in
Gefahr, aus dem Kreis der Erzählgemeinschaft, der normalen und gesunden
Menschen, schließlich derjenigen, für die Menschenrechte bei
uns Gültigkeit haben, ausgeschlossen zu werden. Wer an ihnen zweifelt,
ist ein Unmensch. Sie lauten in etwa:
1. Die Kriegführung der Nato
ist bestimmt durch das menschliche Entsetzen über begangene Greuel,
irgend andere, verborgene, zweite, doppelte Interessen darunter gibt es
nicht. Es ist nicht auszuschließen, daß dieser Krieg in sich
ausgesprochen sinnlos ist, ja daß er wider alle menschliche und politische
Vernunft geführt wird. Die Form des Krieges widerspricht dem Ziel;
die Erzählung hysterisiert sich, weil sie sich selbst auffrißt.
Die Kritik des Krieges führt zum Ausschluß aus der Erzählgemeinschaft.
Was auf keinen Fall gesagt werden darf, ist dies: daß dieser Krieg
selber unmoralisch ist.
2. Milosevic ist an allem schuld.
Er ist all das Böse der Macht schlechthin, die Skrupellosigkeit, die
Manipulation, die Benutzung der Massen, der aktuelle neue Hitler.
3. Der "großserbische Traum",
die Politik der ethnischen Säuberungen, ist eine Perversion dessen,
was wir uns allenfalls in kleinen Dosierungen leisten: Nationalismus, Rassismus,
Gewalt.
Wenn sich herausstellen sollte -
und wir müssen verblendet sein, wenn wir nicht fähig sind, Anzeichen
dafür zu erkennen -, daß die drei Axiome der Kriegserzählung
der historischen Reflexion nicht standhalten werden, dann bricht viel mehr
zusammen als nur die Legitimation eines offenkundig "falschen" Krieges.
Was zusammenbrechen wird, das sind
die politischen Biographien einer Generation (und, unter anderen, Joseph
Fischer wird ja nicht müde, zur Legitimation die "Angehörigkeit
einer Generation" anzuführen), das ist das Selbstverständnis
einer neuen politischen Klasse, jenes neuen Kleinbürgertums, das die
moralischen Ideale einer früheren Phase mit den Freuden und Verblendungen
der freien Marktwirtschaft ebenso zu versöhnen angetreten ist wie
Lust und Bürde der Macht.
Und was zusammenbrechen wird, ist
das gesellschaftliche Projekt einer Moralisierung des Kapitalismus, einer
Moralisierung des Nationalen, eines Pakts zwischen politischer Korrektheit
und Neoliberalismus in gemäßigter Form.
Was hingegen bleiben wird, ist die
Neukonstruktion des Krieges, bei der die Moral die Funktion des Offensichtlichen
erhält und das Politische in das Reich des Vagen verschoben ist. Der
moralische Krieg kann nicht beendet werden, nur weil er sich als unvernünftig
erweist; das Moralische ist im Melodramatischen, der kürzesten Verbindung
von Tugend und Terror, an die Stelle des Religiösen getreten. Es ist
der Dschihad der Melodramatiker gegen das Projekt der Aufklärung.
Nicht in die Steinzeit vielleicht, wohl aber in ein neues Mittelalter bombt
uns die Nato zurück. Und für diesen Prozeß gibt es, gar
nicht so vage, wirkliche Interessen.
3. Kapitel:Vereint bomben, getrennt
erzählen
Ein anderes Problem: Der Krieg im
Kosovo ist zwar einer, der die europäischen Staaten und den US-amerikanischen
militärisch und politisch aneinanderbindet - und beständig wird
in dieser Kriegserzählung davon geredet, daß dieser "Zusammenhalt"
ein eigentliches Ziel sei und auf gar keinen Fall gefährdet werden
dürfe. Aber andererseits gibt es kaum eine einheitliche Erzählung
zu diesem Krieg; jede der beteiligten Gesellschaften lebt in ihrer eigenen,
und manche, wie die italienische zum Beispiel, weigern sich überhaupt,
der politischen Erzählung zu folgen. Es ist vermutlich nicht ganz
einfach, anderen Erzählzusammenhängen zu vermitteln, daß
für unsere Erzählung von zentraler Bedeutung ist, daß es
gerade die Vertreter einstiger Opposition gegen das Militärische an
sich waren, daß es eine besondere Art politischer und persönlicher
Biographien ist, die sich in diesem Krieg erfüllen.
