Ökonomie der Ausgrenzung
Der globale Krisenkapitalismus und
der Balkan.
Von Robert Kurz
Wie es scheint, hat der neue Balkankrieg
das ohnehin längst fragwürdige politisch-ideologische Koordinatensystem
endgültig gesprengt. Die Träger jener Friedensbewegung, die vor
acht Jahren gegen den Golfkrieg deutsche Kinderangst beschwor und kein
Blut für Öl sehen wollte, laufen heute großenteils als
olivgrüne Staatsverantwortungspartei herum und diskutieren fachfrauisch
engagiert die Dosierung von Militärschlägen wie früher nur
die Betroffenheit stillender Mütter oder die Einrichtung von Vogelschutzgebieten.
Umgekehrt möchten etliche Bellizisten
von damals heute nicht nur keine Atombombe, sondern gar keine Bombe fallen
sehen, weil Belgrad ganz einfach nicht Bagdad sein kann. Die Konfusion
ist perfekt; die aufbrechenden weltgesellschaftlichen Widersprüche
finden keinen Begriff mehr. Und es gibt nichts, was auch nur entfernt als
Kampf um gesellschaftliche Emanzipation interpretiert werden könnte.
In einer solchen Situation kann
es nicht die Aufgabe von Gesellschaftskritik sein, sich in der altgewohnten
Manier des gescheiterten Politizismus oberflächlich (und mittlerweile
bloß noch hysterisch) zu positionieren. Statt dessen ist es zuerst
einmal nötig, auf scharfe Distanz zu jeder immanenten Parteilichkeit
zu gehen und die ganze Konstellation mit ihren falschen Alternativen zu
verwerfen. Wer sich einer politischen Unmittelbarkeit verweigert, die nur
noch in Sackgassen führt, versäumt nichts. Einzelne Ereignisse
und Verlaufsformen können ohne eine Theorie und Analyse des Ganzen
gar nicht beurteilt werden.
Deshalb ist die seit dem Epochenbruch
von 1989 weitgehend verdrängte Frage zu stellen, mit welcher grundsätzlichen
Veränderung des warenproduzierenden Weltsystems und seiner politischen
Formen wir es zu tun haben.
Der Krisenkapitalismus der dritten
industriellen Revolution
Je mehr sich die Katastrophen häufen,
desto weniger ist von einer Krise der weltweit herrschenden Produktionsweise
die Rede. Nach dem Zusammenbruch der staatskapitalistischen Systeme nachholender
Modernisierung wurde ein überwältigender ideologischer Konsens
durchgesetzt, der eine alternativlose Gesellschaft von "Marktwirtschaft
und Demokratie" vorsieht.
Vor dem stummen Hintergrund des
zur Naturtatsache sedimentierten Weltmarkts sollten die in der kapitalistischen
Durchsetzungsgeschichte herausgebildeten Institutionen den unwandelbaren
Rahmen abgeben: "Souveräne" Nationalstaaten mit "territorialer Integrität",
zusammengefaßt in der "zivilisierten Staatengemeinschaft" der Uno,
gebunden an das "Völkerrecht" und (zumindest perspektivisch) an demokratische
Prozeduren sowie Rechtsstaatlichkeit auf dem Boden des warenproduzierenden
Systems und seiner Subjektform.
In dieser schönen neuen Weltordnung
macht sich aber leider ein grundsätzliches Problem bemerkbar, das
durch noch so viel politische Gestaltungshuberei nicht weggedrückt
werden kann. Es war eine Illusion, daß die kapitalistische Vernutzung
menschlicher Arbeitskraft wieder in großem Maßstab in Gang
gesetzt werden könnte, wenn man nur vermeintliche institutionelle
Hindernisse beseitigt und ein einheitliches Weltsystem herstellt. In Wirklichkeit
machen die Produktivitäts- und Rentabilitäts-Standards der mikroelektronischen
dritten industriellen Revolution die Fähigkeit des Kapitals zur Reabsorption
wegrationalisierter Arbeitskraft irreversibel zunichte.
"So many hands, so much money" -
diese alte Formel des Manchester-Kapitalismus, die auch in der fordistischen
zweiten industriellen Revolution noch darstellbar war, gilt nicht mehr.
Die "hands" können in stets wachsendem Ausmaß nicht mehr "beschäftigt"
werden, es entstehen immer neue Massen von "Überflüssigen".
Grundsätzlich führt sich
damit die Akkumulation des Kapitals selber ad absurdum, die ja gerade in
der Verwurstung von Arbeitskraft besteht, um abstraktifizierte menschliche
Energie in Geld zu verwandeln. Da diese substantielle Realakkumulation
nicht mehr ge-lingt, wird seit den achtziger Jahren das kommerzielle Finanzsystem
aufgeblasen wie ein Luftballon.
Nicht mehr die Gütermärkte,
sondern die Aktienmärkte bestimmen den ökonomischen Prozeß
wesentlich. Freilich nicht im Sinne einer bloß äußerlichen
Dominanz des Finanzkapitals über das Industriekapital (wie in der
verkürzten Imperialismustheorie von Lenin und Hilferding), sondern
als finanzkapitalistische Simulation und damit als Form des Krisenaufschubs.
Das ist nur logisch, denn je höher
das Niveau des realen Wachstums bereits ist, desto schwieriger wird es,
weiteres Wachstum zu erzielen, das zunehmend durch Kredit vorfinanziert
werden muß. Nur durch den Vorgriff auf zukünftige "Arbeit" und
damit auf zukünftigen Mehrwert kann das System weiter am Laufen gehalten
werden. Bezog sich der Kredit jedoch in der fordistischen Ära tatsächlich
noch auf die industrielle Produktion, so hat sich das Finanzsystem als
Folge der dritten industriellen Revolution inzwischen völlig verselbständigt.
