Stripped
Pop und Affirmation bei Kraftwerk,
Laibach und Rammstein.
Von Ulf Poschardt
Ulf Poschardt, Chefredakteur des
Magazins der Süddeutschen Zeitung hat diesen Vortrag am 29. Januar
1999 in Potsdam im Rahmen der Leni-Riefenstahl-Ausstellung gehalten.
Bei der Veranstaltung kam es sowohl
vom Publikum als auch von einigen der Diskussionsteilnehmer auf dem Podium
zu offen antisemitischen und nationalistischen Äußerungen. Als
diese ohne Widerspruch blieben, verließ Poschardt den Saal. Die Jungle
World hat in der Nr. 6 / 99 darüber berichtet.
Der Text, den der Autor für
die Veröffentlichung noch einmal durchgesehen hat, ist von uns geringfügig
gekürzt worden. Die vollständige Fassung, erscheint in der Zeitschrift
Die Beute, Nr. 3. Wir danken dem Autor und der Redaktion der Beute für
die Genehmigung zum Vorabdruck. (Red.)
Kraftwerk und das Spiel mit "dem"
Deutschen
Mitte der siebziger Jahre wurde
der bekannte US-amerikanische Musikjournalist Lester Bangs gefragt: "Where
is rock going?", Wohin geht's mit der Rockmusik?, und der Gefragte antwortete
wie aus der Pistole geschossen: "It's been taken over by the Germans and
the machines."
Die Deutschen und die Maschinen
galten 1975 als die Zukunft der Rockmusik und der Kritiker attestierte
dies nicht ohne Sarkasmus. Es war der Sieg dessen, was als "Krautrock"
und "Teutonentum" noch verhöhnt wurde. Es war - so Bangs - der Sieg
des blutlosen, eisernen Willens und des vielversprechenden Aufbruchs des
Maschinenzeitalters in der Musik. Ein Sieg, der nach Bangs' Meinung schon
mit der germanischen Erfindung der Amphetamine begonnen hatte. Diese wurden
einst als Aufputschmittel für Bomberpiloten entwickelt und sollten
deren psychische Apparate beschleunigen. Die Droge wurde dann für
viele Pop-Musiker und Literaten wie Bob Dylan, Lou Reed, Jack Kerouac zu
einem Wahrnehmungsdoping, das ihre Songs und Bücher tunte.
"The Reich never died", schrieb
Bangs weiter. Und: "It just reincarnated in American archetypes". Die Erfindung
von Speed - im doppelten Sinne von Droge und Geschwindigkeit - durch "die
Deutschen" hat die Pop-Kultur beschleunigt, kälter und technoider
gemacht. Dementsprechend neugierig war Bangs, als er 1975 Florian Hütter
und Ralf Schneider von Kraftwerk während ihrer "Autobahn"-Tour in
den USA traf und interviewte. Er blickte den Erben des Reiches direkt in
die Augen.
Wie komisch das sein konnte, schilderte
Bangs in einer Slapstick-ähnlichen Szene zu Beginn des Gesprächs.
Bangs machte sich über die beiden Percussionisten Wolfgang Flür
und Karl Bartos lustig. Diese waren von US-amerikanischen Musiker-Kollegen
im Slang gefragt worden, ob sie sich von den Groupies einen hätten
blasen lassen. Und diese, weil sie das Englisch nicht verstanden haben,
hätten nur mit "Ja, Ja" geantwortet - streng und ohne eine Miene zu
verziehen. Hätten die beiden noch Monokel getragen, es wäre eine
klassische Filmszene gewesen, in der das steife, kalte Wesen der Deutschen
vorgeführt worden wäre.
Der Typus des verrückten Wissenschaftlers
scheint als Blueprint über der Begegnung mit Hütter und Schneider
zu liegen. Ihre beherrschte und ruhige Art zu reden und zu denken, wird
in dem Text minutiös protokolliert. Im Verlauf des Interviews mit
Bangs erklären Hütter und Schneider, die beide gut englisch sprechen,
ihre Theorie von den Menschmaschinen und warum die Synthesizers sensible,
eigenwillige Apparate sind, die den Menschen helfen und ihnen gleichzeitig
ihren Willen aufzwingen. Sie betonen ihre Macht als Maschinen-Komplex und
Laboratorium, das Publikum zu manipulieren und es physisch zu ergreifen.
