Euro Nachrichten
Steueroasen versanden
langsam
Wenn's ums Geld geht, hört
die Gemeinschaft auf. Das haben die EU-Finanzminister auf ihrem Treffen
in Dresden vergangene Woche wieder erleben dürfen - die Harmonisierung
der Steuern in Europa war dort eines der zentralen Themen. Doch von einem
EU-Steuerrecht, wie es der deutsche Ex-Finanzminister Oskar Lafontaine
gefordert hatte, ist auch nach dem Treffen nichts sehen.
Die EU-Kommission hatte vergangenes
Jahr Vorschläge zur Besteuerung von Zinserträgen erarbeitet.
Im Gegensatz zu den abhängig Beschäftigten können sich Unternehmen
dem Zugriff der Finanzämter relativ einfach entziehen - beispielsweise
durch Verlagerung des Firmensitzes in steuergünstige Länder.
Entsprechend haben sich die Belastungen verändert. Nach Berechnungen
der EU-Kommission stieg die Besteuerung von Arbeit durchschnittlich von
35 auf 42 Prozent in Europa, während sie bei Kapital und selbständiger
Arbeit von 45,5 auf 35 Prozent zurückging. Die EU will jetzt die "unfairen
Praktiken" bekämpfen und Steueroasen wie in dem Großherzogtum
Luxemburg abschaffen.
Aber das kann dauern. Mit einer
Einigung rechnet jedenfalls die deutsche Ratspräsidentschaft in ihrer
Amtszeit nicht mehr. Dafür macht der neue deutsche Finanzminister
Hans Eichel (SPD) bereits im Inland Tempo. Nach einer Meldung des Spiegel
möchte er bald die Mehrwertsteuer erhöhen.
Mittelpunkt Mittelmeer
In der Mitte ist Wasser, und drumherum
soll bis 2010 der größte zusammenhängende Wirtschaftsraum
der Welt entstehen: Gemeint ist die Freihandelszone, die die EU gemeinsam
mit den Mittelmeerstaaten errichten will. In diesem Zusammenhang fand in
Stuttgart letzte Woche die dritte Euro-Med-Konferenz statt, an der die
Außenminister der EU und von zwölf Mittelmeer-Anrainerstaaten
teilnahmen. Erstmalig war auch Libyen dabei, allerdings nur mit Beobachterstatus.
Inhaltlich gab es dabei nicht viel Neues: Die Europäer sagten den
Südländern die üblichen Finanzhilfen "auf hohem Niveau"
zu, nannten jedoch keine Zahlen.
Geheimdienst-Chef im Knast
Die Licence to Kill ist für
Ivan Lexa abgelaufen. Statt im Parlamant sitzt der Ex-Chef des slowakischen
Geheimdienst SIS seit letzter Woche im Knast. Nachdem sein ehemaliger Stellvertreter
ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, entzog der Nationalrat
dem Parlamentarier der Bewegung für eine Demokratische Slowakei die
Immunität. Lexa stand schon seit längerem im Verdacht, persönlich
die Entführung von Michal Kovac Junior, dem Sohn des ehemaligen Präsidenten,
organisiert zu haben.
Nach neuen Berichten der Untersuchungskommission
hat der SIS nicht nur den Hauptzeugen für das Kidnapping kurzerhand
in die Luft gesprengt, sondern auch weitere politische Morde geplant. So
fanden sich auch der amtierende Premier Mikulas Dzurinda und sein Innenminister
Ladislav Pitter auf der Liste für potentielle Attentate. Trotz der
schweren Anschuldigungen könnte Lexa schon bald wieder frei kommen.
Sein früherer Arbeitgeber, der ehemalige Präsident Vladimir Meciar,
ist von der Unschuld des Angeklagten überzeugt. Die Chancen stehen
nicht schlecht, daß Meciar die Präsidentschaftswahlen am 15.
Mai gewinnen und seinem alten Freund per Amnestiegesetz den Weg zurück
ins Parlament eben könnte.
Nordirischer Tausch
Nach einwöchiger Unterbrechung
sind die Verhandlungen um die Bildung einer gemeinsamen Regierung der Konfliktparteien
in Nordirland in der vergangenen Woche wieder aufgenommen worden. Nicht
ohne Schwierigkeiten: Die IRA-nahe Sinn Féin lehnte weiterhin eine
Waffenabgabe der katholischen Untergrundorganisation ab - neueste Bedingung
für ihre Beteiligung an der Regierung.
Die Premierminister von Großbritannien
und Irland, Tony Blair und Bertie Ahern, hatten am 1. April einen Vorschlag
unterbreitet: zwei Minister für Sinn Féin, im Gegenzug Beginn
der IRA-Waffenabgabe innerhalb eines Monats. Sinn Féin-Chef Mitchel
Mc Laughlin warf Blair und Ahern vor, das Nordirland-Abkommen vom Karfreitag
vergangenen Jahres umschreiben zu wollen. Nach diesem soll die Entwaffnung
von loyalistischen paramilitärischen Kräften und IRA bis zum
Mai 2000 abgeschlossen sein; ein Anfangszeitpunkt für die Entwaffnung
war nicht festgelegt worden.
Raus mit Pinochet!
Der britische Innenminister Jack
Straw hat sie nun erneut genehmigt: die Aufnahme des Auslieferungsverfahrens
gegen den chilenischen Ex-Diktator Augusto Pinochet an Spanien. Weder der
Gesundheitszustand des Ex-Diktators noch die Lage in Chile, noch der Zustand
der britisch-chilenischen Beziehungen stünden dem im Wege. Mit der
Entscheidung vom 24. März hatten die Law Lords des britischen Oberhauses
festgelegt, daß Pinochet keine Immunität besitze, in Spanien
jedoch nur wegen Delikten angeklagt werden könne, die nach der Übernahme
der Internationalen Konvention gegen die Folter ins britische Recht begangen
wurden - also nach dem 8. Dezember 1988.
Straws Entscheidung ist weise und
vorausschauend. Bei Nichtauslieferung Pinochets müßte wegen
der Anti-Folter-Konvention in Großbritannien ein Verfahren gegen
Pinochet eröffnet werden - aber das schadet den Beziehungen zum chilenischen
Staat. Auch die spanische Regierung reißt sich nicht um den Job.
Inoffiziell hieß es aus Regierungskreisen immer, wegen der Wirtschaftsbeziehungen
zu Chile sei eine Auslieferung und ein Prozeß dort nicht erwünscht.
Gaullisten kopflos
Philippe Séguin, Chef des
neogaullistischen RPR, ist zurückgetreten. Erstens vom Parteivorsitz
und zweitens von der Spitzenkandidatur der gemeinsamen Liste des RPR und
der ultraliberalen Démocratie Libérale für die Europawahlen.
Viele Niederlagen hatte der langjährige Rivale von Präsident
Jacques Chirac in seiner Partei bereits eingesteckt. Letzter Auslöser
für seinen Rücktritt war jetzt ein Interview des RPR-Politikers
Bernard Pons im Wochenmagazin Valeurs actuelles. Darin hatte Pons erklärt,
am Abend der Europawahl müsse man, um die "Präsidentenmehrheit"
hinter Chirac zu erkennen, einfach sämtliche Stimmen der bürgerlichen
Rechten addieren - sowohl von EU-Gegnern als auch von EU-Befürwortern,
denn eigentlich gehörten alle zur selben Familie. Soviel Harmoniebedürfnis
verspürte der ehemalige Maastricht-Gegner Séguin dann doch
nicht.
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Die Nachrichten wurden
von Beier, Graf, Schmid und Weber zusammengestellt
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