Herzland und Supermacht
Die US-Außenpolitik sorgt
sich um die Renaissance der eurasischen Geopolitik - insbesondere in Rußland
Was die FAZ zu Werbezwecken von
sich behauptet, trifft auf die US-Zeitschrift Foreign Affairs zu: daß
dahinter ein kluger - zumindest aber ein einflußreicher - Kopf steckt.
Mit ehemals führenden US-Politikern wie Richard Holbrooke oder Jeane
J. Kirkpatrick im Beraterstab der Redaktion gilt das Blatt als offiziöses
Organ US-amerikanischer Außenpolitik. Der Informationsgehalt der
Zweimonatszeitschrift ist entsprechend hoch - in diesen Sphären kann
man sich nicht mit Propaganda begnügen, man braucht Fakten.
So ist es ungewöhnlich, wenn
bereits in der Ankündigung eines Artikels im Inhaltsverzeichnis die
Gefahr eines Dritten Weltkriegs beschworen wird. Damit ist aber ausnahmsweise
nicht der Balkan gemeint. Es geht um den alten Feind: die russische Außenpolitik.
Charles Clover, Büroleiter der Financial Times in Kiew, sieht die
Gefahr in einer Wiederauferstehung der Geopolitik, in den "Träumen
von einem eurasischen Herzland". In der Tat ist die Fortsetzung des Reichskonzeptes
der Sowjetunion als real existierende Großmacht die zentrale Ideologie
der "rot-weißen" Bündnisse in Rußland - wozu das Reich
zunächst aber durch imperialistische Politik wieder hergestellt werden
soll.
Eurasien, das ist die Schaffung
einer Achse (Paris-) Berlin-Moskau (-Tokio). Und die Ergänzung dieser
Achse durch eine weitere Verbindung Moskau-Teheran-Delhi als direkter Zugriff
auf den pazifischen Raum. Ein Reich von Dublin bis Wladiwostok mit dem
natürlichen Zentrum Moskau, dem vorbestimmten "Dritten Rom" der Orthodoxie.
Eurasien steht auch für ein mögliches Bündnis Rußland-China,
bedeutet also die Zusammenfassung der alten Traditionsmächte - gegen
jeglichen atlantischen Einfluß. Der Hauptfeind solcher Allianzen,
so bemerkt Clover in seinem Beitrag richtig, sind die USA.
Der eurasische Ansatz geht zurück
auf den Briten Sir Halford Mackinder, einen der Begründer der Geopolitik
- einer Kombination aus Geographie und Politik, die in Deutschland vor
allem durch ihre Funktion als Legitimationswissenschaft der imperialistischen
Großmachtpolitik der Nazis und ihres Vernichtungskrieges bekannt
wurde. Ihr deutscher Hauptvertreter, Karl Haushofer, beging nach dem Ende
der NS-Diktatur Suizid.
Wie sein britischer Kollege Mackinder
hatte Haushofer die Welt in zwei antagonistische Sphären aufgeteilt:
in die Mächte des Landes und die der See. Galt in der Vergangenheit
Großbritannien als die bedeutendste Macht der See mit dem "natürlichen
Widerpart" der Landmacht Deutschland, so sind die Hauptkonkurrenten nunmehr
weiter voneinander entfernt. Rein zufällig sind es die Hauptbeteiligten
des Kalten Krieges: Rußland als größtes und bedeutendstes
Teilstück der früheren UdSSR und die USA.
Haushofer hatte noch eine Kontinentalpolitik
gegen die Mächte der See gefordert. Der vom früheren US-Präsidenten
George Bush verkündeten Neuen Weltordnung, so Haushofers heutige neurechte
Nachfolger wie der Belgier Robert Steukers oder der Deutsche Frank Ebeling,
soll hingegen eine "eurasische Schicksalsgemeinschaft" entgegengesetzt
werden.
Entsprechend besorgt ist Foreign
Affairs über die Wiederbelebung dieser Ideologie, weil die russische
Außenpolitik zweigleisig fährt. Neben dem Außenpolitischen
Ausschuß gibt es in der Moskauer Staatsduma auch einen Ausschuß
für Geopolitik. Dessen Vorsitzender Alexej Mitrofanov ist Mitglied
der rechtsextremen Liberaldemokraten Wladimir Schirinowskis und zugleich
ein wichtiger Vertrauter der neurechten Ideologen Rußlands, die Schirinowskis
Partei u.a. wegen den Gerüchten um seine angeblich jüdische Familie
sonst völlig meiden.
Clover bemerkt, daß sich zahlreiche
russische Intellektuelle mittlerweile diametral entgegengesetzt zu ihrer
früheren Ideologie des Marxismus-Leninismus orientierten : Statt der
Geschichte sei nun die Geographie die Determinante. Erschreckt stellt er
fest, daß auch KP-Chef Gennadi Sjuganow zu den Anhängern der
Geopolitik zählt. Im Gegensatz zu ihren "nationalpatriotischen" völkischen
Bündnispartnern sind die "Sozialpatrioten" Sjuganows vor allem an
der Fortsetzung des sowjetischen Reichsgedankens orientiert. So gerät
folgerichtig Sjuganows jüngstes Buch "Die Geographie des Sieges" zu
einem geopolitischen Manifest, das - wie Foreign Affairs feststellt - "alles
aufgibt, was an die traditionelle kommunistische Doktrin erinnert". Sjuganow
wörtlich: "Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Geopolitik an
die Tür klopft. Und das zu ignorieren wäre nicht nur ein Fehler,
sondern ein Verbrechen." Karl Marx wird nur zitiert, um nachzuweisen, daß
auch er ein Geopolitiker gewesen sei.