Die beiden Masterminds wirken gefährlich oder zeitgenössisch
ausgedrückt: absolut nicht pc. Erst recht, da sie sich als Exponenten
deutscher Kultur outen.
"After the war", erzählt Hütter,
"German entertainment was destroyed. The German people were robbed of their
culture, putting an American head on it. I think we are the first generation
born after the war to shake this off, and know where to feel American music
and where to feel ourselves. We are the first German group to record in
our own language, use our electronic background, and create a Central European
identity for ourselves."
Die beiden wollten nicht mit Tangerine
Dream oder Can in einen Topf geworfen werden, mit Bands, die englische
Namen haben und sich auf der Bühne eine angloamerikanische Identität
geben. Sie sprechen deutsch, betonen ihren deutschen Background und benutzen
Maschinen, die von der deutschen Industrie hergestellt worden sind. "We
cannot deny we are from Germany, because the German mentality, which is
more advanced, will always be part of our behaviour", meint Hütter.
Bangs referiert diese Passagen,
ohne sie zu kommentieren. Und doch spürt man die eisige Befremdung,
die ihn angesichts so viel Deutschtums befällt - genau dreißig
Jahre, nachdem die US-Amerikaner die Deutschen von den Nazis (mit-)befreit
haben. Gleichzeitig erfährt Bangs jedoch die Bestätigung seines
Weltbilds, wie er es sich von den Deutschen schon vor dem Treffen zurechtgelegt
hatte.
Kraftwerk appellieren an seine Vorstellungen
des Fremden und nehmen diese gleichzeitig zur Grundlage, um sie noch deutlicher
überzeichnen zu können. Als Bangs fragt, ob sich Hütter
und Schneider fotografieren lassen, lehnen sie dies ab. "Wir haben unsere
eigenen Bilder. Die können Sie benutzen." Als Bangs verwundert nachfragt,
erklären die Kraftwerker: "Wir posieren nicht. Wir sind paranoid."
Weitere Erklärungen bekommt Bangs nicht. Die beiden Musiker in den
schwarzen Anzügen, mit den schmalen Krawatten und dem kurzen Haar
brechen das Interview ab. "Wir müssen uns ausruhen. Bitte entschuldigen
Sie uns", erklären sie höflich. Bangs zieht verwundert und offensichtlich
erleichtert ab: "Still, it was somehow comforting to know that they did,
apparently, sleep."
Das Aufeinandertreffen von Lester
Bangs und Kraftwerk war sicherlich die erste bedeutende Begegnung zwischen
einem Vertreter der US-amerikanischen Pop-Intelligenz und deutschen Pop-Konzeptualisten
und sollte eine der spannendsten und spannungsvollsten bleiben. Auch optisch
muß das Aufeinandertreffen eine Augenweide gewesen sein. Bangs mit
Bierbauch, Schnauzer und langen Haaren und die beiden Kraftwerker wie Ingenieure
einer deutschen Raketenfabrik.
Das wechselseitige Befremden hat
den Dialog nicht unmöglich gemacht, und dennoch bleibt die Begegnung
Symptom einer Unvereinbarkeit, die für den kosmopolitischen Gestus
der Pop-Kultur weitgehend untypisch ist.
Aliens im Mainstream der Pop-Kultur
Pop entstand nach dem Zweiten Weltkrieg
als rebellisches Kind der westlichen, kapitalistischen Zivilisation, um
als Sprachrohr, Gefühlsverstärker und Identitätskonstrukteur
schnell fast alle Jugendlichen dieser Zivilisation zu einen. Pop-Musik
war eine Sprache, die jeder verstehen konnte. Englisch wurde zum Esperanto
der Pop-Kultur. Nicht englisch sprechende Bands hatten sich zu assimilieren
oder mußten untergehen. Dachte man. Bis Kraftwerk 1975 mit "Autobahn"
in den USA in den Top Ten der Charts landeten. Danach wurde die Band zu
einer der am stärksten stilbildenden Formationen der Pop-Musik.
Kraftwerk hatten sich als Aliens
in den Mainstream der angloamerikanischen Pop-Kultur eingeschleust und
suchten ihren Erfolg gerade in der Verweigerung der Assimilation. Sie bezeichneten
sich als Kinder von Fritz Lang und Wernher von Braun, um deutlich zu machen,
daß ihre Wurzeln nicht bei Elvis, den Beatles oder den Rolling Stones
zu suchen waren. Ihr Dasein als "Fremde" reflektierte in gewisser Weise
Fremdenhaß, Rassismus und Antisemitismus, die die Deutschen zu einer
Bedrohung der Weltgemeinschaft gemacht hatten. Kraftwerk unterstrichen
die Elemente ihres Selbstentwurfs und ihres Deutschseins, die sie besonders
in der Pop-Welt zu Fremden werden lassen mußten. Das Zurschaustellen
des Tabus - und eben nicht des Nationalstolzes - bedeutete, die Dialektik
einer negativen Affirmation zu nutzen.
