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Kein Platz für die Nato
Beim Berliner Kreisligisten SK Makedonija
kämpfen Serben, Kroaten und Mazedonier gemeinsam um Punkte.
Von Elke Wittich
Eine Fußball-Mannschaft zu
coachen, die zwar gut spielen möchte, es aber doch nicht kann, ist
wenige Wochen vor dem Saisonende von der Ersten bis hinunter zur Kreis-Liga
übliches Trainerschicksal. Den Abstieg vor Augen, neigen die Spieler
dazu zu verkrampfen, selbst die einfachsten Spielzüge - im Training
hundertmal geübt, gelingen nicht mehr. Das Tor aus einem Abstand von
nur ein paar Metern zu treffen, scheint nahezu unmöglich.
Metodija "Mendo" Joseski, Coach
des Berliner Tabellenvorletzten der Kreisliga A, SK Makedonija, hätte
zu Saisonbeginn eigentlich nicht damit gerechnet, daß dem Aufstieg
seines Teams gleich wieder der Abstieg folgen könnte. "Wir kämpfen
noch", sagt er, fügt jedoch gleich hinzu: "Aber eigentlich sind wir
alle psychisch kaputt."
Denn seit dem Beginn des Krieges
der Nato gegen Jugoslawien beherrschen die Sorgen um Verwandte und Freunde
den Kicker-Alltag der Makedonija-Spieler, die unter anderem aus Serbien,
Mazedonien und Kroatien kommen. Das ist selbst bei wichtigen Punktspielen
so: "Es passiert immer wieder, daß ein auf dem Platz stehender Spieler
plötzlich irgendwie gar nicht mehr da ist, weil seine Gedanken ganz
woanders sind. Und dann kann man schreien, wie man will, er kommt einfach
nicht wieder zurück."
Trotzdem spielt der SK Makedonija
weiter Fußball, auch wenn ein wichtiger Mann fehlt. Dragan Arnold
war vor einiger Zeit nach Jugoslawien gefahren, um Urlaub zu machen und
wurde dort vom Krieg überrascht. Er und seine albanische Frau haben
derzeit keine Möglichkeit, nach Berlin zurückzukehren. Seine
Mannschaftskollegen in Berlin sitzen unterdessen bis spät in die Nacht
vor dem Fernseher, immer in Erwartung neuester Nachrichten, oder hängen
am Telefon, um ständigen Kontakt mit Verwandten und Freunden zu halten.
Miograd Stupa, der Manndecker bei Makedonija, hat Verwandte in Novi Sad.
Für ihn ist die Kickerei jetzt "wichtig, um zu versuchen, etwas abzuschalten
und sich ein bißchen zu entspannen". Und natürlich, sagt Stupa,
ist er hier "mit Freunden zusammen, die ähnliche Sorgen haben".
Auch für die Zuschauer beim
Heimspiel des SK gegen die Berliner Amateure geht es nicht nur um Punkte.
Zunächst werden die Spieler zwar noch angefeuert, aber ereignislose
Fußballspiele sind nur schwer erträglich. Irgendwann laufen
dann die Kinder auf die Aschenbahn und spielen Fangen, während die
dazugehörigen Väter und Opas mit dem Witzprogramm beginnen.
Aber der Krieg ist immer da: "Ach,
du bist heute die Nato, ja?" wird der Mann mit der Ordnerbinde am rechten
Arm angefrozzelt, und alle lachen. Denn, da ist man sich einig, der Nato-Krieg
gegen das kleine Land mit elf Millionen Einwohnern ist eigentlich eine
lächerliche Angelegenheit. In weit drastischeren Situationen sei das
Verteidigungsbündnis nicht eingeschritten, der Krieg sei überdies
nur durch die vorhersehbar unannehmbaren Paragraphen im Vertrag von Rambouillet
provoziert worden. In der Frage der Bombardierung stimmt man überein:
"Den Kosovo ja, Milosevic auch, den Rest des Landes nicht." Denn dort wird
immer wieder auch Zivilbevölkerung getroffen, die für die Spieler
und Zuschauer beim SK Makedonija aus Freunden und Angehörigen besteht.
"Man muß sich das so vorstellen,
daß Kroaten und Bosnier natürlich auch serbische Verwandtschaft
haben und Serben z.B. albanische, deswegen sind eigentlich alle betroffen.
