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Turbo-Folk plus Nato-Prop
Nach dem Putsch der Zensur funkt
auch die westliche Allianz auf 92.5. Katja Diefenbach sprach mit Gordan
Paunovic, Mitbegründer von B 92 und Chef der Musikredaktion
B 92 wurde in der Nacht vom 23.
auf den 24. März geschlossen. Der Sender hatte als erster den Beginn
der Nato-Bombardierungen angekündigt. Wie reagierte das Ministerium
für Telekommunikation?
Zu dem Zeitpunkt war offensichtlich,
daß die Nato grünes Licht für ein Bombardement bekommen
hatte. Es wußte nur niemand genau, wann das Bombardement beginnt.
Wir hatten Informationen aus Quellen in Brüssel, daß dies in
jener Nacht am frühen Morgen passieren sollte. Wir unterbrachen unser
Programm, die Chefin der Nachrichtenredaktion ging auf Sendung und kündigte
das an.
Ein paar Stunden später tauchte
Polizei zusammen mit einigen Leuten vom Ministerium für Telekommunikation
beim Sender auf. Sie behaupteten, wir hätten die erlaubte Stärke
unseres Sendesignals von 300 Watt überschritten und strahlten mit
einem KW aus. Sie nahmen Equipment des Senders mit und erklärten,
B 92 dürfe bis auf weiteres nicht mehr als UKW-Radio senden. Also
machten wir die Web-Site weiter, auch das Web-Radio. Nachdem per Militär-Dekret
eine vollständige Zensur verordnet worden war, gestaltete es sich
allerdings ziemlich schwierig, das zu veröffentlichen, was wir veröffentlichen
wollten.
Am 2. April erschienen dann in
Euren Büros Leute, die erklärten, sie würden jetzt den Sender
übernehmen. Sie hatten einen Gerichtsbeschluß dabei, demzufolge
B 92 eine Unterabteilung des Belgrader Rats der Jugend sei, der ehemaligen
kommunistischen Jugendorganisation.
Es war am frühen Morgen des
2. April, freitags, so gegen neun. Die Polizei holte Sasa Mirkovic, den
Direktor von B 92, zu Hause ab und fuhr mit ihm zum Sender. Sie forderten
alle Leute auf, die Station zu verlassen und versiegelten die Türen.
Sie trugen diesen Gerichtsbeschluß bei sich. Damit war Mirkovic abgesetzt
und Aleksandar Nikacevic eingesetzt.
Wer ist dieser Nikacevic?
Nikacevic ist eine berühmt-berüchtigte
Figur der studentischen Proteste von 1991. Nikacevic war Vorsitzender der
Union der Belgrader Studenten, einer Marionettenorganisation, wie sich
später herausstellte. Er gehörte damals zur studentischen Delegation,
die mit der Regierung verhandelte. Erst später wurde klar, daß
er mit der Regierung zusammenarbeitet, die Auseinandersetzungen abwiegelt
und versucht, die Welle des Protests gegen die Regierung zu brechen. Danach
wurde es stiller um ihn. Leute, die der Regierung nahestehen, nutzen ihre
Funktion oft für ein kleines Nebengeschäft. Nikacevic jedenfalls
betrieb einen Club in Belgrad, in dem Euro-Disco lief und in den groteskerweise
hauptsächlich Studis gingen. Vielleicht ist es ja ein Zeichen: Zwei
oder drei Tage nach Nikacevics Übernahme von B 92 brannte sein Club
ab.
Aber zurück zum 2. April: Die
Polizei verschwand mit der Aufforderung, daß alle MitarbeiterInnen
am Montag zu einer Besprechung mit der neuen Sendeleitung erscheinen sollten.
Ist jemand hingegangen?
Manche waren sehr neugierig, auf
die zu treffen, die den Sender an sich gerissen hatten, um zu hören,
was sie planten. Das erste Aufeinandertreffen war witzig und unheimlich
zugleich. Auf der einen Seite des Raums stand B 92, eine Ansammlung junger
Leuten, relativ offen und ungezwungen, jedenfalls keinerlei sozialen Benimmregeln
unterworfen; auf der anderen Seite saßen diese Jungs in ihren Anzügen,
die ziemlich überrascht und konfus reagierten auf das, was sich gerade
abspielte. Für sie war diese Situation genauso neu wie für uns.