Ähnlich wie später im
HipHop "Blackness" als Dissidenzmerkmal ästhetisch und politisch eingesetzt
wurde, relativierten Kraftwerk ihre "Germanness" als ein Element der Dissidenz.
Der politische Kontext nach 1968 schien dies zu ermöglichen. Hütter
wie auch Schneider hatten sich in der Apo engagiert, mit Willy Brandt war
ein Antifaschist Bundeskanzler geworden. Der Kniefall Brandts in Warschau
wurde als die Ankunft eines neuen Deutschland gedeutet.
Kraftwerk spielten mit ästhetischen
Codes, die einer spezifisch deutschen Tradition zugeordnet wurden. Den
beiden war dabei natürlich bewußt, daß sie ein typisches
Pop-Image schufen: überdeutlich, überzeichnet und dadurch überwältigend.
Es war in der Sprache von Pop und dessen Vermarktungsstrategien formuliert.
Dissidenzentwürfe im Pop benötigen für die Außenseiterrolle
eine Doppelkodierung, die Songs und Images sowohl für den Mainstream
wie für die anderen Aliens verständlich machen.
Auch die Musiker von Kraftwerk machten
sich die Ambivalenz und Mehrdeutigkeit von Pop-Kultur zu eigen, die abwechselnd
die Rolle des Aufrührers wie des integrierenden Beschwichtigers in
den gesellschaftlichen Verschiebungen übernehmen kann. Die Vermischungen
und Koketterien der Auflehnung als Anpassung, der Anpassung als Auflehnung,
der angepaßten Auflehnung als rebellische Anpassung usw. verliefen
sich dabei in eine feingliedrige Struktur, die nur mehr schwer in die gängigen
Schemata von Nicht-Dissidenz oder Subversion zu passen schienen. (...)
Punk und posthumanes Androidentum
Zur selben Zeit wie Kraftwerk beschäftigten
sich auch die New York Dolls und wenig später die Sex Pistols mit
dem kulturellen Erbe des Faschismus. Knapp ein Jahrzehnt nach den Studentenunruhen
(denen Kraftwerk als Musikstudenten angehörten) und der antifaschistischen
Auflehnung gegen die Väter, deren Werte und Institutionen, wurden
die Hippies zu Feinden erklärt und ihr naiver Humanismus bekämpft.
Mit allen Mitteln - wenn es sein mußte, auch mit dem Hakenkreuz.
Der in den siebziger Jahren stattfindende
Rückgriff auf die Zeichen der Barbarei bedeutete in erster Linie eine
Ablehnung des Gutmenschentums der Hippies. An dessen Stelle trat eine aggressiv-zynische
Selbstdenunziation. Das "Pretty Vacant" der Sex Pistols war dem Robotertum
Kraftwerks verwandt: was die Rigidität der Selbstdenunziation betraf
wie auch die damit einhergehende Koketterie mit "Radikalität".
Koketterie und Selbstdenunziation
waren wechselseitig verschränkt. Das eine ohne das andere nicht denkbar.
Gerade als erklärter Antichrist, Müll, menschlicher Abfall und
apokalyptischer Reiter bekam die Nazi-Binde bei Punks eine moderne Identität:
nicht als Zeichen der Identifikation mit politischen Zielen wie im Dritten
Reich, nicht als Feindbild, dem man 1968 als Student eine gute, linke Moral
entgegengesetzt hatte, sondern als Kommunikation, symbolischer Ausdruck
eigener Zerstörtheit, der jede Moral weit hinter sich ließ.
Kraftwerk entzog sich der Positionierung
im Kontext der Moral durch eine futuristische Affirmation des Maschinenhaften.
Als Roboter war die Seelenlosigkeit und damit die nicht vorhandene Kompetenz
für Moral konstituierend. Das offensive Spiel mit dem "Deutschsein"
kündete auch von dessen nahem Ende: als Übergang in die Schaltkreise
- ein Programm neben vielen.
