CDU kritisiert Schröders EU-Politik
Nationale Trampeltiere
Von Anton Landgraf
Die europäische Einigung sei
eine Frage von "Krieg oder Frieden", hatte Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl
einst behauptet. Die Aussage wurde von seinem Nachfolger Gerhard Schröder
als Pathos eines alten Mannes zurückgewiesen. Schröders Credo
lautet: Nationale Interessen würden durch die Währungsunion nicht
verschwinden, sondern neu herausgefordert - und diese wolle er ungeniert
formulieren.
Kohl sieht sich heute voll bestätigt.
"Nationalismus heißt Krieg, Europa heißt Frieden", erklärte
er vergangene Woche in einer Rede. Daß der Krieg gegen Jugoslawien
nicht - wie schon zweimal in diesem Jahrhundert - auf den ganzen Kontinent
übergreife, sei ein Ergebnis der europäischen Integration. Denn
die Grenzen in Europa seien nicht Ergebnis vernünftiger Entwicklungen,
ihre Veränderungen bedeuteten Krieg. Ergo müßten innerhalb
der EU Grenzen überwunden und die Union erweitert werden.
Das sehen Wolfgang Schäuble,
Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion, und Karl Lamers, außenpolitischer
Sprecher der Partei, ebenso. Gemeinsam präsentierten sie vor kurzem
ein Grundsatzpapier mit dem Titel "Überlegungen zur europäischen
Politik". Darin greifen sie die rot-grüne Bundesregierung heftig an
- und zwar nicht wegen zuwenig, sondern zuviel nationaler Stimmungsmache.
So wird Bundeskanzler Gerhard Schröder
vorgeworfen, wie ein ignorantes Trampeltier über die bis dahin ausgezeichneten
deutsch-französischen Beziehungen hinweggestapft zu sein. Seine Forderung
beispielsweise auf dem Berliner Gipfel nach einer nationalen Ko-Finanzierung
der Agrarausgaben habe die Freundschaft mit dem Nachbarland unnötig
aufs Spiel gesetzt.
Diese Freundschaft bilde jedoch
die Grundlage für die europäische Einigung. Bereits 1994 hatte
Schäuble in einem Papier die These von "Kerneuropa" formuliert: Im
"Europa der zwei Geschwindigkeiten" bildeten Deutschland und Frankreich
den harten "Kern", an dem sich die restlichen Mitgliedsländer zu orientieren
hätten. Die erfolgreiche Etablierung des Euro habe dieses Konzept
bestätigt, auch wenn die wenig geliebten Mittelmeerländer hereingenommen
werden mußten.
Jetzt müsse die Union schnell
in Richtung Osten erweitert werden - und auch in dieser Aufgabe habe Schröder
voll versagt. Seine populistische Forderung nach einem Aufschub bei der
teuren EU-Ost-Erweiterung habe nicht nur den Integrationsprozeß gefährdet,
sondern auch alte Ängste im Osten wiederbelebt.
Die Erweiterung sei jedoch notwendig
für die Stabilität auf dem ganzen Kontinent, inklusive des Balkan.
"Die Verwobenheit der nationalen Interessen in Europa ist die Folge der
supranationalen Wirklichkeit im europäischen Ausschnitt der Globalisierung",
schreiben die beiden Autoren in ihrem Papier, und der "Motor dieser Entwicklung
ist die Wirtschaft".
Nun müsse der Ausbau der Wirtschaftsgemeinschaft
in eine politische Union erfolgen, die auch über entsprechende militärische
Kapazitäten verfüge. Und dafür möchten die CDU-Strategen
auch die bisherigen Entscheidungsstrukturen in der EU verändern.
Denn mit der Währungsunion
sei ein "neuartiges föderales System in Europa entstanden", das eine
gemeinsame Verfassung brauche. Ziel einer solchen Verfassungsdebatte soll
eine neue Entscheidungsstruktur sein: Statt des bisherigen Prinzips der
Einstimmigkeit sollen Entscheidungen künftig nach dem Mehrheitsprinzip
erfolgen.
Wenn in der Union die Mehrheit entscheidet,
ist zumindest eines sicher: daß Deutschland seine Interessen künftig
noch besser vertreten wird. Denn die neuen Ost-Beitrittsländer werden
es sich kaum erlauben können, gegen den großen Bruder in Berlin
zu stimmen. Und auf die Nachbarn im Westen müßte man dann weniger
Rücksicht nehmen.
Die Christdemokraten verfolgen in
ihrem Grundsatzpapier daher durchaus ein rationales Konzept im nationalen
Interesse. Der Ausbau der EU von einer wirtschaftlichen zu einer politischen
und damit auch militärischen Gemeinschaft dient auch deutschen Hegemonievorstellungen.
Die deutsche EU-Politik wurde bisher
vor allem durch eine "vorsichtige Diplomatie" geprägt. Und sie war
damit "ungewöhnlich erfolgreich", wie Schäuble und Lamers in
ihrem Papier betonen. Kein Wunder also, daß sie empört auf den
lautstarken Nationalismus von Schröder reagieren. Denn ausgerechnet
mit seinem konzeptlosen Populismus könnte er die langfristigen Europapläne
der CDU nachhaltig stören. |