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Feuilleton Nachrichten
Forelle blau
"Ende des Teufelskreises möglich".
Schlagzeile in der taz vom 8. /
9.Mai
Brief aus Mazedonien
Als Christoph Schlingensief zu Beginn
des Jugoslawien-Krieges spontan bekannt gab, daß er unverzüglich
nach Mazedonien fahren werde, war nicht ganz klar, ob er den Flüchtlingen
oder den Kameras hinterreisen wollte und welche Botschaft der Regisseur
und Gründer der Arbeitslosenpartei für die Vertriebenen im Gepäck
hatte. Chance 2000?
Jetzt hat sich Schlingensief aus
Skopje gemeldet. Nicht in einer Live-Schaltung, und fast ohne das übliche
Theater. In einem auf den 7. Mai datierten Schreiben, das er an die "Fraktion
der Grünen im Bundestag" adressierte, schildert er die katastrophale
Situation in den Lagern Stenkovac I und II und greift die Flüchtlingspolitik
der westlichen Länder an. Im aufgeregten Tonfall desjenigen, der nicht
über eine Katastrophe spricht, sondern sich gleich mittendrin wähnt,
beklagt Schlingensief die Abschottung der "reichen Länder" gegen die
Flüchtlinge und skandalisiert einen Umstand, der von den professionellen
Beobachtern unter Hinweis auf die Taktik der Nato, die Flüchtlinge
grenznah zu stationieren, bisher weitgehend unkommentiert blieb: "Sie bomben
aus der Luft, man hört es bis hier, und lassen die ärmsten Verbündeten
mit 600 000 Flüchtlingen allein, keiner glaubt mehr an irgendwelche
moralischen Argumente für diesen Krieg. (...) Was hier stattfindet,
empfinde ich als Vorstufe zum Massenmord, zumindest als Beihilfe. Kein
Politiker soll mehr von 'Pflicht zur Nothilfe' und Schutz von Menschenrechten
sprechen, solange den Betroffenen von den kriegsführenden Ländern
Nothilfe und Menschenrechte in so eklatanter Weise verweigert werden."
Das "Flüchtlingsproblem", so
Schlingensief im Bewußtsein, einer Tragödie live beizuwohnen,
werde sich in ein, zwei Wochen, wenn die Seuchen und Epidemien ausgebrochen
sind, "auf makabre Weise von selbst lösen".
Unterhaltungsstopp I
An der Fernsehberichterstattung
zum Krieg ist schon viel Kritik geübt worden, aber niemand ist bislang
auf die Idee gekommen, sich darüber zu beklagen, daß das tägliche
Publikumsbriefing bisweilen von den üblichen Programmabläufen
unterbrochen wird. Darüber Beschwerde zu führen, daß die
Kriegsberichterstattung durch Unterhaltungssendungen gestört wird,
bleibt den Schriftstellern des Deutschen Pen-Zentrums unter Federführung
ihres neugewählten Präsidenten Christoph Hein vorbehalten.
"Es ist dem Ansehen des Landes und
jedes einzelnen Bürgers abträglich", behaupten die Schriftsteller
in einem Offenen Brief, "wenn in Deutschland unmittelbar nach den fürchterlichen
Nachrichten über die Kriegsgreuel und den Militäreinsatz die
Sender jeden Tag die üblichen Unterhaltungssendungen ausstrahlen,
als seien wir nicht in einem Krieg, als sei uns das fremde Leid, an dem
wir nicht unschuldig sind, gleichgültig." Um dem deutschen Engagement
in Jugoslawien Rechnung zu tragen, bittet das deutsche Pen-Zentrum, "die
Programmdirektoren der öffentlich-rechtlichen und die Besitzer der
privaten Sender, sämtliche Unterhaltungssendungen für die Dauer
des mit deutscher Beteiligung erfolgenden Militäreinsatzes aus ihren
Programmen zu nehmen."