Der angeblichen und so schuldbewußten
Identitätslosigkeit der Teutonen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde
mit einer koketten Bezugnahme auf absonderliche Traditionen begegnet. Das
oberflächliche Spiel mit Assoziationen wurde von Kraftwerk in einem
bisher tabuisierten Raum vollzogen: Während in amerikanischen Fernsehserien
und Kriegsfilmen der strenge, hagere Deutsche mit kurzen Haaren immer noch
als Feind und im Nazikontext wahrgenommen wurde, versuchten Kraftwerk den
Quantensprung, um über eine oberflächliche Identifikation mit
dem Feind in eine futuristische Zukunft des "Deutschseins" zu springen,
die diese Vergangenheit nicht vergessen machte, sondern eine Bedrohung
an die Wand malte, die gerade die westliche Zivilisation ergriffen hatte:
die Angst vor der Herrschaft der Technik und die Ausrottung der Menschen
durch den Computer.
Wie hätte sich die Welt wohl
über den Technik-Positivismus eines Bill Gates gefreut, wenn dieser
ein Deutscher gewesen wäre? Was wäre gewesen, wenn die Furcht
vor den Deutschen mit der Furcht vor der Knechtschaft durch die Technik
zusammengefallen wäre? Diese Fragen stellten Kraftwerk in der Prophetie
großer Künstler und ließen sie unbeantwortet. Kraftwerk
waren damit Geschichtsaufarbeitung und Science-Fiction in einem. Ein undurchsichtiges
Amalgam, ausgestattet mit starken Zeichen, die sofortige Aufmerksamkeit
garantierten.
Die Anklänge an deutschtümelnde
Kulturhuberei, wie im Interview mit Bangs herausgestellt, von diesem dankbar
geschluckt und weiterverwertet, und einem posthumanen Androidentum machten
Kraftwerk unangreifbar. Die Band verband die losen Enden von einander scheinbar
vollkommen fremden Identitäten. Sie nannten eine LP nach der Autobahn,
die als populistische Maßnahme den Nazis in Deutschland viele Sympathien
eingebracht hatte, und präsentierten sich zwei Jahre später auf
der LP "Menschmaschine" als Nachfahren der sowjetischen Konstruktivisten
mit einem Hauch Metropolis von Fritz Lang.
Die Synthesefähigkeit von Pop-Musik
scheint keine Grenzen zu kennen: außer diejenige, wirklich im alten
Sinne ideologisch zu werden. An dieser Schnittstelle verkehrt sich der
Pluralismus der Kulturindustrie, der sich nicht auf die Freiheit des Konsums
beschränkt, in eine dogmatische Sperre gegen jeden Anflug von Totalitarismus.
Dessen Eindeutigkeit ist im ästhetischen Prinzip von Pop in der Regel
nicht vorgesehen. Die kurze Geschichte der Pop-Kultur kennt als Bastard
nur Fehlgeburten und Mischehen, deren Erbanlagen jegliche eindeutige Parteinahme
für eine genetische Disposition ausschließen sollte.
Zusammengefaßt heißt
dies: daß sowohl Rassismus als auch Totalitarismus als natürliche
Feinde des Pop gelten müßten, wären da nicht die Versuche
politischer Interessen, gerade diese Disposition zu korrigieren. Die nationalsozialistische
Propagandamaschinerie versuchte, ihren völkischen Begriff einer Kulturnation
gerade mit den avancierten Medien der Massenkommunikation zu vermitteln.
Aber das war vor dem Pop, wie er im bürgerlich-demokratischen Amerika
entstanden war.
In den Wurzeln der Country &
Western-Musik führte das Ideologische dieser Kultur noch explizit
und altmodisch in Form von Inhalten eine Randexistenz, ansonsten wurde
Inhaltsschwäche und Inhaltsferne zum eigentlichen Dogma der Kulturindustrie.
Die Ursprungslosigkeit des Neuen, wie sie die Kulturindustrie in ihrer
Produktion maschinenähnlich hervorbringen wollte, führte zu einer
Distanz jeder identifizierbaren Bestimmung.
Gerade die Identitäten der
ersten Stars als Rebellen und Volkshelden zugleich, das Durcheinander der
Hautfarben und Haltungen, hat die Integrationsfähigkeiten der Wohlstandsgesellschaften
deutlich erhöht. So gesehen funktionierte die supranational agierende
Pop-Kultur auch als Konstituens einer Kultur-Supra-Nation, die als "der
Westen" im Kulturkampf gegen den roten Osten in Position gebracht werden
konnte. Die Kulturnation war somit nicht mehr auf eine Staatsnation fixiert
oder gar auf ein völkisches Nationenkonzept. Kraftwerk deutete das
Hinfällige dieser alten Konzepte an.