Ebenso befremdlich mag von anderswoher
gesehen der Umstand erscheinen, daß Clinton den Krieg so sehr auf
seine eigene Funktion bezogen hat, daß er sich in der ersten Person
Einzahl als eigentliches Subjekt der Handlung konstruiert und die Europäer
zu mehr oder weniger kauzigen side kicks macht. Schwer verständlich
wiederum vielleicht vom südlicheren Europa aus der vollständige
Konsens der englischen Erzähler und ihres populistischen Führers.
Undsoweiter.
Es wird sich zeigen, ob die Aufsplitterung
der Erzählungen dem historischen Projekt - neue gesellschaftliche
Herrschaftszusammenhänge führen neue Kriege für eine neue
Weltordnung - zugute kommt oder ihm schadet. Die neue Kriegserzählung
ist jedenfalls "postmodern" insofern, als sie beides zugleich liefert:
melodramatische Eindeutigkeit und mehrdeutige Vernetzung.
Der Krieg der Bilder ist auch ein
Krieg der Pop-Diskurse, mit bizarren Inversionen. Bombardiert da die Nato
nicht eine Art Woodstock in Permanenz, eine Gesellschaft, die ihre Lebenskraft
offenkundig nicht in formierten Propaganda-Aufmärschen, sondern in
sehr zivilen, informellen Erscheinungen äußert? Das Militärische
des Gegners wird einfach nicht sichtbar. Daß sich die Zivilbevölkerung
als Opfer anbietet, mit den ikonischen Target-Schildern (kannten wir die
nicht von unserer letzten Jugendrevolte: Schieß doch, Bulle!), kann
nur die allergrößte Perfidie sein, die Zivilbevölkerung
als "Schutzschild" zu benutzen, ist die perfideste Weise des Gegners, die
Moral des Krieges zu zerstören. Das allergrößte Verbrechen
von Milosevic und den Seinen ist es, daß er alles daran zu setzen
scheint, uns schuldig zu machen.
Dieses Woodstock in Permanenz wird
von den Größen der deutschen Pop-Kultur mit einem verstärkten
Einsatz für die Flüchtlinge, aber auch für den Bombenkrieg
beantwortet. Sie bezahlen dafür mit dem vollkommenen Verlust des Außenseiterstatus
und führen eine Armada in das Mainstreaming, das gleichwohl nie die
Hitze eines Konzerts in Belgrad mehr erreichen kann.
Jeder Zweifel verschwindet hinter
einem anderen Axiom: Was wir betreiben, ist ein schwieriges, demokratisches
Unterfangen der Information, was die anderen betreiben, ist Propaganda.
Das Bild des Feindes ist immer ein gefälschtes Bild, ein Bild, das
etwas anderes will, als es auszudrücken scheint. Was verloren geht,
ist der Adel der Ohnmacht; Mainstream und Dissidenz stürzen ineinander,
die Karten der Kultur werden in diesem Krieg neu gemischt.
Daher unterstützen die Bilderproduzenten
dieser Seite so eindeutig den Krieg der Bilderproduzenten auf der anderen
Seite. "Daß Milosevic das gedruckte genauso wie das gesendete Wort
systematisch in sein System der Haßerzeugung gezwungen hat, ist das
eigentlich Verwerfliche, nicht der Versuch, es dem Gewaltherrscher zu entziehen",
behauptet der Kommentator der Süddeutschen Zeitung. Er spricht dabei
von der Bombardierung des serbischen Fernsehens, bei der es Tote gab. Auf
allen Ebenen wiederholt sich das immergleiche Spiel: Nicht unser Krieg
ist barbarisch, nur Milosevic ist barbarisch. Wie aber könnten wir
das eigene "System der Haßerzeugung" noch kritisieren?
4. Kapitel:Die Logik der Kriegserzählung
Jede Kriegserzählung reproduziert
die immergleichen Elemente in verschiedenen Abstufungen von Hysterisierung
und Impertinenz:
1. Der moralische Auftrag. An die
Stelle der nationalen Sendung ist das moralische Interesse getreten, von
dem Scharping im Bundestag behauptet: "Jedes problematische Tun ist besser
als jedes Nichtstun." Wenn ich die moralphilosophische Entwicklung recht
im Kopf habe, waren wir nach ziemlich mühevollen Arbeiten, die nur
zum geringeren Teil in isolierten Studierstuben geleistet wurden, zum genau
gegenteiligen Ergebnis gekommen. Und wenn man, wie wir es ja recht gerne
tun, den Krieg und die Gemengelage von Feind und Opfer im Bild der "Krankheit"
fassen will (weshalb es ja auch "chirurgische Eingriffe" geben kann), so
muß wohl unterwegs vergessen worden sein, was Paracelsus über
die ärztliche Kunst sagte, daß sie nämlich in erster Linie
darin bestehe, zu unterlassen, was dem Patienten schade.