Keiner hatte Radio-Erfahrung, sie waren alle Teil des korrupten Umfelds
der Sozialistischen Partei.
Leider ist das Wort Sozialismus
inzwischen vollkommen negativ besetzt. Die Sozialistische Partei Milosevics
hat alle Werte der sozialistischen Idee ruiniert. Und diese drei Jungs
gehörten zu ihrem System. Sie kamen alle aus verschiedenen Jugendorganisationen.
Was haben sie vorgeschlagen?
Sie gaben sich freundlich: B 92,
kein Problem, wunderbar, alles okay. Das einzige Problem sei die alte Leitung,
die korrupt, anti-serbisch, pro-westlich usw. gewesen sei. Aber wir, nein,
wir sollten nicht gefeuert werden. Auf uns würde man zählen.
Das neue Programm sollte so früh wie möglich anlaufen. Wir versuchten,
das zu behindern. Leute, die sich vorstellen konnten, in den Sender zu
gehen - es gab auch welche, die schon rein körperlich unfähig
waren, den Ort aufzusuchen, an dem sie über zehn Jahre etwas aufgebaut
hatten, was nun kaputt ging -, aber einige Leute entschieden sich, technisches
Equipment rauszuholen, Teile des Musik-Archivs, was man kaum wieder in
diesem Umfang aufbauen kann, relativ viele Platten und CDs, Sendeeinrichtungen.
Nicht alles, nur das Wichtigste, was man vielleicht für zukünftige
Aktivitäten braucht.
Wir haben während dieser Guerilla-Operation
der B 92-Übernahme versucht, ihnen die Sache so schwer wie möglich
zu machen bis hin zu einigen Sabotageakten. Die neue Leitung ist in den
Sender gekommen, und sie waren platt, was für ein gigantisches Spielzeug
ihnen da in die Hände gefallen ist. Als sie die Telefonrechnungen
sahen, konnten sie es gar nicht fassen. Bis heute haben sie noch nicht
einmal realisiert, was alles zu B 92 gehört.
Unser Kulturzentrum Cinema Rex wurde
z.B. vollkommen in Ruhe gelassen. Das fiel uns selber erst nach ein paar
Tagen auf. Wir sind hin und haben unser Medienlabor CyberRex abgebaut.
Niemand von B 92 hat angefangen, für die neue Leitung zu arbeiten.
Aber sie haben es trotzdem innerhalb einer Woche geschafft, den Sendebetrieb
wiederaufzunehmen.
Wenn man jetzt auf die Frequenz
92.5 geht, wie hört sich das an?
Man muß wissen, daß
wegen der Militär-Zensur nicht genau bekannt ist, was mit B 92 passiert
ist. Es gibt jeden oder jeden zweiten Tag ein Treffen beim Ministerium
für Telekommunikation oder bei der militärischen Zensurbehörde,
auf denen alle HerausgeberInnen Instruktionen erhalten, was sie schreiben
müssen, wenn sie wollen, daß ihr Blatt weiter erscheint. Nur
die Wochenzeitung Vreme hat es geschafft, in einen längeren Artikel
einen Satz über B 92 einzuschleusen, der durch die Zensur kam.
Wer heute B 92 einschaltet, hört
natürlich sofort, daß etwas passiert sein muß. Es werden
nur Nachrichten der staatlichen Agentur Tanjug gesendet. Und dann das Musikprogramm!
Es läuft nur Musik, die nicht mit einem Nato-Land in Verbindung gebracht
werden kann, kein Rock'n'Roll, kein Englisch. Nur jugoslawischer Soft-Pop,
Gehirnwäsche-Mainstream, den kein vernünftiger Mensch hören
kann. Griechische und russische Musik, spanische Musik. Griechisch und
Spanisch sind die einzigen Ausnahmen der Anti-Nato-Musik-Klausel.
Okay, bei griechischer Musik ist
klar, warum. Griechenland kritisiert die Nato. Aber das mit der spanischen
Musik ist mir ein Rätsel. Vielleicht haben sie vergessen, daß
Javier Solana aus Spanien ist. Aber sie haben etwas gemacht, was wir uns
gewünscht haben. Denn unsere größte Sorge war, daß
sie den Sender übernehmen und den musikalischen und kulturellen, sagen
wir, alternativen Output beibehalten würden, daß sie sich locker
und irgendwie liberal präsentierten und versuchten, sehr subtil nationale
und patriotische Aussagen einzuschleusen.