Die Nazi-Ideologie konstruierte
ein Ewig-Deutsches, Arisches, in einer glorreichen Tradition und Geschichte.
Indem Kraftwerk damit kokettierten und gleichzeitig diese Bezüge in
ihren Arbeiten wild mit anderen verknüpften, entwerteten sie das Ideologische.
Sie machten dabei auch die Autorenschaft von Künstlern als Position
kenntlich und demaskierten so die angeblich mythischen Wurzeln.
Laibachs ambivalente Totalitarismus-Kritik
Der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker
Slavoj Zizek hat in einem Verteidigungstext für die slowenische Band
Laibach die ihnen unterstellte Nazitümelei als künstlerische
Strategie verteidigt. Es sei, so Zizek, das Anliegen von Laibach, das versteckte
Umgekehrte der Ideologie an den Tag zu bringen. Indem Laibach die Ästhetik
des deutschen und italienischen Faschismus mit der des Staatskommunismus
kombinierten, verband die Band zwei Formen des Totalitarismus und amalgamierte
sie zu einer künstlichen Einheit, die in ihrer offensichtlichen Nicht-Authentizität
vor allem dem Wesen des Faschismus widersprach.
Wie in der Leni-Riefenstahl-Ausstellung
in Potsdam zu sehen war, wird in der faschistischen Ideologie und der von
ihr geprägten kulturellen Produktion gerade das Ewige, alle Zeiten
und Ären transzendierende arische Ideal gepflegt - so leer und nichtssagend
es bei näherer Prüfung auch sein muß, um in seiner Übersignifikanz
politisch wirksam sein zu können. Gerade die Nähe zur Leere radikalisierte
dessen Streben nach einer strahlenden, in sich geschlossenen, ästhetischen
Oberfläche.
Wie diese Mythen konstruiert werden
und welche Lügen größte Erfolgsmöglichkeiten haben,
analysierte der Künstlerverband aus Slowenien im Gesamtkontext der
Neuen Slowenischen Kunst. Mit großer Freude stellten die Künstler
immer wieder neuen Unfug an: schufen imaginäre Landkarten, gaben immer
absurdere historische Referenzen und vereinten die Volksstämme der
Slowenen, Slowaken, Slawonier und Slawen kurzerhand zu einer völkischen
Einheit - wegen ihrer sprachlichen Ähnlichkeit.
Laibach waren mit dieser Praxis
nicht nur eine erste seismographische Warnung für den ethnischen Irrsinn,
der im ehemaligen Jugoslawien und im gesamten Ostblock ausbrach. Gerade
als Staatsangehörige Jugoslawiens, einem relativ jungen Nationalstaat
mit einem stark regionalistisch-föderalistischen System, konnten sie
die Ideologie als - so Zizek - "leeren Container" entlarven, in den jeder
hineingreift und das herauszieht, was ihm gerade brauchbar erscheint. Ideologie
ist als Container ein leerer Punkt der Übereinstimmung. Wichtig ist
nur, daß alle Gläubiger der Ideologie den Container als denselben
wahrnehmen.
Eine reaktionäre Identitätsbestimmung
kann in diesem Zusammenhang als ein bewußt-unbewußter Glauben
an die ewige Gültigkeit der Inhalte verstanden werden. Nicht reaktionär
ist der Umgang, der diesen Glauben verloren hat, oder besser noch, sich
nicht mehr erinnern kann. Kraftwerk und Laibach operierten mit ihren Arbeiten
an einer historischen Übergangssituation, in der sie ungläubig
das Alte beschworen, weil sie sich - im Falle von Kraftwerk - sicher waren,
daß dieser Spuk ausgestanden sei, und - im Falle von Laibach - weil
sie ahnten, daß dieser Spuk mit Vehemenz nochmals auf sie zukommen
würde.
Die kalkulierten Ambivalenzen trugen
Spuren der Verunsicherung mit sich, die beiden Bands angesichts der kontaminierten
Geschichte der Massenkommunikation im 20. Jahrhundert als Selbstreflexion
unabdingbar erschienen. Es war diese nahezu paradoxe, ja exorzistische
Praxis im Umgang mit der Macht der Pop-Kultur, ein Akzeptieren der Verantwortung,
die genau jene Macht problematisierte, ohne auf ihren Nutzen verzichten
zu wollen.
