Euro Nachrichten
Nato-Bomben im Fischernetz
Als Fischer ein paar Meilen vor
Chioggia einen besonderen Fang machten und gelbe Sprengzylinder aus der
Adria zogen, beteuerten die italienischen Behörden Anfang der vergangene
Woche noch, daß es sich dabei nur um Überbleibsel aus den fünfziger
Jahren handeln könne. Einer der Sprengkörper explodierte an Bord
und zerfetzte dem Seemann Gino Ballarin den Bauch.
Zwei Tage später verfingen
sich erneut einige Hundert kleine Bomben in den Netzhaken der Boote. Was
die Fischer schon bei ihrem ersten Fang vermuteten, ist nun Gewißheit:
Sie hatten Streubomben, sogenannte Cluster, die auch bei den verheerenden
Nato-Luftangriffen auf das Krankenhaus von Nis und einen Bus bei Pristina
zum Einsatz kamen, an Bord gezogen. Als die Fischer Alarm gaben, erschienen
Räumkommandos der Marine und jagten die Beweisstücke in die Luft.
Doch inzwischen wurden auch Filmaufnahmen des Fundes veröffentlicht.
So blieb der italienischen Staatsanwaltschaft nichts anderes übrig,
als zuzugeben, was alle bereits wußten: Die Nato-Flugzeuge benutzen,
wie schon einmal den Gardasee, auch die Adria, um ihren Ballast abzuwerfen.
Best Buddy Bill
Auch in Großbritannien macht
sich inzwischen ein gewisser Unmut über den sich hinziehenden Krieg
im Kosovo breit. Immer stärker gerät Premier Tony Blair unter
Beschuß. Dahinter steht jedoch nicht etwa eine pazifistische Grundhaltung
- vielmehr werden angesichts der bisherigen Wirkungslosigkeit des Nato-Bombardement
die Forderungen an die Labour-Regierung nach einem härteren Kurs immer
lauter. Seitens der Tories und Liberaldemokraten will man sich nicht länger
den Selbstbeschränkungen der Nato auf Luftangriffe aus sicherer Höhe
unterwerfen und drängt Blair, den Einsatz von Bodentruppen durchzusetzen.
Wie kein anderer europäischer Staatschef hatte sich Blair einer aggressiven
Kriegsrhetorik hingegeben. Nun könnte der Ministerpräsident sein
Gesicht in der britischen Öffentlichkeit verlieren, wenn er von seinem
"best buddy Bill" im Stich gelassen würde, wie es der Daily Telegraph
befürchtet - z.B. durch einen Frieden, der mit Milosevic ausgehandelt
wird. Und das, nachdem Blair doch immer wieder betont hatte, daß
eine Zukunft in Serbien oder im Kosovo mit Milosevic ausgeschlossen sei.
Beschränkte Kompetenz
Nach zahlreichen Skandalen war es
in den letzten Monaten ruhig um den dreimaligen Ministerpräsidenten
der Slowakei, Vladimir Meciar, geworden. Doch kurz vor den Präsidentenwahlen
ist er wieder aufgetaucht - und setzt dabei wie gewohnt auf bewährte
Mittel in der Landespolitik: Nationalismus und anti-westliche Ressentiments
- mit Erfolg. Wegen dem Krieg in Jugoslawien wendet sich die Stimmung in
der Slowakei zunehmend gegen Nato und EU. Nach der Vorentscheidung am letzten
Wochenende steht er nun in der Stichwahl am 29. Mai nur noch seinem liberalen
Herausforderer Rudolf Schuster gegenüber, der von der Regierungskoalition
unter dem christdemokratischen Ministerpräsidenten Mikulas Dzurinda
unterstützt wird.
Doch wer auch immer der beiden am
Ende das Rennen bei der ersten freien Wahl in der Slowakei seit der Staatsgründung
1993 macht - aus Furcht vor einem Sieg Meciars hat das Parlament bereits
zuvor die Kompetenzen des Staatsoberhauptes erheblich eingeschränkt.