Mit Scharpings Worten und mit weiten
Teilen der Kriegserzählung ringsumher ist ein neues Dogma für
den moralischen Krieg aufgestellt: Im klassischen Krieg ging man davon
aus, daß es besser sei zu handeln, bevor es der andere tut. Nun ist
klar, daß man das Tun über die Vernunft setzt. Diese Verknüpfung
von Moralismus und Tatendrang ist zugleich so verführerisch und so
überraschend, daß sie die Möglichkeiten der vorausschauenden
Kulturkritik überforderte. Im Namen der Moral wurde eine Strategie
adaptiert, die man ein paar Jahre zuvor noch als geistigen Primitivismus
aus den USA verachtete: Erst schießen, dann denken. (Und wenn es
so offenkundig legitim ist, die Kritik aus der moralischen Erzählung
dieses Krieges heraus zu psychiatrisieren, so darf uns wenigstens erlaubt
sein, eine Analogie dieses Verhaltens zu etwas aufzuzeigen, was die Verhaltensforschung
eine "Übersprungshandlung" nennt: ein lang unterdrückter Impuls
muß irgendwann heraus und kann sich nicht mehr um Vernunft und Ziel
kümmern.)
2. Die grenzenlose Roheit des Feindes.
Scharping berichtet, er habe von Flüchtlingen gehört, daß
"die Serben mit abgeschlagenen Köpfen Fußball" spielten; "einer
schwangeren Frau sei der Fötus herausgeschnitten, gegrillt und wieder
in den Leib gelegt worden! Die Täter trügen meist schwarze Masken"
(Bild-Zeitung). Erinnern wir uns an die sadistischen Babymörder im
Golfkrieg. Es gibt nur ein einziges, was die Barbarei der Taten im Krieg
noch übertrifft: die Phantasie der Barbarei.
Mittlerweile arbeiten bereits PR-Agenturen
wie Ruder Finn an der planmäßigen Verbreitung von Schreckensbildern
des Feindes und praktikablen Begriffen dazu, die zum Beispiel gezielt Vorstellungen
von "Konzentrationslagern" verbreiten. Wenn wir diesen Krieg einmal "aufarbeiten"
werden, werden wir, unabhängig davon, wie falsch oder richtig die
moralische Erzählung dazu ist, darüber erschrecken, hoffe ich
wenigstens, wieviel davon nach den Gesetzen medialer Marktwirtschaft produziert
und konsumiert wurde.
Nomenklaturen werden planmäßig
ausgestreut, Milosevic zum Beispiel ist wieder "der Schlächter", Gregor
Gysi natürlich ein "Altkommunist". Nur Fischer selber ist da noch
einfallsreicher, indem er ihn einen "Weißwäscher für eine
neue Politik des Faschismus" nennt. Es ist geplante Strategie, die Verbrechen
von Milosevic mit denen des Faschismus gleichzusetzen; Scharping spricht
immer wieder von "KZ", "Selektion", "SS".
Was sich zuvor eher informell auf
dem Meinungsmarkt etabliert hat, nämlich daß der jeweilige Gegner
als Person einfach immer der neue Hitler ist, Saddam sowieso und noch von
einem "Intellektuellen" wie Hans Magnus Enzensberger so getauft, Schirinowski
indes gleich durch die Bild-Zeitung zum "Russen-Hitler" gekürt, die
Täter von Littleton als "Hitlers mörderische Kinder", das scheint
nun eingesetzt wie in einer Werbekampagne. Wenn überhaupt, bricht
diese Werbekampagne für den moralischen Krieg unter ihrem eigenen
Professionalismus zusammen (weshalb Joseph Fischer, man achte darauf, sich
gegenüber den Pflichtübungen Scharpings stets eigene Küren
erlaubt, und Schröder in alledem nichts als Ruhe und Standfestigkeit
zu spielen hat).
