Homepage Inhaltsverzeichnis Zum Abo-Coupon E-Mail
5. Mai 1999 Jungle World

Kein Platz für die Nato

Beim Berliner Kreisligisten SK Makedonija kämpfen Serben, Kroaten und Mazedonier gemeinsam um Punkte. 
Von Elke Wittich 

Eine Fußball-Mannschaft zu coachen, die zwar gut spielen möchte, es aber doch nicht kann, ist wenige Wochen vor dem Saisonende von der Ersten bis hinunter zur Kreis-Liga übliches Trainerschicksal. Den Abstieg vor Augen, neigen die Spieler dazu zu verkrampfen, selbst die einfachsten Spielzüge - im Training hundertmal geübt, gelingen nicht mehr. Das Tor aus einem Abstand von nur ein paar Metern zu treffen, scheint nahezu unmöglich.

Metodija "Mendo" Joseski, Coach des Berliner Tabellenvorletzten der Kreisliga A, SK Makedonija, hätte zu Saisonbeginn eigentlich nicht damit gerechnet, daß dem Aufstieg seines Teams gleich wieder der Abstieg folgen könnte. "Wir kämpfen noch", sagt er, fügt jedoch gleich hinzu: "Aber eigentlich sind wir alle psychisch kaputt."

Denn seit dem Beginn des Krieges der Nato gegen Jugoslawien beherrschen die Sorgen um Verwandte und Freunde den Kicker-Alltag der Makedonija-Spieler, die unter anderem aus Serbien, Mazedonien und Kroatien kommen. Das ist selbst bei wichtigen Punktspielen so: "Es passiert immer wieder, daß ein auf dem Platz stehender Spieler plötzlich irgendwie gar nicht mehr da ist, weil seine Gedanken ganz woanders sind. Und dann kann man schreien, wie man will, er kommt einfach nicht wieder zurück."

Trotzdem spielt der SK Makedonija weiter Fußball, auch wenn ein wichtiger Mann fehlt. Dragan Arnold war vor einiger Zeit nach Jugoslawien gefahren, um Urlaub zu machen und wurde dort vom Krieg überrascht. Er und seine albanische Frau haben derzeit keine Möglichkeit, nach Berlin zurückzukehren. Seine Mannschaftskollegen in Berlin sitzen unterdessen bis spät in die Nacht vor dem Fernseher, immer in Erwartung neuester Nachrichten, oder hängen am Telefon, um ständigen Kontakt mit Verwandten und Freunden zu halten. Miograd Stupa, der Manndecker bei Makedonija, hat Verwandte in Novi Sad. Für ihn ist die Kickerei jetzt "wichtig, um zu versuchen, etwas abzuschalten und sich ein bißchen zu entspannen". Und natürlich, sagt Stupa, ist er hier "mit Freunden zusammen, die ähnliche Sorgen haben".

Auch für die Zuschauer beim Heimspiel des SK gegen die Berliner Amateure geht es nicht nur um Punkte. Zunächst werden die Spieler zwar noch angefeuert, aber ereignislose Fußballspiele sind nur schwer erträglich. Irgendwann laufen dann die Kinder auf die Aschenbahn und spielen Fangen, während die dazugehörigen Väter und Opas mit dem Witzprogramm beginnen.

Aber der Krieg ist immer da: "Ach, du bist heute die Nato, ja?" wird der Mann mit der Ordnerbinde am rechten Arm angefrozzelt, und alle lachen. Denn, da ist man sich einig, der Nato-Krieg gegen das kleine Land mit elf Millionen Einwohnern ist eigentlich eine lächerliche Angelegenheit. In weit drastischeren Situationen sei das Verteidigungsbündnis nicht eingeschritten, der Krieg sei überdies nur durch die vorhersehbar unannehmbaren Paragraphen im Vertrag von Rambouillet provoziert worden. In der Frage der Bombardierung stimmt man überein: "Den Kosovo ja, Milosevic auch, den Rest des Landes nicht." Denn dort wird immer wieder auch Zivilbevölkerung getroffen, die für die Spieler und Zuschauer beim SK Makedonija aus Freunden und Angehörigen besteht.