Kraftwerk und Laibach bilden mit
dieser Praxis sicherlich Ausnahmen im Kontext der Pop-Kultur, in ihrer
Durchdachtheit vielleicht vergleichbar mit einigen HipHop-Musikern oder
dem Situationistentum Malcolm McLarens. Brandstiftertum und künstlerische
Avantgarden lagen in diesem Jahrhundert oft nahe beieinander. Ihre Statements
hatten oft Manifestcharakter, wie um das Ideologische ihrer Kunstwelten
zu manifestieren und gleichzeitig damit das Ideologische der klassischen
Avantgarden aufzuzeigen.
Die künstlerische Praxis von
Laibach und Kraftwerk arbeitete - trotz des Wissens um die Unmöglichkeit
eines solchen Vorhabens - in jeder Richtung auf eine Auflösung wie
auch immer gearteter ideologischer Strukturen hin und wählte dafür
die Mechanik einer paradoxen Strategie: Die Katharsis wurde durch hysterische
Übertreibung und Ikonoklasmus eingelöst.
Provokation ohne Provokation:
Rammsteins Leere
Anders funktionieren Rammstein:
die zweite Band nach Kraftwerk, die in den USA mit ihrem Deutschtum Millionen
Platten verkaufte und 1999 für den Grammy nominiert wurde. Die Musiker
der Band kommen aus der früheren DDR, also wie Laibach aus dem ehemaligen
Ostblock. Sie sind damit doppelt Fremde in der anglo-amerikanischen Pop-Kultur,
die nicht nur nicht-deutsch, sondern auch immer schon kapitalistisch war.
Anders als Kraftwerk und Laibach
entstammen Rammstein auch keinem größeren intellektuellen Umfeld;
die Musiker kommen aus nicht-akademischen Berufen. Ihr Umgang mit Zeichen
und Mythen ist ziemlich unmittelbar. Musikalisch fusionieren sie Heavy
Metal und EBM mit einem Schuß Laibach, um durch Aggressivität
und Bedrohlichkeit bei entsprechenden Dezibel-Zahlen possierlich Angst
und Schrecken zu verbreiten. Die kalkulierte Vehemenz gibt sich keine Sekunde
den Anschein irgendeiner Authentizität, dazu ist das Programm der
Band zu überschaubar.
Der Name ist eine Anspielung auf
den Ort des schrecklichen Unfalls während einer Flugschau in den achtziger
Jahren und damit eine Provokation. Ebenso die Themen, die Rammstein aufgreifen:
Inzest, Kinderschändung, Satanismus etc. Rammstein reduzieren sich
zum kongenialen Echo der Themen, wie sie die vielen Infotainmentsendungen
und Boulevardmedien täglich setzen und zu Teilen der Unterhaltung
gemacht haben.
Da diese Themen alle entsprechend
gewalttätig vorgetragen werden, wird die Provokation erhöht und
zu einer Form von Aggressivität stilisiert, die als Pop-Image gut
funktioniert. Rammstein sind weniger ironisch als andere Pop-Bands - ihr
Spiel mit dem Feuer hangelt sich stur von Klischee zu Klischee. Ironie
kennen sie nicht, mit jedem neuen Song und jedem neuen Video vervielfältigen
Rammstein lediglich ihren Selbstentwurf. Fast verbissen bleiben sie sich
treu. Sie verspielen damit die Dynamik und Komplexität, die Kraftwerk
oder Laibach aufbrachten, um ihre eigenen Codes immer wieder über
die Klinge springen zu lassen. Die mangelnde Souveränität im
Umgang mit den eigenen Codes läßt Rammstein zu Opfern ihres
Images werden.
Doch gerade das Stumpfe und Primitive
der Musik von Rammstein reizt nicht nur das deutsche Publikum. Der US-amerikanische
Filmemacher David Lynch hat Rammstein in seinem Soundtrack für "Lost
Highway" ausgewählt. Der deutsche Text und die das Paranoide des Lynchschen
Films herausstreichende Aggressivität der Musik sind der perfekte
Verstärker für stilisierte, düstere Kunstwelten, wie sie
Lynch so gerne anrichtet. Während ihrer erfolgreichen Amerika-Tour
'98 sollten Rammstein feststellen, daß genau das Befremdliche ihrer
Musik von den US-Amerikanern goutiert wurde. Bei vielen Konzerten sang
das Publikum den Songtext mit, ohne zu wissen, was dieser bedeutet. Ähnlich
wie für viele Pop-Freunde in Deutschland, Polen oder in Indien ist
das Nicht-Verstehen eines Textes kein Hindernis für die Aneignung
des Songs.