3. Die Sentimentalisierung der Protagonisten.
Joseph Fischer (51) und Journalistenschülerin Nicola Leske (29) heiraten
an aus Sicherheitsgründen geheimgehaltenem Ort (Fotografen sind aber
trotzdem da): "JA ... auch wenn das Herz schwer ist." (Bild-Zeitung) Wir
sind an der Front, um Decken und Plüschtiere zu verteilen, und zu
Hause geht das Leben weiter, auch wenn uns vor lauter schweren Herzen ganz
warm ist. Der Politiker erhält in der schweren Bürde, die er
trägt, einen Ausweis der in der postmodernen Mediokratie selten gewordenen
Authentizität. Beinahe zu Tränen gerührt registriert die
Kritikerin der Süddeutschen Zeitung die "Aufrichtigkeit, menschliche
Erregung" etc. der Teilnehmer von "Christiansen". Wetten, daß wir
einen ähnlichen Auftritt auf der anderen Seite als "propagandistische
Schmierenkomödie" bezeichnet hätten?
Der Krieg ist da, die Wahrheit ist
weg, und die Politiker sind mit einemmal plötzlich menschlich aufrichtig.
Was da stattfindet, ist eine blutige Karnevalisierung der Wahrnehmung unter
dem Motto des Authentischen und Ganzheitlichen.
Tatsächlich funktioniert etwas,
das die Medientheoretiker in den letzten Jahrzehnten postuliert haben,
wenngleich auf ganz andere als die erwartete Weise: Wir werden den Bildern
nicht mehr trauen können. Um so wichtiger wird es sein, daß
wir den Menschen trauen, die sie produzieren. Unsere Medien verhalten sich
in diesem Krieg, als hätten sie diese Lektion vor allem für sich
einzusetzen gelernt: Das Mißtrauen gegen die Bilder wird vorausgesetzt,
nicht ihre, sondern die Authentizität der Übermittler ist die
eigentliche Botschaft. Ja, die ganze Moral dieses Krieges steht und fällt
innerhalb des Medienbildes mit dieser Authentizität.
Daher wird gerade dies dem Staatsmann
hoch angerechnet, wofür er vordem vermutlich aus dem Amt gejagt worden
wäre, nämlich Ratlosigkeit gegenüber dem, was er selbst
angerichtet hat. Je authentischer Schröder, Fischer, Scharping um
ihre Fassung ringen, ihre "Betroffenheit" inszenieren, um so weniger wird
die Frage nach Sinn und Ziel dieses Krieges gestellt.
"Auch wer ihre Überzeugung
nicht teilt, wird die Echtheit ihrer Politik kaum bestreiten", schreibt
Rainer Bonhorst in der Augsburger Allgemeinen. Die Echtheit von Politik
als Kriegsergebnis? Schröder, Scharping, Fischer sind erfolgreich
authentisch, weil sie sich verhalten wie Menschen aus der "Lindenstraße",
denen wir immer mehr glauben, je mehr Fehler sie machen, die aber gerade
darin beweisen, daß sie nicht böse und nicht korrupt sind.
4. Sieg auf dem Schlachtfeld - Zahnbürsten
für die Bevölkerung. In Stanley Kubricks Film "Full Metal Jacket"
erklärt der Chefredakteur von Stars & Stripes, es gebe nur zwei
Arten von kriegstauglichen Nachrichten: GI, die unter der Bevölkerung
Zahnbürsten verteilen ("Das dient dazu, daß wir die Herzen der
Leser gewinnen"), und glänzende Siege des Militärs und getötete
Feinde ("Das dient dazu, daß wir den Krieg gewinnen"). Ganz nebenbei
unterläuft der Film im übrigen damit den Mythos vom Ende des
Vietnam-Krieges (was angeblich kommen mußte, weil die Medien ein
so "wahrheitsgemäßes" Bild des Krieges in der Heimat vermittelten);
wenn es damals die Phantasie gab, die Medien könnten einen Krieg beenden
helfen, so dürfen wir spätestens nun davon ausgehen, daß
sie ihn auch auslösen können: Alle Beteiligten, die es nötig
haben, rechtfertigen ihren Krieg mit den Bildern in den Medien, denen man
"nicht tatenlos zusehen" könne.
Das zynische Gebot der Kriegspropaganda,
also der Täuschung der Menschen, die humane Sentimentalität und
die heroische Barbarei stets gleichzeitig zu bedienen, ist nun zur Struktur
des Krieges selber geworden. Nur daß sich nun das Humanitäre
nicht mehr im Gewalttätigen einschreiben lassen will, sondern daß
das Gewalttätige ins Humanitäre eingeschrieben wird.
