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21. April 1999 Jungle World

Der kurze "Frühling der Freiheit" im Iran


In den ersten Monaten des Jahres 1979 entschied Ayatollah Khomeini den Machtkampf für die Mullahs

Für manche Muslime war der zwölfte Imam vom Himmel herabgekommen: Als Khomeini am 1. Februar 1979 mit dem Flugzeug aus dem französischen Exil in Teheran ankam, wurde er von den Massen wie ein von Allah gesandter Prophet empfangen.

Monatelang hatte eine Massenbewegung gegen die Schah-Diktatur gekämpft. Viele hatten von einer Revolution geträumt, die die alten sozialen Strukturen umwälzt und soziale Gerechtigkeit garantiert. Die Arbeiter aus der Erdölindustrie streikten lange vor Khomeinis Ankunft. Fabriken wurden besetzt, Bauern enteigneten die Großgrundbesitzer. Studenten, Professoren, Schüler sowie Lehrer diskutierten, anstatt zu unterrichten und sich unterrichten zu lassen. Banken wurden überfallen, Kasernen gestürmt.

In den wenigen Monaten des "Frühlings der Freiheit" zwischen Februar und Juli 1979 hofften viele Iraner auf eine Demokratisierung des Landes. In dieser Übergangszeit hatte jede Gruppe ihr eigenes Ziel vor Augen. Säkulare Frauen organisierten sich in eigenen Organisationen und demonstrierten für die Gleichberechtigung. Die marxistisch-leninistische Organisation der Volksfedajin öffnete Büros in verschiedenen Städten. Fleißig schickten sie Kader in die Fabriken, um die Arbeiter für eine sozialistische Revolution zu gewinnen. Wenige Wochen später spaltete sich die kommunistische Partisanenorganisation in einen Mehrheits- und einen Minderheitsflügel. Die ebenfalls bewaffnete islamische Organisation der Volksmodjahedin kämpfte für einen "Sozialismus mit islamischem Antlitz".

Anhänger der kommunistischen Tudeh-Partei hingegen träumten von der Stärkung der Position Moskaus, die Maoisten vom chinesischen Modell oder dem politischen System Albaniens. Auf dem Land, von Turkmenistan bis Kurdistan, wurden Räte gebildet. Verschiedene liberal-demokratische Gruppen, wie der Nationale Verband der Universitätsprofessoren, der Anwalts- und der Schriftstellerverband wurden politisch aktiv.

Gleichzeitig bereitete die Kaste der Geistlichkeit die Machtübernahme vor. In den Jahren der gewaltsamen Modernisierung unter der Pahlavi-Diktatur waren die Mullahs faktisch entmachtet worden. Der Vater des letzten Schah hatte den Schleier verboten. An die Stelle des islamischen Rechtssystems, der Scharia, war eine Verfassung getreten, die sich an Belgien orientierte. Frauen hatten das Wahlrecht erhalten, Vor allem die Landreform im Jahre 1963, mit der auch die ökonomische Macht der Geistlichen eingeschränkt werden sollte, war auf den erbitterten Widerstand der Mullahs, insbesondere Khomeinis, gestoßen.

Am 1. April, ließ Khomeini die Bevölkerung wählen, die Bürger durften "Ja" zur Islamischen Republik und "Nein" zur Pahlavi-Dynastie sagen. 99,3 Prozent der Wähler stimmten damals für die Islamische Republik. Von den Liberalen der nationaldemokratischen Front, den Volksfedajin und der Demokratischen Partei Kurdistans wurde die Wahl boykottiert.

Die Islamisierung der Gesellschaft und der Beginn der Eliminierung aller Kräfte, die mit der absoluten Herrschaft der Geistlichkeit nicht einverstanden waren, begann mit dem Einmarsch der Armee in die kurdische Stadt Marivan im Juli 1979. Die Kurden kämpften für Autonomie innerhalb der Grenzen des Iran und waren nicht bereit, ihre Waffen niederzulegen. Im August wurde die bürgerlich-liberale Zeitung Ayandegan verboten.

Die kommunistische Linke solidarisierte sich nicht mit der Nationalen Front, die in einem Aufruf vor der Zensur warnte und die Verteidigung der elementaren Bürgerrechte forderte.

Die Volksfedajin probten in ihren Zellen den antiimperialistischen Kampf, anstatt für demokratische Freiheitsrechte einzutreten, und Khomeini schien ihnen dabei ein geeigneter Kampfgenosse zu sein.

Noch vor der Spaltung der Organisation im Februar hatten die Fedajin einen Brief an Khomeini geschrieben und ihn gefragt, ob er die Angriffe der Hezbollah auf die Linken befürwortete. Die Fedajin hätten doch eine wichtige Rolle bei der Vollendung der Revolution gespielt. Zu diesem Zeitpunkt wollten sie noch nicht wahrhaben, daß der charismatische Führer sowohl ein Anti-Amerikaner als auch ein überzeugter Antikommunist war. Noch im selben Monat wurden beide Partisanen-Organisationen der Volksfedajin-Minderheit und der Volksmodjahedin verboten.

Die Besetzung der US-amerikanischen Botschaft und die Geiselnahme von rund 70 Botschaftsangehörigen durch ein studentisches Revolutionskomitee im November 1979 bereitete auch den Kampf gegen Andersdenkende vor. Die Studenten forderten die Auslieferung des sich in den USA aufhaltenden Schahs - sie wollten ihn hängen sehen.

Mit der Botschaftsbesetzung brach die provisorische Regierung von Mehdi Bazargan zusammen. Bazargan, Vertreter der traditionellen Bazari-Bourgeoisie, die den Umsturz wesentlich gefördert hatte, bejahte zwar den Islam als politisch und kulturell führende Kraft des Landes, forderte jedoch eine Teilung der Macht zwischen den Mullahs und den Bazaris. Mit seinem Rücktritt übernahm der islamische Revolutionsrat die Macht.

Im April 1980 wurden auf Befehl Khomeinis die Teheraner Universität für die Dauer von zwei Jahren geschlossen. Er bezeichnete die Universitäten als "Zentren der Prostitution" und verbot jegliche politische Aktivität an den Hochschulen. Zu den Befürwortern dieser "kulturrevolutionären" Säuberung der Universitäten gehörten damals auch der islamistische Staatstheoretiker Sorusch und der jetzige Präsident Mohammad Khatami, beide heute Vetreter des Reformer-Flügels.

Mit der "Kulturrevolution" hatte die Islamisierung der Gesellschaft eine neue Dimension erreicht. Sie forderte ihren Preis, nämlich die Verfolgung der Andersdenkenden. Tausende wurden hingerichtet. Im Februar 1983 wurden die moskauorientierte Tudeh-Partei und ihre Jugendorganisation, die Volksfedajin-Mehrheit, als letzte oppositionelle Organisationen, verboten.

Diese hatten in Khomeini zwar nicht einen Sozialisten, aber einen Antiimperialisten gesehen. Die khomeinistische Basis sei die revolutionäre Kleinbourgeoisie, propagierten die Strategen aus Moskau. Tatsächlich setzt sich bis heute die gesellschaftliche Basis der Kaste der herrschenden Geistlichkeit aus den rückschrittlichsten traditionellen Schichten zusammen, den Mob eingeschlossen.

Nachdem die Khomeini-Anhänger - mit der Islamisierung - alle Ansätze eines gesellschaftlichen Pluralismus, der sich im "Frühling der Freiheit" abzeichnete, eliminiert hatten, gab es keine Chance für eine Demokratisierung der Gesellschaft mehr.

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