Die Wörter werden als integraler
Bestandteil des Songs mitaufgesogen. Sprache wird reduziert auf Laute,
Betonungen, die performativen Komponenten des Sprechens. Daß dies
besonders bei Rammstein gut funktioniert, überrascht nicht: ist der
heulende, tiefe Klang der Stimme des Sängers Till Lindemann und sein
Reichsparteitags-ähnliches Rollen des "R" selbst eine tautologische
Übertragung ihrer Codes auf den Gesangsstil. Rammstein sind aus einem
Guß und verzichten gerne auf Widersprüchlichkeiten und Koketterien,
die Pop-Musik so filigran wirken lassen können.
Die Art der Affirmation, die Rammstein
ihren Provokationen, ihrer Konstruktion von Männlichkeit, Deutschsein
und letztlich ihrer eigenen Arbeit entgegenbringen, unterscheidet sich
deutlich von der aporetischen und strategischen Affirmation, wie sie durch
Pop-Art und Pop-Kultur insgesamt hegemonial geworden war. (...)
Das Kunsthandwerkliche der Imagekonstruktion
bis hin zum naseweisen Einsatz der Leni-Riefenstahl-Zitate im Video macht
die Leere des von Rammstein annektierten Raumes in der Pop-Kultur deutlich.
Deutlich wird, wie nichtssagend, stumpf und öde Leere sein kann, wenn
sie nicht als Negation oder Verweigerung von Fülle gedacht worden
ist. Nur noch apokalyptisch postmoderne Denker dürften sich nach der
Produktion solcher Leere sehnen, weil diese Leere in ihrer Affirmation
lediglich weitere uninteressante Leere produzieren kann. Die Affirmation
bei Rammstein bleibt ein beflissenes Spiel mit der eigenen Unfähigkeit,
gegen irgendetwas rebellieren zu können oder zu wollen, bzw. ist diese
Rebellion schon rechts. Gefragt nach ihren provokativen Textinhalten, verweisen
sie in Interviews gerne auf die grausame Realität, die sie umgibt
und von den Medien vermittelt wird. Sie würden diese nur widerspiegeln.
Solche Plattheiten müssen jedoch
angesichts der Identitäts- und Nationalitätsdebatten in Deutschland,
nach dem rechtsradikalen Terrorismus der letzten Jahre ziemlich fragwürdig
erscheinen. Der politische Kontext, in dem sich Rammstein auf Deutschland
beziehen, ist nicht mehr der des Kniefalls Brandts in Warschau, sondern
der von brennenden Häusern von Flüchtlingen und MigrantInnen.
Diese entscheidende Differenz trennt
die Imagepolitik von Rammstein nicht nur im Ästhetischen von der Pop-Politik
Kraftwerks. Rammsteins Feedbackschleifen zum völkischen Sumpf der
Neuen Rechten berauben ihre Musik jeglichen "hedonistischen Potentials",
auch wenn das "irgendwie-linke" Rezipienten gerne anders sehen möchten.
Völkisch geerdet oder trivial
entwertet?
Pop ist anscheinend auch die Kulturform,
in der Reaktionäres und gar "Unmoralisches" Riesenfreude machen kann.
In diesem Sinne ist das Rammstein wohl gelungen. Ihre (oder die von der
Plattenfirma angezettelte) rührende Provokation, das Video zu dem
Depeche Mode-Cover "Stripped" mit Leni-Riefenstahl-Samples zu basteln,
wirkt so naheliegend wie bemüht. Doch die Synthese birgt in ihrer
uncharmanten Direktheit der Übertragung einen Störfall, der an
den Intentionen von Sampelnden und Gesampeltem vorbei, Musik wie Bilder
wechselseitig entmündigt. Aus den Nacktszenen der Riefenstahl wurde
ein athletischer Striptease-Jingle mit vielen arischen Nackedeis, während
Depeche Mode den Striptease eher als Metapher für die Machtprobleme
im libidinösen Durcheinander von Mann und Frau gemeint haben dürften.