"Man muß sich das so vorstellen, daß Kroaten und Bosnier natürlich auch serbische Verwandtschaft haben und Serben z.B. albanische, deswegen sind eigentlich alle betroffen. Zumal man sich natürlich auch darüber Sorgen macht, daß auch andere Länder, wie eben Mazedonien, in diesen Krieg hineingezogen werden könnten", sagt Trainer Joseski. Das besondere Mitgefühl gilt an diesem Spieltag Dusan Petrovski, einem älteren Mann, dessen Heimatstadt nun schon seit Wochen in den in den Schlagzeilen ist. Es heißt Pancevo, "Das kennen Sie bestimmt, das ist der Ort, der jeden Tag bombardiert wird", sagt er. Und muß den anderen Zuschauern immer wieder erzählen, daß er noch am Morgen mit seiner Mutter und seinem Sohn telefoniert hat und es ihnen gut geht, "soweit es einem gut gehen kann, wenn man seit Wochen im Keller lebt und nachts an Schlaf nicht zu denken ist".

Die Anhänger des SK Makedonija kennen einander gut, man trifft sich seit fast 30 Jahren am Wochenende auf dem Fußballplatz. Im Juni 1970 war der Club in der Kreuzberger Möckernstraße gegründet worden. "Wir waren noch ganz jung, gerade 20, praktisch die ersten Gastarbeiter hier. Für uns gab es nur Arbeit, Arbeit und Fußball", sagt Mile Gosev. Denn obwohl die Gründungsmitglieder in Jugoslawien recht erfolgreiche Kicker gewesen waren, verschwendeten sie keinen Gedanken daran, sich einem der deutschen Profivereine anzubieten. Weil sie trotzdem weiter Fußball spielen wollten, gründeten sie den SK Makedonija, mit dem sie zunächst in einer speziellen, 20 Mannschaften umfassenden "Jugoliga" Freizeitfußball spielten.

Kole Talevski und Mile Gosev waren vom FC Novaci gekommen, der Club spielt heute in der 2. Mazedonischen Liga. Dem Verein sind beide noch sehr verbunden: Talevski ist seit Beginn der neunziger Jahre der Hauptsponsor von FC Novaci. "Seit dem Krieg kann ich nicht mehr runterfahren und bei den Spielen zugucken", bedauert der Gastwirt, der in Berlin ein bayrisches Restaurant betreibt. Die Ziele, die die Nato mit diesem Krieg verfolgt, sind ihm schleierhaft: "Europa soll doch eines Tages ohne Grenzen sein, statt dessen werden es durch die Nato nun noch mehr."

Milorad Krstev, seit 1977 in Deutschland, hat noch in Titos Armee gedient. Damals, so erzählt er, "waren wir dort alle versammelt, Kroaten, Bosnier, Serben, Albaner, wir waren einfach Kameraden". Den Wehrdienst in Jugoslawien abzuleisten, obgleich man längst in Deutschland lebte, sei für alle völlig selbstverständlich gewesen. Einer der älteren Herren zeigt stolz seinen Unterarm, auf dem ein Datum eintätowiert ist: "8. III. 67", das war der Tag, an dem er zur Armee kam.

In der Tradition von Titos Partisanen-Armee, die die deutsche Wehrmacht erfolgreich bekämpft hat, so sagen die Makedonija-Fans, stehe das Bundesheer noch heute. Einem Bodenkrieg, von dem sie denken, daß er möglicherweise schon längst beschlossene Sache ist, sehen die Männer daher aus militärischer Sicht eher gelassen entgegen: "So einfach wie im Irak wird es nicht werden." Ein Militärexperte, der diese Einschätzung gegenüber CNN vertreten hat, wird ausführlich zitiert.

Der mögliche Einsatz von Bodentruppen erinnert die Männer auch an den Terror der deutschen Wehrmacht gegen die Serben: Krstevs Familie stammt aus dem mazedonischen Dorf Krupiste. Im Zweiten Weltkrieg wurden dort von der Wehrmacht fast alle männlichen Einwohner erschossen. Als der Enkel Milorad später ausgerechnet nach Deutschland ging, war der Großvater über diese Entscheidung nicht besonders glücklich: "Wir haben sie gejagt, und du gehst dahin?" erinnert sich Krstev an dessen vorwurfsvolle Frage, fügt aber hinzu: "Damals war der Haß auf die Deutschen in Jugoslawien eigentlich schon nicht mehr so besonders groß."