Du warst Chef der Musikredaktion
von B 92 und bist als erster am 7. oder 8. April gekündigt worden.
B 92 hat ja eine etwas seltsame Karriere hinter sich, von "explicit underground"
zum Träger des MTV-Awards.
Als wir 1989 anfingen, waren wir
eine Crew von DJs, fast eine Freundesclique, Frauen und Männer. Das
war ziemlich klasse, wir spielten, was uns gefiel. Wir sagten, kein Kompromiß
mit dem kommerziellen Pop-Universum, der MTV-World, blabla. Niemals kommt
Phil Collins oder Tina Turner auf den Plattenteller. Damals hatten wir
einen Anti-MTV-Jingle. Zuerst hörte man die Stimmen von MTV-Moderatoren
wie Bip Dann oder Steve Blane, dann das harte Knacken von brechendem Vinyl,
krackckck! Dann die Stimme unseres Sprechers "Nicht Musik fernsehen, sondern
hören!" Das war einer unserer besten Jingles.
Okay, zehn Jahre später bekamen
wir den MTV-Award. Wir haben ihn angenommen - wegen der internationalen
Reputation. Es war übrigens kein Musikpreis, sondern eine sogenannte
politische Auszeichnung: "Free your mind". Vorher haben ihn Greenpeace,
amnesty und, ich glaube, Minefields, eine Anti-Minen-Organisation, bekommen.
Ein Preis für Menschenrechte, demokratische Werte, Meinungsfreiheit
und alles, was MTV so gefällt.
Das Popuniversum hält eine
ganze Reihe paradoxer Versprechen bereit, u.a. das individuelle Versprechen
von Star-Werden, Glamour and Fame, ein Versprechen, das - was den Glamour
nicht unbedingt schmälert - den kapitalistischen Verwertungszwängen
unterworfen ist, dann das kollektive Versprechen von Ausgehen, Drogen,
Zeit-Verschwenden, Musik-Hören, was sich - anders als das Star-Werden
- manchmal einlöst und zum Teil mit angenehm diffusen Gefühlen
gegen das Bestehende verbindet. Wo hat sich B 92 in diesem Universum befunden?
Wir haben von Anfang an das aufgelegt,
was ich als fortschrittlichen Pop mit starken politischen Bezügen
bezeichnen würde, ein weites Spektrum von alternativem Rock über
HipHop zu moderner elektronischer Musik, Drum'n'Bass, Techno, House. Tagsüber
haben wir uns manchmal zurückgenommen, weil wir ältere HörerInnen
nicht verjagen wollten und es uns wichtig war, mit unseren Infos viele
Leute zu erreichen. Also haben wir die Basic Channel-Releases nicht um
drei Uhr nachmittags gespielt.
Trotzdem haben wir Musik und Politik
nicht getrennt. Musik war ein politisches Statement. Das heißt, erstens,
wir spielten keine Volksmusik, keinen Turbo-Folk, diesen nationalistischen
Soft-Pop-Kitsch, der Anfang der Neunziger so populär war, keine Popmusik,
die außer Kommerzialität nichts anderes transportiert. Der Mainstream,
den wir sendeten, das waren Paul Weller, Portishead, Massive Attack usw.
Zweitens, wir unterstützten den Belgrader Underground, spielten ihre
Platten, luden sie zu Interviews ein. 1994 gründeten wir ein kleines
Label und brachten ungefähr zwanzig, dreißig CDs raus.
Um noch ein Beispiel zu nennen,
was Musik für B 92 bedeutete: 1991, am 9. März, wurde B 92 das
erste Mal verboten. Das war während der größten Demonstrationen
gegen die Regierung, kurz vor dem Beginn des Krieges in Jugoslawien. 100
000 Leute waren auf der Straße. Eine der Hauptforderungen lautete,
daß die nationalistischen Manipulationen in den Medien aufhören
müssen. Die Polizei war überall, aber es waren nicht genug, um
die Leute aufzuhalten. Es gab einen Riesen-Clash. Ein Demonstrant und ein
Polizist starben. B 92 berichtete direkt von der Straße. Um sechs
Uhr abends kam Polizei in den Sender und sagte: Schaltet sofort alles ab.