Die Finanzmärkte sind daher an Stelle der Notenpresse zu einer scheinbar
autonomen Geldschöpfungsmaschine mutiert ("asset inflation") - und
das geht solange, bis eben die Blase platzt.
War das dominierende Interessenmoment
unter dem Diktat der Konkurrenzgesetze bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts
vom industriellen Management auf das Bankenmanagement übergegangen
(das empirische Substrat der verkürzten alten Finanzkapital-Theorie),
so liegt es nun beim Management von transnationalen Anlagefonds. Deren
Interesse an einer permanenten Steigerung der Kurswerte von Aktien, die
an die Stelle der Realakkumulation getreten ist, bestimmt die gesamte Reproduktion
("Shareholder value").
Das Verhältnis von Gütermärkten
und Finanzmärkten hat sich auf den Kopf gestellt. Es kann praktisch
nur noch real produziert werden, wenn ein Zufluß transnationalen
Fondskapitals stattfindet. Dieses global fluide Geldkapital schlüpft
allerdings selber nicht mehr in die Haut von Realinvestitionen, sondern
macht diese von sich abhängig (sie werden de facto aus Aktienemissionen
und Kurssteigerungen bezahlt). Aber das Geld der Fonds kann in jedem Moment
abgezogen werden und schlagartig ruinierte Industrien zurücklassen,
deren scheinbar intakte Fassaden gar nicht mehr auf dem Boden einer gelingenden
Realakkumulation stehen.
Die andere Seite desselben Prozesses,
die zunehmende strukturelle Massenarbeitslosigkeit, läßt gleichzeitig
die Binnenmärkte für reale Güter austrocknen. Getrieben
von den realwirtschaftlich bizarr erscheinenden Interessen des Fondskapitals
und dem Abschmelzen der Kaufkraft verlagert sich auch die Produktion und
Distribution realer Güter auf einen unmittelbar globalen Funktionsraum.
Transnationale Wertschöpfungsketten,
die großenteils der Simulation durch fiktives Fondskapital unterliegen,
haben in den letzten 15 Jahren die nationalökonomische Kohärenz
aufgesprengt. Damit werden auch die Staaten als "ideelle Gesamtkapitalisten"
degradiert: Sie können ihre Einnahmen (Steuern und Kredit) nicht mehr
aus einem von ihnen kontrollierten und kohärenten politisch-ökonomischen
Funktionsraum beziehen, sondern sind ebenso wie Industrie und Bankensystem
auf Gedeih und Verderb von den transnationalen Fonds abhängig geworden
("Standortdebatte").
Diese krisenhafte Entwicklung ist
allerdings in ihrer Wirkung gestaffelt nach Weltregionen. Wie die verschiedenen
Gesellschaften historisch ungleichzeitig in das moderne warenproduzierende
System hineingezwungen wurden, so stellen sich auch Grad und Ausmaß
der Krise entsprechend ungleichzeitig dar.
Im Westen fällt zunächst
eine wachsende Masse von Individuen aus der kapitalistischen Reproduktionsfähigkeit
heraus; in den angelsächsischen Ländern, die das sozialstaatlich-keynesianische
Netz am konsequentesten abgebaut haben, kehrt sogar schon die verslumte
Massenarmut des 18. Jahrhunderts auf höherer Stufenleiter wieder.
Gleichzeitig geht der industrielle Abschmelzungsprozeß unvermindert
weiter; gemessen an den Grenzen der Simulationsfähigkeit existieren
weltweit immer noch riesige Überkapazitäten. Die Konzerne bereiten
sich mit historisch beispiellosen Fusionswellen gewissermaßen auf
das "letzte Gefecht" um das betriebswirtschaftliche Überleben vor.
Oberflächlich betrachtet berührt
dies aber das System als solches vorläufig nicht, weil sich das transnationale
Fondskapital mit seiner Simulationspotenz in den westlichen Ländern
konzentriert, die daher den Schein kapitalistischer Normalität am
längsten aufrecht erhalten können.
Die Letzten dürfen also die
Ersten sein, denn die historischen Nachzügler der kapitalistischen
Peripherie werden zeitlich vor den westlichen Zentren von der Systemkrise
in den Abgrund gerissen. Der Kapitalstock kann mangels Bonität des
jeweiligen "Standorts" nicht auf die Erfordernisse der dritten industriellen
Revolution hochgerüstet werden. Bei steigenden Importen von Kapitalgütern
verfallen die eigenen Exportpreise und die Außenverschuldung explodiert.
Die jeweilige nationale Währung
bricht zusammen und wird zum Arme-Leute-Geld oder sogar ganz abgeschafft,
Dollar und DM übernehmen die eigentlichen Geldfunktionen. So verwandeln
sich die Gesellschaften in Modernisierungsruinen unterschiedlichen Grades;
eine Zeitlang noch mit Geisterindustrien, in denen faktisch keine Löhne
mehr gezahlt werden. Die Infrastruktur verlottert, Wasser und Strom fließen
nur noch sporadisch, es kommt keine Müllabfuhr mehr und in vielen
Regionen verschwindet auch die Post. Der Staat zieht sich zurück und
die Reste seiner Wirtschaftspolitik werden mehr oder weniger vom IWF bestimmt.
Nachdem der allgemeine Ruin vollstreckt
ist, darf um ein paar Investitionen für Schraubenzieherfabriken der
transnationalen Konzerne gebuhlt werden. Die Perspektive einer nachholenden
nationalökonomischen Entwicklung ist vollständig zerstört.
Weil dieses Schicksal in den achtziger
Jahren neben den ärmsten Ländern der Dritten Welt vor allem die
staatskapitalistischen Industriegesellschaften traf, darunter auch Jugoslawien,
wurde die Weltkrise der dritten industriellen Revolution ideologisch verzerrt
interpretiert: nämlich ausgerechnet als Beweis für die Überlegenheit
der freien Konkurrenz und des nunmehr überall einzuführenden
Privatkapitalismus westlicher Prägung.
