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12. Mai 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"Ende des Teufelskreises möglich".

Schlagzeile in der taz vom 8. / 9.Mai

Brief aus Mazedonien

Als Christoph Schlingensief zu Beginn des Jugoslawien-Krieges spontan bekannt gab, daß er unverzüglich nach Mazedonien fahren werde, war nicht ganz klar, ob er den Flüchtlingen oder den Kameras hinterreisen wollte und welche Botschaft der Regisseur und Gründer der Arbeitslosenpartei für die Vertriebenen im Gepäck hatte. Chance 2000? 

Jetzt hat sich Schlingensief aus Skopje gemeldet. Nicht in einer Live-Schaltung, und fast ohne das übliche Theater. In einem auf den 7. Mai datierten Schreiben, das er an die "Fraktion der Grünen im Bundestag" adressierte, schildert er die katastrophale Situation in den Lagern Stenkovac I und II und greift die Flüchtlingspolitik der westlichen Länder an. Im aufgeregten Tonfall desjenigen, der nicht über eine Katastrophe spricht, sondern sich gleich mittendrin wähnt, beklagt Schlingensief die Abschottung der "reichen Länder" gegen die Flüchtlinge und skandalisiert einen Umstand, der von den professionellen Beobachtern unter Hinweis auf die Taktik der Nato, die Flüchtlinge grenznah zu stationieren, bisher weitgehend unkommentiert blieb: "Sie bomben aus der Luft, man hört es bis hier, und lassen die ärmsten Verbündeten mit 600 000 Flüchtlingen allein, keiner glaubt mehr an irgendwelche moralischen Argumente für diesen Krieg. (...) Was hier stattfindet, empfinde ich als Vorstufe zum Massenmord, zumindest als Beihilfe. Kein Politiker soll mehr von 'Pflicht zur Nothilfe' und Schutz von Menschenrechten sprechen, solange den Betroffenen von den kriegsführenden Ländern Nothilfe und Menschenrechte in so eklatanter Weise verweigert werden."

Das "Flüchtlingsproblem", so Schlingensief im Bewußtsein, einer Tragödie live beizuwohnen, werde sich in ein, zwei Wochen, wenn die Seuchen und Epidemien ausgebrochen sind, "auf makabre Weise von selbst lösen".

Unterhaltungsstopp I

An der Fernsehberichterstattung zum Krieg ist schon viel Kritik geübt worden, aber niemand ist bislang auf die Idee gekommen, sich darüber zu beklagen, daß das tägliche Publikumsbriefing bisweilen von den üblichen Programmabläufen unterbrochen wird. Darüber Beschwerde zu führen, daß die Kriegsberichterstattung durch Unterhaltungssendungen gestört wird, bleibt den Schriftstellern des Deutschen Pen-Zentrums unter Federführung ihres neugewählten Präsidenten Christoph Hein vorbehalten.

"Es ist dem Ansehen des Landes und jedes einzelnen Bürgers abträglich", behaupten die Schriftsteller in einem Offenen Brief, "wenn in Deutschland unmittelbar nach den fürchterlichen Nachrichten über die Kriegsgreuel und den Militäreinsatz die Sender jeden Tag die üblichen Unterhaltungssendungen ausstrahlen, als seien wir nicht in einem Krieg, als sei uns das fremde Leid, an dem wir nicht unschuldig sind, gleichgültig." Um dem deutschen Engagement in Jugoslawien Rechnung zu tragen, bittet das deutsche Pen-Zentrum, "die Programmdirektoren der öffentlich-rechtlichen und die Besitzer der privaten Sender, sämtliche Unterhaltungssendungen für die Dauer des mit deutscher Beteiligung erfolgenden Militäreinsatzes aus ihren Programmen zu nehmen." 

Als ahnten sie, daß die Programmchefs von ARD bis RTL wenig Geschmack daran finden werden, sich die gruftigsten Rituale der untergegangenen Sowjetunion zu eigen zu machen und in ernsten Stunden ernste Musik abzuspielen, bitten sie "auch die deutsche Regierung, darauf hinzuwirken, daß nicht in derart zynischer und unangemessener Weise der Krieg verharmlost wird. Solange auch deutsche Soldaten an dem todbringenden Einsatz beteiligt sind, sollten in Deutschland die Unterhaltungstempel geschlossen sein." 

Unterhaltungsstopp II

Ob der Schriftsteller, Pen-Chef und Freitag-Mitherausgeber Christoph Hein und seine Kollegen sich mit ihrer Idee, sämtliche Unterhaltungssendungen während des Kosovo-Krieges zu canceln, bei den Programmverantwortlichen durchsetzen können, ist bisher noch völlig ungewiß. Aussichtsreicher wäre es vielleicht, wenn Christoph Hein seine Vorstellungen im eigenen Haus durchsetzen und die Kalauerecke im Freitag bis zur Feuerpause schließen würde. Freitag - jetzt mit 30 Prozent weniger Witzen! Das müßte sich bis zum Friedensschluß doch eigentlich machen lassen.

Mahnmal demnächst

Als ein "Armutszeugnis" hat Michel Friedman den Antrag von 58 seiner Parteigenossen bezeichnet, das geplante Mahnmal für die ermordeten Juden Europas nicht zu bauen. Kulturstaatsminister Michael Naumann ist dennoch optimistisch, daß sich der Bundestag bis Ende Juni für den Bau des Mahnmals auf dem dafür vorgesehenen Areal südlich des Brandenburger Tor entscheiden wird. 

Der Bundestag übergab vergangenen Donnerstag die insgesamt fünf vorliegenden Gruppenanträge - vier sind grundsätzlich für ein Mahnmal - an die Ausschüsse zur weiteren Beratung. Naumann gegenüber dem Spiegel: "Das Mahnmal wird gebaut. Einer dieser präzisierten Anträge wird obsiegen. Das kann auch mit einer relativen Mehrheit geschehen. Die bauliche und konzeptionelle Realisierung des Mahnmals sollte dann einer Stiftung obliegen. Wenn, hoffentlich noch vor der Sommerpause, die Entscheidung gefallen ist, wird mit dem Bau im Jahr 2000 begonnen." Im Prinzip ist also alles klar, die Debatte geht weiter.

Der von Rita Süssmuth unterstützte Gruppenantrag unterstützt das bisher wenig diskutierte Projekt des SPD-Abgeordneten Gert Weisskirchen, das einen "Raum der Stille und der Information" als Ergänzung des Mahnmals vorsieht. Der vor allem von FDP-Politikern getragene Antrag für den Eisenman-Entwurf (ohne die Naumann-Modifikationen) wird u.a. auch von Gregor Gysi (PDS) befürwortet. Die Vorsitzende des Kulturausschusses, Elke Leonhard, dagegen unterstützt die Eisenman-Naumann-Variante, welche das Stelenfeld mit einem Haus des Erinnerns sowie einer "Völkermord-Vorwarn-Station" (Naumann) verbinden will.

Renate Jäger (SPD) plädiert für den, so Naumann im Spiegel "seltsamen Vorschlag Richard Schröders", den Schriftzug "Nicht morden!" in Hebräisch zu errichten.

Die für die vergangene Woche angesetzte Grundsatzdebatte mußte allerdings ausfallen, da der deutsche Bundestag anderweitig beschäftigt war, u.a. mit dem Regierungsantrag zur weiteren Entsendung deutscher Soldaten nach Mazedonien. Man hofft allerdings, Ende Juni Zeit und Muße für die Aussprache über das Mahnmal zu finden. 

  •  Die Nachrichten wurden von Heike Runge zusammengestellt
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