Am selben Tag ließ der damalige
serbische Repräsentant im mehrköpfigen Staatspräsidium,
Borisav Jovic, Panzer in den Straßen aufrollen. Am nächsten
Tag gingen die StudentInnen auf die Straße. Sie forderten den Abzug
der Panzer und eine Sendeerlaubnis für B 92. Wir bekamen die Erlaubnis
mit der Auflage, nicht mehr von den Demos zu berichten. Wir sagten: okay
und spielten statt dessen Musik. Ich erinnere mich noch, die erste Platte
war "Boys Are Back In Town", und dann "Police On My Back", "Fight the Power"
etc. Die Musik erklärte, was auf den Straßen passiert, ohne
daß wir Nachrichten brachten.
In der momentanen Kriegssituation
versucht die Sozialistische Partei, mit öffentlichen Rockkonzerten
an Pop- und Jugendkultur anzudocken.
Das hat nur am Anfang funktioniert.
Es ging darum, die ganze Nation unter einem populären Zeichen zu vereinigen:
die Zielscheiben-Symbole, die öffentlichen Konzerte, die Brücken-Wachen.
Bei den Treffen auf den Brücken sah es zunächst danach aus, als
ob sie ständig stattfinden würden. Aber das währte nur ganz
kurz, danach wurden ein paar Leute, die eine halbe Stunde auf der Brücke
standen, gefilmt: Immer schön in die Kamera gucken. Das wurde dann
während der Hauptnachrichten zwischen 19 und 19 Uhr 30 ausgestrahlt.
Leider handelt es sich hierbei wirklich
um den Versuch, B 92-Praktiken zu covern: Wir haben einige große
Open- Air-Konzerte in Belgrad organisiert. Das letzte fand am Internationalen
Tag gegen Rassismus und Faschismus statt. Vor einem Jahr im Oktober waren
über 20 000 auf einem Konzert gegen die Zensur von unabhängigen
Medien. Das spektakulärste Ereignis war Anfang April 1992, als 60
000 Leute zu einem Konzert gegen den Krieg in Bosnien zusammenkamen - unter
dem Motto "Ihr könnt auf uns nicht zählen". Die Konzerte jetzt
sollen auch das Gefühl der Demos von 1996/97 simulieren, als es eine
wirklich positive, fast karneval-artige Stimmung auf den Straßen
gab.
Organisieren Leute aus der Musikszene
im Moment selber etwas?
Der Underground Techno- und House-Spirit
war ziemlich stark in den Neunzigern in Belgrad. Jetzt, während der
Bombardierung, hat ein Club, der "Industria", den man vielleicht mit dem
"Tresor" in Berlin vergleichen kann, jeden Tag von zwölf Uhr mittags
bis neun Uhr abends auf. Dann müssen sie wegen des Luftalarms schließen.
Ich würde nicht sagen, daß sie Partys machen. Es geht darum,
zusammenzukommen und eine vage Stimmung aufrechtzuerhalten, die uns verbindet,
irgend so ein Gefühl junger Leute, die gegen Milosevic und gegen die
Bombardierung sind.
B 92 hat als erstes Radio in Jugoslawien
Techno gespielt. Schon 1989, also sehr früh, haben wir House aufgelegt.
Viele Leute konnten damit nichts anfangen. Am Anfang gab's auch keine richtigen
Clubs, um zu begreifen, was es mit dieser Musik auf sich hat. Wir spielten
Techno meist nachts im Radio und hatten einen Kreis fanatischer Fans. Ich
glaube, es war 1995: Als die ersten Sanktionen gegen Jugoslawien aufgehoben
wurden, luden wir ziemlich viele DJs nach Belgrad ein. Wir sagten ihnen,
es ist klar, daß wir euch keine hohen Gagen zahlen können, aber
wenn ihr Lust habt, dann kommt. Und so legten DJ Hell, John Aquaviva, Laurent
Garnier, Jeff Mills, Richie Hawtin usw. in Belgrad auf.
Neben der Musik basiert Eure
Medienpraxis darauf, "Fakten" zu senden und "objektiv" zu informieren.
Unter umgekehrten Vorzeichen sind unabhängige Alternativmedien in
der BRD entstanden. Am Anfang gab es das Konzept, "unterdrückte" Nachrichten
zu senden. Das kommt Euch vielleicht noch am nächsten. Ansonsten ging
es darum, die Mythen des bürgerlichen Journalismus zu dekonstruieren:
Trennung von Nachricht und Meinung, Objektivität etc.