Inzwischen steht fest, daß
die liebevoll ausgemalten marktwirtschaftlichen Reformen nach westlicher
Anleitung in Rußland und ganz Osteuropa an die Wand gefahren sind.
Gerade Jugoslawien war ein früher Modellfall für das klägliche
Scheitern dieser sogenannten Transformation. Spätestens der Kollaps
der asiatischen Tigerländer und anderer kapitalistischer Musterschüler
in den "emerging markets" hätte deutlich machen müssen, daß
es längst nicht mehr um einen Wettstreit zwischen staats- und privatkapitalistischen
"Modellen" geht, sondern um eine viel allgemeinere Krise des globalen Produktions-,
Kredit- und Währungssystems.
Demokratische Gesellschaftsphysik
Wenn die negative Realität
des globalen Krisenkapitalismus systematisch verdrängt wird, so hat
das den einfachen Grund, daß es für die Bewältigung der
massenhaften "Überflüssigkeit" von Menschen keinerlei demokratisches
Instrumentarium geben kann. Denn die Demokratie ist nichts anderes als
die politische Form eines objektivierten fundamentalistischen Terrorsystems,
das die Produktivkräfte allein für den abstrakten Selbstzweck
der Verwertung des Werts entwickelt, niemals für mehr Muße und
gutes Leben der Gesellschaftsmitglieder.
Das bedeutet, daß die gesellschaftliche
Reproduktion nicht durch bewußte gemeinsame Entscheidung der Gesellschaftsmitglieder
gesteuert wird, sondern durch die blinden Pseudo-Naturgesetze einer Gesellschaftsphysik
von anonymen Märkten. Die demokratische Prozedur ist den Wirkungen
dieser absurden "Weltmaschine" nicht vor-, sondern nachgeschaltet. Alle
Entscheidungen demokratischer Institutionen stellen somit keine autonome
Verfügung über den sinnvollen Einsatz der Ressourcen dar, sondern
sind immer schon präformiert durch den kapitalistischen Selbstzweck,
der als solcher nicht verhandelbar ist (in der politischen Theorie firmiert
die vorausgesetzte stumme Fetischgesetzlichkeit seit Rousseau als abstraktes
"Gemeinwohl").
Demokratisch verhandelt werden immer
nur Scheinalternativen, die von den gesellschaftsphysikalischen "Naturprozessen"
gesetzt sind. Einerseits ist in diesem System "Arbeit" immer schon Zwangsarbeit,
weil es keine freie Entscheidung der Produzenten über das Zweck-Mittel-Verhältnis
ihrer Tätigkeit gibt. Andererseits wird diese fremdbestimmte "Arbeit"
zum ersten Lebenszweck, für die alle auch noch dankbar sein müssen,
weil es keinen anderen Zugang zu den Ressourcen gibt. Das heißt gleichzeitig,
daß Produktion und Verteilung selbst der lebensnotwendigsten Güter
Restriktionen unterworfen sind, die weder von den Bedürfnissen noch
von den technologischen Möglichkeiten bestimmt werden.
Es gibt kein Butterbrot umsonst;
ganz unabhängig von den Potenzen der Produktivität. Eher werden
die Butterbrote als unverwertbarer Müll entsorgt, wenn sich herausstellt,
daß sie sich mangels Arbeitssubstanz nicht in Geld zurückverwandeln
lassen. Die Produktivkräfte müssen gebannt bleiben in das System
der abstrakten Selbstzweck-"Arbeit" und werden doch durch die Zwangsvermittlung
der Konkurrenz darüber hinausgetrieben. Wer nicht arbeitet, soll auch
nicht essen; aber gleichzeitig wird die "Arbeit" überflüssig
gemacht.
Die Demokratie kann in dieser Gesellschaftskatastrophe
nichts als objektivierten Zynismus bieten. Wer herausfällt, hat das
hinzunehmen und sich weiterhin an die Spielregeln zu halten. Die marktwirtschaftliche
Verelendung soll gut postmodern als "Pluralität der Lebensentwürfe"
und als eine Art "Differenz"-Folklore wahrgenommen werden. Leuten, die
ihre Miete nicht mehr zahlen können und denen der Standort-Staat zwangsweise
das Brot vom Mund wegspart, werden feierlich auf den "zivilen Umgang mit
Dissens" vergattert. Sie sollen womöglich noch in bürgernahen
Strukturen der Armutsbürokratie darüber mitdiskutieren und mitentscheiden,
wie ihr eigenes Elend am kostengünstigsten verwaltet werden kann.
Daß den "Überflüssigen"
de facto das Lebensrecht abgesprochen ist, erscheint als Triumph rechtsstaatlicher
Verfahrensregeln der liberalen Demokratie; daß ihnen lächerliche
Abfallbrocken eines von der kapitalistischen Weltmaschine strangulierten
Reichtums hingeworfen werden, als ethischer Standard der "sozialen Marktwirtschaft".
Es ist einleuchtend, daß diese demokratische Interpretation der Welt
nicht mehr durchhaltbar ist, wenn die "Überflüssigkeit" eine
bestimmte kritische Masse überschreitet. Das gilt auch im großen
Maßstab der ideologisch beschworenen "weltdemokratischen" Ordnung
mit ihren ungleichzeitigen Krisenverhältnissen.
