Wächter der Revolution
Die Allmacht der iranischen Sicherheitskräfte
ist auch zwanzig Jahre nach der islamischen Revolution ungebrochen
"Alle Leute sind Hezbollahs - und
sie sind keine Knüppelbande!" beteuerte zwei Jahre nach der Revolution
Teherans Freitagsimam Ali Khamenei, der heutige religiöse Führer
der Islamischen Republik Iran. Er wollte sich in einer Zeit innenpolitischer
Grabenkriege eine Gefolgschaft sichern, ohne deren Unterstützung die
Entmachtung des Staatspräsidenten Abolhassan Bani-Sadr und die Zerschlagung
des gesamten liberalen und linken politischen Spektrums kaum möglich
gewesen wäre.
Die "Anhänger der Partei Gottes",
die selbsternannten islamischen Tugendwächter und Befehlsempfänger
des Imams, stellten bereits zu Beginn der iranischen Revolution ein wichtiges
machtpolitisches Instrument des konservativ-religiösen Establishments
dar. Nicht ohne Grund hatte sich Ayatollah Khomeini mit seinen populistischen
Appellen 1979 immer wieder an die Bevölkerungsschichten gewandt, die
schon bald das Heer der "Ansar-e Hezbollah" stellten. Er versprach, die
islamische Revolution in den Dienst der Ghetto-Bewohner, der Entrechteten
und wirtschaftlich unterprivilegierten Iraner zu stellen, ohne dabei sich
jedoch auf ein konkretes Wirtschaftsprogramm zu berufen.
Religiöse und sozialrevolutionäre
Heilsbotschaften der Mullahs an die Unterschichten des Landes mischten
sich mit Feindbildern und Schlagwörtern von den "Feinden des Islam",
der "amerikanischen Linken" oder "den vom Westen abhängigen Intellektuellen".
Diese von Khomeinis Islamisch-Republikanischer Partei (IRP) gebetsmühlenhaft
verbreitete Propaganda reichte aus, um den Gotteskämpfern die ideologische
Stoßrichtung vorzugeben. Als Vollstrecker der fundamentalistischen
Geistlichkeit gingen sie anfangs knüppelschwingend gegen alle säkularen,
linken und liberalen Kräfte vor.
Zielscheibe der Schlägergangs
waren unter anderem der Teheraner Schriftstellerverband, Parteibüros
der Nationalen Front des früheren Premierministers Mossadegh sowie
Veranstaltungen der politischen Linken. Trotz ihres offenkundigen Terrors
gingen die Hezbollahs nicht zuletzt deshalb straffrei aus, da sie vom Justizapparat,
dem verlängerten Arm der IRP, stets gedeckt wurden.
Als sich der Machtkampf zwischen
dem islamisch-liberalen Präsidenten Bani-Sadr und der IRP unter der
Führung von Ayatollah Beheshti, Parlamentssprecher Rafsandjani und
Ministerpräsident Rajai zuspitzte, attackierten die Hezbollah-Schlägertrupps
auch die Büros und Veranstaltungen des Präsidenten. Ziel der
IRP war es, Bani-Sadr wegen unislamischen, pro-westlichen Verhaltens zu
denunzieren und gleichzeitig Unruhen der Hezbollah-Aktivisten Bani-Sadr
in die Schuhe zu schieben.
Die Rechnung der fundamentalistischen
Kräfte ging schließlich auf: Im März 1981 provozierten
die Hezbollahs bei einer Veranstaltung des Präsidenten auf dem Campus
der Universität Teheran. Bei Ausschreitungen gab es mehrere Toten
und Verletzten, woraufhin die Justizbehörden Bani-Sadr für die
Vorfälle verantwortlich machten. Nach einer Großdemonstration
der islamisch-marxistischen Volksmodjahedin, bei der es ebenfalls zu schweren
Zusammenstößen mit den Hezbollahs kam, ging die IRP dazu über,
den Präsidenten als Kommunisten zu diffamieren. Als die politische
Ohnmacht von Bani-Sadr sich immer deutlicher abzeichnete, wurde der Präsident
wenige Monate später per Mißtrauensvotum des IRP-dominierten
Parlaments für "politisch unfähig" erklärt und abgesetzt.
