Rebell gegen die
Hausordnung
Ohrring tragen, Wehrdienst
verweigern: Tarkan provoziert softly
"Das Mitbringen von Gegenständen,
die zu einer Gefährdung oder Verletzungen führen können,
ist zu unterlassen. Dazu gehören auch Skateboards und Frisbeescheiben.
Das Werfen von Schneebällen ist aus Sicherheitsgründen verboten.
Innerhalb der Gebäude ist Kaugummikauen nicht erlaubt", heißt
es in der Hausordnung des Gustav-Heinemann-Schulzentrums im hessischen
Alzey.
Drei berühmte Männer sind
hier zur Schule gegangen. Bekir Ertürk machte einen "guten Hauptschulabschluß"
und arbeitet nun auf einem Luxusliner namens "Royal Viking Sun", wie der
Eintrag in der Rubrik "Unsere Ehemaligen" auf der Homepage verrät.
Igor Kurtzig absolvierte freiwillig das 10. Schuljahr und leitet seitdem
Vorträge über Online-Banking in der Kreissparkasse in Wöllstein.
Der dritte verließ die Schule 1985 ohne Abschluß, ging mit
seinen Eltern in die Türkei zurück und wurde Popstar. Sein Name:
Tarkan Tevetoglu, besser bekannt als Tarkan.
"Ich mache einen Star aus dir",
hatte der Vater noch in Hessen seinem Sohn prophezeit. Er sollte recht
behalten. Nach der Übersiedlung in die Türkei studierte Tarkan
an der Musikhochschule in Karamürsel Gesang und trat bald in Bars,
Clubs und auf Hochzeiten auf, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Als
der damals 21jährige gerade beschlossen hatte, nach Deutschland zurückzukehren,
lernte er Mehmet Sögütoglu kennen, Produzent und Inhaber von
Istanbul Plak, einer der erfolgreichsten Plattenfirmen in der Türkei.
Eine Bilderbuchkarriere begann.
Sein erstes Album "Yine Sensiz" ("Wieder ohne dich") verkaufte sich über
700 000 mal, das zweite Album "Aacayipsin" ("Du bist umwerfend") fand sogar
über zwei Millionen Abnehmer. Tarkans Videos liefen auf dem türkischen
Musiksender Kral TV rauf und runter. Tarkan war Gast in Talk-Shows und
Nachrichtensendungen und als erster Mann wurde er auf der Titelseite der
türkischen Cosmopolitan abgebildet. Es folgten Tourneen durch ganz
Europa. Inzwischen ist er beim Majorlabel Polygram gelandet, das im letzten
Jahr eine Art "Best of Tarkan" herausgebracht hat.
Weil er zunächst auf dem heimischen
Label Istanbul Plak vertrieben wurde, deren Produkte nur in wenigen Läden
angeboten werden und keinen Einfluß auf die nationalen Verkaufszahlen
haben, war Tarkan bisher eine größere Popularität in Deutschland
versagt geblieben. Aber gleich mit der ersten Singleauskopplung "Simarik"
("Verwöhntes Gör") schaffte er es in Holland, Belgien, Frankreich
und nun auch in Deutschland in die Top Ten.
Inzwischen gilt er als der erste
türkische Popstar, der international erfolgreich ist. Diesen Blitzstart
hat er nicht zuletzt auch seinem rebellischen Image zu verdanken. In seinen
Texten geht es um Liebe, Eifersucht und Trennungsschmerz. Aber auch Sex
kommt vor, was in der Türkei immer noch als Provokation gilt. Der
Refrain von "Simarik" zum Beispiel besteht aus einem "Wenn ich dich zu
fassen kriege, dann ..." und zwei Schmatzern, was soviel heißen könnte
wie: "... fick' ich dich". Aber damit nicht genug. Einem Reporter, der
ihn auf dem Weg zur Toilette interviewen wollte, sagte vor laufender Kamera:
"Ich muß mal." Skandal in der Türkei.
Schon bei seiner Ankunft 1985 erregte
er durch seine Kleidung und seinen Ohrring Aufsehen in der Türkei.
Von Anfang an verstieß er damit gegen Konventionen. Ob er schon in
seiner Heimatstadt im hessischen Alzey Skateboard gefahren ist, mit Schneebällen
geworfen oder Kaugummi gekaut hat und zur Strafe die Hausordnung abschreiben
mußte, weiß heute niemand mehr so genau. Sicher ist aber, daß
Tarkan jetzt mit der türkischen Hausordnung gebrochen hat, weil er
einem Einberufungsbefehl der türkischen Armee nicht gefolgt ist.
Inzwischen lebt der 26jährige
die meiste Zeit in New York und fährt nur ab und zu nach Europa, um
sein neues Album zu promoten.