Wir sind von einer ganz anderen
Situation ausgegangen. Die Belgrader Regierung hat sich die gesamten neunziger
Jahre hindurch auf eine nationale Medienpropaganda gestützt. Es gab
keine Trennung von Kommentar und Nachricht, auch keine künstliche.
Es gab nur Kommentar. Als klar wurde, daß das kommunistische System
sich auflöst, verschwand der starke internationalistische, linke Jargon
aus den Medien. Anstatt die Werte der Arbeiterklasse zu promoten, begann
vor allem Milosevic mit der Nationalisierung aller Themen.
Ich würde Deine These über
den Mythos der Objektivität teilen, aber bevor wir uns semiologischen
Überlegungen zuwenden, der Dekonstruktion der bürgerlichen Medien
usw., müssen wir erst einmal die Ebene der Informationen erreichen.
Seit dem Beginn der Kriege in Kroatien, in Bosnien und jetzt in Kosovo
gibt es keine simple Nachrichten-Berichterstattung. Du kannst zwar sagen,
was soll das überhaupt sein, Fakten? Aber B 92 hat sich entschieden,
eine Radio-Station aufzubauen, die Informationen und Nachrichten bringt,
die zuverlässig recherchiert sind. Wenn Du auf die B 92-Web-Site guckst,
siehst Du unser Motto "Vertraue niemandem, auch uns nicht".
1989, im Gründungsjahr von
B 92, wurde dem Kosovo der Status einer autonomen Provinz Serbiens entzogen.
Ihr hattet bis vor kurzem den Plan, einen Sender auf einem Berg zwischen
Montenegro und Kosovo zu errichten, um auch in das Kosovo zu senden. Dazu
ist es nicht mehr gekommen. Wie sah Eure Kosovo-Berichterstattung aus?
Wir haben weder eine nationale serbische
Position noch eine nationale kosovo-albanische Position, die auch sehr
stark ist, gefeatured. Wir hatten eine albanische Korrespondentin im Kosovo,
Violeta Oroshi, und haben versucht, das zu berichten, was im Kosovo passiert,
und das war ziemlich genau das Gegenteil dessen, was die staatlichen serbischen
Sender brachten. Wenn es große Demonstrationen gab, sind Leute von
unserer Belgrader Redaktion runtergefahren. Wir haben direkt von der Straße
berichtet. In den letzten zwölf bis achtzehn Monaten hatten wir einen
Mitarbeiter unserer Nachrichtenredaktion in Pristina.
1996 wurde B 92 das zweite Mal
in seiner Geschichte geschlossen. Das war während der zweiten Welle
großer Demos in den Neunzigern, aus der die Drei-Parteien-Opposition
Zajedno entstand. Zajedno war größtenteils auch nationalistisch
orientiert. Welche Position hatte B 92 in dieser Situation?
1996 berichteten wir alle zehn Minuten
live von den Demos. Wir sagten, was passiert, wo die Leute lang gehen,
wie man dazustoßen kann. Die staatlichen Behörden haben dann
erneut den Sender geschlossen. Aber schon eine halbe Stunde später
kam britische, amerikanische und deutsche Presse ins Radio und brachte
sofort die Nachricht vom B 92-Verbot. Wahrscheinlich ging es der Regierung
darum, einen weiteren Image-Schaden zu vermeiden. Der Minister für
Telekommunikation sagte, B 92 hätte gar kein Sendeverbot. Es habe
ein Kabelproblem gegeben, die Schließung sei nur zum Schutz der Redaktion
gewesen.
Das Wichtigste bei diesen Demonstrationen
1996/97 war der politische Wille für eine Veränderung, der auf
der Straße spürbar wurde. Den Leuten, die demonstrierten, war
bewußt, daß Zajedno keine gute Sache ist, weil diese Oppositionsgruppe
eine unmögliche Mischung repräsentierte: Auf der einen Seite
eine nationalistische Partei, SPO, die Partei der Serbischen Erneuerung
von Vuk Draskovic, der dann bis vor kurzem der Regierungskoalition angehörte.
Er ist, was man im Englischen einen loose bullet nennen würde, ein
Querschläger, relativ unvorhersehbar in seinem Verhalten.
Die Bürgerunion ist das genaue
Gegenteil. Ihre Vorsitzende Vesna Pesic vertritt als einzige Parteipolitikerin
in Serbien eine nicht-nationale Position und eine Anti-Kriegs-Position.
