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Unbehagen vor Hagen
Wenige Wochen vor dem Sonderparteitag
spitzen sich die Widersprüche bei den Grünen zu: Die Fraktion
der Kriegsgegner wird stärker
Aufregung bei den Berliner Grünen:
Nachdem eine Gruppe von linksradikalen Besetzern von der Polizei aus der
Landesgeschäftsstelle geräumt wird, steht die Partei Kopf. Die
"militärische Lösung" sei "nicht akzeptabel", schimpfen Basisvertreter
aus Hohenschönhausen. Die Kreuzberger Bezirksgruppe will sogar Geld
für den Fall sammeln, daß sich die Aktivisten vom autonomen
"Gegen-Informations-Büro" nun vor Gericht verantworten müssen.
Drei Grüne geben als Reaktion auf die vom Vorstand beschlossenen Räumung
ad hoc ihr Parteibuch ab - unter ihnen Judith Demba. Die Senatsabgeordnete
ist sich sicher: "Mir werden noch viele folgen."
Tatsächlich? Bislang kommt
immer die Zahl 200 ins Spiel, wenn von Grünenmitgliedern gesprochen
wird, die ihrer Partei wegen des Kriegskurses den Rücken kehren. Wieviele
es wirklich sind, vermag noch niemand genau zu sagen. Nach Informationen
der Berliner Geschäftsstelle steht der Hauptstadt-Landesverband derzeit
mit 25 Austritten hinter Nordrhein-Westfalen mit 50 und Bayern mit 30 auf
Platz drei. Bei rund 51 000 Mitgliedern nicht gerade viel für eine
Organisation, zu deren Basics einst ein idealistisch begründeter Pazifismus
gehörte.
Dennoch: Was sich vergangene Woche
in der grünen Geschäftsstelle in der Kreuzberger Oranienstraße
25 abspielte, könnte so in zahlreichen grünen Parteibüros
stattfinden. Antimilitaristen und Adjudanten des Kriegskurses von Frontmann
Joseph Fischer geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand, ohne auch
nur ansatzweise über gemeinsame Positionen zum Kosovo-Konflikt zu
verfügen. "Die Bandbreite der Positionen", sagt die niedersächsische
Landesvorsitzende Renée Krebs, "geht von 'Bodentruppen jetzt' bis
'Lösung ohne Waffengewalt'." Wobei das Gewicht eindeutig verteilt
ist: Während es an der Basis rumort, ist man sich nach Einschätzung
von Reinhard Bütikofer in den Führungsgremien einig. Dort gebe
es, beteuert der Bundesgeschäftsführer, eine breite Übereinstimmung
für den Kurs der Regierung.
Bisher zumindest. Spätestens
nachdem bekannt wurde, daß wohl Nato-Bomber einen kosovo-albanischen
Flüchtlingstreck angegriffen und dadurch mindestens 70 Menschen ermordet
haben, gewinnen die Kriegsgegner publizistisches Oberwasser. Und das bekommen
auch die Bonner Grünen zu spüren. Neben den sieben bisherigen
Bundestagsabgeordneten um Christian Ströbele sind nun weitere wie
etwa Winfried Nachtwei auf Distanz zum Kurs der Regierung gegangen. Auch
der parteilinke Babelsberger Kreis lehnte den Nato-Angriff auf ihrem Treffen
am vergangenen Sonntag in Kassel rundweg ab - die beiden Kriegsbefürworter
Angelika Beer und Ludger Volmer hatten sich wohlweislich gar nicht erst
in dem Gremium blicken lassen. Zudem wurde am Wochenende bekannt, daß
sich mit der Umwelt-Staatssekretärin Gila Altmann erstmals ein Regierungsmitglied
offen gegen den Nato-Angriffskrieg stellte. Schon vorher befürchtete
Parteisprecherin Antje Radcke öffentlich eine Spaltung der Partei,
wenn sich nicht bald ein diplomatischer Durchbruch abzeichne.
Daß der nun ausgerechnet mit
Initiativen wie etwa Außenminister Fischers Friedensplan zustandekommt,
damit rechnet im Lager der Kriegsgegner kaum jemand. Im Gegenteil: Uli
Cremer, Mitautor des von knapp 1 000 Parteigängern unterzeichneten
innergrünen Anti-Kriegs-Appells, befürchtet, daß "die Initiative
am Ende dazu dient, die Akzeptanz für den Einsatz von Bodentruppen
zu erhöhen". Daß am Wochenende selbst die Verteidigungspolitische
Sprecherin Beer ihre Zustimmung zu solchen Einsätzen eingeräumt
hat, spricht für die Einschätzung Cremers. Der Friedensplan ist
für den Hamburger Pazifisten nichts als "alter Wein in neuen Schläuchen",
mit dem der Minister später vorgeben könne, den diplomatischen
Weg vollkommen ausgeschöpft zu haben. "Fischers Vorschlag enthält,
verglichen mit dem Entwurf von Rambouillet, im Grunde nichts Neues."