Am stärksten beunruhigt Clover
der Umstand, daß auch Premierminister Jewgeni Primakow Anhänger
der geopolitischen Doktrin zu sein scheint, obwohl er sich nie öffentlich
dazu bekannt hat. Für Alexander Dugin, einen der wichtigsten Köpfe
der russischen Neuen Rechten, der auch als Berater des kommunistischen
Duma-Präsidenten Gennadij Selesnjow gilt, steht dies jedoch zweifelsfrei
fest. Sein Thema für den angekündigten Beitrag bei der jüngsten
Sababurg-Runde der neurechten Europäischen Synergien: "Die neue russische
Geopolitik (Geopolitik Primakows) und die Zukunft Eurasiens".
Thema dieses Treffens, das Ende
April in Südniedersachsenstattfand: "Die Achse Berlin-Moskau: Chance
und Probleme für Europa". Zu den dortigen Referenten gehörte
auch der ehemalige Bundeswehroberst Heiko Möhring, der - noch mit
Fragezeichen - über eine mögliche "deutsch-russische Waffenbrüderschaft"
spekulierte.
Dugin hat den Deutschen viel zu
bieten: In seinem gemeinsam mit Generalleutnant Nikolaj Klokotow von der
Militärakademie des Generalstabs verfaßten Band "Grundlagen
der Geopolitik" wird die Rückgabe des russischen Teils des ehemaligen
Ostpreußens als Zeichen des guten Willens erwogen. Da sein Mitautor
Klokotow immerhin Direktor des Lehrstuhls für Strategie an der Militärakademie
ist, sind solche Überlegungen keineswegs nur absurde Spinnereien.
Clovers Sorgen sind also verständlich.
Sie werden dadurch noch gesteigert, daß Dugin entsprechende Schritte
auch im Verhältnis zu Japan anrät. So befürwortet er eine
Rückgabe der Kurilen-Inseln an Japan als ersten Schritt zu einem Bündnis.
Tatsächlich soll im Herbst letzten Jahres ein solcher Vorstoß
auf diplomatischer Ebene erfolgt sein. Bestätigt sieht sich Clover
in seinen Befürchtungen auch dadurch, daß Dugins Vorschlägen
zur Verbesserung der Beziehungen zum Iran und Irak entsprechende Schritte
durch Primakow in dessen Zeit als Außenminister folgten. Tatsächlich
war Dugin 1994 bei einem Besuch in Italien auch mit dem iranischen Botschafter
beim Vatikan zu einem Arbeitstreffen zusammengekommen.
Und die ohnehin stets von Verschwörungsängsten
geplagten US-Außenpolitiker müssen heute bei Sjuganow, potentiell
nächster russischer Präsident, lesen: "Am Ende des 20. Jahrhunderts
wird es immer offensichtlicher, daß der islamische Weg zur einzigen
wirklichen Alternative zur Hegemonie der westlichen Welt wird." Und wenn
er dann fortfährt, müssen alle Alarmglocken läuten: "Der
Fundamentalismus wird verstanden als eine Rückkehr zu den jahrhundertealten
spirituellen Traditionen und kann zu sehr positiven Resultaten führen.
Es handelt sich um die Rückkehr zu moralischen Normen der Beziehungen
zwischen den Menschen, (...) um die Intakthaltung der Moral der Gesellschaft."
Primakow, so die Befürchtung
von Foreign Affairs, stelle lediglich eine "sanftere Variante" der Sjuganow-Politik
dar. Dem stimmt auch Dugin, der ehemalige Kopf der Nationalbolschewistischen
Front, zu. Primakow kombiniere vorbildlich eine linke Wirtschaftspolitik
mit einer Ost-Orientierung, der Hilfe für die arabischen Staaten,
dem Streben nach einer Re-Integration der alten Sowjetunion und der Unterstützung
für den "traditionellen Freund Serbien". Insgesamt handele es sich
um den vielzitierten "Dritten Weg" par excellence, um eine Zukunft für
die russische Außenpolitik.
Zwar ist im Gegensatz zum redaktionellen
Vorspann in Clovers Artikel nichts über die Gefahr eines Dritten Weltkrieges
zu finden. Aber die Blattmacher leiten ihre Befürchtung wohl aus den
Beiträgen ab, die den von Clover flankieren. So sieht Fred Bergsten
einen möglichen "Kampf der Titanen" zwischen den USA und Europa durch
die Einführung des Euro. Es gelte "einen Showdown zu vermeiden und
die globale Führungsrolle zu erhalten".
Auch Samuel Huntington sieht die
US-Führungsrolle bedroht: Die USA seien eine "einsame Supermacht"
und zu Kompromissen gezwungen, weil ihre Dominanz nach dem Ende des Kalten
Krieges vorbei sei. So einfach wird Washington das aber kaum hinnehmen.
Gefährlich dürften also sowohl die eurasischen Großmachtträume
wie die Angst der USA vor dem Verlust ihrer Supermachtrolle sein.
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