Aber daß ausgerechnet Deutschland sich an diesem Krieg beteiligt, habe alle tief enttäuscht. Zumal man in Deutschland nur sehr einseitig über die Bombardements informiert werde. "Was die Nato da macht, ist kein Krieg nur gegen Serben. Auch die in Serbien lebenden Minderheiten sind betroffen, z.B. die Ungarn. Der ungarische Bürgermeister der kleinen Stadt Subotica hat Briefe an die Nato geschrieben, um das dort klarzumachen - seine Initiative blieb ohne Antwort. Und wissen die Deutschen eigentlich, daß in Jugoslawien auch eine deutsche Minderheit lebt?"

Aus dem Kriegsgebiet herauszukommen, ist im Moment jedoch für alle gleichermaßen fast unmöglich. "Außer, man besorgt sich einen albanischen Paß", wirft einer ein, aber niemand möchte über diese Option reden. Krstev sagt: "Ich bin der einzige aus meiner Familie, der im Ausland lebt", aber die Familie nachzuholen, ist für ihn kein Thema: "Meine Schwester hat einen guten Job, ihr Mann ist Professor. Sie leben in einem schönen Haus - was sollen sie hier in einem Lager? Was ist das für eine Zukunft?"

Die Zukunft findet aber auch für die Männer vom SK Makedonija erstmal nicht statt. Wo auch? "Wir leben hier allein", erklärt einer, "bei uns ist es nicht so wie z.B. bei den Türken, die oft ihre gesamte Familie nachholten. Unsere Angehörigen sind in Jugoslawien geblieben, während wir hier Familien gründeten. Außerhalb des Fußballs verfügen wir kaum über ein gemeinschaftliches Leben. Wir wohnen in Berlin verstreut, im Wedding, in Kreuzberg, überall."

So langsam stellt sich für die Älteren der Männer daher auch die Frage, wo sie nach der Pensionierung leben wollen. "Das ist wird sich erst noch entscheiden" ist der allgemeine Tenor. Ob es für sie dann in Deutschland eine Perspektive gibt, wissen sie noch nicht. Krstev sagt: "Hier wird es ja seit Ende der Achtziger wirtschaftlich auch immer schlechter. Wer mit 50 seinen Job verliert, hat in Deutschland keine Chance mehr." Und überhaupt, warum sollte man alt werden in einem Land, dessen Bürger man noch nicht einmal ist? 

"Ich habe große Hoffnungen auf die geplante Doppel-Paß-Gesetzgebung gesetzt", sagt Krstev, "aber nun?" Tricksen mag er nicht, und selbst wenn er wirklich wollte, wäre das derzeit sowieso fast unmöglich. "Bei den Botschaften hat man im Moment wirklich andere Sorgen", sagt er. Umso verbitterter ist Krstev darüber, "daß den Kosovo-Albanern de facto von den Nato-Staaten eine Art Zweistaatlichkeit eingeräumt wird - ausgerechnet also von der deutschen Regierung, die uns, den hier lebenden Minderheiten, keine solchen Rechte geben wollte." Eine Alternative zum Bleiben sieht derzeit jedoch niemand. "Die jugoslawische Zukunft gibt es nicht, und Mazedonien geht auch langsam kaputt." Und wer weiß, ob die Häuser, die man sich in der Region als mögliche Altersruhesitze gebaut hat, nicht auch bald zerbombt sein werden? 

Auf die Marshallpläne, die angeblich für die Region schon existieren, mag man sich nicht verlassen: "Was ist denn seither in Bosnien passiert? 1994 war dort der Krieg zu Ende, nun sind fünf Jahre vergangen, und nichts ist geschehen." Mazedonien, so sind sich alle einig, werde durch den Krieg bald wirtschaftlich ruiniert sein. "Die Arbeitslosigkeit war schon immer eine Katastrophe, sie lag bei ungefähr 30 Prozent." Die Bombardierungen haben die Situation nun noch verschlimmert: "Mein Bruder", erzählt Krstev, "ist Lkw-Fahrer, er hat Möbel aus einer Fabrik in unserem Heimatort an ein Berliner Möbelhaus geliefert. Die Fabrik steht zwar noch, aber mein Bruder ist praktisch arbeitslos, denn die Hauptverkehrsstrecke führte durch das Kosovo und Serbien. Nun müßte man über Bulgarien oder Rumänien fahren, aber das würde einfach das Doppelte kosten."