In der Türkei ist die Tour
erst mal geplatzt. Bei einer Einreise würde er sofort eingezogen werden.
Während in Deutschland Stars wie Boris Becker die Bundeswehr erspart
blieb, wollen die türkischen Behörden "ein Exempel statuieren
für die junge Generation: Wenn Tarkan zur Armee geht, müssen
auch alle anderen", vermutet der Musiker in einem Interview mit der taz.
"Die Armee - das ist vielleicht das größte Tabu, das ich bisher
gebrochen habe." Daß dies Teil einer Imagekampagne ist, bestreitet
Tarkan: "Ich denke nicht, daß es meine Mission ist, Tabus zu brechen.
Das ist einfach nur die Art, wie ich bin."
Der Protest im eigenen Land hält
sich in Grenzen. Er ist sich zwar sicher, daß manche in der Türkei
wütend auf ihn sind, seinem Erfolg wird das aber keinen Abbruch tun.
Im Gegenteil.Die Fans und die "intellektuellen Journalisten", sagt Tarkan,
stehen auf seiner Seite. Vor ein paar Jahren noch bezeichnete ihn das Fachblatt
World Entertainment News Network als "George Michael der Türkei",
jetzt will Tarkan die "Madonna der Türkei" werden.
Tarkans Idol aber ist Sezen Aksu,
die Queen der Popmüzik. Sie schrieb nicht nur viele von Tarkans Songs,
sie war es auch, die Anfang der neunziger Jahre den Türk-Pop revolutionierte.
Auf ihrem Album "Gülümse" verbinden sich erstmals traditionelle
Melodien mit westlichen Rhythmen - zu einer Zeit, als im staatlichen Fernsehen
TRT sogar das Spielen von Arabesk-Musik, einer Art orientalischer Schlager,
verboten war.
Inzwischen hat die Türkei den
Pop entdeckt, Dancefloor und Disco-Beats bestimmen die Szene. Fast wöchentlich
gibt es einen neuen Star am türkischen Pophimmel. Das Land hat viel
nachzuholen. Im Zeitraffer werden Musiker geboren und vernichtet. Das entspricht
den westlichen Pop-Mechanismen. Gleichzeitig sollen Einflüsse aus
dem Ausland aber begrenzt werden. Der Musiksender Kral TV bekam die Frequenz
von MTV, junge türkische Musik wird gegenüber britischer oder
amerikanischer bevorzugt.
Zum Konflikt kommt es nur selten.
Türkische Popmusik ist meist unpolitisch. Selbst Tarkan, der den Wehrdienst
zwar "kostbar" findet, aber auch ganz gut auf diese Kostbarkeit verzichten
kann und keine Menschen töten will, räumt gegenüber der
Hamburger Rundschau ein, daß seine "Messages" niemals politisch sind.
"Ich mag es nicht, eine Seite einzunehmen. Lieber bleibe ich neutral. Denn
Politik und Religion sind für mich sehr persönliche Dinge."
Das sah der Sänger Zülfü
Livaneli anders und kandidierte für das Amt des Bürgermeisters
in Istanbul. Nach der verlorenen Wahl schrieb er Kolumnen für die
Zeitung Milliyet. Und als das auch nichts half, besann er sich wieder auf
die Musik, konnte aber an alte Erfolge nicht wieder anknüpfen. Wer
sich politisch engagiert, dem droht musikalisch das Aus.
Kurdistan ist weit weg, und Öcalan
zumindest in der Musik kein Thema. Der Jugend, die auf den Türk-Pop
anspringt, geht es zwar um Freiheiten, aber auch darum, nicht die eigene
Tradition aufgeben zu müssen. Tarkan hat es geschafft, ein internationaler
Popstar zu werden, der zwischen den Kulturen pendelt, mal in Europa, mal
in Amerika lebt. Weniger in der Türkei, versteht sich. Sein Ziel ist
es, auch auf dem US-amerikanischen Markt den Durchbruch zu schaffen.
Einem englischsprachigen Album des
Musikers stand man in New York bisher aber skeptisch gegenüber. Das
könnte sich nach dem jetzigen Erfolg in Europa bald ändern, wie
der Chef von Atlantic Records, Ahmet Ertegun, signalisierte.
Das Spiel mit Identitäten und
provokanten Aktionen hat Tarkan inzwischen gelernt und für seine Zwecke
genutzt. Natürlich, er will kein Rebell sein. Aber wenn's hilft? Gerade
auf dem US-amerikanischen Markt wird es schwierig sein, Fuß zu fassen.
Und weil schon einer auf öffentlichen Toiletten onaniert hat, muß
sich der "George Michael der Türkei" etwas Neues einfallen lassen.
Tarkan: tarkan. Polygram / Motor |