Die Verwilderung der Konkurrenz
Das Fehlen jeglicher Alternative,
die weitgehende intellektuelle Verweigerung einer Diskussion darüber
und die allgemeine Befangenheit in den Kategorien des warenproduzierenden
Systems bis in die Psyche hinein können nur noch in eine ausweglose
Situation führen. Dabei zeigt die kollabierende unentwickelte Peripherie,
in Umkehrung der Perspektive von Marx für das 19. Jahrhundert, den
entwickelten kapitalistischen Zentren ihre Zukunft. Das Muster ist überall
dasselbe. Die staatskapitalistische Variante ist bankrott, die privatkapitalistisch
reformierte kommt schon auf den ersten Metern zum Stehen, das warenproduzierende
System als solches hört auf zu funktionieren - aber die Menschen bleiben
auf die sozialökonomische Subjektform dieses Systems festgenagelt.
Es entsteht das Paradox von Geldsubjekten
ohne Geld, von Konkurrenzsubjekten ohne Konkurrenzfähigkeit. Wenn
die Konkurrenz keine ökonomische Substanz mehr hat, kann sie nur noch
verwildern: Hinter dem Verträge schließenden bürgerlichen
Rechtssubjekt kommt wieder die ursprüngliche kapitalistische Gewaltfratze
hervor, um die Konkurrenz mit anderen Mitteln fortzusetzen; jetzt freilich
nicht mehr die konstituierende Gewalt der bürgerlichen Aufstiegsgeschichte
gegen die Produzenten, sondern die dekonstituierende wechselseitige Gewalt
des kapitalistisch domestizierten Menschenmaterials in einer Zerfalls-
und Abstiegsgeschichte.
Diese gewaltsame Fortsetzung der
Konkurrenz findet unter den Bedingungen eines rapide zunehmenden Mangels
und einer auch materiellen Entzivilisierung statt. Auffällig ist zum
Beispiel der desolate Gesundheitszustand - erkennbar am Zustand der Zähne
- der Akteure bis hinauf zu den mittleren Führungskadern. Das Gesundheitswesen
bricht als einer der ersten Sektoren zusammen. Es geht ums elementare Überleben.
Aus den Geisterfabriken sickern nur noch sporadisch Löhne in der nahezu
wertlosen Landeswährung oder in weiterzuverscherbelnden Naturalien
der rettungslos unrentablen Produktion (vom Kugellager bis zum Büstenhalter),
die zusammen mit den Notverkäufen von Gebrauchsgütern aus besseren
Zeiten einen Elendsmarkt hervorbringen.
Familien gehen zur Subsistenzwirtschaft
über, Rentnerehepaare ernähren sich aus Schrebergärten,
und nicht nur die jugoslawische Armee züchtet seit langem in der Umgebung
ihrer Kasernen Schweine und baut Kartoffeln an. Begehrt sind auch die Naturalgüter
westlicher Hilfsorganisationen. "Richtiges" Geld kommt auf der Mikro-Ebene
nur noch durch die Überweisungen von Verwandten und Freunden, die
im westlichen Ausland arbeiten; auf der Makro-Ebene sind es Hilfskredite
von IWF und Weltbank. Um die wenigen Arbeitsplätze der transnationalen
Lohnfertigung gibt es einen Kampf bis aufs Messer.
Die ganze Situation reizt zu Raub
auf allen Ebenen und wechselseitigem Terror. Unter den ehemaligen Funktionseliten
bricht eine Überlebenskonkurrenz aus, deren Inhalt die Ausschlachtung
der Modernisierungs-Wracks ist und die mit Mafiamitteln einschließlich
Mord oder sogar regelrechten Feldzügen ausgetragen wird. Schon im
libanesischen Bürgerkrieg der achtziger Jahre waren Artillerieduelle
zwischen Innenministerium und Verteidigungsministerium nichts Ungewöhnliches.
Es geht um die Kontrolle über
die Restbestände der Geisterindustrien inklusive einzelner Joint ventures
mit westlichen Investoren, über die internationalen Hilfskredite,
über die kriminellen Wachstumssektoren (Prostitution und Menschenhandel,
Drogengeschäft, Waffenschmuggel) und über die Restmasse kapitalistischer
Reproduktionsfähigkeit (z.B. Tourismus). Derselbe Prozeß spielt
sich an der sozialen Basis der Gesellschaftspyramide ab. Massenhafte Kleinkriminalität
vorwiegend männlicher Jugendlicher und Bandenbildung sind an der Tagesordnung.
Zwangsläufig muß die
Verwilderung der Konkurrenz mit ideologischen Mustern besetzt werden. Diese
können, ja dürfen nicht mehr die Kohärenz der kapitalistischen
Konstitutions- und Aufstiegsgeschichte besitzen. Nicht historische Begründung,
sondern unmittelbare Scheinlegitimation ist das Ziel, um für den Überlebenskampf
die Identität eines "Wir" gegen "die anderen" herzustellen. Die soziale
Demoralisierung und Entsolidarisierung nach dem Pyrrhussieg des westlichen
Kapitalismus schließt die Möglichkeit weitgehend aus, für
die ideologische Definition der Krisenkonkurrenz soziale Gegensätze
von Arm und Reich zu mobilisieren.
Statt dessen werden nationale, "ethnische"
und religiöse Differenzlinien gezogen. Die Träger der entsprechenden
Fundamentalismen haben aber nichts Archaisches an sich; es sind Leute mit
Reebok- und Adidas-Turnschuhen an den Füßen, die Hiphop hören
und Dollars wollen.
Nirgendwo geht es dabei mehr um
eine traditionelle Ablenkung des Konflikts nach außen. Die beiden
Golfkriege des Irak waren vielleicht der letzte Versuch dieser Art, der
sich inzwischen in einen schleichenden inneren Zerfall verwandelt hat.
Expansionsgelüste und entsprechende Feinddefinitionen machen im globalisierten
Krisenkapitalismus der dritten industriellen Revolution keinen Sinn mehr.
Es handelt sich um gesellschaftliche Implosionen, in denen die gewaltsame
Verdrängungskonkurrenz nach innen gerichtet wird.