Zumal man sich natürlich auch darüber Sorgen macht, daß
auch andere Länder, wie eben Mazedonien, in diesen Krieg hineingezogen
werden könnten", sagt Trainer Joseski. Das besondere Mitgefühl
gilt an diesem Spieltag Dusan Petrovski, einem älteren Mann, dessen
Heimatstadt nun schon seit Wochen in den in den Schlagzeilen ist. Es heißt
Pancevo, "Das kennen Sie bestimmt, das ist der Ort, der jeden Tag bombardiert
wird", sagt er. Und muß den anderen Zuschauern immer wieder erzählen,
daß er noch am Morgen mit seiner Mutter und seinem Sohn telefoniert
hat und es ihnen gut geht, "soweit es einem gut gehen kann, wenn man seit
Wochen im Keller lebt und nachts an Schlaf nicht zu denken ist".
Die Anhänger des SK Makedonija
kennen einander gut, man trifft sich seit fast 30 Jahren am Wochenende
auf dem Fußballplatz. Im Juni 1970 war der Club in der Kreuzberger
Möckernstraße gegründet worden. "Wir waren noch ganz jung,
gerade 20, praktisch die ersten Gastarbeiter hier. Für uns gab es
nur Arbeit, Arbeit und Fußball", sagt Mile Gosev. Denn obwohl die
Gründungsmitglieder in Jugoslawien recht erfolgreiche Kicker gewesen
waren, verschwendeten sie keinen Gedanken daran, sich einem der deutschen
Profivereine anzubieten. Weil sie trotzdem weiter Fußball spielen
wollten, gründeten sie den SK Makedonija, mit dem sie zunächst
in einer speziellen, 20 Mannschaften umfassenden "Jugoliga" Freizeitfußball
spielten.
Kole Talevski und Mile Gosev waren
vom FC Novaci gekommen, der Club spielt heute in der 2. Mazedonischen Liga.
Dem Verein sind beide noch sehr verbunden: Talevski ist seit Beginn der
neunziger Jahre der Hauptsponsor von FC Novaci. "Seit dem Krieg kann ich
nicht mehr runterfahren und bei den Spielen zugucken", bedauert der Gastwirt,
der in Berlin ein bayrisches Restaurant betreibt. Die Ziele, die die Nato
mit diesem Krieg verfolgt, sind ihm schleierhaft: "Europa soll doch eines
Tages ohne Grenzen sein, statt dessen werden es durch die Nato nun noch
mehr."
Milorad Krstev, seit 1977 in Deutschland,
hat noch in Titos Armee gedient. Damals, so erzählt er, "waren wir
dort alle versammelt, Kroaten, Bosnier, Serben, Albaner, wir waren einfach
Kameraden". Den Wehrdienst in Jugoslawien abzuleisten, obgleich man längst
in Deutschland lebte, sei für alle völlig selbstverständlich
gewesen. Einer der älteren Herren zeigt stolz seinen Unterarm, auf
dem ein Datum eintätowiert ist: "8. III. 67", das war der Tag, an
dem er zur Armee kam.
In der Tradition von Titos Partisanen-Armee,
die die deutsche Wehrmacht erfolgreich bekämpft hat, so sagen die
Makedonija-Fans, stehe das Bundesheer noch heute. Einem Bodenkrieg, von
dem sie denken, daß er möglicherweise schon längst beschlossene
Sache ist, sehen die Männer daher aus militärischer Sicht eher
gelassen entgegen: "So einfach wie im Irak wird es nicht werden." Ein Militärexperte,
der diese Einschätzung gegenüber CNN vertreten hat, wird ausführlich
zitiert.
Der mögliche Einsatz von Bodentruppen
erinnert die Männer auch an den Terror der deutschen Wehrmacht gegen
die Serben: Krstevs Familie stammt aus dem mazedonischen Dorf Krupiste.
Im Zweiten Weltkrieg wurden dort von der Wehrmacht fast alle männlichen
Einwohner erschossen. Als der Enkel Milorad später ausgerechnet nach
Deutschland ging, war der Großvater über diese Entscheidung
nicht besonders glücklich: "Wir haben sie gejagt, und du gehst dahin?"
erinnert sich Krstev an dessen vorwurfsvolle Frage, fügt aber hinzu:
"Damals war der Haß auf die Deutschen in Jugoslawien eigentlich schon
nicht mehr so besonders groß."