5. Das Mädchen muß gerettet
werden! Beinahe zwei Wochen lang verfolgte uns das Bild eines weinenden
Mädchens, das zuerst von der Bild-Zeitung adoptiert wurde und dann
durch alle möglichen Medien wanderte, bis es zum Ikon geworden war,
das die Schrecken des Krieges und unser eigenes Mitleid so perfekt zusammenfaßte,
daß niemand der Versuchung widerstehen konnte, es gleich in den Rang
einer Werbeaussage zu erheben, beginnend mit Appellen zum Spenden. Schon
trösten wir es mit den Segnungen unseres Freien Marktes auch für
Kinderwaren. Der Mythos des geretteten Mädchens gehört zu den
Kriegserzählungen; es soll gerettet werden, damit die Verurteilung
der Geschichte nicht so total werde wie im Tod des Mädchens im Melodram.
Theodor W. Adorno hat von der Reaktion auf das Wissen vom Tod Anne Franks
erzählt: "DIESES Mädchen hätte man nicht umbringen dürfen",
sagen die Menschen, und verschwunden ist die Ungeheuerlichkeit des Tötens
selbst.
6. Die Sexualisierung der Kriegsdiskurse.
In einem Zentrum der Kriegserzählung steht die Vergewaltigung, und
ein bizarrer Nebenschauplatz der Diskurse wird vom Vatikan eröffnet,
der nicht einmal die Abtreibung bei den vergewaltigten Frauen erlauben
will, was Skandal macht und sogar die Androhung von Kirchenaustritten durch
die SPD-Abgeordnete Regina Schmidt-Zadel. Wieder haben wir einen Paradigmen-Wechsel
in der moralischen Erzählung vom Krieg; jede Gewalttat löst sofort
beides gleichzeitig aus: einen Schlag möglichst symbolischer Gegengewalt
und eine humanitäre Gegenbewegung. Da im Projekt des moralischen Krieges
durch das neue Kleinbürgertum der Krieg selber nicht mehr als "organisierte
Männergewalt" dargestellt werden kann - jede Grußadresse gilt
mittlerweile ganz betont schon "unseren" Soldatinnen und Soldaten -, muß
die verlorene sexuelle Mythologie der klassischen Kriegserzählungen
auf Umwegen rekonstruiert werden.
Der Krieg wird nicht nur moralisch,
er wird in mehrerer Hinsicht auch weiblich. In der klassischen Kriegsphantasie
gab es den gepanzerten und feuerspeienden Mann, bereit, sein Blut zu verspritzen
und, noch mehr, das anderer Menschen, und die weißgekleidete Krankenschwester,
die ihre Fürsorglichkeit beinahe gleich verteilte auf die Verwundeten
und Sterbenden beider Seiten, die nach der Mutter zu schreien pflegen,
wenn ihre Führer sie verlassen haben.
Ganz wie im richtigen, im alltäglichen
Leben, hat es keine radikale Revolte der Krankenschwestern gegen die Blutverspritzer
gegeben, sondern nur eine neue Form der Amalgamie: Die Panzermänner
sind auch Krankenschwestern, und die Krankenschwestern werden auch Blutspritzer.
Vielleicht funktioniert dieser Krieg auch noch als Postfeminisierungsmaschine.
Wie der ganze Krieg so scheint auch jede Einzelaktion jedes einzelnen Soldaten
und jeder einzelnen Soldatin hypermoralisiert.
So richtig heldenhaft und bis an
die Zähne bewaffnet und stolz auf ihren Panzern dürfen Soldaten
in diesem Krieg nur sein, wenn sie "Hilfsgüter bewachen". Zukünftige
Psychohistoriker werden wieder einmal zu klären haben, was in diesen
Menschen als Potential erzeugt wurde. Denn ohne Folgen kann auch für
die "Sieger" der invertierte Krieg für die einzelne Seele nicht bleiben.