Dabei ist es ziemlich egal, ob dieser
binnengesellschaftliche Überlebenskonflikt die Form des Separatismus,
des nationalistischen Antiseparatismus oder der Vertreibung ganzer Bevölkerungsteile
annimmt. Stets geht es darum, die jeweils andere religiöse oder ethnische
Gruppe als zu jagenden Feind und als Freiwild zu definieren. Das ist in
Jugoslawien nicht anders als in Indonesien am anderen Ende der Welt, wo
sich auf Borneo die Dajaks alter Vätersitten erinnern und mit den
aufgespießten Köpfen ihrer Nachbarn Autokorsos veranstalten,
wo überall die chinesische Minderheit gehetzt wird, auf den Molukken
Christen und Moslems sich gegenseitig die Häuser anzünden und
in Osttimor separatistische gegen antiseparatistische Milizen kämpfen.
In ganz Südosteuropa unter Einschluß der Türkei kann diese
auch sonst zu beobachtende Ethnisierung und "Theologisierung" der Überlebenskonkurrenz
auf der verbrannnten Erde des Kapitalismus ältere Muster der nationalstaatlichen
Gründungsgeschichte wiederaufnehmen.
Ursprünglich kam die ethno-kulturelle
Legitimierung der sogenannten Nation aus Deutschland, wo im Unterschied
zu England und Frankreich der Nationalstaat als Apparat und territorialer
Bezugsraum der warenproduzierenden Nationalökonomie nicht vorausging
und die Nation daher gewissermaßen als ideelles Konstrukt erfunden
werden mußte. Diese von Herder und Fichte begründete "deutsche
Ideologie" einer "völkischen" Homogenität wurde im Laufe des
19. Jahrhunderts bluts- und rassentheoretisch aufgeladen, um die Staatsbürgerlichkeit
schließlich als irrationale biologisch-kulturelle "Abstammungsgemeinschaft"
zu definieren.
Die nationalistischen Modernisierungs-Intellektuellen
auf dem Balkan und im Osmanischen Reich übernahmen bei einer strukturell
ähnlichen Ausgangslage (mangelnde Vorgängigkeit des Nationalstaats)
diese deutsche Definition, was die gesamte Region angesichts ihrer sprachlichen,
religiösen und kulturellen Inhomogenität in ein Pulverfaß
verwandelte.
Bevölkerungsgruppen, die schon
jahrhundertelang einigermaßen friedlich zusammengelebt hatten, machten
sich nun unter verschiedenen Nationalflaggen das gemeinsame Territorium
streitig. Kemal Atatürk, allenthalben gelobt als großer "Modernisierer",
ließ unter schauerlichen Gemetzeln armenische und griechische Bevölkerungsteile
aus dem frisch gegründeten türkischen Nationalstaat vertreiben.
Ebenso brutal umkämpft waren die albanischen, serbischen und kroatischen
Nationalgebilde, ohne daß jemals Sprachräume, Siedlungsräume
und Nationalstaaten zur Deckung gebracht werden konnten.
Schien diese unselige, aus Deutschland
importierte Ideologie in der Nachkriegszeit mit ihren diversen Entwicklungshoffnungen
allmählich zu verblassen und auf dem Balkan in Titos Gesamtjugoslawien
einem integrativen Verständnis Platz zu machen (die sogenannten Nationalitäten
heirateten sogar untereinander), so brach der völkische Wahn unter
dem Eindruck des ökonomischen Zusammenbruchs in den achtziger Jahren
abermals los; diesmal freilich nicht als Gründungsfieber einer terroristischen
nachholenden Modernisierung, sondern als Todeskampf zusammenbrechender,
von den Kriterien des Weltmarkts ruinierter warenproduzierender Gesellschaften.
Es sind nur die beiden Seiten derselben
Medaille, wenn einerseits die völkische Staatsräson der türkischen
Nomenklatura ihre letzten Reserven damit verpulvert, die Kurden Ostanatoliens
als "Bergtürken" zu definieren, sie wie Vieh zu behandeln, zu massakrieren,
zu vertreiben usw. und andererseits die separatistische kurdische PKK unter
sinnlosen Blutopfern einen gar nicht lebensfähigen Pseudo-Nationalstaat
anstrebt. Solche Konflikte sind historisch ziellos geworden. Dasselbe gilt
für das wechselseitig ethno-nationalistisch vergiftete Verhältnis
der paramilitärisch bewaffneten Serben und der Kosovo-Albaner mit
ihrer Mafia-Armee UCK.
Die Ausweglosigkeit der ökonomisch
substanzlos gewordenen Konkurrenz führt in einen uferlosen Wahnsinn,
der sogar die irrationale kapitalistische Rationalität der abstrakten
Selbstbehauptung gegen "die anderen" hinter sich läßt. Wenn
Milosevic sein persönliches Schicksal von der Beschwörung einer
Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389 abhängig macht, dann ist das
natürlich jenseits von Gut und Böse.
Trotzdem birgt der selbstzerstörerisch
revitalisierte völkische Wahn eben jenes binnenrationale Moment der
Krisenkonkurrenz. Denn die verwilderten ehemaligen Funktionseliten tragen
auf diese Weise teils den Kampf um die Verwertung der Restmasse aus, teils
schaffen sie so eine Verlaufsform für die Schübe des sozialökonomischen
Zusammenbruchs, die identitär formuliert werden kann.
Für die Banden, Milizen und
natürlich gleichfalls verwilderten "Sicherheitsapparate" von Polizei
und Militär dient das ethno-religiöse Feindbild als ziemlich
durchsichtiger Vorwand für schlichte Plünderungsinteressen. Wenn
die jugoslawischen Militärs und Paramilitärs den vertriebenen
Kosovo-Albanern systematisch Kopfkissen-Ersparnisse von Devisen, Autos,
Haushaltsgeräte und sogar Nahrungsmittel abnehmen (in dieser Reihenfolge),
dann spitzt sich damit nur eine Praxis zu, die bereits die gesamte kapitalistische
Peripherie erfaßt hat.
