Der kurze "Frühling der
Freiheit" im Iran
In den ersten Monaten des
Jahres 1979 entschied Ayatollah Khomeini den Machtkampf für die Mullahs
Für manche Muslime war der
zwölfte Imam vom Himmel herabgekommen: Als Khomeini am 1. Februar
1979 mit dem Flugzeug aus dem französischen Exil in Teheran ankam,
wurde er von den Massen wie ein von Allah gesandter Prophet empfangen.
Monatelang hatte eine Massenbewegung
gegen die Schah-Diktatur gekämpft. Viele hatten von einer Revolution
geträumt, die die alten sozialen Strukturen umwälzt und soziale
Gerechtigkeit garantiert. Die Arbeiter aus der Erdölindustrie streikten
lange vor Khomeinis Ankunft. Fabriken wurden besetzt, Bauern enteigneten
die Großgrundbesitzer. Studenten, Professoren, Schüler sowie
Lehrer diskutierten, anstatt zu unterrichten und sich unterrichten zu lassen.
Banken wurden überfallen, Kasernen gestürmt.
In den wenigen Monaten des "Frühlings
der Freiheit" zwischen Februar und Juli 1979 hofften viele Iraner auf eine
Demokratisierung des Landes. In dieser Übergangszeit hatte jede Gruppe
ihr eigenes Ziel vor Augen. Säkulare Frauen organisierten sich in
eigenen Organisationen und demonstrierten für die Gleichberechtigung.
Die marxistisch-leninistische Organisation der Volksfedajin öffnete
Büros in verschiedenen Städten. Fleißig schickten sie Kader
in die Fabriken, um die Arbeiter für eine sozialistische Revolution
zu gewinnen. Wenige Wochen später spaltete sich die kommunistische
Partisanenorganisation in einen Mehrheits- und einen Minderheitsflügel.
Die ebenfalls bewaffnete islamische Organisation der Volksmodjahedin kämpfte
für einen "Sozialismus mit islamischem Antlitz".
Anhänger der kommunistischen
Tudeh-Partei hingegen träumten von der Stärkung der Position
Moskaus, die Maoisten vom chinesischen Modell oder dem politischen System
Albaniens. Auf dem Land, von Turkmenistan bis Kurdistan, wurden Räte
gebildet. Verschiedene liberal-demokratische Gruppen, wie der Nationale
Verband der Universitätsprofessoren, der Anwalts- und der Schriftstellerverband
wurden politisch aktiv.
Gleichzeitig bereitete die Kaste
der Geistlichkeit die Machtübernahme vor. In den Jahren der gewaltsamen
Modernisierung unter der Pahlavi-Diktatur waren die Mullahs faktisch entmachtet
worden. Der Vater des letzten Schah hatte den Schleier verboten. An die
Stelle des islamischen Rechtssystems, der Scharia, war eine Verfassung
getreten, die sich an Belgien orientierte. Frauen hatten das Wahlrecht
erhalten, Vor allem die Landreform im Jahre 1963, mit der auch die ökonomische
Macht der Geistlichen eingeschränkt werden sollte, war auf den erbitterten
Widerstand der Mullahs, insbesondere Khomeinis, gestoßen.
Am 1. April, ließ Khomeini
die Bevölkerung wählen, die Bürger durften "Ja" zur Islamischen
Republik und "Nein" zur Pahlavi-Dynastie sagen. 99,3 Prozent der Wähler
stimmten damals für die Islamische Republik. Von den Liberalen der
nationaldemokratischen Front, den Volksfedajin und der Demokratischen Partei
Kurdistans wurde die Wahl boykottiert.
Die Islamisierung der Gesellschaft
und der Beginn der Eliminierung aller Kräfte, die mit der absoluten
Herrschaft der Geistlichkeit nicht einverstanden waren, begann mit dem
Einmarsch der Armee in die kurdische Stadt Marivan im Juli 1979. Die Kurden
kämpften für Autonomie innerhalb der Grenzen des Iran und waren
nicht bereit, ihre Waffen niederzulegen. Im August wurde die bürgerlich-liberale
Zeitung Ayandegan verboten.
