Khomeinis zerstrittene
Erben
Ist die "Islamische Republik"
reformierbar?
Mit der Wahl Mohammad Khatamis zum
Präsidenten im Mai 1997 begann die dritte Phase der Islamischen Republik.
Auf den Übergang zur bürokratischen Herrschaft und die Hinwendung
zum Privatkapitalismus nach dem Tod Khomeinis folgte eine begrenzte Liberalisierungspolitik.
Außenpolitisch verkauft die Khatami-Fraktion ihre Reformen gern als
Synthese von islamischen und westlichen Werten. Innenpolitisch dagegen
beruft sie sich auf die Ideale der Revolution und die Lehre Khomeinis,
und dies nicht nur aus taktischen Gründen.
Im Kampf gegen das Schah-Regime
hatte die Geistlichkeit den Schutz vor der Willkür einer Regierung
und deren Rechenschaftspflicht gegenüber der Bevölkerung betont.
Durch die Milderung des Tugendterrors und die Stärkung der gewählten
Institutionen will das Regime jetzt neue Unterstützung gewinnen. Gewählt
wird allerdings weiterhin im engen Rahmen der islamistischen Staatsdoktrin,
und die Geistlichkeit wird bei politischen Entscheidungen weiterhin das
letzte Wort haben. Khatami will die von Khomeini gegründete "Islamische
Republik" erneuern - abschaffen will er sie nicht.
Die Geistlichkeit hatte sich in
der iranischen Geschichte immer wieder in die Politik eingemischt, aber
nie politische Herrschaft angestrebt. Gerechte Herrschaft, so die traditionelle
Lehre, könne es erst geben, wenn der zwölfte Imam als direkter
Stellvertreter Gottes wieder auf Erden erscheint. Khomeini dagegen befand,
das Warten auf Erlösung dürfe die Gläubigen nicht daran
hindern, eine islamische Gesellschaftsordnung zu errichten. Eine solche
"Islamische Republik" müsse von der Geistlichkeit geführt werden,
an deren Spitze ein besonders populärer und befähigter Rechtsgelehrter
(Faqih) stehen sollte, nämlich er selbst.
Die 1979 verabschiedete, in ihren
Grundzügen bis heute gültige Verfassung goß dieses System
der Velayat-e Faqih (Statthalterschaft des Rechtsgelehrten) in Paragraphen.
In diesem System sind republikanische und religiöse Institutionen
komplex und widersprüchlich miteinander verflochten. Den gewählten
Institutionen stehen von der Geistlichkeit beherrschte Institutionen gegenüber,
die in allen Angelegenheiten das letzte Wort haben: vor allem der Wächterrat,
der alle von Parlament und Regierung verabschiedeten Gesetze widerrufen
kann, und der oberste Faqih, der Regierung und Parlament entlassen kann
und Oberkommandierender aller Streitkräfte ist.
Staatsideologie und Macht der Geistlichkeit
sind untrennbar verknüpft, das eine würde mit dem anderen fallen.
Khatami kann und will beides nicht in Frage stellen, auch die Reformen
jeder anderen Regierung fänden hier eine Grenze. Denkbar wäre,
daß sich die Geistlichkeit weitgehend darauf beschränkt, in
der Art des von den Generälen beherrschten "Nationalen Sicherheitsrates"
in der Türkei als höchste Instanz über die Treue zur Staatsdoktrin
zu wachen. Anders als die Offiziere in nationalistischen Systemen kommandiert
die Geistlichkeit die Gewehre jedoch nur indirekt. Ihre feste Verankerung
in den Institutionen ist daher unabdingbar für den Machterhalt. Zudem
bestehen nationalistische Ideologien meist aus allgemein gehaltenen Prinzipien,
die in der politischen Praxis flexibel gehandhabt werden können. Die
Lehre Khomeinis ist ein viel engeres politisches Korsett.
Den größten Spielraum
hat Khatami im kulturellen Bereich. Die Auslegung des islamischen Gesetzes
ist in großem Ausmaß Interpretationssache - im Koran steht
nichts von Satellitenschüsseln und radfahrenden Frauen. Hier ein wenig
ideologischen Ballast abzuwerfen, gefährdet die islamistische Herrschaft
nicht. Die Verbreitung westlicher Fernsehprogramme wird die Revolution
zwar nicht unbedingt fördern, aber ohne den Anreiz westlicher Konsumgüter
können Bourgeoisie und Mittelschichten nicht für die kapitalistische
Modernisierung gewonnen werden.