Darüber höre man in den deutschen Medien kaum etwas, empören sich die Männer. Und auch nichts darüber, daß die Luftangriffe nicht nur serbische, sondern auch ausländische Produktionsstätten treffen: "In meiner Stadt gibt es nur zwei Fabriken. Die Varta-Batteriefabrik hat man kaputtgebombt, die andere steht zwar noch, kann aber nicht mehr liefern."

Aber immerhin, auf einige Länder könne man sich noch verlassen, auf Rußland beispielsweise, auf Griechenland und Bulgarien. Das allerdings gerade seinen Luftraum der Nato zur Verfügung gestellt hat, wahrscheinlich, so vermuten die Makedonijer, weil die bulgarische Zustimmung von den reichen Nato-Ländern ganz einfach gekauft wurde. 

Wenn man sich derart alleine gelassen fühlt, dann wird schnell alles Teil einer gigantischen Verschwörung. Für einen der älteren Herren bestimmt die Nato mittlerweile selbst das europäische Fußballgeschehen mit. Denn wie sonst sei zu erklären, daß der mazedonische und der serbische Fußballmeister sich erst für die Champions League qualifizieren müssen, während italienische, englische und deutsche Vereine automatisch dabei sein dürfen? "Nur die Nato-Staaten genießen diesen Vorteil!" Auf den Einwand, auch das am Krieg beteiligte Norwegen müsse sich erst umständlich qualifizieren, gibt es eine klare Antwort: "Kein Wunder, denn 300 von deren Soldaten sind einfach zurück nach Hause gefahren, die wollten nicht mehr Krieg führen."

Die Vorgänge um die Champions League werden jedoch nicht ernsthaft weiterverfolgt, denn an diesem Sonntagnachmittag hat man es noch mit einem ganz anderen akuten Problem zu tun. Es trägt schwarz, hat eine Trillerpfeife im Mund und macht einfach alles falsch. Aber auch wirklich alles. Fällt auf jede Schwalbe des Gegners herein, vermasselt gute Gelegenheiten mit der dummsten Abseits-Entscheidungen aller Zeiten und ist ganz klar ein großes Ärgernis. 

"Schiri, Mann, du siehst aber auch gar nichts richtig!" ruft ihm ein entnervter Makedonija-Fan schließlich zu, ein Satz, der im selben Moment wahrscheinlich auf ungefähr tausend deutschen Fußballplätzen geschrien wird. Der Schiedsrichter hat ihn daher wohl auch schon oft gehört, er schaut nur kurz zu den Zuschauern hin, dann fährt er mit seiner skandalösen Tätigkeit fort. Und pfeift kurz darauf schon wieder Abseits, aber damit auch ein Tor der Berliner Amateure ab, die den Ausgleich schon wild bejubelt hatten. Bei Makedonija freut man sich nun auch, und ist sich einig, daß der Mann in Schwarz wirklich fähig ist. Zumal kurz darauf völlig unbeanstandet der Siegtreffer für den SK fällt. 

Aber schon kurz nach dem Abpfiff befindet man sich wieder in der wirklichen Welt. Man muß diejenigen, die zu spät gekommen sind und daher die neueste Nachrichtenlage kennen, ausfragen. Dusan Petrovski muß erzählen, wie es seiner Familie in Pancevo geht. "Jetzt muß endlich Schluß sein", sagt einer, und alle nicken. Aber das Ende des Krieges würde für die Männer vom SK Makedonija wohl noch lange nicht das Ende aller Probleme bedeuten: "Wie soll das gehen, wenn es für uns irgendwann wieder möglich ist, in den Ferien nach Jugoslawien auf Verwandtenbesuch zu fahren? Die Menschen dort, die durch die Nato-Bomben zu einer Allianz mit Milosevic gezwungen werden, sind wie wir von Deutschland tief enttäuscht. Und wir fahren dann im Sommer fröhlich mit deutschen Auto-Kennzeichen in diesem zerstörten Land herum, ganz so, als ob seit dem letzten Urlaub nichts geschehen sei?" 

nach oben