Als ahnten sie, daß die Programmchefs
von ARD bis RTL wenig Geschmack daran finden werden, sich die gruftigsten
Rituale der untergegangenen Sowjetunion zu eigen zu machen und in ernsten
Stunden ernste Musik abzuspielen, bitten sie "auch die deutsche Regierung,
darauf hinzuwirken, daß nicht in derart zynischer und unangemessener
Weise der Krieg verharmlost wird. Solange auch deutsche Soldaten an dem
todbringenden Einsatz beteiligt sind, sollten in Deutschland die Unterhaltungstempel
geschlossen sein."
Unterhaltungsstopp II
Ob der Schriftsteller, Pen-Chef
und Freitag-Mitherausgeber Christoph Hein und seine Kollegen sich mit ihrer
Idee, sämtliche Unterhaltungssendungen während des Kosovo-Krieges
zu canceln, bei den Programmverantwortlichen durchsetzen können, ist
bisher noch völlig ungewiß. Aussichtsreicher wäre es vielleicht,
wenn Christoph Hein seine Vorstellungen im eigenen Haus durchsetzen und
die Kalauerecke im Freitag bis zur Feuerpause schließen würde.
Freitag - jetzt mit 30 Prozent weniger Witzen! Das müßte sich
bis zum Friedensschluß doch eigentlich machen lassen.
Mahnmal demnächst
Als ein "Armutszeugnis" hat Michel
Friedman den Antrag von 58 seiner Parteigenossen bezeichnet, das geplante
Mahnmal für die ermordeten Juden Europas nicht zu bauen. Kulturstaatsminister
Michael Naumann ist dennoch optimistisch, daß sich der Bundestag
bis Ende Juni für den Bau des Mahnmals auf dem dafür vorgesehenen
Areal südlich des Brandenburger Tor entscheiden wird.
Der Bundestag übergab vergangenen
Donnerstag die insgesamt fünf vorliegenden Gruppenanträge - vier
sind grundsätzlich für ein Mahnmal - an die Ausschüsse zur
weiteren Beratung. Naumann gegenüber dem Spiegel: "Das Mahnmal wird
gebaut. Einer dieser präzisierten Anträge wird obsiegen. Das
kann auch mit einer relativen Mehrheit geschehen. Die bauliche und konzeptionelle
Realisierung des Mahnmals sollte dann einer Stiftung obliegen. Wenn, hoffentlich
noch vor der Sommerpause, die Entscheidung gefallen ist, wird mit dem Bau
im Jahr 2000 begonnen." Im Prinzip ist also alles klar, die Debatte geht
weiter.
Der von Rita Süssmuth unterstützte
Gruppenantrag unterstützt das bisher wenig diskutierte Projekt des
SPD-Abgeordneten Gert Weisskirchen, das einen "Raum der Stille und der
Information" als Ergänzung des Mahnmals vorsieht. Der vor allem von
FDP-Politikern getragene Antrag für den Eisenman-Entwurf (ohne die
Naumann-Modifikationen) wird u.a. auch von Gregor Gysi (PDS) befürwortet.
Die Vorsitzende des Kulturausschusses, Elke Leonhard, dagegen unterstützt
die Eisenman-Naumann-Variante, welche das Stelenfeld mit einem Haus des
Erinnerns sowie einer "Völkermord-Vorwarn-Station" (Naumann) verbinden
will.
Renate Jäger (SPD) plädiert
für den, so Naumann im Spiegel "seltsamen Vorschlag Richard Schröders",
den Schriftzug "Nicht morden!" in Hebräisch zu errichten.
Die für die vergangene Woche
angesetzte Grundsatzdebatte mußte allerdings ausfallen, da der deutsche
Bundestag anderweitig beschäftigt war, u.a. mit dem Regierungsantrag
zur weiteren Entsendung deutscher Soldaten nach Mazedonien. Man hofft allerdings,
Ende Juni Zeit und Muße für die Aussprache über das Mahnmal
zu finden.
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Die Nachrichten wurden
von Heike Runge zusammengestellt
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