Im Gegensatz zum grünen Außenminister
kann sich Cremer auf die Beschlußlage in seiner Partei berufen. Noch
am 7. März, zwei Wochen, bevor die ersten Nato-Bomben auf Jugoslawien
niederfielen, bestätigte die Bundesdelegiertenkonferenz in Erfurt
ihre Haltung zur Rolle der Vereinten Nationen im Kriegsfall: "Bündnis
90/Die Grünen wenden sich grundsätzlich gegen eine Nato-Selbstmandatierung
für Militäreinsätze, damit das Gewaltmonopol der Uno nicht
außer Kraft gesetzt wird."
An solche Vorgaben fühlte man
sich freilich
in Fischers Umfeld nicht gebunden.
Außenamt-Staatsminister Ludger Volmer lamentierte gar von einer "grünen
Karte", die Slobodan Milosevic im vergangenen Jahr gezogen habe, "um das
westliche Bündnis über die Grünen zu spalten". Soll heißen:
Der serbische Regierungschef hatte die Beschlußlage der Partei beim
Wort genommen und via Unterhändler von Volmer den Ausstieg aus der
Bonner Koalition gefordert. Daß sich ein Grüner von einem Balkan-Hitler
seinen Pazifismus vorhalten lassen mußte, veranlaßte wohl selbst
einen ehemals Parteilinken wie Volmer zum politischen Wandel. Früher
war es vor allem ihm vorbehalten, bei den Grünen die besondere Rolle
der Uno hochzuhalten.
Bei dem jetzt im Hause Fischer entworfenen
Friedensplan, so kritisiert Kriegsgegner Cremer, soll die Uno "lediglich
das Legitimationsmäntelchen für ohnehin von der Nato vorgesehene
Schritte und Aktivitäten liefern". In der Substanz bleibe die vom
deutschen Außenministerium geplante Überwachungstruppe in Jugoslawien
eine "Nato-Besatzungstruppe". An der Überwachung eines Friedensabkommens
könnten zudem von den G 8-Staaten, wie von Fischer vorgeschlagen,
"nur Rußland, Kanada, Japan und vielleicht noch Italien teilnehmen".
Alle anderen seien eindeutig Kriegspartei und damit nicht neutral.
Eine deutliche Absage also an die
Pläne der rot-grünen Koalition. Nun blickt man von Flensburg
bis Konstanz auf den Sonderparteitag am 13. Mai in Hagen. Der grüne
Kreisverband Hamburg-Bergedorf kündigt bereits jetzt an: "Sollte eine
Bundesdelegiertenkonferenz den Kurs der Bundesregierung legitimieren und
womöglich fördern, wird umgehend eine Mitgliederversammlung des
Kreisverbandes einberufen, auf der wir uns gemeinsam eine neue politische
Heimat suchen oder geben werden." Auch in der Lübeck Ortsgruppe spekuliert
man darüber, die Gesamtpartei zu verlassen. "Solange Fischer Außenminister
ist", läßt der grüne Jurist Wolfgang Neskovic vom Kreisverband
der Stadt wissen, werde er "bei Bundestagswahlen die Grünen nicht
wählen." In Bielefeld konnten sich die Kriegsgegner am Wochenende
knapp mit 44 gegen 42 Stimmen für einen sofortigen Stopp der Bombardierungen
durchsetzen.
Etwa ähnlich, so schätzt
der zum linken Flügel zählende Bundestagsabgeordnete Christian
Simmert, dürfte das Verhältnis auch beim Sonderparteitag am 13.
Mai in Hagen ausfallen. Simmert ist angesichts der makabren Situation optimistisch:
"Wenn der Krieg weitergeht und sogenannte Erfolge ausbleiben, werden noch
mehr von der Ausweglosigkeit der Bombardierungen überzeugt sein."
Der Hamburger Cremer beziffert das Kräfteverhältnis derzeit ebenso
auf "ungefähr fifty-fifty".
Dieses Gleichgewicht zugunsten der
Kriegsgegner zu kippen, haben sich nun auch Autonome vorgenommen. "Ganz
realpolitisch" und "völlig illusionslos" rufen sie in einem Flugblatt
dazu auf, in Hagen "eine Mehrheit dafür zu gewinnen, der grünen
Regierungsfraktion das Vertrauen zu entziehen". Ob die Entscheidung zum
Bruch der Bonner Koalition an jenem 13. Mai, dem Himmelsfahrtstag, tatsächlich
anstehen könnte? Für Simmert ist es noch zu früh für
solche "Planspiele". Sollten sich jedoch Fischers Vorstellungen einer grünen
Außenpolitik durchsetzen, steht der Partei möglicherweise ein
schwerer Schlag bevor. Kriegsgegner Cremer: "Dann rechne ich mit Austritten
in vierstelliger Zahl."
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