Aber daß ausgerechnet Deutschland
sich an diesem Krieg beteiligt, habe alle tief enttäuscht. Zumal man
in Deutschland nur sehr einseitig über die Bombardements informiert
werde. "Was die Nato da macht, ist kein Krieg nur gegen Serben. Auch die
in Serbien lebenden Minderheiten sind betroffen, z.B. die Ungarn. Der ungarische
Bürgermeister der kleinen Stadt Subotica hat Briefe an die Nato geschrieben,
um das dort klarzumachen - seine Initiative blieb ohne Antwort. Und wissen
die Deutschen eigentlich, daß in Jugoslawien auch eine deutsche Minderheit
lebt?"
Aus dem Kriegsgebiet herauszukommen,
ist im Moment jedoch für alle gleichermaßen fast unmöglich.
"Außer, man besorgt sich einen albanischen Paß", wirft einer
ein, aber niemand möchte über diese Option reden. Krstev sagt:
"Ich bin der einzige aus meiner Familie, der im Ausland lebt", aber die
Familie nachzuholen, ist für ihn kein Thema: "Meine Schwester hat
einen guten Job, ihr Mann ist Professor. Sie leben in einem schönen
Haus - was sollen sie hier in einem Lager? Was ist das für eine Zukunft?"
Die Zukunft findet aber auch für
die Männer vom SK Makedonija erstmal nicht statt. Wo auch? "Wir leben
hier allein", erklärt einer, "bei uns ist es nicht so wie z.B. bei
den Türken, die oft ihre gesamte Familie nachholten. Unsere Angehörigen
sind in Jugoslawien geblieben, während wir hier Familien gründeten.
Außerhalb des Fußballs verfügen wir kaum über ein
gemeinschaftliches Leben. Wir wohnen in Berlin verstreut, im Wedding, in
Kreuzberg, überall."
So langsam stellt sich für
die Älteren der Männer daher auch die Frage, wo sie nach der
Pensionierung leben wollen. "Das ist wird sich erst noch entscheiden" ist
der allgemeine Tenor. Ob es für sie dann in Deutschland eine Perspektive
gibt, wissen sie noch nicht. Krstev sagt: "Hier wird es ja seit Ende der
Achtziger wirtschaftlich auch immer schlechter. Wer mit 50 seinen Job verliert,
hat in Deutschland keine Chance mehr." Und überhaupt, warum sollte
man alt werden in einem Land, dessen Bürger man noch nicht einmal
ist?
"Ich habe große Hoffnungen
auf die geplante Doppel-Paß-Gesetzgebung gesetzt", sagt Krstev, "aber
nun?" Tricksen mag er nicht, und selbst wenn er wirklich wollte, wäre
das derzeit sowieso fast unmöglich. "Bei den Botschaften hat man im
Moment wirklich andere Sorgen", sagt er. Umso verbitterter ist Krstev darüber,
"daß den Kosovo-Albanern de facto von den Nato-Staaten eine Art Zweistaatlichkeit
eingeräumt wird - ausgerechnet also von der deutschen Regierung, die
uns, den hier lebenden Minderheiten, keine solchen Rechte geben wollte."
Eine Alternative zum Bleiben sieht derzeit jedoch niemand. "Die jugoslawische
Zukunft gibt es nicht, und Mazedonien geht auch langsam kaputt." Und wer
weiß, ob die Häuser, die man sich in der Region als mögliche
Altersruhesitze gebaut hat, nicht auch bald zerbombt sein werden?
Auf die Marshallpläne, die
angeblich für die Region schon existieren, mag man sich nicht verlassen:
"Was ist denn seither in Bosnien passiert? 1994 war dort der Krieg zu Ende,
nun sind fünf Jahre vergangen, und nichts ist geschehen." Mazedonien,
so sind sich alle einig, werde durch den Krieg bald wirtschaftlich ruiniert
sein. "Die Arbeitslosigkeit war schon immer eine Katastrophe, sie lag bei
ungefähr 30 Prozent." Die Bombardierungen haben die Situation nun
noch verschlimmert: "Mein Bruder", erzählt Krstev, "ist Lkw-Fahrer,
er hat Möbel aus einer Fabrik in unserem Heimatort an ein Berliner
Möbelhaus geliefert. Die Fabrik steht zwar noch, aber mein Bruder
ist praktisch arbeitslos, denn die Hauptverkehrsstrecke führte durch
das Kosovo und Serbien. Nun müßte man über Bulgarien oder
Rumänien fahren, aber das würde einfach das Doppelte kosten."