Längst gilt in Rußland
oder Brasilien die Devise, niemals die Polizei zu rufen, wenn man nicht
anschließend im Hemd dastehen will. Wo immer sich die binnengesellschaftliche
Überlebenskonkurrenz in ethno-religiösen Konflikten entlädt,
wühlen die Aktivisten der Pogrome noch in den verkohlten Trümmern
nach Raubgütern.
Ausgrenzungs- und Sicherheitsimperialismus
Der westliche Kapitalismus weigert
sich natürlich auf der ganzen Linie, das globale Scheitern seines
Gesellschaftssystems anzuerkennen. Ethno-Kriege, Bandenherrschaft und Mafia-Diktaturen
werden unter grotesker Verdrehung der Tatsachen als Ursache für die
lodernden sozialökonomischen Krisen ausgegeben, statt umgekehrt diese
destruktiven Phänomene als unvermeidliche Wirkung eines nicht mehr
reproduktionsfähigen Kapitalverhältnisses zu begreifen.
Diese absolut lernunfähige
Ignoranz kann bei jedem neuen Zusammenbruch immer nur die stereotype Forderung
nach abermals "mehr Marktwirtschaft" wiederholen. So werden weiterhin Luftschlösser
für eine völlig illusorische marktwirtschaftlich-goldene Zukunft
gebaut und der deutsche Ober-Irrealo Joseph Fischer schwadroniert von einem
"Marshall-Plan" für die Balkan-Länder, um ein späteres "Wirtschaftswunder"
(vielleicht in 100 Jahren) zu suggerieren, wenn nur erst einmal der böse
Ungeist samt den Resten der jugoslawischen Infrastruktur aus der Welt gebombt
sei.
Inzwischen weiß jedes Kind
von Belgrad bis Djakarta, daß diese Verheißungen nicht mehr
ernstzunehmen sind. De facto läuft die marktwirtschaftliche Zukunft
darauf hinaus, daß der westliche demokratische Krisenkapitalismus
dieselbe bodenlose Frechheit, die er gegenüber seinen eigenen "Überflüssigen"
an den Tag legt, auch im Umgang mit ganzen Ländern und Weltregionen
fortsetzt, die aus der marktwirtschaftlichen Reproduktionsfähigkeit
herausfallen.
Samt ihren degradierten Funktionseliten
sollen sie sich ebenfalls schiedlich-friedlich in ihr nun einmal unvermeidliches
Marktschicksal fügen, eifrig nach noch so kleinen globalen Marktlücken
schnüffeln, um den Zufluß von ein paar Tropfen transnationalen
Simulationskapitals betteln und ihre ruinierten Ökonomien vollends
"öffnen" für das segensreiche Wirken der "unsichtbaren Hand",
die schwärzer ist als alle Tschetniks dieser Welt es jemals sein könnten.
Dummerweise äußert sich
aber nun einmal das Credo der freien Konkurrenz in den Zusammenbruchsregionen
ganz und gar nicht als "fröhlicher Dissens" in zivilen Umgangsformen.
Es entsteht also ein globales "Sicherheitsproblem", das den weltweiten
"Friedenseinsatz" herausfordert. Die Kriege dieses neuen Sicherheitsimperialismus
werden aber nicht mehr um die Aneignung von Territorien geführt. In
einem globalisierten, betriebswirtschaftlich durchschnittenen ökonomischen
Raum ist ein expansionspolitischer Kampf um äußere Territorien
nicht nur für die Zusammenbruchsstaaten, sondern auch für den
westlichen Kapitalismus selber sinnlos geworden.
Die national zentrierten territorialen
Imperien und "Einflußzonen" haben ausgedient, auch wenn diverse Abteilungsleiter
in Staatskanzleien und auswärtigen Ämtern, konservative "Geopolitiker"
und ein gewisses linksradikales Veteranentum noch immer gewohnheitsmäßig
über den strategischen Blaupausen eines vergangenen Zeitalters brüten.
Statt dessen geht es darum, die kapitalistisch noch reproduktionsfähigen
Segmente, die wie ein Ausschlag über die Welt verteilt sind, gegen
störende unkontrollierte Gewaltausbrüche der Herausgefallenen
und ihrer Überlebenskonkurrenz zu sichern. Die Fertigungs- und Dienstleistungsinseln
für den Weltmarkt sollen unbehelligt von "Neid" und womöglich
mangelnder "Zivilität" der ringsherum brandenden ozeanischen Armutspopulationen
weiterwursteln dürfen, bis auch sie "überflüssig" gemacht
worden sind.
Dieser Sicherheitsimperialismus
ist gleichzeitig ein Ausgrenzungsimperialismus im Namen der "Festung Europa"
und der "Festung Nordamerika". Nicht Eroberung und Eingemeindung wird angestrebt,
um sich bestimmte Ressourcen (schon gar nicht menschliche) unter den Nagel
zu reißen. Im Gegenteil bezieht sich die strategische Orientierung
darauf, dem System die als bedrohlich erlebte ungeheure Massierung der
"Überflüssigen" in der Peripherie vom Leib zu halten. Die von
der universellen Marktwirtschaft selbst erzeugten Katastrophen sollen möglichst
draußenbleiben.
