Zukunft der Bundeswehr
Weicheier in Zivil
Von Peter Kleinert
Oberst Bernhard Gertz ist sauer.
Als Vorsitzender des Deutschen Bundeswehr-Verbandes - immerhin eine Art
Soldatengewerkschaft - sah er sich wohl als natürliches Mitglied jener
Kommission zur Zukunft der Streitkräfte, die Verteidigungsminister
Rudolf Scharping Anfang des Monats auf einen 18monatigen Beratungs- und
Anhörungsmarathon schickte. Ohne Gertz. Der monierte noch am selben
Tag, daß in der 21köpfigen Kommission "Gemeinsame Sicherheit
und Zukunft der Bundeswehr" keine aktiven Soldaten vertreten seien - ein
"höchst unglückliches Vorgehen".
Und so will der Soldatenverband
in den nächsten Wochen mit einem "Beirat Wehrstruktur" eine Art Schattenkommission
gründen. Wie Scharpings Truppe ein Gremium unabhängiger - und
diesmal sicher uniformierter - Experten, die den in der Kommission des
Ministeriums repräsentierten Sachverstand "ergänzen und erweitern"
sollen. In einer schwachen Minute sprach Gertz gar davon, daß man
die Kommission "vor sich hertreiben" wolle - die alte Verachtung der Militärs
gegenüber Weicheiern in Zivil.
Dabei ist Umstürzlerisches
von dieser Kommission nun wirklich nicht zu erwarten. Dafür garantiert
schon der Vorsitzende Richard von Weizsäcker. Mit im Boot sitzen unter
anderem Lothar de Maizière, Ignatz Bubis, Theo Sommer, die Bündnisgrüne
Waltraud Schoppe, Vertreter von evangelischer und katholischer Kirche,
Vorstandsmitglieder von Daimler Chrysler und der Holtzbrinck-Verlagsgruppe.
Immerhin ist unter den drei Generalen außer Dienst auch ein Manfred
Eisele zu finden. Der Generalmajor a.D. plante bis vor kurzem bei der Uno
die Militäreinsätze der Weltorganisation.
Was ist von einer derartigen Runde
zu erwarten? Grüne und SPD hatten die Gründung der Kommission
im Koalitionsvertrag vereinbart, um Differenzen über Wehrpflicht oder
Auslandseinsätze nicht sofort kollidieren zu lassen. Immerhin spricht
sich Angelika Beer, verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen,
für eine deutliche Verkleinerung der heute 340 000 Mann starken Bundeswehr
und einen Verzicht auf die Wehrpflicht aus. Scharping dagegen besteht trotz
einer Arbeit der Kommission "ohne Denkverbote" auf Wehrpflichtige, vor
allem, um die Einsatzfähigkeit des Heeres zu sichern.
Der alte Weizsäcker will schlicht
eine "gute Bundeswehr"; für eine "Bundeswehr im 21. Jahrhundert" bedeute
dies weiterhin die Einbindung in die Nato, bei stärkerem Herausarbeiten
einer europäischen Sicherheitsidentität. Am Ende soll die Zivil-Kommission
aber einen radikalen Umbau in der Truppe legitimieren - bis hin zu einer
Berufsarmee. Schließlich hat Scharping bereits eine knapp 180 Seiten
starke Bestandsaufnahme vorgelegt, die der Kommission die Richtung diktieren
wird. Sein Fazit: Die Bundeswehr sei trotz laufender Auslandseinsätze
von Organisation und Struktur noch immer auf Landes- und Bündnisverteidigung
ausgerichtet. Vor allem Umfang und Zusammensetzung der heute 50 000 Mann
starken Krisenreaktionskräfte seien zu begrenzt.
Unzufrieden ist der Minister auch
mit der fehlenden finanziellen Vorsorge im Verteidigungshaushalt: "Um mit
der Sicherheitsvorsorge unserer Partner Schritt halten zu können,
müßte der deutsche Verteidigungshaushalt um rund fünf Milliarden
Mark erhöht werden." Derzeit noch undenkbar, präsentierte der
SPD-Finanzexperte Volker Kröning bereits ein Zukunftsmodell, bei dem
die nötigen Rüstungsmilliarden durch die Reduzierung der Truppe
auf 270 000 Mann locker gemacht werden könnten. Solche Modelle, für
die sich auch die FDP stark macht, ließen die Wehrpflicht wackeln.
Auf die bestehen die Militärs allerdings - weil sie auf Reservisten
nicht verzichten wollen. Generalinspekteur Peter von Kirchbach insistiert
auf der Mobilmachungsfähigkeit und dem Aufbau zu einer Millionenarmee
- als "Rückversicherung für die Wechselfälle der Geschichte".
Schließlich haben wir Deutschen so unsere Erfahrungen mit Angriffskriegen.
Fazit: Die Zwänge und Modelle,
die den nützlichen Idioten der "unabhängigen Kommission ohne
Denkverbote" eingeflüstert werden, laufen auf eine neue Bundeswehr
hinaus, die 250 000 Mann stark sein könnte. Diese Armee würde
wie in alten Zeiten 30 Prozent ihres Haushalts für neue Waffen ausgeben,
beispielsweise für neue Transportflugzeuge. Für Auslandseinsätze
würden die Krisenreaktionskräfte kräftig aufgestockt - nach
FDP-Vorstellungen auf bis zu 150 000 Mann in ständig einsatzbereiten
Verbänden. Die Grünen würden wahrscheinlich selbst das noch
als Erfolg verkaufen - wenn denn nur die Wehrpflicht fällt. |