Die Demokratische Partei betonte zwar immer ihre sogenannte demokratische
Position, besaß aber einen starken nationalen Flügel, der aus
den Intellektuellen bestand, die in den Achtzigern die nationalistische
Wendung eingeleitet haben. Auch ich bin 1996/97 auf die Straße gegangen.
Zajedno hat mir nichts bedeutet. Es ging allen darum, Milosevic loszuwerden,
irgendeine Veränderung in Gang zu bringen. Wie wir sehen, hat es nicht
geklappt.
Radio B 92 wurde von der westlichen
Presse sehr beachtet. Ihr habt täglich Sendungen von BBC und Radio
Free Europe übernommen. Die serbische Regierung hat immer mit dem
Argument gearbeitet, B 92 sei ein pro-westlicher Sender.
Seit kurzem ist uns klar, daß
wir ein großes Problem mit dem haben, was wir westliche Demokratien
genannt haben. Die Nato-Aktion ist eine Konsequenz ihrer politischen Entscheidungen.
Direkt nach dem Beginn des Bombardements haben wir ein Statement veröffentlicht,
das die Nato kritisiert: Die Bombardierung wird das, was als "humanitäre
Katastrophe" bezeichnet wird, nicht stoppen, sondern nur verschlimmern.
Es wird Milosevics Regime nicht schwächen, aber den kleinen und fragilen
Teil einer "zivilen Gesellschaft" in Jugoslawien vollkommen zerstören
und extrem schwierige Bedingungen für unabhängige Medien, NGOs
und viele politische AktivistInnen schaffen.
Die westlichen Regierungen haben
gedacht, wir sagen: "Vielen, vielen Dank. Wir begrüßen die Tatsache,
daß ihr ganz Serbien bombardiert. Das wird uns in eine glanzvolle
Zukunft führen." Dann hat der Westen mit einem Schwarz-Weiß-Schema
- entweder für die Nato oder für Milosevic - gearbeitet. Ein
totaler Scheiß. Aber wir machen keine Kompromisse. Wir sind gegen
Milosevic und gegen das Bombardement. Es gab im Westen Vorstellungen, B
92 für die Nato-Propaganda zu benutzen, die du täglich auf CNN
und den Nato-Briefings beobachten kannst. Es gab Vorschläge, außerhalb
Jugoslawiens zu senden. Aber wir haben uns entschieden, still zu bleiben
und zu warten. Wir lehnen es strikt ab, die Nato-Propaganda zu unterstützen.
Milosevic, die Nato, beide Seiten haben nichts mit den Prinzipien zu tun,
mit denen wir arbeiten.
Die Nato sendet inzwischen teilweise
auf Eurer Frequenz 92.5.
Das zeigt, daß es Analogien
zwischen dem gibt, was die serbische Regierung seit zehn Jahren und was
die Nato gerade im Moment macht. Die Nato benutzte am Anfang des Krieges
Sendeanlagen nahe der jugoslawischen Grenze, in Bosnien, Kroatien, Ungarn,
um ihre Propaganda-Programme zu senden und um Radio Free Europe und Voice
of America auszustrahlen. Nun haben sie ein Flugzeug eingesetzt, Commando
Sol, mit dem schon bei anderen US-amerikanischen Militäraktionen in
Haiti, in Irak usw. gearbeitet wurde.
Commando Sol ist eine Art fliegende
Radio- und TV-Station. An Bord sind UKW-Sender, MW-Sender und Fernsehsendeanlagen,
eine komplett ausgestattete Crew. Sie strahlen über zwei Frequenzen
aus. Eine ist 92.5, die Frequenz von B 92. Dahinter steht das Kalkül,
das Image und die Popularität von B 92 zu benutzen. Die andere Frequenz
ist 102.6, die Frequenz von Radio Kosava, der Station von Milosevics Tochter
Marija Milosevic. Ihr Studio war in jenem Gebäude des ehemaligen Zentralkomitees
des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens in Neu Belgrad, das vor ungefähr
zwei Wochen von Missiles getroffen wurde.
Die Nato setzt also nicht nur vom
Himmel aus ihre Militärzensur durch, sie manipuliert auch das Image
von B 92. Das spricht dafür, daß es gegenüber den jugoslawischen
Medien nicht nur um "Kollateralschäden" geht, sondern daß die
Nato vielleicht einen viel weiter gehenden Versuch unternimmt. |