Darüber höre man in den
deutschen Medien kaum etwas, empören sich die Männer. Und auch
nichts darüber, daß die Luftangriffe nicht nur serbische, sondern
auch ausländische Produktionsstätten treffen: "In meiner Stadt
gibt es nur zwei Fabriken. Die Varta-Batteriefabrik hat man kaputtgebombt,
die andere steht zwar noch, kann aber nicht mehr liefern."
Aber immerhin, auf einige Länder
könne man sich noch verlassen, auf Rußland beispielsweise, auf
Griechenland und Bulgarien. Das allerdings gerade seinen Luftraum der Nato
zur Verfügung gestellt hat, wahrscheinlich, so vermuten die Makedonijer,
weil die bulgarische Zustimmung von den reichen Nato-Ländern ganz
einfach gekauft wurde.
Wenn man sich derart alleine gelassen
fühlt, dann wird schnell alles Teil einer gigantischen Verschwörung.
Für einen der älteren Herren bestimmt die Nato mittlerweile selbst
das europäische Fußballgeschehen mit. Denn wie sonst sei zu
erklären, daß der mazedonische und der serbische Fußballmeister
sich erst für die Champions League qualifizieren müssen, während
italienische, englische und deutsche Vereine automatisch dabei sein dürfen?
"Nur die Nato-Staaten genießen diesen Vorteil!" Auf den Einwand,
auch das am Krieg beteiligte Norwegen müsse sich erst umständlich
qualifizieren, gibt es eine klare Antwort: "Kein Wunder, denn 300 von deren
Soldaten sind einfach zurück nach Hause gefahren, die wollten nicht
mehr Krieg führen."
Die Vorgänge um die Champions
League werden jedoch nicht ernsthaft weiterverfolgt, denn an diesem Sonntagnachmittag
hat man es noch mit einem ganz anderen akuten Problem zu tun. Es trägt
schwarz, hat eine Trillerpfeife im Mund und macht einfach alles falsch.
Aber auch wirklich alles. Fällt auf jede Schwalbe des Gegners herein,
vermasselt gute Gelegenheiten mit der dummsten Abseits-Entscheidungen aller
Zeiten und ist ganz klar ein großes Ärgernis.
"Schiri, Mann, du siehst aber auch
gar nichts richtig!" ruft ihm ein entnervter Makedonija-Fan schließlich
zu, ein Satz, der im selben Moment wahrscheinlich auf ungefähr tausend
deutschen Fußballplätzen geschrien wird. Der Schiedsrichter
hat ihn daher wohl auch schon oft gehört, er schaut nur kurz zu den
Zuschauern hin, dann fährt er mit seiner skandalösen Tätigkeit
fort. Und pfeift kurz darauf schon wieder Abseits, aber damit auch ein
Tor der Berliner Amateure ab, die den Ausgleich schon wild bejubelt hatten.
Bei Makedonija freut man sich nun auch, und ist sich einig, daß der
Mann in Schwarz wirklich fähig ist. Zumal kurz darauf völlig
unbeanstandet der Siegtreffer für den SK fällt.
Aber schon kurz nach dem Abpfiff
befindet man sich wieder in der wirklichen Welt. Man muß diejenigen,
die zu spät gekommen sind und daher die neueste Nachrichtenlage kennen,
ausfragen. Dusan Petrovski muß erzählen, wie es seiner Familie
in Pancevo geht. "Jetzt muß endlich Schluß sein", sagt einer,
und alle nicken. Aber das Ende des Krieges würde für die Männer
vom SK Makedonija wohl noch lange nicht das Ende aller Probleme bedeuten:
"Wie soll das gehen, wenn es für uns irgendwann wieder möglich
ist, in den Ferien nach Jugoslawien auf Verwandtenbesuch zu fahren? Die
Menschen dort, die durch die Nato-Bomben zu einer Allianz mit Milosevic
gezwungen werden, sind wie wir von Deutschland tief enttäuscht. Und
wir fahren dann im Sommer fröhlich mit deutschen Auto-Kennzeichen
in diesem zerstörten Land herum, ganz so, als ob seit dem letzten
Urlaub nichts geschehen sei?" |