Von diesem Standpunkt aus müssen
die Flüchtlingsströme vor den westlichen Grenzen gestoppt und
die Zusammenbruchsregionen auf Elendsniveau "befriedet" werden. Das implizite
Ziel kann nur eine weltregional gestaffelte Ausgrenzungshierarchie sein,
die von einigen wenigen an Nato und EU assoziierten Ländern (etwa
vom Typus Ungarn) über einen Gürtel von Satrapen- und Operettenstaaten
(etwa vom Typus Kroatien) bis zu völlig unselbständigen, von
internationalen Organisationen oder Bandenkriegern "verwalteten" Protektoraten
und "Homelands" (etwa vom Typus Kosovo) reichen und die gleichzeitig eine
Verelendungshierarchie bilden.
War die Konkurrenz zwischen den
kapitalistischen Blöcken der USA und der EU seit 1945 vom gemeinsamen
Interesse der Systemkonkurrenz gegen den östlichen staatskapitalistischen
Block überlagert, so konstituiert nach dem Ende des kalten Kriegs
die Logik des globalen Ausgrenzungs- und Sicherheitsimperialismus ein neues
gemeinsames Meta-Interesse, dessen Motor die verleugnete Krise des warenproduzierenden
Weltsystems ist.
Die innerkapitalistische Konkurrenz
wirkt zwar weiterhin, unter der Herrschaft des transnationalen Fondskapitals
vor allem auf der währungs- und geldpolitischen Ebene. Aber darüber
schiebt sich, vermittelt durch die objektivierte Logik der Globalisierung,
eine gesamtkapitalistische Geopolitik. Die Nato verwandelt sich aus einem
Instrument des kalten Kriegs einer bipolaren Welt in die gemeinsame westliche
Weltpolizei einer unipolaren Welt; natürlich unter Führung der
letzten Weltmacht USA, ohne deren Militärpotential gar nichts mehr
geht.
Das Ende der Souveränität
Der Sicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus
kann nur funktionieren, wenn die Weltpolizei Nato in der Manier eines nicht
vorhandenen Weltstaats eine Art globales Gewaltmonopol beansprucht. Das
bedeutet, daß im Prinzip die Militärapparate aller Staaten,
die nicht in die Nato integriert werden können oder wollen, zwangsabgerüstet
werden müssen.
Das Vorgehen gegen den Irak und
Rest-Jugoslawien hat insofern exemplarischen Charakter. Diese Logik ist
allerdings völlig unvereinbar mit den überkommenen kapitalistischen
Kategorien von nationalstaatlicher "Souveränität" und "territorialer
Integrität". Der Golfkrieg konnte noch formal mit dem "Völkerrecht"
begründet, also auch offiziell unter Ägide der Uno geführt
werden. Ein weiterer Beweis dafür, daß das ein Konflikt an der
Grenze der alten Weltordnung war. Der Angriff auf Rest-Jugoslawien dagegen
stellt bereits den offenen Bruch von "Völkerrecht" und Uno-Charta
dar.
Mit dem Terminus der "Schurkenstaaten"
wurde ein negativer völkerrechtlicher Begriff geschaffen, der ein
nicht mehr kodifiziertes Interventionsrecht der westlichen Weltpolizei
impliziert. Damit ist auch die Uno obsolet geworden, die ja aus der Gesamtheit
der "souveränen" warenproduzierenden Nationalstaaten bestehen soll.
Die Fiktion einer Konsensbildung über den Weltsicherheitsrat wird
unter den neuen globalen Krisenbedingungen aufgegeben. Der Kapitalismus
kann seine eigene internationale Rechtsordnung nicht mehr anerkennen.
Das ist die immanente Logik, die
unabhängig von Absichtserklärungen und politischen Autosuggestionen
letztendlich die westliche Weltpolitik strukturiert, was die neue Nato-Doktrin
allerdings auch in kaum noch diplomatisch verbrämter Weise sagt. Auf
einem anderen Blatt steht allerdings, ob sich diese Politik wirklich durchsetzen
läßt. Der gigantische Aufwand, der nötig wäre, um
den fortschreitenden globalen Krisenprozeß militärisch unter
Kontrolle zu halten, ist auch für die westliche Allianz ökonomisch
nicht mehr darstellbar.
Schon die bisherigen weltpolizeilichen
Ergebnisse lassen zu wünschen übrig. Das ohnehin weitgehend abgeschriebene
Afrika kann man vielleicht still vor sich hin massakrieren lassen. Aber
was ist mit dem Alptraum Rußland samt seinen riesigen atomaren und
anderen Waffenarsenalen, da die Geldwirtschaft völlig zusammengebrochen
ist? Und was ist mit den asiatischen Atom- und Raketenmächten China,
Indien und Pakistan, die ebenfalls längst auf der Agenda der globalen
Krisendynamik stehen? Was sich dort überall anbahnt, wird Milosevic
als kleinen Fisch erscheinen lassen.
Gleichzeitig verfällt auch
die "Souveränität" der westlichen Staaten selbst. Sie sind nicht
weniger als die Krisenstaaten der Peripherie von der verselbständigten
Bewegung des transnationalen Fondskapitals abhängig. Der aberwitzige
Versuch, das Leben von mehr als fünf Milliarden Menschen der Geisterakkumulation
von fluiden Finanzwerten unterzuordnen, die elektronisch gesteuert um den
Globus gejagt werden, treibt den Fetischismus des Kapitalverhältnisses
auf die Spitze. Hier haben wir es nicht mehr mit eigenständigen strategischen
Motiven der "Souveräne" gegen andere "Souveräne" zu tun, sondern
mit einer blinden Treibjagd des "automatischen Subjekts" in seiner bis
zur Absurdität entwirklichten Form.
Diese Entwirklichung der "Souveränität"
reproduziert sich auch in der schleichenden Verselbständigung der
westlichen supra-nationalen Institutionen und ihrer eher osmotischen Entscheidungsprozesse.
Das gilt zunehmend auch für den Nato-Militärapparat und seinen
High-Tech-Entwirklichungskrieg.