Die kommunistische Linke solidarisierte
sich nicht mit der Nationalen Front, die in einem Aufruf vor der Zensur
warnte und die Verteidigung der elementaren Bürgerrechte forderte.
Die Volksfedajin probten in ihren
Zellen den antiimperialistischen Kampf, anstatt für demokratische
Freiheitsrechte einzutreten, und Khomeini schien ihnen dabei ein geeigneter
Kampfgenosse zu sein.
Noch vor der Spaltung der Organisation
im Februar hatten die Fedajin einen Brief an Khomeini geschrieben und ihn
gefragt, ob er die Angriffe der Hezbollah auf die Linken befürwortete.
Die Fedajin hätten doch eine wichtige Rolle bei der Vollendung der
Revolution gespielt. Zu diesem Zeitpunkt wollten sie noch nicht wahrhaben,
daß der charismatische Führer sowohl ein Anti-Amerikaner als
auch ein überzeugter Antikommunist war. Noch im selben Monat wurden
beide Partisanen-Organisationen der Volksfedajin-Minderheit und der Volksmodjahedin
verboten.
Die Besetzung der US-amerikanischen
Botschaft und die Geiselnahme von rund 70 Botschaftsangehörigen durch
ein studentisches Revolutionskomitee im November 1979 bereitete auch den
Kampf gegen Andersdenkende vor. Die Studenten forderten die Auslieferung
des sich in den USA aufhaltenden Schahs - sie wollten ihn hängen sehen.
Mit der Botschaftsbesetzung brach
die provisorische Regierung von Mehdi Bazargan zusammen. Bazargan, Vertreter
der traditionellen Bazari-Bourgeoisie, die den Umsturz wesentlich gefördert
hatte, bejahte zwar den Islam als politisch und kulturell führende
Kraft des Landes, forderte jedoch eine Teilung der Macht zwischen den Mullahs
und den Bazaris. Mit seinem Rücktritt übernahm der islamische
Revolutionsrat die Macht.
Im April 1980 wurden auf Befehl
Khomeinis die Teheraner Universität für die Dauer von zwei Jahren
geschlossen. Er bezeichnete die Universitäten als "Zentren der Prostitution"
und verbot jegliche politische Aktivität an den Hochschulen. Zu den
Befürwortern dieser "kulturrevolutionären" Säuberung der
Universitäten gehörten damals auch der islamistische Staatstheoretiker
Sorusch und der jetzige Präsident Mohammad Khatami, beide heute Vetreter
des Reformer-Flügels.
Mit der "Kulturrevolution" hatte
die Islamisierung der Gesellschaft eine neue Dimension erreicht. Sie forderte
ihren Preis, nämlich die Verfolgung der Andersdenkenden. Tausende
wurden hingerichtet. Im Februar 1983 wurden die moskauorientierte Tudeh-Partei
und ihre Jugendorganisation, die Volksfedajin-Mehrheit, als letzte oppositionelle
Organisationen, verboten.
Diese hatten in Khomeini zwar nicht
einen Sozialisten, aber einen Antiimperialisten gesehen. Die khomeinistische
Basis sei die revolutionäre Kleinbourgeoisie, propagierten die Strategen
aus Moskau. Tatsächlich setzt sich bis heute die gesellschaftliche
Basis der Kaste der herrschenden Geistlichkeit aus den rückschrittlichsten
traditionellen Schichten zusammen, den Mob eingeschlossen.
Nachdem die Khomeini-Anhänger
- mit der Islamisierung - alle Ansätze eines gesellschaftlichen Pluralismus,
der sich im "Frühling der Freiheit" abzeichnete, eliminiert hatten,
gab es keine Chance für eine Demokratisierung der Gesellschaft mehr. |