Euro Nachrichten
Prag, der 1. Mai
und die Folgen
"Sieg Heil, das sind nur zwei Worte."
Mit dieser Begründung bemüht sich zur Zeit die Prager Polizei,
ihre Vorreiterrolle für einen Nazi-Aufmarsch am 1. Mai in der tschechischen
Hauptstadt zu rechtfertigen (Jungle World, Nr. 19/99). Er habe einfach
nicht gewußt, was "Sieg Heil" bedeutet, erklärte bei einer Pressekonferenz
Mitte vergangener Woche der Prager Polizeichef, und versuchte so die Kritik
von Teilen der tschechischen Medien zu kontern.
Vier Teilnehmer der antifaschistischen
Demonstration gegen den Nazi-Aufmarsch haben sich indes in den nächsten
Wochen vor Gericht zu verantworten. Gegen sie wird wegen "Gewalt gegen
die Polizei" ermittelt, zwei Antifas sollen angeblich scharfe Pistolen
bei sich getragen haben.
Ankara, die Wahl und die Folgen
Der Vorwurf lautet: "antiweltlich"
aktiv gewesen zu sein. Am vergangenen Wochenende hat die türkische
Staatsanwaltschaft ein Verfahren zum Verbot der islamistischen Tugendpartei
eingeleitet. Vorangetrieben wird die Verbotsverfügung von Staatsanwalt
Vural Savas, der bereits die Vorgängerorganisation der Tugendpartei,
die islamistische Wohlfahrtspartei, verboten hatte. Er sehe in der Tugendpartei
denn auch nichts anderes als "die Fortsetzung der Wohlfahrtspartei", begründete
Savas sein Vorgehen kurz und knapp. Auf die Provokation von Merve Kavakci,
Abgeordnete der Tugendpartei, ging Savas gar nicht erst ein: Kavakci hatte
Anfang letzter Woche ihren Arbeitsplatz, das türkische Parlament,
demonstrativ mit Kopftuch betreten. In der Türkei ist Vermummung in
öffentlichen Gebäuden verboten.
Gegen Kavakci ermittelt seit Donnerstag
vergangener Woche die Staatsanwaltschaft, weil sie 1997 in Chicago in einer
Rede vor der Islamic Association of Palestine, einem Ableger der islamistischen
Hamas, zum "Heiligen Krieg" aufgerufen haben soll.
Schlappe für Separatisten
In der vergangenen Woche fanden
die ersten Wahlen zu einem schottischen Parlament und einer walisischen
Versammlung statt. Deren Macht ist eingeschränkt, sie haben keine
Kompetenzen in Außenpolitik, Verteidigung und Transport. In Schottland
haben die Wahlen für "New Labour" von Premierminister Tony Blair zwar
nicht die absolute Mehrheit gebracht; aber die Partei ist mit 56 von 129
Sitzen die größte Fraktion geworden. Nun stehen Koalitionsverhandlungen
mit den Liberal-Demokraten (17 Sitze) an. Die Tories verbuchten 18, und
auch die Schottische Nationalpartei (SNP) wird mit 35 Sitzen in der Opposition
verbleiben. Der schottische Separatismus hat damit eine Schlappe hinnehmen
müssen.
Das Wahlergebnis in Wales folgte
einem ähnlichen Muster: Labour verbuchte 28 von 60 Sitzen, die walisischen
Nationalisten von Plaid Cymru 17, die Liberaldemokraten sechs und die Konservativen
neun Sitze.
Die Wahlbeteiligung war mit 59 Prozent
in Schottland und lediglich 40 Prozent in Wales gering.
Goldener Schuß für
Weißen Ritter?
Die geplante Fusion von Telecom
Italia und Deutsche Telekom könnte bald schon auf Regierungsebene
Thema sein - auf dem Gipfeltreffen von Bundeskanzler Gerhard Schröder
und dem italienischen Premier Massimo D'Alema am 17. und 18. Mai in Bari.
Das teilte die Bonner Regierung am Freitag vergangener Woche mit. Rom befürchtet,
daß die italienische Telecom unter deutsche Kontrolle gerät,
hat aber noch einen Trumpf in der Hinterhand: eine sogenannte Goldene Aktie,
mit der der italienische Staat unerwünschte Eigentümerwechsel
blockieren kann, auch wenn er lediglich noch mit 3,4 Prozent an dem weitgehend
privatisierten Unternehmen beteiligt ist. Der Bund hingegen hält 72
Prozent der Anteile an der Deutschen Telekom und darf erst ab dem Jahr
2000 weitere Anteile verkaufen. Ob das deutsche Unternehmen also den Weißen
Ritter (Jungle World, Nr. 19/99) für die von einer feindlichen Übernahme
durch Olivetti bedrohte Telecom Italia spielen darf, steht weiter in den
Sternen.
Nazis und Banken - neue Folge
Neun Jahre hat der niederländische
Historiker Gerard Alders geforscht, und in dieser Woche werden seine Ergebnisse
in Buchform veröffentlicht. Unangenehm für zwei niederländische
Banken, die ABN Amro und die ING Groep: Deren Vorläufer sollen sich
nach Alders' Recherchen im Zweiten Weltkrieg am Handel mit geraubtem jüdischen
Eigentum bereichert haben. Die Gesamtsumme des gestohlenen Besitzes - u.a.
Gold, Silber, Devisen, Wertpapiere - betrug damals ca. eine Milliarde Gulden,
was heute rund 13 Milliarden Mark entspricht.
Die niederländische Exilregierung
hatte den Niederländern während des Krieges den Handel mit den
Nazi-Besatzern verboten. Nach Angaben von Ahlers wurde das geraubte Eigentum
oft mit Rabatt von zehn Prozent verkauft. Eine Stellungnahme zu Alders'
Recherchen gab es noch nicht: Ein Sprecher der ABN Amro sagte, es sei noch
zu früh dafür. Dreiviertel der mehr als 100 000 niederländischen
Juden waren von den Nazis umgebracht worden.
Autonome Vojvodina
Kaum hatte der frühere ungarische
Regierungschef Gyula Horn eine Autonomie für die serbische Provinz
Vojvodina gefordert, wollte auch der stellvertretende ungarische Ministerpräsident
Lazlo Köver nicht zurückstehen und forderte am vergangenen Samstag
das gleiche. In der an der Grenze zu Ungarn gelegenen Region wohnen die
meisten der 350 000 jugoslawischen Staatsbürger ungarischer Herkunft;
zugleich mit dem Kosovo waren auch der Provinz Vojvodina 1989 die Autonomierechte
entzogen worden.
Horn hatte im Gespräch mit
dem stern offene Worte für deutsche Nationalisten gefunden: "Als Freund
der Deutschen sage ich: Hört endlich auf, mit gesenktem Blick herumzulaufen.
Ohne Deutschland kann heute kein europäisches Problem gelöst
werden."
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Die Nachrichten wurden
von Beier und Söhler zusammengestellt
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