Die Musiker von Rammstein wurden
ein wenig zu Hampelmännern der Plattenindustrie, die den Tabubruch,
Nazi-Sympathisierendes 1998 in die Pop-Musik einzuschleusen, aufs neue
und gewinnträchtig gewagt hatten. Verglichen mit den Attacken der
New York Dolls und der Sex Pistols, die vor Hakenkreuzbannern spielten
oder Hakenkreuzbinden am Arm trugen, wirkt dieser Einfall uninspiriert
und plump.
Man kann sich das Gesicht des Produktmanagers
vorstellen, der mit ernster Miene erklärt, daß dies ganz schön
Ärger geben werde, und der sich darauf freut, daß die Medien
auf diese Provokation anspringen. Die Geschichte der Pop-Musik ist eine
Aneinanderreihung von Provokationen. Mehr noch: Die künstlerische
Qualität von Pop-Musik erschließt sich nicht zuletzt über
die Intelligenz und Raffinesse der Provokation und ihrer Wirkungen innerhalb
der Massenkultur. Nach "Tanz den Adolf Hitler" von DAF oder den SS-Runen
bei Kiss, nach den Riefenstahl-Rip-Offs bei den Photographen Bruce Weber
und Herb Ritts, nach dem Hitler-Bart der Sparks, nach Punk, New Wave, Laibach,
EBM und Industrial liefert Rammsteins Video nur die warenförmigste
und eindimensionalste dieser Provokationen.
Die Selbstverständlichkeit,
mit der Musikkanäle wie Viva oder MTV den Clip geschluckt haben, deutet
darauf hin, daß der Input an Provokation nur minimal gewesen sein
konnte. Die zur Schau gestellte Ästhetik der Riefenstahl reiht sich
mühelos in den bunten Strom der Clips ein. Allein wegen des Videos
dürfte wohl kein Jugendlicher zum Nationalsozialismus konvertiert
haben. Gerade die Banalität des Geschlucktwerdens ist sowohl Kompliment
wie Verhängnis für die Riefenstahlsche Kunst.
Ein Kompliment für die zeitlos
unterhaltsame Schönheit, ein Verhängnis, weil sie endlich dort
gelandet ist, wo sie vermutlich nie landen wollte: in der Indifferenz einer
demokratischen Massenkultur, in der solche Bilder möglich sind - wie
alle anderen auch. Aus der großen Foto- und Filmkünstlerin der
Nazidiktatur ist eine unter vielen geworden: eine Durchschnittsware der
Pop-Kultur ohne besondere ideologische Durchschlagskraft. Mit ihrem schamlosen
Zitieren und Ausbeuten von allem und jedem demonstriert die Pop-Kultur,
wie schnell aus den Mythen der Geschichte die Luft herausgelassen werden
kann.
Die Heldin des Tausendjährigen
Reiches hat ihre Grenzen in der schonungslosen Wut des Modischen gefunden,
in der alles der Gegenwart zum Fraß vorgeworfen wird. Gerade der
vordergründig archaisch anmutende Ewigkeitskitsch der Nazikunst erfährt
hier seine triviale Entwertung. Optimistisch interpretiert, stellt so die
stolze Pop-Kultur ein vernichtendes Urteil über diesen Teil der deutschen
Vergangenheit aus: Was muß das für eine Zeit und eine Welt gewesen
sein, in der diesem hohlen Pathos Millionen auf den Leim gegangen sind!
Aber auch hier bliebe die unangenehme
Frage, worin sich der massenhafte Konsum von solchen Rammstein-Werken heute
begründet. Das dürftige oder nicht-vorhandene Ausmaß der
Problematisierung im Umgang mit Kunstprodukten des Dritten Reiches ebenso
wie mit betont provokanten Inhalten kann vor dem Hintergrund demokratischer
Indifferenz als endgültiges Todesurteil für jede Form der Sujetfixierung
gehalten werden, oder für das schleichende Gift, das mit dem Aussterben
der Generation, die Krieg und Nationalsozialismus erlebt hat, eine neue
Unbefangenheit im Umgang mit den Symbolen und Produkten des Dritten Reiches
unter die Menschen bringt.
Rammsteins trivial-postmodernistische
Reinkarnation des Völkischen ist so entweder Marketing-Kindergarten
oder der widerliche Boden, auf dem jugendlichen Lynchmördern das Zu-Tode-Prügeln
von "Nicht-Arischem" pop-kulturell geerdet wird. |