Die politische Instrumentalisierung
verarmter Arbeitsmigranten, Kleinhändler und Straßenkämpfer
ist im Iran kein neues Phänomen: Bereits 1953 war es rechtsgerichteten,
Schah-treuen Elementen im Schulterschluß mit der CIA gelungen, das
städtische Subproletariat aus den Elendsquartieren Süd-Teherans
gegen den damaligen Premierminister Mossadegh zu mobilisieren und diesen
zu stürzen.
Ein weiteres wichtiges Machtmittel
zur Herrschaftssicherung und dauerhaften Unterdrückung der Opposition
sahen die Revolutionsgeistlichen um Khomeini im Aufbau der islamischen
Revolutionskomitees und der Armee der Revolutionswächter ("Sepah-e
Pasdaran"). Die 1978/79 entstandenen Komitees hatten zunächst die
Aufgabe, die Bevölkerung während der Revolutionsjahre mit Nahrungsmitteln
und Heizöl zu versorgen. Nach der Machtübernahme Khomeinis vereinheitlichte
und bewaffnete Rafsandjani die Komitees, die fortan als "Hausmacht" einzelner
lokaler Geistlicher fungierten und den Schutz der islamischen Revolution
gewährleisten sollten. Neben den Pasdaran waren sie bis Mitte der
achtziger Jahre an der Zerschlagung der oppositionellen Organisationen
maßgeblich beteiligt.
Rafsandjanis autoritäre Sittenwächter
waren wegen ihres religiösen Übereifers, ihrer brutalen Übergriffe
gegen "unislamisch" gekleidete Frauen und wegen ihrer Alkohol-Razzien so
verschrien, daß sich dieser nach seinem Amtsantritt als Präsident
dazu entschloß, die Geister, die er gerufen hatte, schnell wieder
loszuwerden: Durch ein 1991 in Kraft getretenes Gesetz, das die Vereinigung
der Polizei, der Gendarmerie und der Komitees zu einem Sicherheitsorgan
vorsah, versuchte Rafsandjani, die Machtbefugnisse der Komitees wieder
einzuschränken.
Die auf Anordnung Khomeinis 1979
gegründete Elitetruppe der Revolutionswächter stellte das wichtigste
Machtinstrument des klerikalen Sicherheitsapparats dar. Als Propagandistin
der islamischen Revolution in der arabischen Welt ist die Armee der Pasdaran
bis heute die radikalste Verfechterin der konservativ-klerikalen Ideologie.
Die zeitweise über 120 000 Mann zählende Zweitarmee der Mullahs
war an der Niederschlagung des Widerstandes gegen die iranische "Kulturrevolution"
im Frühjahr 1980 aktiv beteiligt. Durch ihren Sieg über die Volksmodjahedin
1980/81 sowie über die aufständischen Autonomiebewegungen der
Kurden, Beltuschen und Turkmenen ebnete sie in einer Zeit nachrevolutionärer
Wirren den islamistischen Hardlinern der IRP endgültig den Weg zur
Macht. Darüber hinaus repräsentierten die Wächter des khomeinistischen
Staates ein Gegengewicht zur regulären Armee, die anfangs noch von
Schah-treuen Kräften dominiert wurde und für die Mullahs eine
ständige Putschgefahr bedeutete.
Nach den Säuberungen der Armee
durch Khomeinis Politkommissare, denen allein bis 1986 rund 17 000 Offiziere
zum Opfer fielen, konnten sich die Pasdaran während des iranisch-irakischen
Krieges in den achtziger Jahren als dominante Kraft innerhalb der iranischen
Armee etablieren. Bis heute verfügen sie über eine eigene Luftwaffe,
Marine, einen eigenen Militärhaushalt sowie über Waffenhandel-Agenturen.