7. Die Hysterie der Ausgrenzung.
Es stimmt offensichtlich nicht, daß Intellektuelle, wie Martin Walser
meint, nur eine Meinung haben könnten, wie jeder andere auch. Wenn
es die falsche ist, werden sie zu mehr als zu Verrätern: Handke und
Gysi müssen zu jenen Stacheln im Fleisch werden, die beinahe schlimmer
als der Feind selber sind. "Gregor Gysi hat seine Maske verloren" titelt
die Bild-Zeitung, und eine Leserbriefschreiberin bringt es auf den Punkt:
"Herr Gysi müßte durch den Kosovo gejagt werden und um sein
Leben fürchten müssen. Nein, Herr Gysi, Sie gehören nicht
zu uns."
Auch Walser selbst, der sich für
diesmal, will mir scheinen, höchst vorsichtig geäußert
hat, bekommt diese Stimmung sofort zu spüren: "Das Reflexionsvermögen
ist nicht den Medien, sondern dem Dichter abhanden gekommen", meint der
Kommentar in der Süddeutschen Zeitung. Und noch die Frankfurter Rundschau
beteiligt sich an der Psychiatrisierung des Störers Handke, wenn sie
ihn als einen bezeichnet, der aus seinem "Kommunionsanzug manisch herauswachsen
wollte" und nun "etwas Wahnhaftes" an sich habe, zumindest etwas "Verstörtes,
Schwermütiges".
Die Psychiatrisierung des Dissidenten
hat in diesem Zusammenhang offenkundig einen sehr speziellen Aspekt: der
"postmoderne" Krieg, so ein Subtext der Kriegserzählung, habe aus
den ewigen Kindern von 68 erst Erwachsene gemacht, und wer diese Bewegung
nicht mitmacht, kann nur ein wahnhaftes Kind sein, das sich dem Reich der
Notwendigkeiten verweigert, wie der Kurzschluß von "Kommunionsanzug"
und "Manie" zu belegen hat.
Man akzeptiert in diesem Stadium
der moralischen Erzählung keinen noch so geringen Abstrich mehr; Milosevic,
der Vertreiber, ist nicht nur ein Verbrecher, er ist der allein Schuldige
(er muß so allein sein, damit wir uns nicht etwa als Rassisten ertappen,
obwohl wir unentwegt von den Serben sprechen) - jeder kritische Rückblick
muß nun untersagt werden (die Politiker ringen schon genug mit ihrer
Bürde, sie tragen den Zweifel daran schon mit sich herum) und mehr
noch: Nicht die Nato führt Krieg gegen ihn, sondern er führt
Krieg gegen sein Volk. In besagtem Kommentar der Süddeutschen bekommen
die Rollen ihre Namen: "der Vertreiber" und "die Beschützer", "die
Mörder" und "die Helfer". Erinnern wir uns: Kriegsgegner in den Zeiten
des modernen, nationalen Krieges wurden umgebracht. Ein moralischer Krieg
kann seine Gegner nicht so einfach umbringen. Er muß sie moralisch
vernichten.
Das kann man tun, indem man ihn
selbst der Unmoral zeiht: Gysi, der Erfüllungsgehilfe des "Hitlers
des Monats", Milosevic. Daß man die Dinge, auch in schlechten Zeiten,
einfach anders sehen könne, auf die Grundlagen von Recht, Demokratie
und Aufklärung, kommt nun niemand mehr. Es gibt, anders als in einer
Erzählung der Vernunft, in einer moralischen Erzählung nicht
einmal ein Recht auf Irrtum, schon gar kein Recht auf Widerspruch.
Der Präsident der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung antwortet auf die Frage, wie er
zu Handkes Entschluß stehe: "Ich bin ja kein Psychiater". Wir hören
dies übrigens alles in der Woche, in der erschreckende Berichte von
der eliminatorischen Psychiatrie in Rußland die Runde machen und
im Fernsehen gleich nach der Kosovo-Sondersendung zu sehen sind.
Es sind nicht nur in diesem Zusammenhang
eben doch verhüllte Morddrohungen gegenüber dem, der die Erzählgemeinschaft
verlassen hat. Sofort wird dies auch gesellschaftlich umgesetzt; Scharping
wird auf dem Parteitag der SPD in München mit pazifistischen Sprechchören
empfangen, und was geschieht? Die Polizei greift ein, und wieder ist Scharping
erschrocken über die Gewalt und läßt ihr doch seinen Lauf.
Schon wieder moralisiert er vor sich hin, und wir bekommen eine Ahnung
davon, was passiert, wenn der kriegführende Staat die moralische Erzählung
ebenso bedingungslos auch auf sich selbst anwendet. Der kriegführende
Staat militarisiert sich seit jeher auch noch innen, er muß zwangsläufig
zu einer bestimmten Form des Polizeistaates werden.