Deutlich geringer ist der Spielraum
in der Frage der Informationsfreiheit. Der private Zugang zum Internet
mag für das Regime akzeptabel sein, im öffentlichen Bereich dagegen
bleibt die Zensur, wenn auch etwas liberaler gehandhabt, Voraussetzung
für das islamistische Ideologiemonopol. Nichtislamistische Parteien
und unabhängige Gewerkschaften wird das Regime auch in Zukunft nicht
zulassen.
So begrenzt die Liberalisierung
ist, sie hat dennoch die iranische Gesellschaft in Bewegung gebracht. Im
Gefolge Khatamis vereinigen sich unterschiedliche Interessen und Bevölkerungsgruppen.
Er wird vom weltmarktorientierten Flügel der Bourgeoisie und den modernen
Mittelschichten unterstützt, gewann jedoch auch unter der traditionell
orientierten Landbevölkerung eine Mehrheit. Der Islamismus wendet
sich auch immer gegen die "Volksreligiosität" und traditionelle Sitten,
die der fundamentalistischen Koraninterpretation widersprechen. Hier will
Khatami den Druck mindern: Wenn bei Hochzeitsfeiern getanzt wird, sollen
die "Revolutionswächter" nicht mehr die Tür eintreten.
Khatami wurde von der Mehrheit der
Frauen und der Jugend (IranerInnen sind schon mit 15 Jahren wahlberechtigt)
gewählt. Jugendliche stellen die große Mehrheit der wegen Verstößen
gegen islamistische Gebote Verhafteten. Daß es nicht gelang, die
unter dem islamistischen System aufgewachsene Generation zu gewinnen, ist
ein gutes Zeichen für die Zukunft, allerdings kann aus der kulturellen
Dissidenz nicht automatisch auf politische Gegnerschaft zum islamistischen
System geschlossen werden.
Einige Gruppen aus der Gefolgschaft
Khatamis sehen in ihm nicht nur das geringere Übel, sondern einen
echten Hoffnungsträger. Zu ihnen gehört die von Töchtern
hoher Geistlicher und Politiker geführte "islamische Frauenbewegung",
die sich für Verbesserungen im Rahmen des Systems einsetzt. Khatami
vertritt jene, die kulturelle Eigenständigkeit gegenüber dem
Westen wünschen, den mürrischen Puritanismus der islamistischen
Rechten aber für zu streng befinden. Er genießt sogar die Unterstützung
eines Teiles der islamistischen Aktivisten, die regelmäßig zu
den Freitagspredigten in die Moschee gehen. Sie galten als Anhänger
von Ali Khamenei, dem geistlichen Führers der Islamischen Republik,
es scheint jedoch, als habe sich auch in diesen Kreisen Enttäuschung
über die Verknöcherung der islamistischen Bürokratie ausgebreitet.
Die islamistische Rechte dürfte
diese Schwächung ihrer Basis mit Sorge betrachten. Sie muß befürchten,
mehr und mehr an Macht zu verlieren. Auch die Kommunalwahlen Ende Februar
dieses Jahres konnte die Khatami-Fraktion mit großer Mehrheit für
sich entscheiden. Die Stärkung der kommunalen Institutionen soll den
Einfluß der von der islamistischen Rechten beherrschten zentralistischen
Institutionen mindern. Gegenwärtig sieht es ganz danach aus, als würde
die Khamenei-Fraktion bei den Wahlen im kommenden Jahr auch ihre Mehrheit
im Parlament verlieren.
Die Reformen mit institutioneller
Gewalt zu stoppen, würde die Modernisierungspolitik zumindest stark
bremsen, die Geistlichkeit auch noch die verbliebene Legitimation kosten
und wohl auch zu schweren politischen Unruhen führen. Die islamistische
Rechte, die jederzeit die Macht hätte, Khatami ganz legal abzusetzen,
scheint sich dieser Problematik grundsätzlich bewußt sein. Andererseits
hat die Reformpolitik, die immer wieder an institutionelle Grenzen stößt,
die Bevölkerung politisiert und zu Mobilisierungen geführt, die
Khatami zu bremsen versucht, aber nicht unterbinden kann.
Die Intrigen, mit denen die islamistische
Rechte die Reformen zu torpedieren versucht, haben die geistlichen Institutionen
weiter diskreditiert. Die Fraktionskämpfe innerhalb der Geistlichkeit
werden jetzt öffentlich ausgefochten, angesichts dieser Spaltung wirkt
es wenig glaubwürdig, wenn ein einzelner Ayatollah beansprucht, die
absolute Wahrheit zu besitzen.
Mag Khatami noch so oft seine Treue
zum System Khomeinis bekunden - die Frage, warum Khamenei gegenüber
dem gewählten Präsidenten das letzte Wort hat, drängt sich
einfach auf. Den Widerspruch zwischen Republik und "Gottesstaat" kann auch
Khatami nicht auflösen. |