Trotz ideologischer Differenzen schreckten die Pasdaran auch nicht davor
zurück, mit dem "großen Satan" USA ins Geschäft zu kommen:
1985/86 schleusten sie Ronald Reagans Waffenlieferungen, mit denen dieser
die Freilassung der US-Geiseln im Libanon durchsetzen wollte, an der regulären
iranischen Armee vorbei, um damit ihre eigene militärische Offensive
gegen Saddams Streitkräfte zu starten.
Daß sich der Krieg gegen den
Irak fast zehn Jahre hinzog, war nicht zuletzt auf den fanatischen Durchhaltewillen
der Revolutionswächter zurückzuführen. Sie verlangten der
Zivilbevölkerung einen immer höheren Blutzoll ab, indem sie die
jugendlichen Märtyrer der "basij-Miliz" bis zum bitteren Ende zu Tausenden
in die irakischen Minenfelder schickten.
Als 1988 selbst Rafsandjani die
Aussichtslosigkeit des vielbeschworenen Endsieges einsehen mußte
und den greisen Khomeini zu einer Annahme der UN-Waffenstillstands-Vereinbarung
bewegte, zog Rafsandjani sich den Haß der Pasdaran zu, die eine Fortsetzung
des Krieges befürworteten. Seine zaghaften Versuche, den während
der Kriegsjahre drastisch gewachsenen Handlungsspielraum der Revolutionswächter
wieder einzudämmen, scheiterten schließlich am Widerstand Khameneis.
Dieser stand für die Revolutionswächter lange Zeit Pate und festigte
zu Beginn der neunziger Jahre deren Stellung im politischen Machtgefüge
des iranischen Gottesstaates.
In den neunziger Jahren richteten
die Pasdaran ihr Hauptaugenmerk auf die Bekämpfung der "inneren Feinde
der Revolution". Sie waren aktiv beteiligt an der Niederschlagung der Unruhen
von Qazwin 1994, der Aufstände im Teheraner Vorort Islamshar 1995
sowie der Erhebungen der streikenden Ölindustrie-Arbeiter 1997.
Die Organisation der Revolutionsgarden
umfaßt mittlerweile den gesamten Sicherheitsapparat. Finanziert über
Spenden, Schutzgelder und den Drogenhandel, organisieren ihre Einheiten
in Eigenregie Terroranschläge der pro-iranischen Hisbollah-Milizen
im Libanon sowie den Kampf gegen Regime-Oppositionelle im Ausland. Mitarbeitern
des Nachrichtendienstes der Pasdaran wurde mehrfach vorgeworfen, in den
Mykonos-Fall verwickelt gewesen zu sein. Ihr Geheimdienst wurde ab 1983
in das neu gegründete Informationsministerium eingegliedert, das noch
vor kurzem wegen der Mordserie gegen Schriftsteller für Schlagzeilen
sorgte.
Die ständigen Appelle des neuen
Präsident Khatami an die Pasdaran, der iranischen Jugend mehr Freiheit
zu gewähren und die Unterdrückung zu beenden, sind bei ihnen
bislang auf taube Ohren gestoßen. Khatamis Bemühungen, die Wächter
zu kontrollieren und zu reformieren, sind weitgehend erfolglos geblieben;
der weit verzweigte Unterdrückungsapparat der Sicherheitskräfte
ist ein fester Bestandteil des politischen Systems im Iran.
Daran dürfte auch die Absetzung
des Wächterchefs Mohssen Rezai wenig geändert haben. Die Revolutionsgarden
bleiben ihrem Schutzpatron Ayatollah Ali Khamenei hörig - ein "Schlächter
und Vollstrecker", wie ihn der in die USA geflohene Sohn Rezais im vergangenen
Jahr titulierte. |