Weder zwingt ein übermächtiger
US-Imperialismus etwa der BRD seine spezifischen Interessen auf, noch ziehen
umgekehrt deutsche Außenminister den US-Koloß listig über
den Tisch, um eine teutonische Geopolitik auf dem Balkan durchzusetzen.
Vielmehr ist es der dumpfe Drang, die ausufernde Krise des warenproduzierenden
Weltsystems weltpolizeilich einzudämmen, der (analog zu den Finanzmärkten)
eine verselbständigte Eigendynamik gewinnt.
Dieselbe Entwirklichung der westlichen
"Souveränität" setzt sich auch nach innen fort, denn die Krise
kann natürlich nicht draußengehalten werden. Nicht nur Verarmungsschübe
wachsender Bevölkerungsteile destabilisieren den Westen selbst. Individualisierte
Totalkonkurrenz und Mobbing vom Kindergarten bis zum Regierungskabinett
setzen ein Angst- und Haßpotential frei, das bereits die Konturen
von ethnischen Bandenkriegen und Ausgrenzungsterror angenommen hat.
Das Schulmassaker von Littleton
und die Ausländerhatz deutscher Jugendbanden sind erst der Anfang.
Es zeichnet sich die Entwicklung ab, daß auch die westlichen Staaten
Elemente der "Souveränität" an das Bandenwesen abgeben. In Deutschland
revitalisiert sich dabei genau wie auf dem Balkan der nie überwundene
völkische Wahn.
Damit lassen sich bereits Wahlen
gewinnen, wie die Kampagne von CDU/ CSU für die Beibehaltung des rassistischen
Abstammungsrechts gezeigt hat. Noch während die rot-grüne Regierung
martialisch zum Kampfeinsatz gegen Serbien mobilisierte, knickte sie zu
Hause vor den ersten Ansätzen der ethnischen Säuberung ein. Bei
Krisenverhältnissen wie in Rest-Jugoslawien wird es auch hierzulande
mit Sicherheit nicht bei Unterschriftenkampagnen und einzelnen Brandanschlägen
bleiben.
Die neue Kreuzzugsmoral
Es ist eine Ironie der Geschichte,
daß sich die "deutsche Ideologie" der völkischen Blutsnationalität
zumindest teilweise durchaus für den gesamtwestlichen Ausgrenzungsimperialismus
instrumentalisieren läßt, der keine universelle Freizügigkeit
dulden kann. Dabei sind widerstreitende Optionen möglich, deren schlichte
Logik lautet: Wer sich der Nato unterstellt, darf in aller Gemütsruhe
massakrieren und vertreiben; wer sich nicht der Nato unterstellt, ist prinzipiell
"Schurkenstaat", egal was er tut.
Im einen Fall soll die Überlebenskonkurrenz
durch befreundeten ethnischen Staatsterror unter Kontrolle gehalten werden
(Typus Türkei), im anderen durch die Abspaltung diverser "Homelands"
vom "Schurkenstaat" (Typus Jugoslawien), deren Elendsinsassen sich dann
für die stolzen "Bürger" eines ethnischen Vaterlands halten dürfen,
wo sie einfach hingehören.
Nicht wegen seiner ethno-nationalistischen
Orientierung schlechthin wurde Milosevic zur Unperson, sondern weil er
den EU- und Nato-Vorstellungen in die Quere kam, sich durch die gleichfalls
ethno-nationalistisch legitimierten Sezessionen Sloweniens und Kroatiens
ein halbwegs politisch-ökonomisch angebundenes Vorfeld in dieser Krisenregion
zu schaffen und den weniger entwickelten Rest seinem Schicksal zu überlassen.
Natürlich hätte man nach
Vollzug das Milosevic-Regime nach Herzenslust Bosnier und Albaner in den
abgeschriebenen Regionen abschlachten lassen können. Aber da die Unperson
nun schon einmal aufgebaut war, konnte sie (ähnlich wie Saddam Hussein)
dazu dienen, ein dringendes westliches Bedürfnis nach zwei, drei,
vielen "Hitler"-Figuren zu befriedigen. Denn das medial inszenierte Feindbild
eines dämonisierten Großschurken wird benötigt, um den
Sicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus als Kampf fürs Menschenrecht
und die weltpolizeilichen Interventionen als selbstlose "humanitäre
Einsätze" zu legitimieren.
Je auswegloser die Krisenkonstellationen
und je irrationaler die westlichen Interessen selber werden, desto mehr
muß der Kampf mit dem selbstproduzierten Chaos den Charakter eines
Kreuzzugs annehmen. Gerade weil die "humanitären Katastrophen" nicht
mit der globalen Krise des warenproduzierenden Systems erklärt werden
dürfen, können sie nur als Ausbruch eines atavistischen Bösen
erscheinen, das manichäisch zu veräußerlichen und zu verdammen
ist. Dafür sind Clinton-Demokraten, New Labour und Rot-Grün als
gelernte Virtuosen der Betroffenheitsmoral weitaus besser geeignet als
Konservative oder Liberale.
Keineswegs zufällig beginnen
die affirmativen Zwangsoptimisten der "Zivilgesellschaft", der "offenen
Gesellschaft", der "zweiten Moderne" usw. selber in fundamentalistischen
Kategorien zu denken, weil ihre Rechnung unbegreiflicherweise nicht aufgeht.
Wenn Politik durch Moral (nicht
zu verwechseln mit Solidarität und Mitgefühl) ersetzt wird, ist
das Ende der Politik nicht mehr weit. Es ist mit Händen zu greifen,
daß die weltgesellschaftliche Entwicklung aus der politischen Beherrschbarkeit
durch die demokratischen Institutionen herausfällt. Das linksdemokratische
Gegacker von der "politischen Gestaltung" blamiert sich an der Macht, die
trotz lasergesteuerter High-Tech-Bomben schon keine mehr ist. |