Auch daran scheinen wir uns zu gewöhnen,
weil es wiederum in seiner postmodernen Form geschieht: die verbale und
materielle Gewalt gegen die Dissidenten ist nämlich nur die Kehrseite
eines ebenso heftigen Populismus, die Drohung das andere eines permanenten
Versuches, sich die Gunst der Mitte zu erkaufen.
Zumindest die deutsche Kriegserzählung
hat ein weiteres Paradox zum Inhalt: Gerade die Führung eines nicht-nationalen
und daher opferlosen Krieges (so wie der Krieg eine "humanitäre Aktion"
ist, ist das Opfer "ein tragischer Irrtum") nach außen führt
zum nationalen Konsens im Inneren; Generationen, Klassen, ja sogar die
Geschlechter "vergessen" ihre Widersprüche, indem sie, anders als
im modernen und nationalen Krieg, der neuen Mitte nicht ihr Leben, sondern
nur ihre Überzeugungen opfern.
Die Konstruktion dieses "Wir", zu
dem die einen gehören und die anderen nicht, erklärt vielleicht
am besten, warum trotz der Erfahrung einer hoffnungslosen Absurdität
und einer Abwesenheit des positiven Kriegsziels eine gewisse Behaglichkeit,
ja Wärme sich um die Kriegsbilder ausbreitet, die Spendenaktionen
so viel Zustimmung erfahren, sich die Prominenz so sehr danach reißt,
in Zusammenhang mit diesem Krieg zu stehen - und nicht etwas "außerhalb"
zu bleiben - und in den Talkshows mittlerweile ein Pflicht-Teilnehmer eingeladen
wird, der über die Desaster des Krieges zu sprechen hat, bevor die
anderen nach dem Betroffenheitsnicken wieder ihre neuesten Serien, Filme,
Bücher und CD verkaufen dürfen.
8. Die religiöse Lösung.
Was geschah mit dem Piloten, der mit seiner Maschine über Serbien
abgestürzt ist? Er weiß es selber nicht genau, sagt er im Interview:
"Gott nahm meine Hände und zog für mich" - nämlich die Reißleine
des Fallschirms. Und was gab ihm die Zuversicht? Eine US-Flagge unter dem
Overall: "Sie symbolisierte für mich alle Menschen, von denen ich
wußte, daß sie für mich beten." Jeder aufrechte Kabarettist
hätte dies aus seinem Programm gestrichen, weil er nicht in Verdacht
geraten wollte, die allerfurchtbarsten Klischees über unsere transatlantischen
Verbündeten zu bedienen. Nichts da: Ebenso wurde es im Interview gesagt
und gerührt verbreitet. Und nach ihrer Freilassung versprachen die
drei amerikanischen Soldaten, für ihre Bewacher zu beten.
Und in jeder Kriegserzählung
gibt es die gleichen Techniken der Verblendung: Gibt es Aspekte im Bild
des Feindes, die zu seiner Produktion nicht passen, so werden sie zum Beweis
für die besondere Perfidie bei der Verstellung und bei der Propaganda
des Feindes. Scharping, der genau weiß, daß der Nato-Einsatz
nicht mit dem Völkerrecht zu decken ist, beschreibt den serbischen
Grenzübertritt nach Albanien als "Bruch des Völkerrechtes". Diese
rhetorische Veranstaltung ist gewiß gerade darauf abgezielt, zu verbergen,
daß es um ein anderes Kriegsziel geht, nämlich um die Ersetzung
des Völkerrechtes durch das Menschenrecht, das nun seinerseits durch
das definiert wird, was Schröder "zivilisatorisches Modell Europas"
nennt.
Mit anderen Worten: Es wird über
kurz oder lang keine "inneren Angelegenheiten" geben, und so recht das
Führungstrio damit haben mag, daß Deutschland keine "direkten
nationalen Interessen" im Kosovo hat (weder wollen wir ihr Land noch ihre
Rohstoffe), so sehr heißt das nur: Die Interessen, die in den Kriegen
der Zukunft verwirklicht werden, sind einerseits nicht mehr "national"
und andererseits "indirekt national". Es geht darum, eben nicht als historischen
Prozeß das Völkerrecht durch das Menschenrecht zu ersetzen,
wofür es durchaus Argumente geben mag und was einen Diskurs darüber
verlangte, wer denn nun über dieses Menschenrecht zu bestimmen hätte,
sondern im Gegenteil die Unterschiede zwischen beidem zu vernebeln, einen
Prozeß zu leiten, der keine Begleitung hat.
