Zwischen Koran und Kapital
Nach 20 Jahren der Repression im
Iran scheinen Reformen die nichtislamistische Opposition zu stärken
Als im Februar 1979 das Schah-Regime
stürzte, bereitete das den westlichen Regierungen einige Sorgen. Man
hatte den Iran zu einer der stärksten Militärmächte des
Nahen Ostens hochgerüstet, als Frontstaat gegen die Sowjetunion ebenso
wie gegen den radikalen Nationalismus in der arabischen Welt. Dieser strategisch
bedeutende Staat war nun in feindliche Hände gefallen. Was war von
diesem Ayatollah Khomeini zu erwarten, der seine "Islamische Republik"
als dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Sozialismus pries?
Der politische Islam war für
die westliche Öffentlichkeit ein neues Phänomen. Daß der
Islamismus in den siebziger Jahren gegenüber dem Nationalismus an
Bedeutung gewonnen hatte, wurde erst jetzt zur Kenntnis genommen. Teils
wurde ein "Rückfall ins Mittelalter" erwartet, viele Experten hielten
die Islamisten für unfähig, einen funktionierenden Staat aufzubauen.
Es fehlte aber auch nicht an Prophezeiungen, daß andere Staaten der
Region wie Dominosteine ebenfalls einer islamistischen Revolution zum Opfer
fallen würden.
Man unterschätzte die Fähigkeiten
der Islamisten und überschätzte ihre politische Gefährlichkeit.
Zwar kam es in Afghanistan und im Sudan zu islamistischen Machtübernahmen
mit militärischen Mitteln, eine islamistische Revolution gab es jedoch
nirgendwo. Die Bildung einer islamistischen Internationale scheiterte an
machtpolitischen Widersprüchen. Heute ist die Unterstützung islamistischer
Gruppen nur noch ein untergeordnetes Mittel der iranischen Machtpolitik.
Der dritte Weg mündete in eine
kapitalistische Entwicklungsdiktatur, die sozialen Unterschiede sind heute
größer als zur Zeit des Schah. Zwanzig Jahre nach der Revolution
wirbt der Iran um ausländische Investoren, denen in Joint Ventures
jetzt auch eine Mehrheitsbeteiligung zugestanden wird. Die letzten Streitpunkte
mit den EU-Staaten wurden ausgeräumt. Die Rushdie-Affäre konnte
durch eine diplomatische Vereinbarung mit Großbritannien im Herbst
1998 offiziell beigelegt werden.
Anfang April tauschte Kanzleramtsminister
Bodo Hombach die Freilassung des deutschen Geschäftsmannes Hofer,
der wegen einer angeblichen sexuellen Beziehung zu einer Muslimin zum Tode
verurteilt wurde, gegen eine Einladung an Präsident Mohammad Khatami
zum Staatsbesuch. Europäischen Investitionen in die iranische Ölindustrie
steht jetzt kaum noch etwas im Wege. Selbst die USA sind schon wieder einer
der wichtigsten Handelspartner, obwohl wegen des offiziellen Boykotts alle
Geschäfte über Drittstaaten abgewickelt werden müssen.
Die Feindschaft des Westens hatte
sich schon nach wenigen Jahren gemäßigt. Den irakischen Angriff
auf den Iran im Jahre 1980 hatte man noch mit Wohlwollen betrachtet, doch
spätestens Mitte der achtziger Jahre setzte sich selbst in den USA
die Einschätzung durch, daß eine Schwächung, nicht aber
ein Sturz des Regimes wünschenswert sei.
Immerhin war Khomeini Antikommunist,
das war den Unwägbarkeiten eines erneuten Machtwechsels oder eines
Bürgerkrieges vorzuziehen.
So sorgten die USA durch genau dosierte
Waffenlieferungen und Militäreinsätze dafür, daß weder
Iran noch Irak den Krieg verlieren konnten. Die deutsch-iranischen Beziehungen
hatten sich noch schneller wieder normalisiert. Schon 1981 half man, von
deutschen Konzernen im Iran errichtete Rüstungsfabriken wieder flottzumachen,
und 1984 machte Außenminister Genscher als erster hochrangiger westlicher
Politiker Khomeini seine Aufwartung.
Der erste Golfkrieg, der 1988 endete,
schwächte den Iran und drängte zur "Realpolitik". Die Kriegszerstörungen
und ein stark gesunkener Ölpreis ließen wenig Spielraum für
außenpolitische Ambitionen. Der Krieg trug auch dazu bei, daß
die Handelsbourgeoisie der Bazaris im innenpolitischen Machtkampf die radikalen
Mittelschichten von der Macht verdrängen konnten. Innerhalb des Regimes
setzten sich jene Kräfte durch, die einen Ausgleich mit den konservativen
arabischen Staaten und dem Westen dem "Revolutionsexport" vorzogen.
Wegen seiner extrem oligarchischen
Struktur war das Schah-Regime unfähig, die für die kapitalistische
Modernisierung notwendige Unterstützung der Bourgeoisie und der Mittelschichten
zu gewinnen. Die Revolution hat die Blockade der gesellschaftlichen Entwicklung
durchbrochen. Landreform, infrastrukturelle Erschließung der Dörfer,
Reduzierung der Analphabetismusrate - hier war das "mittelalterliche" islamistische
Regime effektiver als "moderne" Staaten wie Ägypten. Die islamistische
Machtübernahme in den Jahren 1980/81 führte jedoch dazu, daß
nur Institutionen und Infrastruktur modernisiert wurden.
Während die islamistische Rechte
auch heute noch meint, die Gesellschaft weiterhin allein mit Repression
und Propaganda kontrollieren zu können, entschied sich die "liberale"
Fraktion des Regimes für den Versuch, die Islamische Republik durch
Reformen zu erneuern. Ihr Kandidat Khatami gewann die Präsidentschaftswahlen
1997 mit einer Mehrheit von 70 Prozent der Stimmen.
Khatami verteidigt den islamistischen
Zwangsstaat, einschließlich der Zensur und der koranischen Körperstrafen,
und hält an der führenden Rolle der Geistlichkeit fest. Seine
Reformen sollen den Iran fit für den Weltmarkt machen. Die kapitalistische
Modernisierung bedarf nicht notwendigerweise der Demokratie, wohl aber
gewisser persönlicher Freiheiten und der Rechtssicherheit.
Nach einer Reihe von Niederlagen
im ersten Jahr seiner Präsidentschaft hat Khatami seit einigen Monaten
die Oberhand gewonnen. So konnte er die islamistische Rechte zu dem Eingeständnis
zwingen, daß Geheimdienstler für die Morde an dissidenten Schriftstellern
verantwortlich waren.
Solche Enthüllungen können
jedoch auch auf das gesamte politische System zurückfallen, die Begräbnisse
der ermordeten Schriftsteller wurden zu Protestdemonstrationen, an denen
Zehntausende teilnahmen. Damit steht der Iran noch nicht kurz vor einer
zweiten Revolution, immerhin aber scheint die durch die Reformen ausgelöste
Entwicklung die nichtislamistische Opposition zu stärken. |