Ratlose Deutsche
Wenn es um Geld geht, ist Schluß
mit lustig, auch in der EU. Seit Monaten streiten sich die europäischen
Finanzminister in Brüssel um eine Angleichung der Steuer in den Mitgliedstaaten.
Ursprünglich hatte sich die deutsche EU-Ratspräsidentschaft das
Ziel gesetzt, in ihrer Amtszeit in dieser Frage eine Einigung zu erreichen.
So wurde der Ex-Finanzminister Oskar
Lafontaine von der britischen Sun zum "gefährlichsten" Mann in Europa
gekürt - vor allem wegen seiner Steuerpläne. Lafontaine ist weg,
doch ein Durchbruch vor dem Kölner EU-Gipfel sei nicht in Sicht, wie
die Berliner Zeitung am vergangenen Wochenende einschätzte. Streitpunkte
sind unter anderem Steuerschlupflöcher wie die britischen Kanalinseln,
die Zinsbesteuerung und die Einführung einer Energiesteuer, die von
Spanien und Irland grundsätzlich abgelehnt wird. Schwierigkeiten bereiten
auch die Steuervorteile, mit denen die EU-Länder um große Unternehmen
buhlen. Um den unfairen Wettbewerb zu stoppen, will man sich nun auf einen
Kodex einigen. Die Verhandlungen verlaufen auch deshalb so zäh, da
Steuerbeschlüsse in der EU immer einstimmig verabschiedet werden müssen.
Almosen für alle
Die Rue Jean-Marie Tjibaou in Vitrolles
wird auch weiter den Namen des antikolonialen Idols aus Neukaledonien tragen.
Zwar hatte der rechtsextreme Stadtrat sie zunächst nach dem 1988 tödlich
verunglückten Generalsekretär des Front National, Jean-Pierre
Stirbois, umbenannt. Doch wegen Formmängeln hat nun das Verwaltungsgericht
von Marseille diesen Beschluß wieder rückgängig gemacht.
Doch nicht nur bei den Straßennamen
mußten die Stadträte von Vitrolles und Marignane, die seit 1995
bzw. 1997 von Mitgliedern des heutigen Mouvement National (MN) geführt
werden, eine juristische Schlappe hinnehmen. Die Verwaltungsrichter annullierten
letzte Woche in Marseille eine ganze Anzahl von Beschlüssen der Neofaschisten:
Der Bürgermeisterin von Vitrolles, Catherine Mégret, wurde
untersagt, Anwalts- und Gerichtskosten aus öffentlichen Mitteln zu
bezahlen. Die Bürgermeisterin hatte sich vor Gericht zu verantworten,
nachdem 700 Bürger gegen sie Strafanzeige wegen rassistischer Äußerungen
gegenüber der Berliner Zeitung erstattet hatten.
Außerdem wurden kommunale
Subventionen für die neofaschistische "Wohltätigkeitsorganisation"
Fraternité fran ç aise untersagt. Da diese Organisation in
ihren Statuten ausdrücklich vorsieht, ausschließlich gebürtigen
Franzosen mildtätige Hilfe zukommen zu lassen, könne ihre Tätigkeit
- so die Richter - nicht als Dienst an der Allgemeinheit betrachtet und
somit auch nicht mit öffentlichen Geldern gefördert werden.
No More Welfare
Die neu gewählten Parlamente
von Schottland und Wales sind letzte Woche zum ersten Mal zusammengetreten.
In Schottland bildet eine Koalition aus Labour und Liberaldemokraten die
Regierung. In Wales, wo Labour 28 von 60 Sitzen erhalten hat, will die
Partei auch ohne Mehrheit regieren.
Hauptstreitpunkt bei den Koalitionsverhandlungen
in Schottland sind die Studiengebühren. Die britische Regierung hatte
diese im letzten Jahr eingeführt, doch alle Parteien außer Labour
wollen sie wieder abschaffen. Die unsoziale Politik New Labours scheint
selbst den Konservativen zu weit zu gehen.
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Die Nachrichten wurden
von Bergemann, Geiger und Schmid zusammengestellt
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