Was sich in dieser Kriegserzählung
bildet, ist nicht weniger als eine neue politische Philosophie, die sich
freilich nicht mehr in Ideen, sondern in Bildern formuliert. Die Medien
machen nun nicht mehr einfach Propaganda, sie sind die neue Form des politischen
Denkens.
Dies ist im übrigen nichts
anderes als die außenpolitische Wendung dessen, was in der Politik
im Inneren ständig vorbereitet war: die Ersetzung des Rechtsstaatlichen
und Diskursiven durch den moralischen Rigorismus; wo Rechtsstaatlichkeit
als "Täterschutz" diskriminiert wurde, von den politisch Korrekten
ausgerechnet nach dem Staat für die Einhaltung der moralischen Standards
ˆ la PorNo gerufen wurde, ist nun auch dieser Krieg sozusagen bewußt
anti-diskursiv erzählt, weil man nicht zusehen kann, nicht: weil man
eine Vorstellung hat. So wie das Medium die Wirklichkeit frißt, so
frißt das Mittel den Zweck. Und was der Terror der Offensichtlichkeit
verbietet, ist das Erzählen in die Vergangenheit und in die Zukunft
hinein.
Die Konstruktion des neuen "gerechten
Krieges" läßt nur eine Erzählung in der Gegenwart zu. Das
Melodramatische verlangt nach einer Moral ohne Bewußtsein. Eine Gesellschaft
aber, die nicht mehr in Ideen, sondern nur noch in Bildern denkt, kommt
gleichsam automatisch immer zu spät; sie verurteilt sich dazu, an
die Stelle von Projekten bedingte Reflexe zu setzen.
Epilog
Was bedeuten die Paradigmenwechsel
in der Kriegserzählung? Waren die ursprünglichen Kriege - so
wir sie uns vorstellen können - ausschließlich materiell und
topographisch bestimmt, so der klassische Krieg in seiner Erzählung
religiös. Es ging darum, neben dem Fürsten auch dem eigenen Gott
zu größerem Reich zu verhelfen. Der moderne Krieg dagegen wurde
national erklärt, und in seinem Zentrum liegt das Selbstopfer fürs
"liebe Vaterland".
Das Nationale ist kein Kriegsgrund
für den postmodernen Krieg mehr, im Gegenteil, er wird offenkundig
gegen den "verrückten Nationalisten" geführt. Er zerfällt
in einen höchst kommerziellen Bereich (im Raum des Vagen) und in einen
moralischen Bereich (im Raum der tautologischen Offensichtlichkeit). Beides
ist nun das Schrecklichste: das Territoriale und das "Selbstopfer". In
der Idee, ausschließlich militärische Ziele zu bombardieren
und zivile Opfer als Versehen zu bedauern, ist nicht zuletzt die Angst
vor dem Selbstopfer verborgen, das um alles in der Welt vermieden werden
muß.
Das neue Kleinbürgertum, der
wichtigste Protagonist in dieser Kriegserzählung hierzulande, versucht
nichts anderes als die Verknüpfung einer missionarischen Moral mit
einer gelegentlich durchaus manischen Selbstfürsorge; das oberste
Gebot ist die eigene Gesundheit. Wie also führen Menschen Krieg, die
einerseits von der Welt verlangen, sich als moralisch eindeutiges Melodrama
zu offenbaren, und die andererseits vor allem von der Angst um sich selbst
bestimmt sind?
Im Kosovo werden ganz und gar unterschiedliche
Kriege zur gleichen Zeit geführt, die sich gegenseitig nicht verstehen,
die sich manchmal nicht einmal berühren. Es ist der erste wahrhaft
postmoderne Krieg, und seine Erzählung schafft nicht mehr Geschichte,
schon gar nicht Bewußtsein von Geschichte, sondern hebt im Gegenteil
das Geschichtliche als Dimension selber auf. Er wird in den unterschiedlichsten
Zeiten gleichzeitig "geführt", und will, hierzulande, nur als bildhafte,
melodramatische Gegenwärtigkeit verstanden werden.
Menschen leiden und sterben in Erzählungen,
die nicht die ihren sind, und in Bildern, die ihnen schon vorher enteignet
waren. |