Inland Nachrichten
Wessen Steuer ist
die Steuer?
Wer macht hier Politik - die Bild
am Sonntag oder wir? fragt sich der schlecht gelaunte Sonntagsarbeiter
Torsten Albig Wochenende für Wochenende. "Frei erfunden", so der Sprecher
des Bundesfinanzministeriums, sei der Bericht über eine angebliche
Spar-Horrorliste mit vorgesehenen sozialen Einschnitten und weiteren Erhöhungen
indirekter Steuern. Dabei hatte die BamS nur behauptet, Finanzminister
Hans Eichel plane eine Steuerreform nach dem Geschmack der Wirtschaftsverbände,
gegen die ja - wie Gerhard Schröder postuliert - keine Politik gemacht
werden darf. Nicht einmal mit sanfter Lafontainie.
Das Konzept: Um die Senkung der
Unternehmens- und Einkommensteuern - insbesondere bei den Besserverdienenden
- zu finanzieren, denke Eichel, so die BamS, an eine Erhöhung der
Mehrwert- und der Mineralölsteuer. Indirekte Steuern, die das Leben
aller Menschen in diesem Lande verteuern. Weiter plane Eichel, wie schon
sein Vorvorgänger Theodor Waigel, die Besteuerung von Sonntags- und
Nachtzuschlägen. Auch sei vorgesehen, die auto-bezogene Kilometerpauschale
in eine - allerdings wesentlich geringere - verkehrsmittelunabhängige
Entfernungspauschale umzuwandeln. Letztere Maßnahmen würden
sogar den gutverdienenden Albig treffen. Kein Wunder, daß die schlechte
Laune bleibt.
Mehmet muß sich entscheiden
Bayern ist Meister. Die sechs Ausländer
im Kader des Münchner Knete-Klubs trainieren weiter den einfachsten,
aber wirkungsvollen Spielzug des Fußballs: den Doppelpaß. Nun
dürfen sie auch einen beantragen - wenn der Verein sie insgesamt acht
Jahre beschäftigen und nicht zwischendurch an einen nichtdeutschen
Verein ausleihen sollte. In der vergangenen Woche hat der Bundestag das
Kompromißmodell von SPD, FDP und Grünen zur doppelten Staatsbürgerschaft
verabschiedet. Als sicher gilt, daß das sogenannte Optionsmodell,
nach dem sich in Deutschland geborene Kinder von Nichtdeutschen mit 23
Jahren für eine ihrer beiden Staatsbürgerschaften entscheiden
müssen, am 21. Mai den Bundesrat passieren wird. Bist Du Kartoffel
oder Kebabfresser, Mehmet Scholl?
Banker demonstrieren
Wenn Banker und Bankerinnen demonstrieren,
wackeln die Türme. Sagen sie jedenfalls. Letzte Woche war es soweit:
In Frankfurt am Main ging die größte Demo über die Bühne,
die jemals in der Bankenbranche von den Gewerkschaften organisiert worden
ist. Grund: Am Samstag gehört die Mami mir. Damit das so bleibt, gingen
15 000 Menschen auf die Straße, denn die Unternehmer wollen bei den
derzeit unterbrochenen Tarifverhandlungen durchsetzen, daß am Wochenende
an Schaltern und Computern zuschlagsfrei herumgesessen werden soll.
Ihr neuer Vorschlag: Freiwillig
sollen nun die Bankangestellten am Sonnabend antanzen. Da diese auf eine
solche Art Freiwilligkeit keinen Bock haben, wurde demonstriert. Der Main
Tower wackelte zwar nicht, aber entschlossen wirkten die Bankerinnen schon
irgendwie. Schließlich muß ja jemand auf die Bälger aufpassen,
wenn der Papi im Stadion ist.
Mehr Rechte für die Polizei
Was der BGS darf, darauf brauchen
nun auch die Brandenburger Bullen nicht zu verzichten: Schleierfahndung.
In der vergangenen Woche verabschiedeten die Landtagsfraktionen von SPD
und CDU gegen die Stimmen der PDS das neue Polizeiaufgabengesetz. Nun darf
also auch die Polizei in einem 30 Kilometer breiten Streifen an der Grenze
zu Polen verdachts- und ereignisunabhängige Kontrollen durchführen.
Das heißt, daß die Polizisten jeden und jede ohne erkennbaren
Anlaß anhalten, befragen, durchsuchen und mit auf die Wache nehmen
dürfen, wenn die betreffende Person sich nicht ausweisen kann.
Wer also einen Ausflug von Berlin
aus machen und das Brecht-Haus in Buckow oder die ex-sowjetische Mahnstätte
zur Schlacht auf den Seelower Höhen besuchen möchte, sollte den
Ausweis nicht vergessen. Und aufpassen, daß den Häschern das
Haschisch nicht durch Zufall in die Hände fällt.
Brunner bei Böll
Sogar im Osten kommt man peu ˆ peu
auf den Geschmack 40 lange Jahre nicht bekannter Früchte. Zum Beispiel
Avocados: außen grün, innen braun. Ausgerechnet die Thüringer
Abteilung der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung lud in der
vergangenen Woche den Gründer des extrem rechten Bundes freier Bürger
(BfB), Manfred Bunner, zu einer Podiumsdiskussion ein. (Jungle World, Nr.
19/99) Auftreten sollte der Nationalliberale im schnieken Festsaal des
Erfurter Augustinerklosters.
Das aber wollten ein paar Kostverächter
exotischer Früchte nicht zulassen: Das Anti-Avocado-Komitee mobilisierte
mehr als 30 Menschen, die den Zugang zum Festsaal blockierten. Brunner
und seine Freunde zogen wieder ab, nicht ohne von "Terror, Gewalt und Freiheitsberaubung"
zu faseln. Dabei ändere Gewalt doch gar nichts, meinte insbesondere
die Pazifistin Heide Rühle, Spitzenkandidatin der Grünen bei
der Europawahl. Erfurt liegt eben nicht in Jugoslawien.
Jungfascho übt noch zielen
Wer regelmäßig das Deutsche
Haus besucht, dürfte mittlerweile wissen, wo Velten liegt: in Brandenburg,
ein paar Kilometer nordwestlich von Berlin. Nun hat dort in der vergangenen
Woche ein pubertierender Jungfascho im Unterricht Wildwest gespielt. Fast
verständlich wird, warum in Brandenburg kaum ein Lehrer oder eine
Lehrerin Position bezieht gegen Nazis an der Schule, denn der 15jährige
bedrohte seinen Lehrer mit einer Knarre und ballerte dann auf einen Mitschüler.
Gezielt. Zwar ging der Schuß daneben, nicht aber die Hausdurchsuchung
der Polizei: Da fanden sich bei dem Bengel Steinschleudern, Stichwaffen,
NS- Zeitschriften, eine Luftdruckpistole und eine Reichskriegsflagge. Verhaftet
wurde er dennoch nicht. Schließlich braucht der Junge noch ein bißchen
Zeit zum Zielen-üben.
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Die Nachrichten wurden
von Richard Rother zusammengestellt
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